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30. Shevat/ 1. Adar 5785 28. Februar/1. März 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:56
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:13
Shabbateingang in Zürich: 16:50
Shabbatausgang in Zürich: 18:57
Shabbateingang in Wien: 17:19
Shabbatausgang in Wien: 18:25

Die meisten von uns kennen den Moment, wenn wir uns entschliessen, statt einer gemieteten Wohnung, Wohnungseigentum anzustreben. Sei es eine Wohnung oder ein Haus. Die Immobilienpreise steigen und wer nicht gerade den Lotto 6-er gewonnen hat oder eine ansehnliche Erbschaft antreten durfte, der muss sich über die Finanzierung Gedanken machen. Hypothek oder Kredit, beides muss abgewogen werden. Für beides braucht man Sicherheiten und einen bestimmten Prozentsatz des Kaufpreises als Eigenfinanzierung.
Beim öffentlichen Wohnraum ist es nicht anders. Oftmals übersteigt der tatsächliche Preis den, der ursprünglich budgetiert war. Wie kommt die öffentliche Hand zu Geld? Es können entweder zusätzliche Steuern erhoben werden, was die Bürger in der Regel nicht gerne sehen, aber zähneknirschend akzeptieren müssen. Man kann eine Staatsanleihe auflegen, die jeder, der es sich leisten kann und will, zeichnen kann. Das Geld bekommt er nach der vereinbarten Laufzeit der Papiere mit einer mehr oder weniger attraktiven Verzinsung wieder zurück.
Ist das alles nicht möglich, so muss sowohl der private Häusle-Bauer als auch die Kommune oder der Staat Unterstützer für sein Projekt finden, um es sich mit Spenden finanzieren zu lassen. Für die Spender ist das Geld à-fonds-perdu.
Im Torah-Abschnitt von dieser Woche lesen wir, dass Gott nicht nur Spenden von den Kindern Israel erwartet, sondern auch noch ganz genau vorschreibt, was mit diesen Geldern zu geschehen hat. Die Torah verwendet das Wort תְּרוּמָה, truma, Spende. In deutschen Übersetzungen liest man oft «Steuer» oder «Abgabe». Das aber trifft den Auftrag Gottes nicht. Steuern und Abgaben sind festgelegte Summen, abhängig vom Vermögen, dem Einkommen oder auch dem Gewinn. In Vers 25:2 heisst es frei übersetzt «jeder wird so viel geben, wie es ihm sein Herz vorgibt». Also kein Zwang. Nur wer von ganzem Herzen geben will, soll etwas geben.
Auch in dieser Situation erkennen wir das Konzept des freien Willens, der freien Entscheidung. Gott muss sich sehr sicher gewesen sein, dass sein Spendenaufruf gehört wird.
Die nachfolgenden Anweisungen, wie seine «Wohnung», der Mischkan, מִשְׁכָּן, das transportable Heiligtum auszusehen hat, sind sehr detailliert. Wir erfahren, dass nichts dem Zufall überlassen wurde, von der Konstruktion des Zeltes über die Bundeslade bis hin zum Leuchter, den wir heute als Symbol des jüdischen Staates Israel kennen.
War das Geld für die Kinder Israel, die so bereitwillig gespendet haben, dass Gott fest damit rechnen konnte, dass seine Baupläne exakt umgesetzt werden würden, wirklich à-fonds-perdu? Keinesfalls, Gott beauftragt in Vers 25:2 Moses «Nimm für mich eine Spende» und sagt nicht «Gib mir eine Spende». Man kann die Spende also durchaus als Investition in eine gemeinsame Zukunft sehen.
