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17./18. Tevet 5785 17./18. Januar 2025
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Shabbatausgang in Jerusalem: 17:39
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Shabbatausgang in Zürich: 17:57
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Shabbatausgang in Wien: 17:24
Mit dem zweiten Buch Moshe, Shmot, beginnt in Ägypten ein neues Zeitalter. Ja’acov, Josef und alle, die mit ihnen nach Ägypten gekommen waren, waren tot. Auch von ihren Zeitgenossen lebte niemand mehr. Der Pharao, der ihnen wohlgesonnen gewesen war, ruhte ebenfalls schon lange bei seinen Vätern.
Ja’acov war mit 70 Personen nach Ägypten gekommen, sein Sohn Josef war schon dort. Wie es die Versprechung Gottes gewesen war, wuchs die Zahl der Kinder Israels schnell an, gewann man Macht. Hier werden sie erstmals בְּנֵי יִשְׂרָאֵל genannt. Kinder Israels, die später zum Volk Israel werden.
Der Pharao und seine Berater fürchteten sie und in ihrer Hilflosigkeit wussten sie nichts anderes zu tun, als sie zu schwerster Arbeit zu zwingen. Für die Kinder Israel brach eine harte Zeit an. Die männlichen Babys, die auf die Welt kamen, sollten von den eigenen Hebammen getötet werden. Doch Gott stand weiterhin hinter den Kindern Israel. Die Hebammen Shifra und Pua respektierten Gott so sehr, dass sie die Kinder heimlich weiterleben liessen. Pharao sah sich hintergangen und verlangte nun, dass alle männliche Babys in den Nil geworfen werden sollten. Doch je mehr Pharao die Kinder Israel zu unterdrücken versuchte, desto schneller vermehrten sie sich.
Hier beginnt die Geschichte unseres grössten Propheten: Moshe.

Fresco aus der Dura-Europos Synagoge in Syrien
Sein Vater, Amram, der Enkelvon Levi, heiratet seine Nichte Yocheved, die Tochter Levis. In den nicht autorisierten «Palästinensischen Targumin» [Übersetzungen] findet man im Targum Pseudo-Jonathan wunderbare Erzählungen und Auslegungen. Aufgrund des Dekrets von Pharao, alle männlichen Kinder zu töten, hatte Amram Yocheved verstossen. Als er sie aber wieder zu sich nahm, war sie 130 Jahre alt. Doch durch ein Wunder wurde sie wieder so jung, wie sie gewesen war, als sie sich kennengelernt hatten. Im gleichen Text werden die Hebammen Shifra als Yocheved und Pua als ihre Tochter Miriam identifiziert.
Moshe ist also das zweitgeborene Kind von Yocheved und Amram. Das erstgeborene Kind war Miriam. Sie ist die erste Frau der neuen Generation, von der wir noch recht viel hören werden! Sie ist keine der Frauen, die sich auch heute noch von manchen Männern die Stimme verbieten lassen. Und sie zeigt Eigeninitiative und Selbstbewusstsein.
Als Yocheved es nicht mehr verantworten kann, ihren Sohn bei sich zu behalten, vertraut sie auf Gott und setzt Moshe in einem sicheren Körbchen in den Nil. Miriam beobachtet aus sicherer Entfernung, was geschieht. Entsprechend den alten Texten sandte Gott eine verheerende Dermatitis, von der auch die Tochter Pharaos befallen wurde. Sie nahm das Kind Moshe auf und liebte es sofort. Im gleichen Augenblick verschwand die Entzündung. Miriam nahm allen Mut zusammen und erbot sich, eine Amme für das Kind herbeizuholen. Natürlich holte sie ihre gemeinsame Mutter, Yocheved. Diese durfte fortan das Kind betreuen und nähren, bis es alt genug war, in den Palast gebracht zu werden und als geliebtes Kind von Pharaos Tochter aufzuwachsen.
