Krieg und Frieden im Judentum – Walter Homolka, 2025

3. Ijjar 5785

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Einem der grossen Lehrer des liberalen Judentums mein ganz grossser Dank für dieses wunderbare Buch, das zum Denken anregt, auffordert, tiefer in die Literatur einzutauchen, Schlüsse zu ziehen und Zusammenhänge zu verstehen. Ein Buch, das ein Muss für jeden ist, der sich für Frieden und Judentum interessiert.

Lieber Walter, mit diesem Buch hast du uns  Hintergrundwissen präsentiert, das man so, in dieser komprimierten, gut lesbaren und verständlichen Form nirgendwo findet.

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Es ist faszinierend, wie in diesem Buch der Friedensgedanken im Judentum von der Torah bis zur Neuzeit verfolgt wird. Walter Homolka analysiert akribisch die alten Texte, die die Grundlage der jüdischen Moral und Ethik darstellen, und stellt sie in den zeitlichen Kontext der jüdischen Geschichte, beginnend mit der Wüstenwanderung bis hin zu den schrecklichen Massakern vom 7. Oktober 2023.

Ich möchte hier vom Aufbau des Buches abweichen und den Gedanken des paradiesischen Friedens aufnehmen. In Bereshit 1,29 ff lesen wir: «Gott sprach: Siehe! Gegeben habe ich euch alles Kraut, das Samen trägt, das auf der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an welchem Baumfrucht ist, die Samen trägt. Euch sei es zur Speise. Und allem Getier der Erde und allem Gevögel des Himmels und allem Sichregenden auf der Erde, worin belebtes Wesen ist, alles grüne Kraut zur Speise.»

Ein wunderbarer Zustand, ein Paradies für Tiere! Erst nach der Sintflut wurde der Speiseplan für den Menschen erweitert und vorbei war es mit dem ‘Tierfrieden’. Er blieb uns erhalten als Projektion auf die ferne Zukunft. In der Hoffnung, dass sich dann der paradiesische Urzustand wieder bildet.

Homolka hält fest, dass diese Erwartung nicht mehr erfüllt werden kann, doch als Projektion darf sie erhalten bleiben. Der Prophet Jesaja beschreibt sie für uns in seinen Visionen über den erneuten Tierfrieden, wenn erst der Messias erschienen sein wird. Doch zu Jesaja kommen wir später.

Gibt es einen gerechten Krieg?

Wir lesen schon in der Torah, im vierten Buch Moshe, Bamidbar, in der Wüste, dass Moshe eine grosse Zählung des Volkes anordnet, beginnend mit dem Stamm, der Reuven, dem ersten Sohn Ja’acovs, nachfolgt. Die Männer müssen über 20 Jahre alt sein. Jeder Gruppe wurde ein Anführer und später auch ein ‘Truppenzeichen’ zugeordnet. Insgesamt wurden 603.550 Gemusterte gezählt. Nicht gezählt wurden die Leviten, die die Aufgabe der Priester erfüllten.

Man erkennt, schon früh ging es nicht mehr um kleinere Scharmützel, wenn sich eine Stadt weigerte, dem Volk Israel ‘Gastfreundschaft’ zu gewähren. Hier wurde die Basis gelegt, ein wehrhaftes Volk zu werden, das sich verteidigen kann, wenn es notwendig ist.

Und genau darum geht es. Immer wieder erhebt sich die Frage und zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: Kann ein notwendiger Krieg gerecht sein? Auch wenn ich persönlich diese Frage verneine, so erkenne ich doch durchaus gerechte Strukturen in den Ausnahmeregelungen zur Wehrpflicht:

Männer, die ein neues Haus gebaut und noch nicht bewohnt haben

Männer, die einen Weinberg angelegt, aber noch keine Ernten genossen haben

Männer, die verlobt sind, aber noch nicht heiraten konnten

Männer, die an Angst haben und im Kampf mehr Schaden als Nutzen sein werden,

sollen zu Hause bleiben, ohne dass man ihnen Vorwürfe machen darf.

Im Folgenden geht es um den Umgang mit Städten, der zunächst befremdlich wirkt. Städte, die man erobern will, soll man auffordern, sich kampflos zu ergeben, um die Bewohner dann in den Frondienst zu nehmen. Geben sie nicht nach, darf man sie belagern und schlussendlich alle Männer erschlagen. Frauen, Kinder, Greise und Vieh darf man als Beute nehmen. Das klingt grausam und ungerecht. Wenn nicht die Begründung folgte: Damit sie das Volk Israel nicht von ihrem Götzendienst überzeugen können. Damit ist der Krieg gegen das Volk, und hierzu gibt es viele Beispiele in der Torah, gottgewollt und damit nach der damaligen Meinung gerecht und notwendig. Heutigen Massstäben entspricht das natürlich nicht mehr. Der Text ist, wie Homolka richtig festhält, zum Ausgangspunkt zahlreicher kritischer Diskussionen geworden. 

Er erwähnt an dieser Stelle Philo, den jüdischen Philosophen, der um die Zeitwende in Alexandria lebte und von Josephus Flavius als ‘nicht ungebildet in der Philosophie’ bezeichnet wurde. Philo kann sich mit dem Gedanken des, wenn auch gerecht und gerechtfertigt erscheinenden Angriffskrieges, nicht anfreunden.

Er schreibt im von Homolka angeführten Werk ‘de specialibus legibus’ 4,219-223: «… und wenn der Feind, der seine bösen Absichten bereut, sich unterwirft und sich auf irgendeine Weise dem Frieden zuwendet, dann sollen die Menschen ihn freudig empfangen und einen Waffenstillstand mit ihm schliessen; denn Frieden, auch wenn er sehr ungünstig ist, ist vorteilhafter als Krieg.(…)» Philo wusste gar nicht, wie modern er mit seiner Meinung war, sie gilt auch heute noch vollumfänglich!

Hier gestatte ich mir eine kleine Kritik an Homolka, der vielleicht durch seine eigene Karriere bei der Bundeswehr etwas blauäugig die Einstellung von Philos untergewichtet. So ist es kein Wunder, dass er auf die Mischna zurückgreift:

«In welchem Fall sind all diese Aussagen in Bezug auf die verschiedenen Ausnahmen vom Krieg gesagt? Sie werden in Bezug auf freiwillige Kriege gesagt. Aber in Kriegen, deren Mandat eine Mitzwa ist, geht jeder, sogar ein Bräutigam, aus seinem Zimmer und eine Braut von ihrem Hochzeitsbaldachin. Rabbi Yehuda sagte: In welchem Fall sind all diese Aussagen in Bezug auf die verschiedenen Ausnahmen vom Krieg gesagt? Sie werden in Bezug auf Kriege gesagt, deren Mandat eine Mitzwa ist. Aber in obligatorischen Kriegen geht jeder, sogar ein Bräutigam, aus seinem Zimmer und eine Braut von ihrem Hochzeitsbaldachin.»

Greift das nicht doch ein bisschen zu weit? Für die damalige Weltsicht, für die Rabbi Yehuda steht, stimmt seine Ueberzeugung. Als am 8. Oktober 2023 der Krieg gegen die Hamas begann, wurden 300.000 Reservisten einberufen. Fast alle kamen, einige  unterbrachen tatsächlich ihre Hochzeitsreise. Man kann den aktuellen Krieg tatsächlich als Mitzwa bezeichnen. Auch wenn für mich die Vorstellung eines Krieges als Mitzwa befremdlich ist, die Aktualität zwingt mich, mein Bild zu revidieren.

Verständlich und jederzeit akzeptabel ist die Aussage: «Kommt jemand, dich zu töten, so komme ihm zuvor.» Vor Jahren gab es einen viel diskutierten Film aus Israel, der den Titel trug: ‘Töte zuerst’ (Englisch: The Gatekeepers) und der Berichte von sechs ehemaligen Chefs des Shin-Bet aufarbeitete. Das Thema war in allen Fällen die Terror-Bedrohung, die von den Terror-Gruppen aus den Gebieten von Judäa und Shomron ausging. In jedem einzelnen Fall wäre in Israel eine Katastrophe losgetreten worden und konnte nur dank des teilweise harten Eingreifens des Shin-Bet verhindert werden.

