Aussagen ehemaliger Geiseln / VI

26. Shevat 5785

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Ich lasse hier auch Angehörige und Freunde zu Wort kommen, die ihre Liebsten für immer verloren haben. Auch sie sind ‘ehemalige Geiseln’ und sie sind genauso wichtig wie die lebenden. Für ihre Familien und vielleicht sogar ganz besonders für sie, wird es nie ein Abnehmen des Schmerzes geben, wird es nie einen gemeinsamen Heilungsprozess geben. Deshalb ist es wichtig, dass auch ihre Stimmen gehört werden.

Wie gehen die Familienangehörigen von Geiseln um, die in absentia für tot erklärt wurden und deren sterbliche Überreste sich noch in Gaza befinden? Wie geht die Familie von Yarden Bibas damit um, dass heute, am 21. Februar, seine Hoffnung zerfiel, nicht nur seine zwei Söhne, sondern auch seine Frau zurückzubekommen. Und dann endlich mit der Trauer beginnen zu können. Am Freitagabend übergab die Terror-Organisation Hamas einen Sarg mit den tatsächlichen sterblichen Überresten von Shiri Bibas.

Sie können nichts mehr erzählen, beide Kleinkinder, Kfir und Ariel, mussten im Alter von 9 Monaten und 4 Jahren sterben. Im Kibbutz Nir Oz, in dem sie mit ihren Freunden spielten, ist ihr Tod nicht fassbar. Ariel war schon im Kindergarten. Sein bester Freund Yoav kann nicht glauben, dass er tot sein soll. Tot was ist das? «Die Terroristen können ihn nur schwer loslassen, weil er lustig ist und sie ihn lieben.» Die Bewohner des Kibbutz wurden in ein Hotel in Eilat evakuiert. Eines Tages sah er ein Bild von Ariel im Kinderraumund kommentierte es: «Ariel ist nicht mehr mein Freund, er ist tot.» Jede Woche fanden gemeinsame Sitzungen statt, um Informationen auszutauschen und miteinander zu trauen. Die Kinder waren dabei, sie sollten teilhaben an den emotionalen Treffen. Einmal schrie Yoav: «Er ist nicht tot, Mama. Er lebt! Er ist in seinem Zimmer, und du kennst nur die Nummer des Hotelzimmers nicht.» Yoav war einer der wenigen in der Gemeinschaft des Kibbutz, der 15 Monate hoffte und sicher war, eines Tages seinen Freund wiederzusehen. Einmal klagte er, die Erwachsenen würden nicht genug tun, um ihn heimzuholen und sie würden die Situation völlig falsch verstehen.

Dann kamen die Listen mit den Namen der Geiseln, die freigelassen wurden. Es war klar, dass sich die Kibbutz-Gemeinschaft auf das unsägliche Grauen vorbereiten musste und dies auch den Kindern erklären musste. Yoav schrieb einen Brief an seinen besten Freund: «Ich möchte Batman für dich zeichnen, zusammen mit all den fliegenden Helden, damit du das Gefühl hast, über Gaza zu fliegen und die Bösewichte mit Pfeil und Bogen zu bekämpfen. Dann kommst du zu uns zurück und gehst mit uns in den Kindergarten. Ich hoffe, du kaufst dir ein paar Süssigkeiten und einen Bat-Man-Umhang. Ich vermisse dich.» In Yoavs Fantasie stellte er sich viele Möglichkeiten vor, was geschehen müsste, dass sein bester Freund, obwohl er in einem Sarg lag, leben könnte. «Vielleicht ist er im Weltraum? Er kann nicht tot sein. In Israel gibt es sehr kluge Menschen, die einen besonderen Trank aus Materialien herstellen können, die Ariel und Kfir wieder zum Leben erwecken.»

Die Briefkästen von Nir Oz, die roten Kleber markieren, wo es Tote gibt, die schwarzen, markieren die Verschleppten. Das Bild ist nicht mehr aktuell, mittlerweile stieg die Zahl der Opfer.

Der Kibbutz Nir Oz ist einer der am härtesten getroffenen Gemeinschaften. Nur drei Tage, nachdem Sagui Dekel Chen, Yair Horn und Sasha Troufanov lebend zurückgekehrt sind, werden die Särge vonOded Lifshitz, Ariel und Kfir Bibas von der Hamas zurückgegeben. Der Sarg von Shiri Bibas kann erst einen Tag später heimgeholt werden, weil die Hamas ein grausames, sadistisches Spiel mit der Rückgabe machte.