Als Teenager war Moshe ein Rebell. Zwar wuchs er in einem Palast als Ägypter auf, konnte aber seine Herkunft nie verleugnen. Seine Wut auf die Ägypter, die seine Stammesbrüder ausnutzten, gipfelte in einem Totschlag im Zweikampf mit einem Ägypter. Moshe wurde entdeckt, musste fliehen und kam nach Midian. Dort traf er seine zukünftige Frau, Zippora, Tochter des Jitro. Jitro gehörte zum Stamm der Midianiter, die zurückgehen auf den Midian, den vierten Sohn Avrahams und seiner zweiten Frau Ketura.
Moshe blieb bei Jetro und heiratete Zippora. Seinen Erstgeborenen nannte er Gerschom «Gast bin ich in einem fremden Land». Noch sollten die Kinder Israels nicht zur Ruhe kommen und sich heimisch fühlen in einem für sie fremden Land.Seinen zweiten Sohn nannte er Eliezer «Gott ist Hilfe».
Doch auch Moshe sollte nicht zur Ruhe kommen. Eines Tages stiess er auf ein erstaunliches Phänomen. Einen brennenden Dornbusch, der brannte, aber sich nicht verzehrte. Der brennende Dornbusch, das Symbol für das göttliche Feuer, das Gott in Moshe entzünden wird, um ihn für seine kommende Aufgabe vorzubereiten. Es war seine erste Begegnung mit Gott. Gott rief ihn und er konnte nicht anders als stammeln: «Hier bin ich!» הִנֵּנִי – hineni. Wir werden es noch mehrmals hören, das unsicher gestammelte Wort. Unsicher, vertrauensvoll, in der Gewissheit, Gott sieht uns und nimmt uns wahr. Hineni, ich bin hier, bereit, dir zu folgen. Gott gab sich Moshe als Gott seiner Vorväter zu erkennen und wiederholte erneut sein Versprechen, sein Volk zu retten und in das Land «in dem Milch und Honig fliessen» zu führen. Moshe willigt, wenn auch zögernd ein, fragte aber, wie er dies alles seinen Brüdern erklären kann. Gott nennt ihm seinen Namen:
אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה
«Ich werde sein, der ich sein werde.»
In den alten Schriften [Targumim] lautet die Übersetzung: «Ich bin der, der ist und der sein wird.»
Gott verspricht Moshe, dass Pharao ihn ziehen lassen wird, auch wenn er sich lange weigern wird. Er, Gott, werde Mittel haben, ihn zu zwingen. Er verspricht sogar noch mehr: Sie würden mit vollen Händen ziehen, denn jede ägyptische Frau würde ihnen willig ihren Schmuck und Geld geben.
So sehr Moshe auch versucht war, zu verhandeln, Gott hatte auf alles eine Antwort. Schliesslich hofft er, Gott hätte ein Einsehen mit ihm, wenn er ihn auf seine Sprachstörung aufmerksam machen würde. Doch nein, auch hier weiss Gott, der nun langsam ungeduldig wird, eine Lösung. Aaron, sein Bruder, soll für ihn sprechen. Er soll die Worte weitergeben, die er, Gott, Moshe in den Mund legen werde.
Und so zog Moshe mit Zippora und seinen Söhnen zurück nach Ägypten. Unterwegs trat ein Mann auf Moshe zu und wollte ihn töten. Zippora, eine kluge Frau, verstand sofort, dass es ein Engel Gottes war, der sich ihnen unerkannt in den Weg stellte und was er von ihr unausgesprochen erwartete. Mit einem Feuerstein beschnitt sie ihren Sohn Gershom und berührte mit der Vorhaut die Beine von Moshe. Damit wiederholte sie an ihrem Sohn und an Moshe den Teil des Bundes, den Gott mit ihren Vorvätern geschlossen hatte. Jitro hatte sich einer Beschneidung von Moshes Erstgeborenem widersetzt, bei Eliezer hatte er keinen Einspruch erhoben.
