Shmot, Tezawe 27:20 – 30:10

7./8. Adar 5785                                                                  7./8. März 2025

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         17:02

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        18:18

Shabbateingang in Zürich:                                                                 18:02

Shabbatausgang in Zürich:                                                                19:07

Shabbateingang in Wien:                                                                   17:30

Shabbatausgang in Wien:                                                                  18:36

Dieser Abschnitt der Torah beginnt erneut mit einer genauen Anweisung, was die Ausstattung der irdischen Wohnstätte Gottes anbelangt. Ein ewiges Licht soll im Vorraum brennen, gespeist von bestem Oliven-Öl. Moshe und Aaron sollen dafür sorgen, dass es nie verlöscht.

Im Folgenden geht es darum, die Priester einzusetzen, wie es uns bereits vor einigen Wochen angekündigt wurde. In Vers 19:5-6 haben wir gehört, dass diese Priester das kultische Epizentrum für das Volk Israel sein werden. «Nun, wenn ihr gut auf mich hört und meinen Bund haltet, dann werdet ihr mein liebstes Volk sein, denn mir gehört die ganze Welt. Ihr sollt ein Königreich der Priester und ein heiliges Volk sein.» Dass die Priester nach der zweiten Zerstörung der Tempel im Jahr 70 CE einen Teil  ihrer Bedeutung verlieren, konnte damals niemand ahnen.

In Vers 28:1 lesen wir וְאַתָּה הַקְרֵב אֵלֶיךָ אֶת-אַהֲרֹן אָחִיךָ וְאֶת-בָּנָיו אִתּוֹ was wörtlich übersetzt heisst: «Bringe dir deinen Bruder Aaron und seine Söhne näher.» In den deutschen Übersetzungen finden wir zumeist sinngemäss «Lass deinen Bruder Aaron und dessen Söhne näher zu dir herantreten.»

Sehr oft hilft es, die Wurzel des Verbes anzuschauen, wenn man den Sinn eines Satzes besser verstehen will. Hier ist die Wurzel קרב (karav), die auch in den Verben lehitkarev (sich annähern), likrov (näher/nahebringen), hikriv (sich opfern) aber auch im Substantiv korban (Opfer) enthalten ist.

Bringen ist etwas, was von einer Person weg zu einer anderen erfolgt. Das ist hier eindeutig nicht gemeint. Selbstverständlich ist nicht von einem persönlichen Opfer die Rede. Also kann die Bedeutung dieses Satzes nur darin bestehen, dass Moshe seinen Bruder Aaron und dessen Kinder Gott näherbringen soll. Moshe ist Gottes Sprachrohr, also müssen Aaron und seine Kinder auch ihm nahestehen.

So werden Aaron und seine Söhne als Priester im Mischkan eingesetzt. Aaron wird zwar nicht explizit zum ersten Hohen Priester ernannt, wie wir sie später in Jerusalem im ersten und zweiten Tempel kennen. Dennoch nimmt er fraglos diese Position ein.

Keiner hat von ihnen eine besondere Qualifikation nachweisen müssen, sie mussten nur eine Bedingung erfüllen, sie mussten aus dem Stamm Levy stammen.

Um sie für ihren Dienst im Mischkan entsprechend zu kleiden, gab es wiederum exakte Vorschriften. Wenn die Priester ihr Amt ausüben, sollen sich einerseits vom normalen Volk klar durch ihre Kleidung unterscheiden und gleichzeitig integrierter Teil des Mischkans werden. Diese speziellen Gewänder zeigen, dass sie Gott dienen. Die Priester sind es nicht, die verehrt werden sollen, schon gar nicht sind es die prächtigen Kleider. Sie sind, wie Samson Raphael Hirsch schreibt: Werkzeuge des Gottesdienstes. Ihr Dienst darf nichts von ihnen Individualisiertes haben, sie müssen sich strikt an die Regeln Gottes halten. Ohne die Priester und die exakte Ausführung der Angaben Gottes können die Kinder Israels keines ihrer Opfer darbringen, das religiöse und gesellschaftliche Leben könnten nicht stattfinden.