Nach diesen grundlegenden Ausführungen führt Homolka das Wort ‘shalem’ ein. Shalem erinnert an das Wort ‘shalom’. Erstmals in der Torah lernen wir ‘Shalim’ als Stadtgott der jebusitischen Stadt Jerusalem kennen. Die Umdeutung des Wortes ‘shalim’ in ‘shalom’ erfolgte erst viel später durch die Rabbinen. Shalim versprach seinen Anhängern Wohlergehen und Schutz und das war es, was die Kinder Israel nach der langen Wanderung brauchten. Der Preis, im Gegenzug die Gebote Gottes einzuhalten, zieht sich durch alle fünf Bücher der Torah. So konnte, wie Homolka herausarbeitet, aus dem Begriff ‘shalim’ der Begriff ‘shalom’ entstehen.

Der Wunsch nach Wohlstand, gepaart mit dem Friedensideal, prägte das Leben der Israeliten. Doch ‘shalom’ ist nicht nur das Synonym für Frieden. Homolka zeigt vier Bereiche auf, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben.

  • Im sozialen Bereich, indem er das Wohlergehen auch von sozial gefährdeten Schichten sichert.
  • In der Politik, wo neben der Abwesenheit von Bedrohung und Waffengewalt auch der Machtmissbrauch möglichst weit eingeschränkt werden soll.
  • In der Natur, indem lebenserhaltende und lebenswerte Bedingungen geschaffen werden, wozu, wie ich hinzufügen möchte, auch der sorgsame Umgang mit den natürlichen Ressourcen gehört.
  • Im religiösen Bereich, wo sich im Laufe der Jahrtausende aus dem altisraelitischen Opferkult der religiöse Kultus der Neuzeit entwickelte.

Nach der ‘Landnahme’ durch die zwölf Stämme um 1230 BCE und die Eroberung Jerusalems durch David, der die Königtümer Juda und Israel einte, durften die Israeliten einige Zeit in Frieden leben. 721 BCE wurde Israel erobert, was dem Untergang des Nordreiches gleichkam. 586 BCE ging auch der Südteil Juda unter. Jerusalem wurde zerstört, das Herz der jüdischen Religion hatte damit aufgehört zu schlagen. Die geistige Elite wurde nach Babylon verschleppt. Die Auseinandersetzung mit der Religion übernahmen die Propheten. Im fünften und letzten Buch Moshe lesen wir im Vers 18,15 ff, dass Gott den Israeliten versprach, Propheten einzusetzen: «Einen Propheten will ich ihnen erstehen lassen aus der Mitte ihrer Brüder, und in dessen Mund meine Worte legen und er soll zu ihnen reden, alles, was ich ihm gebieten werden.»

Krieg und Frieden bei den Propheten

Die Zerstörung Israels, Jerusalems und die Vertreibung der Juden ins babylonische Exil hatte nicht nur politisch weitreichende Folgen, sondern veränderte auch den Friedensbegriff.

Der bereits erwähnte Prophet Jesaja, der im 8 Jh. BCE im Südreich Juda wirkte, aber auch im Nordreich gehört wurde, kündigte ein grosses Gottesgericht an, verhiess aber auch eine Rückkehr zu universalem Frieden und Gerechtigkeit. Er war es, der erstmals das Erscheinen des Messias als gerechten Richter ankündigte. Interessant ist, dass er sich nicht nur an das Volk Israel wandte, sondern an alle Menschen.

Den oftmals in antisemitischen Kreisen gegen das Volk Israel missbrauchte Vorwurf, dass wir das ‘auserwählte Volk seien’ deutet Jesaja um als Aufforderung an alle nach Jerusalem zu kommen, denn «Von Zion geht die Weisung des Herren, aus Jerusalem sein Licht.» Das ist es, was wir in jedem Gottesdienst angesichts einer ausgehobenen Torahrolle singen: «Ki mi Zion tize torah!» Jesaja sieht den erneuten universalen Frieden, der auch wieder den Tierfrieden umfasst. Micha, ein anderer Prophet, nahm den Gedanken auf und erweiterte ihn: «Dann wird ein jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum sitzen und niemand schreckt ihn auf, denn der Mund des Ewigen der Heerscharen hat es so versprochen.»

Homolka arbeitet die Kernaussagen der verschiedenen Gruppen der Propheten heraus und betont, dass die Lehren der vorexilischen Propheten zwar nach wie vor eng mit der Jerusalemer Tradition des jüdischen Kultus verwoben sind, aber trotzdem den Blick für die Weiterentwicklung jüdischer Theologie öffnen. Trotzdem muss, und das ist wichtig zu erkennen, nach wie vor die Ehre Gottes im Mittelpunkt stehen und nicht der Frieden und das Wohlergehen des Menschen.

Im Exil in Babylon wird den Juden immer bewusster, dass ihre Existenz als Nation und ihr Landbesitz an die Tatkraft Gottes gebunden ist. Die Frage war, ob Gott sich von ihnen abgewandt und sie vergessen hatte. Der Ruf wurde immer stärker, dass Gottes Strafe, so auch das Exil, durch Fehlverhalten der Israeliten ausgelöst worden war. Nur strikte Umkehr könnte den alten, friedvollen Zustand wieder herstellen.

Aber wann wird diese messianische Heilszeit beginnen? Diese Frage konnten auch die Propheten damals nicht beantworten und könnten es auch heute noch nicht. Homolka betont folgerichtig, dass die greifbare Heilszeit ausbleibt, keinen Bezug zur geschichtlichen Gegenwart hatte und auch heute nicht hat.

Jesaja, dessen Prophezeiungen oft so düster und voll von Mahnungen und Warnungen waren, hoffte auf eine Verbindung zwischen David und Messias und verbindet damit die positive Erinnerung an den paradiesischen Ur-Frieden mit der Hoffnung auf eine ebenso friedvolle Zukunft. Doch weil die Propheten dem unvollkommenen Menschen kaum zutrauen, Gottes Wille vollumfänglich einzuhalten, was aber unabdingbar für das Kommen des Messias ist, warten sie auf einen Menschen, ‘auf dem der Geist des Ewigen ruht’. In den Versen 11,2 ff beschreibt Jesaja eben diese Vorstellung, an die sich seine Vision für den bereits weiter oben genannten ‘Tierfrieden’ anschliesst.

Dass die Definition des ‘Messianischen Zeitalters’ sich in der Neuzeit zu einem abstrakten Begriff gewandelt hat, der nichts mehr mit der Vorstellung eines personifizierten Messias zu tun hat, mag in der fortschreitenden Aufklärung im Judentum begründet sein. Homolka macht an dieser Stelle einen Schritt zurück zu den Wurzeln dieses Wunschdenkens.

Halten wir fest, wo sich das Judentum entwickelte. In einer Region des Nahen- und Mittleren-Ostens, wo mystisches und magisches Denken einen hohen Stellenwert hatte und von Generation zu Generation tradiert wurde. Jesaja überträgt folgerichtig in der Tradition des altorientalischen Denkens den Begriff des andauernden ‘Friedens’ auf den erwarteten, ersehnten ‘Friedensfürsten’, Sar-Shalom. Das Volk, verwurzelt in dieser Tradition, übernahm dieses Denkmuster, ohne dass die Richtigkeit überprüft wurde. Die biblische Friedenshoffnung sah, so Homolka, nicht den neutralen Weltfrieden, sondern die akzeptierte Macht Gottes und seine Funktion als Weltautorität im Zentrum der Hoffnung. Gemeinschaftstugenden wie Recht und Gerechtigkeit stehen in direktem Bezug zum endgültigen Frieden, weil durch sie die sittliche Vervollkommnung erreicht werden, die die unabdingliche Voraussetzung zum Frieden ist. In diesem Zustand werden die Waffen ruhen und vernichtet werden. Homolka fasst zusammen: «Friedensordnung ist Schöpfungsordnung, Endzeiterwartung wird zum Ur-Ideal.»

Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 CE und der Zerstreuung der Juden in die Diaspora endete die auf Jerusalem und Israel begrenzte jüdische Gesellschaft. Jüdische Gemeinden entstanden fast überall in der bekannten Welt. Das ehemalige Gebiet Israel geriet zwischen die Kulturkämpfe der Römer und Griechen mit ihren unterschiedlichen politischen und intellektuellen Denkansätzen. In der Diaspora erlebten die Juden eine neue Form des Judentums: ohne den Tempel und die Priester, dafür mit zahlreichen Gemeinden.

Die jüdisch-hellenistische Symbiose

Im Folgenden beschreibt Homolka die Bedeutung der ’s’farim chizonim’, Bücher und Schriften, die in die griechischen Bibelübersetzungen Eingang fanden. Eines der bekanntesten apokryphen und pseudoepigrafischen Schriften ist ‘Sprüche Jesus, der Sohn Schirachs’, der um 190 BCE entstanden ist. Bekannt sind auch die Bücher Ester und Judit. Die Schriften dieser Gruppe, die zwischen 200 BCE und 400 CE entstanden, verfolgten zwei Absichten: die Friedfertigkeit der Menschen untereinander zu stärken und das Erreichen des ewigen Friedens. Die Beziehung zwischen Gott und den Menschen hatte sich seit dem Erhalt der Torah auf dem Sinai und dem Exil deutlich gewandelt.

Zu Beginn der grossen Wüstenwanderung wurden die Kinder Israels weniger als Individuen, sondern als Teil der gesamten Gruppe gesehen. Sie war es, die Gott auserwählt hatte, nicht den Einzelnen, abgesehen von wenigen, ganz besonderen Menschen, denen Gott bestimmte Positionen zuwies.

Vor allem im ersten Buch der Torah lesen wir, dass in einigen Fällen eine sehr individuelle Beziehung zu Gott bestand, die dann zugunsten der Kollektivität aufgegeben wurde. Haben wir Jesaja noch als Propheten kennengelernt, der das Kollektiv ansprach, so lernen wir in Jirmejahu einen Propheten kennen, der das Individuelle betont. 31:30 ff «Siehe, Tage kommen, da schliesse ich mit dem Hause Israel und Jehuda einen neuen Bund. Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss an dem Tage (….), sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel schliessen werde, nach jenen Tagen. Ich lege meine Weisungen in ihr Inneres und auf ihr Herz schreibe ich sie. Und ich werde ihnen zum Gott und sie mir zum Volke sein.» Durch das Ende des Opferkults in Jerusalem gewinnt die Betonung des individuellen Gebets an Bedeutung.

Zahlreiche Schriften aus dieser Zeit, so zeigt Homolka auf, die zu den ’s’farim chizonim’ gezählt werden, zeigen grosse Ähnlichkeiten mit den Schriften unserer Propheten, mit dem Unterschied, dass die’ s’frarim chizonim’ unmittelbar an den paradiesischen Urfrieden und den Tierfrieden anknüpfen, eine starke Übereinstimmung zum ‘Goldenen Zeitalters’ des Hellenismus.

Homolka kommt nochmals zurück auf Philo, der daran glaubt, «dass alle Wurzeln eines friedlosen Daseins in den um Recht und Unrecht unbekümmerten Leidenschaften des Eigennutzes liegen.» Gelänge es uns, diesen einzudämmen, würde der Friede dem Menschen automatisch zufallen. Der Mensch als Ebenbild Gottes (Ber. 1,27) sei die Krone der Schöpfung, aber das Menschengeschlecht als Ganzes habe sich von dieser Bestimmung entfernt. Homolka führt hier den Begriff des ‘gefallenen Menschen’ ein, der die Rückkehr zum gottgefälligen Handeln allein gar nicht mehr möglich macht. Deshalb ist er, so Philo, auch nicht mehr fähig, den andauernden Frieden zu erreichen.

Wir haben schon weiter oben gelesen, dass für Philo: «(…) Waffenstillstand mit ihm [dem Feind] schliessen; denn Frieden, auch wenn er sehr ungünstig ist, vorteilhafter ist als Krieg

Können wir das auf unsere heutige Situation ummünzen? Wäre also tatsächlich ein Waffenstillstand, auch wenn er teuer erkauft sein wird, vorteilhaft? Ja, Ja und nochmals Ja.

1945, nach dem grauenhaften Zweiten Weltkrieg, akzeptierte Deutschland am 7. Mai die Kapitulation. Sie war teuer erkauft, vor allem für die Bürger. Aber es gab endlich Frieden, auch wenn Deutschland nie einen Friedensvertrag mit den ‘Siegermächten’ abschloss.

Was wäre, wenn Israel über seinen Schatten springen und den Vorschlägen zu einem Waffenstillstand zustimmen würde? Es wäre eine Chance für die noch lebenden Geiseln.

Moshe, der grösste unserer Propheten und direktes Sprachrohr Gottes, hat es uns vorgelebt, bevor wir am Sinai begannen, ein Volk zu werden. Das grösste Gottesgeschenk erhalten wir, wenn wir uns so verhalten, wie Gott es von uns erwartet. Wobei hier wiederum unser Kollektiv und nicht wir als Individuen gemeint sind: den göttlichen Frieden, der erneut auch wieder für die Tiere gilt.

In seinem Buch ‘de praemiis et poenis’ schreibt Philo (91,16): «Auf diese Weise wird der nach Zeit und Natur ältere Krieg sein Ende finden, wenn nämlich die wilden Tiere ihre Wildheit aufgeben und zahm werden. Der jüngere aber, der mit Absicht geführt wird und aus Habsucht entsteht, wird sich alsdann leicht beseitigen lassen, denn die Menschen werden, wie es mir scheint, Scham darüber empfinden, dass sie sich roher zeigen als die vernunftlosen Tiere, nachdem sie den Schädigungen und Verletzungen durch diese entronnen sind. (92) Denn es wird natürlich als grosse Schande angesehen werden, wenn die giftigen, menschenfressenden und ungeselligen Tiere sich zum Frieden bekehren und versöhnlich werden, das von Natur zahme Geschöpf dagegen, dem geselliger Sinn angeboren ist, der Mensch, von unversöhnlicher Mordgier gegen seinesgleichen sein würde.»

Es ist tatsächlich unglaublich, dass das, was den Tierfrieden ausmacht, den Tieren gelingt, für den Menschen aber ein oft unüberwindbares Hindernis darstellt. Es scheint so, als ob die Rückkehr zur göttlichen Lehre für Menschen oftmals vielleicht ein Wunsch, aber nur selten ein erreichbares Ziel darstellt.

Im Gegensatz zu heute, wo das Judentum sich nach aussen als nicht missionierende Religion versteht und sich dadurch strikt vom Christentum und Islam abgrenzt, war es zur Zeit Philos und Josephus Flavius (37 bis 100 CE) üblich, den jüdischen Glauben anzunehmen. Flavius hielt dazu fest: «(…) Denn alle Handlungen, Beschäftigungen und Reden haben bei uns Beziehungen zur Frömmigkeit gegen Gott.» Worte, die auf die Völkervereinigung zur Ehre Gottes abzielen. Philo geht noch weiter und unterscheidet nicht mehr zwischen den Völkern. Er betont, dass israelitische Priester ihre Gebete immer für die gesamte Menschheit und die ganze Welt sprechen. Nicht so wie Priester anderer Völker.

