Bamidbar, Schmini 9:1 – 11:47

27./28. Nissan 5785                                                        25./26.April 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:35

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:54

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:11

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:21

13. und 14. Tag Omer

Moshe kündigt an, dass Gott sich „in der Herrlichkeit des Herrn“ zeigen wird“. (Vers 9:6). Zuvor hatte er Aaron, seine Söhne und die Ältesten der Stämme zusammengerufen, um sie ein Heilsopfer darbringen zu lassen. Zweimal verkündet er, dass Gott ihnen erscheinen wird. Er liess die Priester noch weitere Opfer bringen. Moshe und Aaron traten aus dem Mischkan und segneten das Volk. Im Vers 9:23 heisst es „Da erschien die Herrlichkeit des Herrn dem ganzen Volk.“ In welcher Form er ihnen erschien, das erfahren wir nicht.

Doch Gott wird sich nicht als Gestalt zeigen, kein Mensch würde das überleben. Selbst Moshe hatte nur einmal, nachdem Gott an ihm vorbeigeschritten war, seinen Rücken sehen dürfen. Auch damals hatte Gott ihn aufgefordert, sich in eine Felsspalte zu stellen und selbst noch das Gesicht von Moshe mit seiner Hand abgedeckt. «Wenn ich meine Hand wegnehme, dann wirst du meinen Rücken, aber nicht mein Gesicht sehen.» Die Thora verwendet hier statt des eher gebräuchlichen Begriffs «gaf» גב, Rücken das weniger gebrauchte Wort «achorai» אֲחֹרָי meine Rückseite.

Im Deutschen kennen wir in diesem Zusammenhang den Begriff «Rücksicht nehmen». Schauen wir uns diesen Begriff genauer an, so erkennen wir, dass Rücksicht auf einen Anderen und auf dessen Bedürfnisse zu nehmen voraussetzt, dass wir uns selbst zurücknehmen. Gegenseitige Rücksichtnahme ist Zeichen von hoher Sozialkompetenz und deutlicher Empathie. Dieser «Andere», auf den wir Rücksicht nehmen, hat im Hebräischen die gleiche Wurzel wie das Wort Verantwortung, achraijut אַחְרָיוּת. Wenn wir auf einen Anderen Rücksicht nehmen, so übernehmen wir gleichzeitig auch die Verantwortung, ihm gegenüber keine Grenze zu überschreiten, ihn nicht zu bedrängen.

Nebenbei, im Satz ‘jemand anderem den Rücken zukehren’ verwendet die hebräische Sprache das Wort ‘gaf’.

Zurück zum aktuellen Text.

Das Weiheopfer ist vollbracht, Aaron segnet das Volk und begibt sich mit Moshe in das Innere des Mischkans. Als sie wieder herauskamen, segneten sie nochmals das Volk und die Herrlichkeit Gottes erschien dem gesamten Volk und liess ihre Gesichter strahlen. Genauso, wie das Gesicht von Moshe jedes Mal von einem Strahlen erleuchtet war, wenn er unmittelbar mit Gott kommuniziert hatte. Hier wird der Begriff «die Ehre Gottes» כְבוֹד-יְהוָה, kavod adonaigewählt. (9:23) Heute verwendet die moderne rabbinische Literatur zumeist das Wort «shechina», was so viel heisst, wie «Präsenz Gottes». Übrigens, das Strahlen, welches hier beschrieben wird, ist einer der Gründe, warum Moshe von den grossen Bildhauern wie Michelangelo oft irrtümlich mit Hörnern dargestellt wird, der Begriff wurde schlicht falsch interpretiert.

Nach dem positiven Beginn des Wochenabschnittes dann der Schock.

Die beiden Söhne Aarons, Nadab und Abihu, begehen einen fatalen Fehler. Mag es sein, dass sie nicht wussten, was sie damit auslösten, mag sein, dass sie noch ganz im Überschwang des gerade Erlebten waren. Sie brachten ein Opfer dar, das Gott nicht verlangt hatte und das in seinen Augen einem Götzendienst gleichkam. Beide verbrannten vor den Augen der Gemeinde am göttlichen Feuer. Ein Bild von Aaron mit seinen zwei toten Söhnen findet man auf der grossen Menora vor der Knesset. Es symbolisiert dort die Halacha.

