Krieg in Israel – Tag 443

21. Kislev 5785

Eduard Kuznetsov, s’’l, russischer Widerstandskämpfer und Dichter, starb im Alter von 85 Jahren. Anat Zalmanson-Kuznetsov, seine Tochter, fragte ihn einmal: «Wart ihr Terroristen?» Seine Antwort: «Sicher waren wir Terroristen, aber wir waren die Guten.» Im Jahr 1970 war er der Kopf einer Gruppe von 16 Personen, deren Plan war, ein privates Flugzeug zu entführen, die Piloten gefesselt auf der Startbahn zurückzulassen und die Sowjetunion in Richtung Israel zu verlassen. Sie waren die einzigen Passagiere an Bord, nachdem sie alle Plätze bezahlt hatten. Für die Piloten hatten sie ein Zelt, Schlafsäcke, Tetanus Spritzen und eine Flasche Vodka vorbereitet.

Der Plan scheiterte. Die Republikflüchtlinge wurden noch auf der Startbahn durch den KGB verhaftet. Kuznetsov wurde als Haupttäter zum Tod durch Erschiessen verurteilt, seine Frau zu zehn Jahren Gefängnis.

Durch einen diplomatischen Trick gelang es, die Todesstrafe in eine 15-jährige Haftstrafe umzuwandeln. Die damalige israelische PM, Golda Meir, schrieb dem damaligen spanischen Faschistenführer General Francisco Franco und bat ihn, sechs zum Tode verurteilte Basken-Rebellen zu begnadigen. Es klappte. Ihre Hoffnung, dass der Kommunist Breschnew der Welt zeigen wollte, er sei humaner als der Faschist Franco, ging auf. Bevor das Ehepaar Kuznetsov gegen sowjetische Spione ausgetauscht wurde, hatten sie vier, bzw. neun Jahre ihrer Strafe abgesessen. Nach der Freilassung wanderte das Ehepaar nach Israel aus.

Benny Gantz greift erneut Netanyahu an, die Verhandlungen zur Geiselbefreiung zu torpedieren. Gestern hatte der in einem Interview mit dem Wall Street Journal erklärt, ein Waffenstillstand ohne die völlige Zerstörung der Hamas käme nicht in Frage (s. mein Bericht von gestern). «Netanyahu, Sie haben kein Mandat, die Rückkehr unserer Geiseln aus politischen Gründen erneut zu verhindern», fährt Gantz fort und bezeichnet eine Einigung aus humanitären und nationalen Sicherheitsgründen als das Richtige. «Und noch etwas, Sie haben im Wall Street Journal gesagt, dass die Hamas nicht über Gaza herrschen sollte, weil es 30 Meilen von Tel Aviv entfernt ist. Ich möchte Sie daran erinnern: Die Hamas sollte Gaza nicht regieren, weil es zwei Kilometer von Nir Oz und Be’eri und vier Kilometer von Sderot entfernt ist. Ihre Sicherheit muss wiederhergestellt werden, und die Geiseln, die dort aus ihren Betten geholt wurden, müssen zurückgebracht werden.»

Ein Ehepaar aus Jerusalem, beide um die 30 Jahre alt, wurden wegen Kontakten mit der Hisbollah angezeigt. Abd al-Salam Qawasameh and Taar Asili hielten den Kontakt mittels einer WhatsApp-Gruppe unter dem Decknamen ‘Diana’. Diana war, wie die beiden wussten, Mitglied der Hisbollah. Während des gesamten Kriegs versorgten sie ‘Diana’ mit Informationen. Unter anderem mit Details über Caesarea, den privaten Wohnort der Netanyahus, inklusive Plänen und Bildern. Auch sicherheitsrelevante Informationen wurden, soweit sie den Zivilisten aus den Medien bekannt waren, weitergegeben. Bis zur Beendigung des Anklageverfahrens werden die beiden im Gefängnis verbleiben.

Über die linke  NGO ‘Peace now’ mag man denken, was man will, aber sie ist derzeit die einzige Organisation, die sich traut, dem Treiben der rechtsextrem-nationalistischen Koalitionspartner Paroli zu bieten. Zur Erinnerung: Gemäss den Oslo Verträgen sind 18 % von Shomron und Jehuda als Zone A definiert, die unter palästinensischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung steht. 22 % gehören zur Zone B und stehen unter palästinensischer Zivil-, aber israelischer Sicherheitsverwaltung. Schliesslich stehen die verbleibenden 60 % von Zone C unter völliger israelischer Verwaltung. In den vergangenen Monaten wurden in der Zone B sieben illegale israelische Aussenposten geschaffen. Palästinenser, die dort wohnten, sind teilweise aus Angst vor den jüdischen Siedler-Terroristen geflohen. Ihre Siedlungen wurden sofort übernommen. Alle anderen wurden auf privatem Land von Palästinensern gebaut. Ein Aussenposten wurde vorübergehend von der israelischen Zivilverwaltung geräumt, aber anschliessend sofort wieder aufgebaut. Mindestens einer der Aussenposten wird nur von einer Person bewohnt, ein anderer von einer Familie und ein weiterer von einer Gruppe junger Siedleraktivisten. Die Aktivitäten müssen als das gesehen werden, was sie sind: Unterstützende Massnahmen der rechtsextremen Koalitionsparteien, angeführt vom de facto Herrscher über das Gebiet von Shomron und Jehuda, Smotrich, dies möglichst bald zu annektieren.