Eine einschneidende Wende brachte die Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 CE. Wer konnte, floh, verliess den Ort, an dem das Zentrum der jüdischen Kultur gestanden hatte. Doch die Juden gaben nicht auf. Sie nahmen die Bundeslade in ihren Herzen mit. Bereits zur Zeit des Zweiten Tempels waren Synagogen entstanden, so wie sie jetzt überall dort entstanden, wo Juden siedelten. Das Gebet ersetzte die Opfer, die Exegese der Bücher erforschte den göttlichen Willen. Man begann, die bis anhin mündlich weitergegebenen Texte zu sammeln und zu verschriftlichen. Zunächst entstand die Mischna, dann die beiden Talmudsammlungen in der jerusalemischen und der babylonischen Ausgabe. Der Talmud Bavli gewann gegenüber dem Talmud Jerushalmi jedoch schnell die grössere Bedeutung. Auch die Midrashim, oftmals als Lehrvorträge angelegt, begannen um die Zeitwende zu entstehen. Diese Schriften sind das komprimierte Herzstück des jüdischen Denkens und für jeden zugänglich.

Homolka untersucht anschliessend anhand dieser Schriften den Friedensbegriff. Zahlreiche Hinweise gibt es bei den Büchern, die die Torah ergänzen. Im Talmud heisst es «Gross ist der Friede, den Gottes Name ist Frieden.» Jesaja schreibt: «Der Messias wird Frieden genannt.» Und bei Sacharja lesen wir: «Israels Name ist Frieden.» Gott selbst erhält den Namen Frieden, folglich ist ein Verstoss gegen den Frieden ein Verstoss gegen Gott. Gott gab uns die fünf Bücher der Torah als Quelle der Friedenslehre, weshalb Hillel, einer der grossen Weisen empfiehlt: «Sei von den Jüngern Aarons, den Frieden liebend und nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie hinführen zur Torah.» (Pirke Avot 1,12) Warum gerade Aaron und nicht Moshe? Maleachi, der letzte in der Reihe der Propheten, beschreibt in den Versen 2,4 ff, dass Aaron ‘In Frieden und Gradheit wandelte und viele von der Sünde zurückführte’. In Pirke Avot 6,16 wird beschrieben, warum die Torah bedeutender ist, als Priester- und Königtum. Es braucht viel mehr, um die Torah für sich ‘zu gewinnen’ und zu verstehen, was sie bewirkt z.B.: «Wenn man seinem Nächsten das Joch tragen hilft und ihn stets nach günstiger Seite beurteilt, ihn auf die Wahrheit bringt und ihm zum Frieden verhilft.» Frieden wurde zu einem zentralen Begriff in den Auseinandersetzungen der Gelehrten. Zeitgleich entstand auch die Vorstellung der Unsterblichkeit und des Gottesgerichtes in der kommenden Welt, eine Vorstellung, die im Laufe der Jahrhunderte aber wieder aus dem jüdischen Denken verschwand. Jedoch finden wir noch in Pirke Avot 4,6: «Diese Welt gleicht dem Vorzimmer der künftigen Welt, rüste dich im Vorzimmer, damit du in den Speisesaal eintreten kannst.»

König David schreibt in Psalm 34,15 «Weiche vom Bösen, tue Gutes, suche Frieden, jage ihm nach.» Das ist eine Aufforderung, die wortgetreu in Badmibar Rabba 19,27 zitiert wird, was von ihrer ungeheuren Bedeutung zeugt. Dem Frieden nachjagen, das war den Weisen schon damals, im 5. und 6. Jahrhundert CE, als diese Sammlungen entstanden, sehr wichtig.

Doch das von David geforderte ‘Nachjagen’ darf nicht verstanden werden als überhasteter, oft planlos einer Idee nachrennender Angriff auf den Frieden. Das ist in sich schon ein kontraproduktives Unterfangen. In Pirke Avot 4,1 lesen wir: «Ben Sona spricht: Wer ist stark? Derjenige, der seine bösen Neigungen besiegt, wie geschrieben steht: Wer bedächtig handelt, ist besser als ein starker Mann, und wer über seinen Geist herrscht, ist mächtiger als einer, der eine Stadt erobert.» In den Interpretationen zu den Sprüchen der Väter finden wir einen weiteren Hinweis: «Schon Salomon wählte die Eigenschaft ‘langsam zum Zorn’ zu handeln, wissend, dass es äusserst schwierig ist, den Zorn zu beherrschen. Es ist sehr schwer, jemandem zu vergeben, der jemanden absichtlich verletzt oder verleumdet hat. Wer es dennoch schafft, seinen Groll gegenüber seinem Feind zu überwinden und mit ihm Frieden zu schliessen, ist der Mächtigste der Mächtigen.»

Homolka hält fest, und das ist charakteristisch für den Talmud, dass ‘Kriegshelden’ zu ‘Helden des Torahstudiums uminterpretiert werden’, ein Gedanke, der mit unserem heutigen Weltbild nicht mehr vereinbar ist. Gleichzeitig werden Verachtung, Zorn und Hass als etwas erkannt, das unbedingt bekämpft und ausgemerzt werden muss. Menschen sollen sich in Demut erinnern, dass Frieden den Zwist vertreibt und den Zustand hervorbringt, den wir uns doch alle wünschen. Wer sich aber am Unglück des ‘Feindes’ erfreut, der begeht eine schwere Sünde. So beschreiben es die alten Schriften und wir müssen anerkennen, dass das auch für heute noch gilt. Der berühmte Satz «Wer nur ein Menschenleben rettet, ist anzusehen, als ob er die ganze Welt errettet hätte», galt damals und gilt noch heute. Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist.

Dass es ausgerechnet König David, dem wir doch so viel verdanken, verwehrt blieb, den Tempel zu bauen, scheint zwar auf der persönlichen Ebene schade, ist aber verständlich, wenn man der Friedensidee folgt.

Dem Frieden zuliebe darf man sogar in einer Aussage die Wahrheit verschweigen oder verdrehen, wenn damit Frieden erhalten oder erneuert werden kann. Frieden als das höchste globale Gut? Ja, dem kann man unwidersprochen zustimmen.

Unserer Generation wird immer wieder von den ‘Altvorderen’ vorgehalten, wir in Europa hätten in den letzten nahezu 80 Jahren keinen Krieg mehr erlebt und lebten daher in nahezu paradiesischen Zuständen. Es stimmt leider nicht. Die Kriege, auch wenn sie tatsächlich weit entfernt stattfinden, rücken uns näher denn je. Die globalen Verflechtungen bringen uns die Folgen von Kriegen deutlich näher. Abgesehen davon, dass Krieg oder Drohungen, einen solchen zu beginnen, direkt vor unserer Haustüre, ich spreche von innerhalb Europas, stattfinden.

Aber wie sieht es in Israel aus? Der Leitfaden des rabbinischen Judentums par excellence, der Shulchan Aruch, wurde im 16. Jahrhundert geschrieben. Er stellt eine Zusammenfassung halachischer Vorschriften dar. Für Rabbiner und Exegeten ist er heute noch gültig. Auffallend ist, dass er kein Wort darüber verliert, wie man sich im Kriegsfall zu verhalten hat.

Bedeutet das, dass alle in anderen Quellen festgehaltenen Vorschriften nur ‘messianische Spekulationen und historische Rekonstruktionen sind’? (Rabbiner Norman Solomon, geb. 1933.)

Homolka fügt an dieser Stelle einen Exkurs in ‘den Frieden im Gebet’ ein.

Eines der wohl bekanntesten Worte der jüdischen Liturgie, der Priestersegen, endet: «Der Ewige segne und behüte dich! Der Ewige lasse leuchten sein Antlitz über dir und sei dir gnädig. Der Ewige wende dir sein Antlitz zu und gebe dir Frieden!» Mit dem Wunsch nach Frieden enden alle Segenssprüche, denn ohne ihn ist der Segen wertlos.

