Krieg in Israel – Tag 458

6. Tevet 5785

Eine Gruppe von Experten zeichnet ein sehr pessimistisches Bild, betreffend das Ende des Krieges gegen die palästinensische Terror-Organisation Hamas angeht. Grundsätzlich verhindert die andauernde Militärpräsenz Israels im Gazastreifen und die Weigerung der Regierung, sich aus dem Gebiet zurückzuziehen, einen Waffenstillstand. Andererseits verlangt aber die Neu-Formierung der Hamas vor allem im Norden des Gazastreifens neue und intensivere Operationen als zuvor. Der Norden bietet für die Hamas den optimalen Standort für alle Angriffswaffen gegen Israel und dient derzeit als zentraler Terrorstützpunkt (s. Bericht von vorgestern).

Prof. Efraim Inbar und Dr. Eitan Shamir von der Bar-Ilan Universität sind sicher, dass die Hamas nicht so schnell vernichtet werden kann. Erstens hatte sie viele Jahre Zeit, sich aufzurüsten und die Waffen an strategisch wichtigen Punkten, vor allem in Tunnelanlagen, zu deponieren. Gemeinsam mit dem Palästinensisch-Islamischen-Djihad verfügen sie über mehr als 30.000 aktive Terroristen. Sie zu eliminieren, so sind sie sicher, wird zwei bis drei Jahre dauern. Dazu kommt, dass die IDF immer wieder auf bisher unbekannte Tunnelsysteme stösst. «Schätzungsweise 40 % der Tunnel sind noch vorhanden, Hunderte Kilometer Tunnel, von denen der israelische Geheimdienst nichts wusste», sagt Yoni Ben Menachem. «Es gibt immer noch sehr lange Tunnel, die Israel noch nicht gefunden hat, in einigen von ihnen befinden sich Geiseln. Dies erfordert eine sehr umfassende Operation und eine grosse Menge an Sprengstoff, über den Israel derzeit nicht verfügt.» Nicht nur an Sprengstoff mangelt es. «Israel verfügt derzeit nicht über genügend Streitkräfte, um die Hamas sowohl militärisch als auch in ihrer Fähigkeit, Gaza zu regieren, zu unterwerfen», sagte Ben Menachem. «Um dies zu erreichen, muss Israel den gesamten Gazastreifen besetzen und ankündigen, dass es eine vorübergehende Militärverwaltung einführt.» Diese Option wird innerhalb der Koalition immer wieder diskutiert. Netanyahu steht der Idee grundsätzlich nicht ablehnend gegenüber, ist aber (noch) strikt gegen die Besiedlungspläne von Gaza, von der die rechts-extremen Politiker träumen.

«Es wird lange dauern, aber Israels derzeitige Präsenz in Gaza, einschliesslich der Kontrolle aller seiner Zugänge, ist nicht die perfekte Option», fügte Shamir hinzu. «Aber sie erfüllt die Bedürfnisse. Es gibt nicht viel, was Israel tun kann, und es wird Zeit brauchen.» Ben Menachem betont: «Es gibt Orte in Gaza, vor allem im Zentrum, die die Armee noch nicht betreten hat. Der Krieg in Gaza wurde planlos geführt, ohne Strategie. Gras zu mähen[1] ist nicht effizient und kann erst geschehen, wenn die Hamas besiegt wurde, um zu verhindern, dass sie sich neu formiert, und nicht, wenn sie noch über ein stehendes ‘Heer’ von 20.000 bewaffneten Terroristen verfügt.» 

Bei einem Terror-Anschlag auf einen Bus in Kedumim in Shomron schossen drei Palästinenser auf einen Bus und zwei Pkws. Bei dem Anschlag wurden drei Zivilisten getötet und acht weitere Personen verletzt. Die IDF nahm die Verfolgung der beiden Terroristen auf. Zwei Personen, einer davon der Fahrer und eine Frau, befinden sich in lebensbedrohlichem Zustand. Die drei Terror-Opfer wurden am Nachmittag als Sgt. Elad Ya’akov Winkelstein, 35, einem Offizier der Polizei-Station Ariel, Rachel Cohen, 70, und Aliza Raiz, 73, s’’l, benannt.