Gott scheint ihnen aber nicht gram zu sein, sondern er gibt einen Rat, der nur auf den ersten Blick nichts mit dem schrecklichen Irrtum der jungen Männer zu tun hat. In Vers 10:9 lesen wir «Trinkt keinen Wein und kein stärkeres Getränk, wenn ihr in das Versammlungszelt geht. Sonst müsst ihr sterben.» Zwischen gut und falsch zwischen rein und unrein kann man nur mit einem nüchternen Kopf unterscheiden.

Jeder von uns hat zu jedem Zeitpunkt die Verantwortung nicht nur für sich und sein eigenes Handeln, sondern auch oftmals für die uns anvertrauten Menschen. Wir sind uns nur leider dessen nicht immer bewusst.

Kommen wir wieder zu den Sprüchen der Väter:

(7) Rabbi Chalafta, Sohn Dossas, aus dem Dorf Chananaja, sagt: Wo zehn sitzen und sich mit der Torah beschäftigen, da waltet Gottes Gegenwart unter ihnen, denn es ist gesagt: «Gott steht in einer Gottesgemeinde.» Und wenn es fünf sind? Denn es ist gesagt: «Seinen Verein hat er auf Erden gegründet.» Und wenn es drei sind? Denn es ist gesagt: «In der Mitte von Richtern richtet Er.» Und wenn es zwei sind? Denn es ist gesagt: «Da besprechen sich Gottesfürchtige einer mit dem anderen und Gott merkt auf und hört.» Und wenn es nur einer ist? Denn es ist gesagt: «Überall, wo ich es veranlasse, dass Meines Namens gedacht wird, da komme ich zu dir und segne dich.»

Dieser Vers ist ein sehr abstrakter, den man mit einem Satz zusammenfassen kann: Gleichgültig, wie viele Menschen sich mit der Torah beschäftigen, ob sie zahlreich sind, oder allein, so wird die Shechina Gottes bei ihnen sein.

Einige der Zahlen sind uns bekannt.

Ein Minjan, also eine Gruppe, die anwesend sein muss, um einen Gottesdienst zu feiern, besteht aus zehn erwachsenen Personen, die ihre Bar oder Bat Mitzwa hinter sich haben. Das bedeutet, dass Mädchen ab 12 und Jungen ab 13 Jahren gezählt werden. Aber ist das hier gemeint? Zehn jüdische Personen oder mehr, die gemeinsam beten oder die Torah studieren, gelten als Stellvertreter für die gesamte Population der Juden. In diesen Gruppen ist Gott präsent und bereit, um sie zu fördern und zu schützen

Um ein Richtergremium zu bilden, müssen mindestens drei Richter anwesend sein. Wie kann man die Aufgabe der Richter in Zusammenhang mit der Torah bringen? Sind göttliches und weltliches Recht gleichbedeutend? Wenn es darum geht, unabhängig von der Person und deren Ansehen Recht zu sprechen, dann kann man die Frage positiv beantworten. Hier geht es um Respekt und Menschenwürde. Unabhängig davon, über was Recht gesprochen werden muss.

Mindestens zwei Menschen braucht es, um ein Gespräch zu führen, eine Person allein wird in der Regel nicht laut reden, sondern nur leise denken. Hier ist es das Gespräch ‘auf Augenhöhe’. Selbst wenn einer der beiden ein Lehrer und der andere der Schüler ist, so muss die Belehrung respektvoll geschehen ohne den Schüler zu beschämen, weil er etwas noch nicht weiss.

Und jemand, der sich allein mit dem Studium der Bücher beschäftigt? Er zeigt, dass er sich bemüht, sich weiterzubilden, mehr zu erfahren und Zusammenhänge zu erkennen. Nota bene, auch wenn es nicht die Torah ist, sondern etwas ganz anderes. Kaum etwas ist zu banal, als dass wir daraus nicht Nutzen ziehen können.

Und wenn es einmal Tagträume sind, denen wir nachhängen, so dürfen wir auch diese geniessen!

Shabbat Shalom



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