Sogar das Kaddish, jenes Gebet, das man nach dem Tod eines Verwandten oder Freundes spricht, endet: «Der Frieden stiftet in den Himmelshöhen, stifte Frieden unter ganz Israel.» Ob sich wohl jeder Trauernde, der Kaddish mehrfach während des Trauerjahres sagt, der Inhalte seiner Worte bewusst ist?

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele dafür, dass der Wunsch nach Frieden tief verankert in uns ist und auch in der talmudischen Literatur ihren festen Platz hat.

Interessant ist es, dass die Torah-Geschichte der Söhne Jakobs hier Eingang gefunden hat. Esau ist der Jäger und Landwirt, während sein Bruder Jakob ganz andere Interessen hatte. Rabbiner Max Grundwald hinterfragt, ob wir Esau, den ‘Mann des Feldes’ auch als ‘Feldherrn’ bezeichnen dürfen, in dessen Genen nicht nur der Jagdtrieb, sondern auch der Kriegstrieb noch ihren Platz haben. Jagen und Krieg zielen darauf ab, einem Kampf zu gewinnen, ohne etwas investiert zu haben. Jakob verkörpert den neuen Menschen, den, der sesshaft wird und den Frieden anstrebt.

Das ist der Moment, in dem der Kriegsgott hinter Gott als Friedensbringer zurücktritt.

Gewalt und Gewaltlosigkeit in der mittelalterlichen Religionsphilosophie

Nach den dunklen Jahren blühte in Europa das jüdische Leben. Juden aus dem Süden zogen nach Norden und Nordosten. In Deutschland blühten in den ‘SchUM-Städten’ Speyer, Worms und Mainz die jüdische Gelehrsamkeit. Der berühmte Gelehrte Rashi studierte in Mainz und Worms, bevor er sich in Troyes, im heutigen Frankreich niederliess.

In Spanien war es eine Zeit des intensiven wissenschaftlichen Austausches mit dem Islam, bis es zum Massaker von Granada 1066 kam. Córdoba wurde zum Zentrum der Talmud-Wissenschaft und zum Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit. 1492 endete das ‘Goldene Zeitalter’ mit dem Beginn der Inquisition und der Vertreibung der Juden aus Spanien.

Die Kreuzzüge, die zwischen 1095 und dem 13. Jahrhundert mit dem Schlachtruf ‘Deus lo vult’ (Gott will es) Massaker und Gemetzel in den jüdischen Gemeinden des Rheinlands verursachten, sind hinreichend dokumentiert. Die Angriffe trafen auf keinen Widerstand, kollektive Suizide, entsprechend der Anweisung für den Märtyrertod ‘Kiddush HaShem’, waren die Folge, um den Zwangstaufen zu entgehen.

Kann also der globale Frieden erst mit dem Eintreten des ‘messianischen Friedens’ erreicht werden? Auch Maimonides, der grosse Gelehrte und Philosoph des Mittelalters, geht davon aus, dass erst, wenn der Messias kommt, das Friedensreich für alle Menschen erreicht werden kann. Maimonides geht davon aus, dass allein das Erscheinen des Messias ausreicht, um den Frieden zu bringen. Sein Zeitgenosse David ben Josef Kimchi, den Homolka hier einführt, erwartet vom Messias, dass er zunächst anliegende Streitfragen beurteilt. Erst nach seinen gerechten Urteilen wird es keine Kriege mehr geben.

Unabhängig welcher Interpretation man sich anschliesst: Je schlechter es den Juden als Volk geht, desto grösser ist die Erwartung und Hoffnung, dass der Erlöser sich bald einfinden wird.

Auch im alltäglichen zwischenmenschlichen Bereich wird der friedliche Umgang untereinander, und was von Bedeutung ist, auch zwischen Juden und Nichtjuden gefordert.

Wir feierten vor Kurzem das Pessachfest. In dem Zusammenhang finde ich das Beispiel, welches Homolka hier einfügt, sehr passend. Der ‘böswillige Sohn’ der Haggada wird in mittelalterlichen Darstellungen als waffentragender Soldat dargestellt, der ‘kluge Sohn’ jedoch als friedliebender Weiser.

Was bedeutet der Begriff ‘Frieden’ eigentlich? Wie kann man diesen abstrakten Begriff versuchen, zu fassen? Homolka lässt einige Philosophen zu Wort kommen.

Frieden als die blosse Abwesenheit von Streit zu definieren, scheint zu wenig.

Greift die Vermutung, ‘Frieden ist das blosse Gegenteil von Streit’ heute nicht zu kurz, ebenso wie die Definition der WHO ‘Gesundheit ist die Abwesenheit von Krankheit’? Diese Definition von Frieden aus dem 15. Jahrhundert vernachlässigt, dass Frieden mehr ist. Ein schönes Bild zeichnet Rabbi Isaac ben Moses Arama (1420-1493) «Die Perlen persönlicher Tugend sind für sich genommen trübe, erst wenn sie an der Schnur des Friedens aufgereiht und sie zusammengebunden werden, könnten sie voller Glanz erstrahlen. Aus diesem Grund sei ‘Frieden’ einer der Namen Gottes, weil Er es sei, der die ganze Schöpfung vereine.» Menschen können, so Arama, trotz unterschiedlicher Charaktere, Grundhaltungen, Temperamente friedlich zusammenleben und -arbeiten. Was bei Tieren, wenn einmal die Rangordnung hergestellt und jedem seine Stellung innerhalb der Herde zugewiesen ist, selbstverständlich ist, ist beim Menschen leider oft unmöglich. Andere Aspekte, wie Neid, Eifersucht, Missgunst sind Hindernisse, Fremdkörper in der Perlenkette, die das harmonische Zusammenspiel verhindern.

Den Begriff der ‘Harmonie der Gegensätze’ führt Joseph Albo (1380-1444) ein. Die Ausgewogenheit, die keinem das Gefühl der Über- oder Unterlegenheit gibt.

Wir werden noch lange darauf warten müssen, bis dieser Idealzustand wirklich erreicht ist.

Die Weisen der Frühzeit führten ihre Dispute oft offen aus. In Pirkei Avot 5,17 lesen wir: «Ein Beispiel für einen Disput im Namen der Wahrheit ist der Disput zwischen Hillel und Shammai und ein Streit um des Streites willen, ist der von Korach [einem Verwandten von Moshe] und all seinen Komplizen [gegen Moshe].» Ein respektvoll offen ausgetragener Disput dient allemal der Wissenserweiterung und der Wahrheitsfindung. Homolka zieht den wesentlichen Schluss: Geht man davon aus, dass ein Disput einen äusserst positiven Hintergrund hat, so ermöglicht er auch den Weg zur Religionskritik.

Der Kabbala, das Herzstück der jüdischen Mystik und dem ‘Sohar’ als Essenz wird immer wieder die Abweichung von der klassischen jüdischen Religionsphilosophie vorgeworfen.

In der Kabbala gibt es Kommentare zur Torah, dazu Erzählungen, Auslegungen von Texten, Überlegungen zur Entstehung der Welt sowie auch psychologisch-mystische Texte.

Der Friedensbegriff, der einen zentralen Punkt der Kabbala einnimmt, erhält hier eine kosmische Bedeutung durch Zahlen, Buchstaben und Wörter. Zehn schöpferische Kräfte Gottes sind der Massstab, an dem sich die Taten der Menschen messen.

Eine der Kräfte ist die ‘Shechina’, der Geist Gottes, der zwischen den Flügeln der Cherubim auf der Bundeslade im Mishkan allgegenwärtig war. In den Malchut, der zehnten Sfira des kabbalistischen Lebensbaumes, kommt das kosmische Königreich, der Frieden auf die Welt.

Die innere Harmonie des Individuums mit sich selbst, aber auch mit anderen gewann seit der talmudischen Zeit für das Judentum je mehr an Bedeutung, je mehr die äussere Bedrohung durch unsere Umgebung zunahm. Dabei geht es weniger um die Einhaltung aller Gebote, was im normalen Alltag gar nicht möglich ist, sondern um weitere Wege, den inneren Frieden zu erreichen.