VM Israel Katz bemüht sich, die teilweise radikale Sprache seines Chefs noch zu verstärken.  Bei einem Truppenbesuch im südlichen Libanon erklärte er martialisch: «Wir haben der Schlange die Zähne gezogen, und wenn die Hisbollah sich nicht hinter den Litani-Fluss zurückzieht und versucht, den Waffenstillstand zu brechen, werden wir ihren Kopf zerschmettern.» Auch im Libanon ist das von Netanyahu vollmundig beschriebene Kriegsziel, der ‘absolute Sieg’ noch nicht erreicht. Im Norden Israels finden die vor mehr als einem Jahr evakuierten Bewohner verbrannte Erde und zerstörte oder stark beschädigte Häuser vor. Die Rückkehr der Bewohner wurde von Februar auf März verschoben. Derzeit gibt es in den meisten Gemeinden keine funktionierende Infrastruktur. Die Schüler werden damit rechnen müssen, ein komplettes zweites Schuljahr zu verpassen. Bis es also dazu kommt, dass «die Sicherheit wiederhergestellt wird, damit die Bewohner des Nordens sicher in ihre Häuser zurückkehren können», wird noch einige Zeit vergehen. Ein bisschen mehr Demut würde dem unfähigsten VM, Israel Katz, guttun und seine Glaubwürdigkeit erhöhen.

Der in Ägypten stationierte Sender ‘Al-Ghad’ berichtet, dass Israel der bereits gegenseitig akzeptierten Liste der freizulassenden Geiseln elf weitere Personen hinzugefügt hat. Die Hamas hat demzufolge zugestimmt, wenn im Gegenzug zur neuen Liste weitere palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden. Fair enough. Diese sollen aber jenen Gruppen angehören, deren Freilassung Israel bisher strikt abgelehnt hat. Sprechen wir jetzt erneut über die Freilassung von Marwan Barghouti? Zur Diskussion stehen aber auch noch andere Themen: Der Grenzübergang Rafah, der Rückzug der IDF aus dem Netzarim Korridor, die Rückkehr der Bewohner in den Norden des Gazastreifens und der schrittweise Rückzug aus dem Philadelphi-Korridor (s. Beitrag vom 20.12.)

Heute gegen Mittag wurden bei einem gezielten Drohnenangriff auf einen PKW in Gaza vier Personen getötet. Weiterhin sind zahlreiche Menschen durch den Angriff verletzt worden. Das berichtete eine libanesische Medienagentur.  Ein Kommentar der IDF steht noch aus.

In der vergangenen Nacht hat die IAF einen Angriff auf eine Gruppe von Mitgliedern der palästinensischen Terror-Organisation Hamas geflogen, die sich in ihrer Kommandozentrale versteckt hatten. Diese befand sich, wie schon so oft, in einer ehemaligen Schule in Gaza City.  Im Gebäudekomplex der ‘Musa bin Nusair’ Schule wurden zahlreiche Angriffe auf IDF-Truppen in Gaza und auf Israel geplant und auch von dort aus durchgeführt. Laut Angaben von palästinensischen Ersthelfern hatten sich im Gebäude auch Zivilisten aufgehalten. Es habe mindestens sechs Tote gegeben. Die IDF weitet derzeit ihre Operation erneut auf den Norden des Gazastreifens. In Beit Hanoun wurden entsprechend vorhergehenden Informationen des Geheimdienstes ober- und unterirdische Terror-Strukturen zerstört. Dabei unterstützte die IAF die Artillerie mit gezielten Einsätzen.

Palästinensischen Medien zufolge kann das ‘Kamal Adwan-Spital’ seine Arbeit nicht mehr fortsetzen und muss sofort evakuiert werden. COGAT berichtete, dass Israel zuletzt am Freitag 5.000 Liter Treibstoff an das ‘Kamal Adwan-Spital’ in Gaza geliefert hat. 87 Patienten und Betreuer wurden in Koordination mit der WHO bereits in andere Spitäler verlegt, weitere 16 wurden aus einem Spital in Jabaliya evakuiert. Die Evakuierungen wurden so durchgeführt, dass eine medizinische Betreuung durchgehend möglich war. Im ‘Kamal Adwan-Spital’ wird die Versorgung von nicht transportfähigen Patienten sichergestellt.



Kategorien:Israel, Politik

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