Eine Bewohnerin des Kibbutz, die ihren Vater beim Massaker verlor, beschreibt die Wut, die neben der Trauer viele befallen hat: «Wir beginnen diesen Abend mit einer Entschuldigung. Es tut uns leid, Oded, Shiri, Ariel und Kfir. Unsere Herzen sind gebrochen. Unser Verstand kann es nicht begreifen und unser Bauch ist voller Wut. Ihr vier hättet gerettet werden können, wenn diejenigen, die die Entscheidungen getroffen haben, das Leben dem Tod und der Rache vorgezogen hätten.»

Die Tochter von Oded Lifshitz öffnet die Tür zu einer leichteren Zukunft: «Die absolute Gewissheit, dass sie nicht mehr leiden, ist vor allem eine Quelle des Trostes. Denn solange es keine Gewissheit gibt, bleibt der Zweifel bestehen. Und wenn der Zweifel beseitigt ist, verstehen wir – es ist Zeit, Abschied zu nehmen.» Wie das Leben von Yocheved Lifshitz nach dem Tod ihres Mannes weitergehen kann, kann man sich nicht vorstellen. Sie wurde ebenfalls nach Gaza verschleppt, kam aber im November 2023 frei.

Nach dem Begräbnis von Oded Lifshitz s’’l, am Dienstag und von Shir, Ariel und Kfir Bibas, s’’l, am Mittwoch kann die kollektive und die individuelle Trauer in Nir Oz beginnen. Dann wird es auch von Yoav, dem besten Freund von Ariel, langsam möglich werden, zu begreifen, dass Ariel zwar nicht mehr da ist, aber immer in seiner Erinnerung leben wird. 

Itay Chen, 19, s’’l, wurde, wie seine Eltern erfahren mussten, bereits am 7. Oktober 2023 von den Hamas-Schlächtern grausam ermordet. Seine sterblichen Überreste werden von der Hamas in Gaza festgehalten. Hagit und Ruby Chen wehrten sich mit aller Kraft dagegen, die Nachricht als wahr aufzunehmen. Auch als die Rabbiner ihnen sagte, sie könnten ‘Shiwa’[1] sitzen, lehnten sie ab. Sie hatten nur einen Wunsch: «Bringt uns unseren Sohn zurück, dann sehen wir weiter.» Seither lebt die Familie in einer andauernden diffusen Trauer. Diese Trauer hat den Namen ‘Phantom-Trauer’ erhalten und betrifft alle Familien, deren Angehörige in Gaza festgehalten werden.

Dr. Einat Yehene, leitende Rehabilitationspsychologin des Forums für Geiseln und betroffene Familien, und Prof. Hagai Levine, Leiter des Gesundheitsteams des Forums, haben 17 betroffene Familien begleitet. Deren Gesundheitszustand hat sich seit dem 7. Oktober stark verschlechtert. Die Eltern, Geschwister und Partner zeigen Angstzustände, posttraumatische Stresssymptome, Schlafstörungen und gesundheitliche Störungen. Die Bewältigung und Wiederaufnahme des Alltags, wie z. B. Arbeit oder Schule wird erheblich erschwert.

Meist haben die Betroffenen nur von der IDF oder den Geheimdiensten erfahren, dass ihre Angehörigen gestorben sind. In keinem Fall gab es eine forensische Untersuchung, die die Information bestätigte. Daraus ergab sich der Zustand dauernder Hoffnung, aber auch Unsicherheit, was den beginnenden Trauerprozess behinderte und den Blick nach vorne einschränkte. Erst wenn die sterblichen Überreste wieder daheim sind und beigesetzt werden können, kann der normale, ‘gesunde’ Trauerprozess beginnen.

Bis dahin leiden die Familien unter einem emotionalen burn-out, der sich oft auch in körperlichen Erkrankungen manifestiert.

Israel war nicht vorbereitet auf eine solche Katastrophe, die Beamten, die die traurigen Meldungen überbringen mussten, waren zu wenig geschult. Bei den wenigen Fällen, in denen ermordete Geiseln nach Israel gebracht werden konnten, nahm das offizielle Israel, die Regierung,  nur in geringer Form, wenn überhaupt teil.

Ein erneutes Zeichen von Missachtung ihres Leides. Israel muss hier noch viel lernen.