Der Chassidismus

Nach den Kreuzzügen, die verheerende Lücken in die jüdischen Gemeinden geschlagen hatten, war es zunächst vorbei mit dem beeindruckenden kulturellen und religiösen Erbe. Die Gemeinden versanken fast im Vergessen. Kirche und Staat unterdrückten jeden Keim von Erneuerung. Erst der grosse Aufklärer, Moses Mendelssohn (1729-1786) brachte den Neubeginn. Doch erst 1871 wurde im Deutschen Kaiserreich die rechtliche Gleichstellung der Juden proklamiert. Die Realität blieb jedoch weit hinter dem Gesetz zurück. Juden durften für das Vaterland im Krieg sterben, aber stiegen fast nie in die Offiziersränge auf. Sie durften studieren, waren aber im akademischen Bereich kaum anzutreffen.

Die polnischen Juden starben bei den Pogromen. In einigen Regionen überlebten nur zehn Prozent. Es war der Rabbi Baal Shem Tov, der eine neue Glaubensrichtung begründete, den Chassidismus, einen völligen Gegenentwurf zur talmudischen Tradition. Der Glaube wurde näher ans Volk gebracht, nicht jeder Rabbi war ein Talmud-Gelehrter, die volksnahen Zaddikim standen der Kabbala näher als dem rabbinischen Judentum. So wurde auch der Begriff ‘Frieden’ ein ganz neuer, basierend auf der Aussage: «Jedes Lebewesen verdankt sein Leben drei Urhebern. Vater, Mutter und Gott. Und der Anteil Gottes am Menschen hat Vorrang.» Jeder Mensch hinterlässt seine Spuren nicht nur auf der Erde, sondern auch in der oberen Welt. Das bedeutet, alles muss auf Gott ausgerichtet sein. Böse Triebe müssen in gute Triebe, die gottgefällig sind, umgewandelt werden. So kennen wir den Chassidismus: geprägt von fast kindlicher Liebe zu Gott und ausgeprägter Lebensfreude. Die Torah ist der Weg zum Lob des Lebens. Der zweite Faktor ist die Gemeinschaft, innerhalb der das Individuum über sich hinauswachsen kann. Der Mensch ist ‘nur auf der Welt, um nach Gottes Willen zu leben’.

Der Friedensbegriff in der jüdischen Aufklärung und Emanzipation

Im Westen verlief die Entwicklung des Judentums völlig anders. Moses Mendelssohn trug mit seiner Philosophie und Literatur viel dazu bei, dass die Juden sich aus den Ghettos emanzipierten, in die sie seit dem Mittelalter verbannt worden waren. Doch der Kampf um die Emanzipation verlief langsam. Eine direkte Folge der Französischen Revolution war, dass die Juden in Frankreich bereits ab 1790/91 gleichberechtigte Bürger waren.

Es war die Zeit, in der sich die verschiedenen religiösen Strömungen im Judentum herausbildeten. Besonders in Deutschland wurden Kämpfe um diese Diversifizierung ausgeführt.

Die Wissenschaft des Judentums

Auch wenn die Studenten der Yeshiwot gerne behaupten, dass das Studium der Torah und des Talmuds eine Wissenschaft ist, sie ist es historisch betrachtet nicht. Im 19. Jahrhundert begann eine Strömung sich mit einer anderen als der bisher bevorzugten dialektischen Herangehensweise auseinanderzusetzen. Ermöglicht wurde dieser neue Denkansatz durch die zuvor angeführten neuen Strömungen im Judentum. Statt Dogma und unveränderlichen Ansichten wurden jetzt Toleranz und Offenheit gefordert. Frieden wurde zum höchsten Ziel einer ‘sittlichen Lebensführung ohne nationale Beschränkungen’. (Moritz Lazarus 1824 – 1903) Frieden als Vollendung des Patriotismus, das war es, was Lazarus auch in seinen Werken beschrieb. Patriotismus ruht, so Lazarus «auf der Voraussetzung des Gegensatzes, Widerstreits und Wetteiferns zwischen Völkern. Die messianische Friedensidee lehrt, dass die Völker gemeinsam wirken sollen wie innerhalb des Staates die Städte und die Provinzen.»

Ich versuche in dem Zusammenhang Lazarus in die Nähe von Jean-Jaques Rousseau zu stellen, dessen Werk ‘Du contract social’ (1762) als Schlüsselwerk für Demokratietheorie gelten kann. Dieser Vertrag beruht auf Freiwilligkeit und ordnet daher das Individuum selbstverständlich dem Gemeinwillen unter. Jedes darin enthaltene Konfliktpotential muss sich gemeinsam und für alle stimmig lösen. Das Spannende an diesem Ansatz, und da ist sich Lazarus zur Gänze mit Rousseau einig, ist, dass es nie darum geht, den Schwächeren zu unterdrücken, sondern durch den Stärkeren zu fördern und zu unterstützen.

Zu der Zeit, als die Juden begannen, sich als vollwertige Bürger eines Staates ansehen zu dürfen, begann in Europa die Zeit der grossen Kriege, angefangen mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.

Herman Cohen

Cohen (1842-1918) war Mitbegründer der Marburger Schule und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der jüdischen Philosophie im 20. Jahrhundert. Seine kritische Auseinandersetzung mit dem Gedankengut Kants, das er neu interpretierte, führte dazu, dass ihm ein Lehrstuhl in Marburg angeboten wurde. Vor allem die neue Interpretation des ‘Kategorischen Imperativ Kants’, der lautete: «mache Dir die Selbstgesetzgebung in der Person eines jeden Menschen zum Zwecke», stiess in der Kant-Forschung auf grosses Interesse.

Seinen Lehrstuhl gab er 1912 nach seiner Emeritierung ab und lehrte anschliessend an der von Lazarus mitbegründeten Hochschule für die Wissenschaft in Berlin, wo sich langsam das Zentrum der jüdischen Gelehrsamkeit etablierte. «Der Friede Gottes ist seine Vollkommenheit, sein Angesicht, das höchste Urbild menschlicher Sittlichkeit.» Kurz gefasst: Gott ist Frieden. Homolka schreibt dazu: «Nicht nur in der Abwesenheit von Krieg, sondern, weil er den Inbegriff aller Sittlichkeit bildet. Erst im Frieden, so Cohen, vollendet sich das Seelenheil des Menschen.» Der Seelenfrieden mache unabhängig von allzu grossem Streben nach materiellen Bedürfnissen. Der Seelenfrieden beruhe auf einem Frieden der Vernunft.

Cohen betont, dass alle Leidenschaft als Gegensatz zum Seelenfrieden ihren Ursprung im Hass habe. Das ist ein Denkansatz, den ich absolut nicht nachvollziehen kann. Warum verbindet Cohen Leidenschaft scheinbar ausschliesslich mit Hass? Warum schreibt er, dass die Tugend den Hass ‘ausschliesst und vereitelt’? Hier muss man weiter in die Gedankenwelt Cohens eintauchen, um seinen Begründungen nachvollziehen zu können.  

Cohen geht in seiner Betrachtung des grundlosen Hasses ‘Aller Hass ist umsonst, ich bestreite den Hass im Menschenherzen’ auf den Talmud zurück, der das Phänomen des ‘sin’at chinam’ beschreibt. Beide Tempel wurden zerstört, weil sich unter den Juden der grundlose Hass ausgebreitet hatte und sie daher anfällig für die Angriffe der Feinde wurden. Was aber löst den Hass aus? Ist es das Gefühl des eigenen Versagens, das in der scheinbaren Übermacht des Anderen gespiegelt wird? Ist es das Gefühl des Neides, das sich irgendwann in Hass hineinsteigert? Ist es überhaupt möglich, aus sin’at chinam eine Liebe für den Feind zu entwickeln? Und damit zu einem weltumspannenden Frieden zu kommen?