So traten Moshe und Aaron vor die Kinder Israel und berichteten ihnen, was Gott plante. Anschliessend gingen sie zu Pharao. Doch der stellte sich stur, wie vorhergesagt. Statt sie zu entlassen, erhöhte er den Druck auf sie.
Für Pharao wird die Geschichte übel ausgehen!
Rufen wir uns noch einmal die Namen der Frauen in den Sinn, die bisher das Leben von Moshe mitbestimmt haben:
Da sind zunächst seine Mutter Yocheved, die zugleich die Hebamme Shifra ist und seine Schwester Miriam, die die zweite Hebamme Pua ist. Dann ist das Bitja oder Batja, die Tochter des Pharaos, die ihn als Sohn annimmt. Als Nächstes tritt seine erste Frau Zippora in sein Leben. Vier Frauen sind es bisher, die sich schützend um Moshe stellen und ihm Raum und Zeit lassen, um sich zu dem Mann zu entwickeln, der unser grösster Prophet werden soll.

Kehren wir zurück zu den Sprüchen der Väter:
(3) Seid vorsichtig mit den Behörden, denn sie bringen eine Person nur für ihre eigenen Bedürfnisse näher zu sich selbst, geben vor, Freunde zu sein, wenn es ihnen passt, aber sie werden einer Person in einer für sie schwierigen Zeit nicht helfen.
Bringen wir uns in Erinnerung, dass diese Texte geschrieben wurden, als sich grosse Gemeinden ausserhalb von Jerusalem, ja sogar ausserhalb des Landes bildeten. Die Juden mussten sich mit neuen Machthabern und Strukturen vertraut machen. Was aber und das ist die hier ausgesprochene Warnung, nicht geschehen durfte, war ein völliges Assimilieren in die neue ‚Heimat‘. Wir mussten uns immer bewusst sein, dass wir nur ‚Gast in einem fremden Land‘ sind, wie es in der heutigen Parasha steht. Der Pharao, währenddessen Regentschaft Josef nach Ägypten kam, stand der Familie Josefs wohlwollend gegenüber, sein Nachfolger aber versuchte, den immer grösser werdenden Clan zu unterdrücken. Was ihm auch gelungen wäre, hätte Gott nicht seine schützende Hand über die ‚Bnei Israel‘ gehalten. Die Geschichte wiederholt sich immer. Die zahlreichen Vertreibungen und Vernichtungsversuche, die wir im Laufe der Jahrhunderte bis zur Staatsgründung erdulden mussten und bis heute müssen, sprechen für sich: die Vertreibung nach Babylonien nach dem Sturz des ersten Tempels, die Zerstreuung in grosse Teile der Welt nach dem Sturz des zweiten Tempels, die Inquisition, die Ghettoisierung in den ‚Pale of Settlement‘, die Shoa. Vorhergegangen waren immer Zeiten der relativen Ruhe und Prosperität, die sich unter neuen Machthabern gegen uns wandten.
(4) Er wiederholte oft: „Tu Seinen Willen, als deinen eigenen, damit Er deinen Willen als Seinen tun wird. Unterwerfe deine Wünsche Seinem Willen, damit Er die Wünsche anderer deinem Willen unterwirft.”
Dieser Vers kann als Lehrstück verstanden werden, wie es uns gelingt, unter erschwerten Lebensbedingungen zu überleben. Wir müssen uns bemühen, den göttlichen Willen zu unserem zu machen. Unser Leben entsprechend den Gesetzen, die Gott uns gegeben hat, zu leben. Das ist nicht immer einfach und verlangt Konzentration auf das Wesentliche. Doch dann, wenn wir uns bemühen, wird Gott für uns einstehen. Gott verlangt keine Perfektion, er wird uns auch dann wieder ‚auf Spur‘ bringen, wenn wir versagen und stolpern.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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