Es ist etwas ganz Neues, das wir hier erfahren. Erstmals in der Geschichte tun die Kinder Israel etwas gemeinsam. Selbstbestimmt, ohne Zwang durch andere. Jeder gab etwas. Und so entstand durch diese gemeinsame Arbeit an einem gemeinsamen Ziel etwas, was bisher fehlte. Aus einer unübersichtlichen Gruppe von Individualisten wuchs langsam ein in sich gefestigtes Volk. Aus den passiven Empfängern von Gottes Plänen und Wohltaten wurde eine schöpferisch aktive Nation. Und vergessen wir es bitte nie: Jeder einzelne von uns ist durch die ‘Spende’ ein aktiver Teil des Mischkan. Die Gesamtheit der Kinder Israels bildet zusammen das Ganze des Mischkans.
Kommen wir zu den Sprüchen der Väter:
(15) Sie sagten drei Dinge. Rabbi Elieser sagt: Es sei dir die Ehre deines Nächsten so teuer wie die Deinige und sei nicht leicht geneigt zu zürnen und bessere dich einen Tag vor deinem Tode. Wärme dich an dem Feuerschein der Weisen, nimm dich aber mit ihrer Kohle in Acht, dass du dich nicht verbrennst; denn der über ihre Verletzung schwebende Bann ist Fuchs-Gebiss und Skorpione-Stich und Basilisken-Zischen, und alle ihre Worte sind wie Feuerkohlen.
Wie soll ich mich am Tag vor meinem Tod bessern? Das, was Rabbi Elieser hier meint, ist, dass wir uns jeden Tag so verhalten sollen, als wäre es unser letzter auf dieser Welt. Unser Verhalten soll, und das ist Elieser sehr wichtig, ausgeglichen sein, denn wenn wir unserm Gegenüber aufbrausend begegnen, wird es uns schwerfallen, ihn zu achten. Erinnern wir uns an eine Situation, in der wir, zu Recht oder Unrecht, von einem Vorgesetzten gemassregelt wurden. Hatten wir da noch das Gefühl von Achtung und Wertschätzung? Oder fiel es uns nicht schwer, Vater oder Mutter zu glauben, dass sie uns immer liebten, auch wenn sie uns gerade für etwas beschuldigten, dass wir gar nicht ausgefressen hatten? Solche Situationen sollen wir versuchen zu vermeiden.
(16) Rabbi Jehoschua sagt: Böses Auge, böse Leidenschaft und Menschenhass bringen den Menschen aus der Welt.
Sagen wir nicht, wenn wir etwas sehen, was uns gefällt, das wir aber nicht besitzen können oder dürfen ‘davon nehmen wir ein Auge voll’. Das Spektrum reicht vom genussvollen bis zum neidvollen Auge. Beide ändern nichts an den Eigentumsverhältnissen. Der neidvolle Blick aber löst Begierden aus, die in ‘böse Leidenschaft’, wir nennen dies יֵצֶר הַרַע, jetzer hara, den bösen Trieb, hineinfliessen. Wer dem bösen Trieb, dem Neid, dem Unbillen zu viel Raum lässt, läuft Gefahr, ein Menschenhasser zu werden. Ist es erst einmal so weit, und haben wir unsere Gefühle nicht, wie oben beschrieben, im Griff, so laufen wir Gefahr, aus dem sozialen Umfeld, indem wir leben, ausgeschlossen zu werden.
(17) Rabbi Jossi sagt: es sei das Vermögen deines Nächsten dir so teuer wie das deinige; bestimme dich selbst, Torah zu lernen, denn sie ist dir keine Erbschaft; und alles, was du tust, geschehe, um Gott zu ehren.
Der grosse Dichter Johann Wolfgang von Goethe liess seinen Faust zu sich selbst sagen: ‘Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen, was man nicht nützt, ist eine schwere Last’ (682-4). Das Vermögen, von dem Rabbi Jossi spricht, ist zu verstehen als das Vermächtnis. Alles, was wir von unseren Vorfahren, aber auch von unseren Lehrern als Vermächtnis erhalten, darf uns nicht als Geschenk gelten, für das wir nichts tun müssen. Im Gegenteil, wir müssen tagtäglich darum ringen und daran arbeiten. Wenn wir das tun, so handeln wir im Sinne Gottes.
Shabbat Shalom ve Rosh Chodesch Adar tov!
Kategorien:Religion
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