Cohen schreibt: «Wenn der Völkerhass ausgetilgt werde aus dem Kulturbewusstsein der Menschen, wenn er also als Illusion erkannt wird, so könne dies gelingen.»

So wenig ich mich den Gedanken und zuvor genannten Illusionen Cohens anschliessen kann, so sehr kann ich den Abschlussworten Homolkas folgen: «Herman Cohen steht am Ende der jüdischen Aufklärung. Die Lehren dieses Mannes, der bis zum Ende konsequent blieb, geben ein grossartiges Beispiel eines dem Idealen hingegebenen Denkens, wenn auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts das Scheitern seiner Bemühungen transparent macht.»

Neo-Orthodoxie und Liberales Judentum

Es bildeten sich zwei grosse Gruppen des modernen jüdischen Zugangs zur Religion und Theologie des Judentums heraus: die Neo-Orthodoxie mit Rabbiner Samuel Hirsch (1815-1889) und das Reformjudentum unter Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874). Hirsch hielt weitgehend an der traditionellen Überlieferung fest. Geiger hingegen hoffte darauf, dass der Mensch der Boden ist, auf dem die Saat reifen kann und auch wird. Er begründete die jüdische Reformbewegung, die im liberalen Judentum gipfelte. Die Reformbewegung setzte am Stillstand aller Entwicklungen an, die der Unterdrückung und Ghettoisierung der vergangenen Jahrhunderte zum Opfer gefallen waren. Eine Entwicklung, die weg von der Volksgemeinschaft der Schtetl hin zur sittlichen Vernunftreligion führen sollte. Eine Bestrebung, die den Gedanken von Moritz Lazarus nahekam.

Geiger glaubte an die Freiheit des Gewissens und des Glaubens, an die Freiheit der Wissenschaft und an die Freiheit aller Menschen. Homolka schreibt: «Das wahre Wesen des Judentums erblickt er in der Propheten-Religion, in dem Glauben an den einen heiligen Gott und der Bewährung desselben durch die von allen, auch den nationalen Schranken, freie Menschenliebe.»

Samson Raphael Hirsch

Homolka untersucht anschliessend den Begriff ‘Frieden’ bei Hirsch in seiner Auslegung von Psalm 72,7: «Es blühe in seinen Tagen der Gerechte und des Friedens Fülle, bis die Monde schwinden.» Psalm 72 beschreibt das harmonische Zusammenspiel nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch zwischen allem, was auf der Welt an Verbindungen und Beziehungen existiert. Frieden, so Homolka, umfasst für Hirsch nicht nur den politisch-gesellschaftlichen Kontext, sondern geht weit darüber hinaus.  Frieden in einer Harmonie, die nur von Gott gegeben und gestaltet werden kann. Für Hirsch sind daher die Begriffe ‘Gott’ und ‘Mensch’ nicht voneinander zu trennen. Hirsch geht damit konsequent den Weg der traditionellen Orthodoxie weiter. «Frieden ist der Segen und das Gesetz Gottes.»

Leo Baeck

Bei Rabbiner Leo Baeck (1873-1956) durfte das Individuum endlich aus seiner aufgezwungenen Position heraustreten. «Es ist der Glaube an Gott und der daraus fol­gende Glaube an den Menschen, an Gott, durch den das Gute seine Wirklichkeit hat, und an den Menschen, der das Gute zu verwirkli­chen vermag.» Die Aufgabe des modernen Judentums sieht Baeck darin: «Das Wissen zuerst um eine Besonderheit, um diese Gottesebenbildlichkeit durch das Persönliche. Das Bewusstsein, sodann in jedem Tage eine Antwort geben zu können, eine Antwort aus dieser Individualität hervor, diese eigene, persönliche Antwort an Gott, und das ist doch das Letzte und Tiefste aller Freiheit.» Baeck erkennt: Der Weg, den der Mensch als Individuum gehen muss, wenn er Frieden schaffen will, geht über das Ausrotten von Hass. Dieses Ausrotten muss jedoch, wenn es zielführend sein will, von jedem Einzelnen als Teil der Gemeinschaft – pars pro toto – angestrebt werden.

Das stellt, wenn wir auch heute noch oder schon wieder ganz besonders die Welt um uns herum, von der kleinsten Zelle bis zu den Staaten untereinander betrachten, eine nahezu unerfüllbare Hoffnung dar.

Trotzdem verfolgt Baeck kompromisslos seine Friedensarbeit. Baecks Gedanken folgen den Gedanken Cohens, so wie dessen Gedanken auf die von Lazarus aufbauen. Man kann auch sagen: Ohne Lazarus wäre Baeck nicht möglich gewesen. Für sie ist Frieden nur ohne Hass möglich. Hass, der in der Vergangenheit wurzelt, der in der Gegenwart bekämpft werden muss, um sich in der Zukunft als nachhaltiger Frieden zu etablieren. 

Am 3. März 1933 formulierte die ‘Rabbinical Assembly of America’ ihren Appell: »Die Welt hat so viel für den Krieg aufs Spiel gesetzt, möge sie es doch ebenso für den Frieden tun.» Am 12. April 1948, kurz vor der Unabhängigkeitserklärung, als sowohl jüdischer als auch arabischer Terror in Palästina herrschte, forderten Leo Baeck und Albert Einstein Juden und Araber auf, sich vom Terror fernzuhalten, und riefen die Juden dazu auf, ein Gemeinwesen auf einer friedlichen und demokratischen Basis zu errichten. Die Folgen davon, dass nur die Juden dazu aufgerufen wurden, müssen wir leider auch heute noch ertragen.

Der Staat Israel: Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden?

Nach mehr als 2.000 Jahren im Exil, ohne einen Staat, leben die Juden verteilt über die ganze Welt. An Orten wohin sie nach allen Vertreibungen gestrandet oder gelandet waren. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts physisch freie Bürger, doch in den Herzen immer noch unfrei. Sie lebten oft in einer Parallelwelt, im Schutz, den sie in ihrer Stadt oder auch dem Staat fanden. In Osteuropa lebten sie meist ihr traditionelles Leben weiter, sie hatten ihre Shul und ihren Cheder. Im Westen versuchten sich viele zu assimilieren und unauffälliger Teil der an und für sich fremden Gesellschaft zu werden. Hier sahen sie sich schon lange nicht mehr als ‘Gemeinschaft’. Trotzdem bauten sie Synagogen, Schulen, Hochschulen und Krankenhäuser.

Im ehemaligen Bessarabien, heute Teile von Ukraine und Moldau, am Schwarzen Meer hatte sich ein Zentrum jüdischen Lebens herangebildet. Kischinjow war mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von 47 % das Zentrum der aschkenasischen Juden schlechthin. Es gab mehr als 70 Synagogen und 16 Schulen. Es hätte ein Paradies sein können. Wenn es nicht am letzten Tag des Pessachfestes 1903 durch das erste Pogrom zerstört worden wäre. 49 Menschen starben, mehr als 400 wurden verletzt. Bei einem zweiten Pogrom im November 1905 starben 19 Juden und 56 wurden verletzt. Zuvor waren bereits bei der Beisetzung von zwei ermordeten Mädchen über 50 Juden durch die Polizei grundlos erschossen worden. Der tragische Vorgang stellte in der damaligen Zeit ‘nichts Besonderes’ dar.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Juden den Angreifern nichts entgegenzusetzen. Aus passiven, erduldenden Bürgern musste sich eine neue Wehrhaftigkeit bilden. Der bewaffnete Widerstand im Ghetto von Warschau belegt erstmals diese Notwendigkeit. Homolka beschreibt die Vorgänge des Jahres 1943 eindrücklich auf Seite 113 seines Buches. Der Begriff ‘kiddush hashem’ für den Märtyrertod erlebte eine nachhaltige Änderung. Aus der halachischen Vorschrift «im Kampf um religiöse Verfolgung das Leben zu opfern», wurde die halachische Notwendigkeit «mit Entschlossenheit und Tapferkeit bis zum Ende zu kämpfen, um der Heiligung des göttlichen Namens willen.»