Die Reaktionen der Koalitionspartner mögen zwar einen Kern von Wahrheit in sich tragen, sind aber dennoch weitaus überzogen und helfen nicht, das Problem zu lösen. Während Netanyahu sich damit begnügte, den Familien der Opfer zu kondolieren und zu versprechen, die Terroristen der Gerichtsbarkeit zuzuführen, fand Ben-Gvir wieder scharfe Worte. Er forderte ein Ende jeder Kooperation mit der PA, weil sie kein Partner für jedwede Kommunikation sei. Dazu forderte er, «so viele militärischen Kontrollpunkte wie nur möglich» zu errichten, denn «das Recht der Siedler auf Leben überwiegt das Recht der Palästinenser auf Bewegungsfreiheit bei Weitem.»

Kommunikationsminister Shlomo Karhi schreibt, «dass jüdisches Blut wie Wasser vergossen wird und unschuldige Zivilisten auf den Strassen von Yehuda und Shomron abgeschlachtet werden, während Terroristen frei herumlaufen, von Kopf bis Fuss bewaffnet und sich in giftigen Terrornestern verstecken – während die Palästinensische Autonomiebehörde, die den Terrorismus unterstützt, ihnen gefährliche Handlungsfreiheit gewährt», und er fuhr fort: «Diese gravierende Sicherheitslage erinnert uns an die dunklen Tage der Oslo-Regierungen – und sie kann unter einer nationalen Rechtsregierung nicht existieren», schreibt Karhi und fragt, ob die Regierung «auf einen weiteren Terror-Anschlag warten wird, bevor wir aufwachen.»

«Ich fordere eine dringende Diskussion in der Regierung zu diesem Thema – keine schwachen Reaktionen mehr, sondern eine sofortige und kompromisslose Rückkehr zum Krieg. Nach den grossen Errungenschaften im Süden und Norden ist es an der Zeit, energisch gegen die Front vorzugehen, die im Herzen unseres Landes brennt.» Smotrich forderte wörtlich, dass «Al-Funduk, Nablus und Jenin wie Gaza’s Jabaliya aussehen müssen, damit Kfar Saba nicht zu Kfar Aza wird, Gott bewahre.» In Jabaliya wurden mehr als 70 % aller Gebäude bei den laufenden Militäroperationen zerstört.

Das Büro des PM behauptet, die heute von saudi-arabischen Zeitungen veröffentlichte Liste bereits im Juli 2024 von den Mediatoren erhalten zu haben. Bis heute habe es keine weitere Liste gegeben. Von anderer anonymer Quelle wird behauptet, es handele sich um eine Liste, die von Israel an die Hamas geschickt worden sei.

Eine anonyme Quelle der Hamas erklärt dazu, dass es einige Zeit in Anspruch nehmen wird, wer von den genannten Geiseln noch lebt. Das ‘Missing Families Forum’ zeigt sich nach der Veröffentlichung der Namensliste schockiert. «Wir rufen die Medien und die Öffentlichkeit auf, Sensibilität und Verantwortung betreffend der veröffentlichten Liste und ähnlicher Informationen zu zeigen, bis die Verhandlungen abgeschlossen sind.»

Die Liste enthält die Namen von zwei Kindern, zehn Frauen, elf Männern unter 50 und 11 Männern über 50 Jahren. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie es den Familienangehörigen geht, wenn sie heute die Namen ihrer Lieben in der Liste lesen und dazu noch erfahren müssen, dass sie sich seit Juli in den Händen des PM und natürlich auch der Mediatoren befand. Sie werden andauernd belogen und betrogen, neue Hoffnungen werden erweckt und zugleich wird die Verzweiflung derer, deren Liebste nicht auf der Liste stehen, noch grösser.

Bei einer Pressekonferenz klagte Yotam Cohen, der Zwillingsbruder von Nimrod Cohen, dessen Namen nicht auf der Liste steht: «Mein Bruder Nimrod und die anderen Männer kämpfen darum, am Leben zu bleiben. Niemand hat das Recht, sie zum Bleiben und Leiden zu zwingen; es sollte hier keine Auswahl darüber geben, wer leben oder sterben darf. Wir sind alle Lebewesen. Es steht ausser Frage, wer mehr wert ist. Jeder, der als Geisel genommen wurde, muss zurückgegeben werden.» Die Liste erinnere ihn an die Listen der Nazis, wo auch Listen darüber entschieden, wer leben durfte und wer sterben musste.