Den Mischkan und den Tempel gibt es, wie oben erwähnt, seit dem Jahr 70 CE nicht mehr und deshalb auch keine physischen Opfer, diese wurden durch Gebete ersetzt.

Heute gibt es Rabbiner, die den Gemeinden in religiösen Belangen vorstehen. Die Gemeinden sind meist Vereine, in denen es eine ‚Kultuskommission‘ gibt. Diese bestimmt wiederum das religiöse und kultische Auftreten der Gemeinde. Kann man die Rabbiner also mit den Priestern vergleichen? Nein. Natürlich leiten sie oft die Gottesdienste, wobei das aber nicht zwingend notwendig ist. Ihre Hauptfunktion ist die des Lehrers. Und des Beraters. Die heutigen Synagogen kennen mehrere Bezeichnungen, בית כנסת «Haus der Versammlung», בית תפילה «Haus des Gebetes» oder בית מדרש «Haus der Lehre».

Rabbiner müssen nicht einem bestimmten Stamm angehören. Im Gegensatz zu den Priestern im Tempel müssen sie über ein grosses Wissen verfügen. Wie sie ihr Amt ausüben, ist Teil ihrer Persönlichkeit.

Nur Cohanim aus dem Stamm Levy konnten damals als Priester eingesetzt werden. Frauen war das Amt nicht zugänglich, allein schon, weil es für sie physisch unmöglich gewesen wäre, z.B. einen Stier zu schlachten.

Heute können alle Männer und Frauen Rabbiner werden. Jeder, der sich in der Lage sieht, sein Wissen weiterzugeben, sollte sich nicht scheuen, das auch zu tun. In der Funktion des Rabbiners oder auch im privaten Kreis.

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter.

(18) Rabbi Shimon sagt: «Sei achtsam beim Lesen des ‘Shema’ und beim Gebet. Mache, wenn du betest, das Gebet nicht zu etwas Regelmässigem und Starrem, sondern Erbarmen und Barmherzigkeit von Gott erflehend; denn es ist gesagt: «Barmherzig und erbarmungsvoll ist ER, langmütig und reich an Güte und er lässt das Böse nicht ungestraft.» – und seid nicht zu hart gegen euch selbst.

Hier ist das morgendliche «Shema», eines der ersten Gebete des Tages gemeint. Das Morgengebet beginnt 30 Minuten nach der Morgendämmerung. Das kann im Sommer schon recht früh sein. Im ‘Schulchan Aruch’[1] steht im allerersten Paragrafen: «Der Mensch erstarke und nehme sich zusammen wie ein Löwe, am Morgen früh aufzustehen zum Dienst seines Schöpfers – zum Beten – so, dass er die Morgenröte erwecke.» Einer der rabbinischen Kommentatoren ergänzte, warum Rabbi Karo hier den Löwen erwähnt. Der Löwe fürchtet sich nicht vor anderen Tieren und schafft es, unsere morgendliche natürliche Faulheit zu bekämpfen und uns zum pünktlichen Aufstehen zu bewegen. Dann und nur dann sollen wir mit dem Beten beginnen. Beten ist gleichzeitig inneres Gespräch mit Gott und eine tiefe Mediation, bei der wir ganz bei uns sind. Rabbi Shimon erinnert uns daran, dass Beten nie ein ‚herunterrasseln‘ von aneinandergereihten Worten sein darf. Nur dann werden wir in einen inneren Dialog mit Gott treten können und aus diesem Dialog heraus Wege finden, die uns vielleicht aus einer Sackgasse heraushelfen oder uns Kraft in einer schweren Situation geben. Wege, die uns helfen, uns selbst aus seiner sicheren Distanz zu betrachten und zu hinterfragen, ob das Verhalten anderen gegenüber gerechtfertigt ist. Das alles ist kein leichtes Unterfangen. Doch Rabbi Shimon gibt uns am Ende des Verses etwas Tröstenden mit auf den Weg: Nicht allzu streng mit uns selbst zu sein.

Shabbat Shalom ve Chag Purim Sameach!


[1] Der Schulchan Aruch wurde im 16. Jahrhundert von Rabbi Josef Karo verfasst und seither mehrfach überarbeitet. Er gilt als klassisches Handbuch religiöser Vorschriften des Judentums.



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