Nicht nur die palästinensischen Terror-Organisation Hamas, auch der Palästinensische Islamische Djihad und wie wir seit heute wissen, auch die Al-Muhadejeen haben während der vergangenen 504 Tagen Geiseln festgehalten und gequält. Sagui Dekel-Chen, 36, der am 15. Februar freigelassen wurde, wurde von der Hamas immer wieder gequält. Für die Terroristen gilt jeder Mann über 18 Jahre als Soldat. Sie werden noch schlechter behandelt als andere Geiseln. Sagui liess seine Mutter erzählen, er selbst kann es noch nicht. Auch die eine Woche vor ihm freigelassenen Männer Ohad Ben-Ami, Or Ley und Eli Sharabi berichten über ähnliche Qualen. Wenn die Befragungen nicht die Ergebnisse brachten, die die Terroristen erwarteten, so wurden die zunächst mit den Händen fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. In der nächsten Stufe wurden sie an Händen und Beinen gefesselt und kopfunter an den Füssen aufgehängt. Um die furchtbaren Schmerzen noch zu steigern, wurden ihnen mit heissen Gegenständen Verbrennungen am ganzen Körper zugefügt.

Mich erinnert diese Folter an die Inquisition, als man den unschuldigen Opfern so Sündenbekenntnisse abpressen wollte. Dabei war ihr einziges ‘Vergehen’, sie waren Juden. Und heute? Warum haben die Hamas-Schergen sie in den Gazastreifen verschleppt? Nur aus einem Grund, sie waren Juden und Israelis.

Der Vater von Hisham al-Sayed, der seit 2015 von der Hamas in Gaza festgehalten wurde, Shaaban al-Sayed, kritisiert bei einer Pressekonferenz im Ichilov-Krankenhaus die arabische Welt, der er als Beduine selbst angehört, dass sie seinen psychisch kranken Sohn nicht geschützt hat.

«Warum haben sie[die Hamas] ihn zum Feind gemacht? Wie konnten sie sagen, er sei ein Soldat? Wie kann so etwas passieren? Ich verlange Antworten von arabischen Politikern. Ich bin bereit, mit Hamas-Leuten auf Al Jazeera zu sprechen, um zu beweisen, dass Hisham kein Soldat ist. Es ist unbegreiflich, dass die Hamas so lügt. Die ganze Geschichte ist von Anfang bis Ende nicht wahr. Wir hatten Bedenken, Hisham im Rollstuhl zu empfangen, und als wir sahen, wie er auf eigenen Füssen ins Auto stieg, waren wir glücklich.»

Doch dann kam der Schock. «Aber als ich ihn umarmte, spürte ich, dass ich eine leere Hülle umarmte … Er ist kein Mensch. Er sieht aus wie ein Mensch, aber er ist keiner. Er kann nicht sprechen. Er hat keine Stimme und keine Erinnerung an irgendetwas. Er macht den Eindruck, als hätte er nie mit Menschen zusammengelebt. Früher hat er gesprochen. Er hat geschrieben. Er mag schlechte Entscheidungen getroffen haben, aber er konnte kommunizieren. Jetzt haben wir einen gebrochenen Mann. Er versucht zu reden, sich mitzuteilen, aber er kann nicht. Er sagt viele unverständliche Dinge. Er spricht flüsternd, vielleicht aus Angst. Er erkennt uns. Wir können Namen von ihm hören. Aber manchmal versteht er sie falsch und erwähnt Namen von vor zehn Jahren.

Er war in einem Folterlager. Er war mit Menschen zusammen, die keine Menschen sind. Er war an einem schrecklichen Ort. Die Hamas sind Lügner. Sie sind nicht so ehrenwert, wie sie behaupten, deshalb haben sie ihn ohne Zeremonie freigelassen. Sie wollten nicht, dass jemand sieht, in welchem Zustand er sich befand, und deshalb gab es keine Zeremonie. Wenn sie Respekt vor Menschen hätten, hätten sie ihn schon vor langer Zeit freigelassen. Respekt?

Ich verstehe, dass er psychisch gefoltert wurde. Ich sehe, wie er versucht zu sprechen, aber nicht kommunizieren kann. Und wenn wir ihn nicht verstehen, senkt er den Kopf und schweigt. Wir versuchen, ihn nicht zu belasten.»

Auch der Vater von Avera Mengistu, einem Äthiopier, berichtete auf der gleichen Pressekonferenz, dass auch sein Sohn, der ebenfalls unter einer psychischen Krankheit leidet, seit der Heimkehr kaum gesprochen hat. Beide ehemaligen Geiseln reagierten nahezu unbewegt auf das erste Treffen mit der Familie. Die Bilder belegen genau diese Beobachtung.


[1] Shiwa sitzen ist ein jüdischer Brauch für die Trauerzeit. Sie beginnt unmittelbar nach der Beisetzung und dauert sieben Tage. Während dieser ersten und intensivsten Zeit der Trauer, darf der Trauernde nicht arbeiten und soll das Haus nicht verlassen. In der Regel bringen Freunde die Mahlzeiten, zu den Gottesdiensten findet man sich im Haus des Trauernden ein.



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