«Wir können nicht glauben, dass Israel Geiseln zurücklassen wird», sagte Anat Angrest, die Mutter der Geisel Matan Angrest, «Ich kann nicht glauben, dass mein Sohn, der im Kampf verwundet wurde, nicht in der humanitären Phase freigelassen wird. Wir haben einen Grossvater, der wusste, was Selektion ist und was es bedeutet, zwischen Blut und Blut zu wählen. Die Selektion wird heute von der israelischen Regierung durchgeführt, nicht von den Nazis.»

Ayelet Goldin, die Schwester von Hadar, dessen sterbliche Überreste in Gaza verschleppt wurden, klagte: «Es sind 3811 Tage vergangen, seit mein Bruder am 1. August 2014 in Gaza erschossen und entführt wurde. Wir stehen an einem Scheideweg. Wir müssen verstehen, dass es hier ein Ziel gibt, ein jüdisches, israelisches, internationales Ziel, sie alle zurückzubringen und diese Gelegenheit zu nutzen. Andernfalls werden alle verbleibenden Geiseln zu Ron Arad und Hadar Goldin“, womit sie auf ihren Bruder und Arad anspielt, einen immer noch vermissten IDF-Piloten, der 1986 in Syrien gefangen genommen wurde.»

Yaron Or, dessen Sohn Avinatan Or vom Nova Festival verschleppt wurde, wendet sich direkt an ihn: «Die Regierung wird dich zurücklassen, weil die Väter, jungen Männer und Soldaten in den zur Diskussion stehenden Geisel-Listen keine Priorität haben. Es wird keinen weiteren Deal geben. Entweder kommt ihr jetzt alle raus, oder die Hamas wird noch jahrelang mit uns spielen, so wie sie es mit Hadar Goldin und anderen Geiseln gemacht hat.»

Einav Zangauker, deren Sohn Matan ebenfalls nicht auf der Liste steht, hat sich als ‘Stimme’ der Familien etabliert. Heute wurde sie zum zweiten Mal in Folge daran gehindert, in der Knesset ihre Meinung zu vertreten. Knesset-Sprecher Amir Ohana hatte sie in der vergangenen Woche wegen ‘ungebührlichem Verhalten’ ausgeschlossen. Nach einer stürmischen Sitzung, bei der Mitglieder des Knesset-Präsidiums ihm ‘grausames’ Verhalten vorwarfen, hat er sie jetzt für morgen zu einem Treffen mit ihm eingeladen. «Was für eine schreckliche Grausamkeit, eine Mutter, die sieht, dass ihr Sohn nicht auf den Listen für ein vorgeschlagenes Abkommen zur Freilassung von Geiseln steht, nicht reden zu lassen», sagte die stellvertretende Sprecherin Orit Farkash-HaCohen. «Was wäre, wenn es Ihr Sohn wäre? Und man Ihnen nicht erlauben würde, Ihre Stimme für ihn zu erheben?»


[1] Die Formulierung ‘Gras mähen’ wurde von Efraim Inbar und Eitan Shamir geprägt. Sie bezeichnet eine kurze, harte Militäraktion, mit der ein gewisses Mass an Kontrolle über ein definiertes Gebiet behalten wird. Eine langfristige Lösung wird damit nicht angestrebt, sondern nur etwas, was man als ‘den Rasen kurz schneiden, um ihn sauber zu halten’ bezeichnen kann. Naftali Bennet bezog sich in einer Rede 2018 auf die Idee «Wer das Gras nicht mäht, den mäht das Gras.» Die Washington Post schreibt dazu im November 2023: «Diese Phrase impliziert, dass die militanten Palästinenser samt ihren selbstgemachten, aber sehr effektiven Waffen nichts anderes als Unkraut sind, das es gilt, aus dem Rasen zu entfernen.» Wer den Rasen mäht, kann nicht erkennen, ob er Grashalme, Blumenstängel oder Unkraut abschneidet…..



Kategorien:Israel, Politik

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