In Palästina hatte sich der Friedensgedanke schon vor der Staatsgründung etabliert.  Der aschkenasische Oberrabbiner Abraham Isaac Kook (1865-1935) forderte während der britischen Mandatszeit (1920 – 1948), dass die jüdische Besiedlung des Landes nur mit friedlichen Mitteln erfolgen sollte. Doch das sollte und leider bis heute ein Wunschtraum bleiben.

In Hebron und Sfad kam es 1929 zu Massakern gegen die Juden. 113 Araber und 123 Juden wurden ermordet. Aber man muss auch festhalten, dass etwa 400 Juden nicht von der Polizei, sondern von arabischen Nachbarn gerettet wurden.

Es war schnell klar, dass das junge Israel eine Zwei-Staaten-Lösung anstreben muss, die allerdings weder damals noch heute eine breite Zustimmung fand, weder in der Bevölkerung, geschweige denn in der Regierung.

1941 kam es zu einem weiteren tragischen Pogrom. Der ‘Farhud’ erschütterte die jüdische Welt im Irak. In dem Moment, in dem die jüdische Gemeinschaft in Bagdad wieder begann, sich sicher zu fühlen, wurden sie auf den Strassen vom arabischen Mob überfallen. Je nach Quelle wurden zwischen 180 und 600 Juden grausam ermordet, mehr als 1.000 wurden verletzt. Damit endete eine 2.500 Jahre alte Geschichte der Juden in Bagdad. Eine der Urheber des Pogroms war der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini (1895-1974), der während der Zeit der Nationalsozialisten und der Shoah eine mörderische Rolle in Jerusalem und in Berlin spielte.

Bis in die 1930er-Jahre verlangte die zionistische Führung in Palästina trotz der Bedrohung durch die Araber eine ausschliesslich defensive Haltung. Und wenn es notwendig war, Gewalt anzuwenden, dann nur so viel, wie unbedingt notwendig war und mit einer klaren Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten.

Mit einem Blick auf den derzeitigen Krieg in Gaza muss sich die Frage stellen, ob und wie die Israel Defence Forces (IDF) diesem hochstehenden ethischen Anspruch gerecht werden können. Die Taktik der Hamas, sich hinter menschlichen Schutzschilden zu verstecken, macht es unmöglich, Nicht-Kombattanten zu erkennen und zu schützen.

Homolka zitiert das ‘Official Doctrine Statement of the IDF’, wo festgeschrieben wird, dass die Waffen und Kraft nur innerhalb ihrer Mission und mit Menschlichkeit eingesetzt werden dürfen. Beides darf auch nicht eingesetzt werden, um Menschen zu schaden, die keine Kämpfer oder Kriegsgefangenen sind.

Trauma und Traum lagen in der Zeit um die Staatsgründung nah zusammen: Die Pogrome, die Shoa, die Gründung des Staates Israel, die Vertreibung von etwa 900.000 Juden aus arabischen Staaten.

Rabbiner Shlomo Goren (1917-1994) war der erste Armee-Rabbiner der IDF. Für ihn standen ‘Krieg und Fragen des Geistes und der Moral’ in keinem Widerspruch. «Die Torah Israels lehrt uns und seine Propheten schärfen uns ein, dass wir keine Trennung vornehmen sollen zwischen denen, die die Fahne der Moral und des Geistes tragen und denen, die die Fahne der physischen Befreiung tragen, auch nicht durch Krieg und Eroberung.» Gorens Traum war die Schaffung einer jüdischen Halacha, einer jüdischen Ethik des Krieges. In seinen Schriften schliesst er die Zulässigkeit von erlaubten Kriegen aus, plädiert aber für Verteidigungskriege.

Bis heute beruhen die Grundwerte der IDF auf vier Säulen:

  • Der Verteidigung des Staates und seiner Bürger.
  • Patriotismus und Loyalität gegenüber Israel.
  • Menschenwürde.
  • Staatlichkeit als Armee des Volkes.

An anderer Stelle heisst es: «Manchmal müssen Kriege geführt werden. Heute gelten nur mehr Selbstverteidigung und Vermeidung von Götzendienst als Kriegsgründe, nicht aber territorialer Zugewinn. Selbstverteidigung kann auch den Erstschlag beinhalten, wenn die kriegerischen Absichten des Feindes offensichtlich sind. Juden sollten nur in Kriegen kämpfen, die zu gewinnen sind.»

Hier muss ich erneut abschweifen. Wir hatten das unglaubliche Glück, dass wir, obwohl es rein zahlenmässig gar nicht möglich schien, die grossen israelisch-arabischen Kriege gewonnen haben. Doch seit wir mit den asymmetrischen Kriegen gegen die Terror-Organisationen Hamas und Hisbollah konfrontiert werden, gibt es keine eindeutigen Gewinner und Verlierer mehr. Es gibt Waffenstillstände, die mehr oder weniger lange halten. Wie unmöglich dieser aktuelle Krieg zu gewinnen ist, ist augenscheinlich. Und trotzdem wird weitergekämpft.

Rabbiner Moshe Zemer (1932-2011) verwies darauf, dass Goren den weisen Maimonides zur Frage zitierte, warum der grosse König David den Tempel nicht bauen durfte, sondern dies erst seinem Sohn Salomon zugestanden wurde. König David sei wegen seiner Grausamkeit nicht würdig gewesen, den Tempel zu bauen. Zemer folgerte 1993: «Wenn dies für König David galt, um wieviel mehr gilt es für die gewählten Vertreter des Volkes und die Befehlshaber der Armee heute?»

Frieden ist die einzige Option

Im letzten Kapitel des Buchs greift Homolka nochmals das Anliegen des vorliegenden Buches auf: Den Friedensbegriff für das jüdische Denken durch die Jahrhunderte herauszuarbeiten. ‘Der Widerstreit zwischen einer prophetisch geprägten Friedensliebe und der Notwendigkeit, die eigene Existenz zu verteidigen und sich in einem feindlichen Umfeld zu behaupten.’

So vielfältig wie die Strömungen im Judentum, so vielfältig sind auch die Ansätze zu Gerechtigkeit und Frieden. Homolka lässt George Wilkes zu Wort kommen. Wilkes forscht an der Universität Edinburgh zum Thema ‘Making of War and Peace’. In ‘Ambivalent Normativity: Reasons for Contemporary Jewish Debate over the Laws of War» (2012), hat Wilkes herausgearbeitet, dass aufgrund des oben erwähnten Widerstreits zahlreiche Arbeiten veröffentlicht wurden, die sich genau mit dem Thema befassen: Wie kann man spezifische jüdischen Normen für die Frage von Frieden und Krieg finden? Auch in all diesen von anerkannten Wissenschaftlern geschriebenen Werken herrscht Uneinigkeit. Doch in einem waren sie sich einig: Dem Begriff Frieden wird im Judentum eine ganz besondere Wertschätzung zuteil.

Es geht darum, Frieden im Sinne Gottes zu schaffen. Das allerdings setzt voraus, dass die Gesellschaft die Prinzipien der Gerechtigkeit und der Gewaltlosigkeit höchste Priorität haben. Doch sind wir Juden absolute Pazifisten? Ich denke, Staaten oder Völker, die sich als solche bezeichnen, müssen erst entstehen. Auf der anderen Seite erlaubt das Judentum keine Kriege, die nur zum Zweck der Landeroberung geführt werden.

Der Kunst der Diplomatie soll immer der Vorzug gegenüber einem spontanen Krieg gegeben werden. Ich erlaube mir an dieser Stelle jedoch die Frage zu stellen, wie und wann sollen in Israel Diplomaten aktiv werden, wenn unseren Nachbarn es vorziehen, uns plötzlich zu überfallen, um uns dann in einen asymmetrischen Krieg zu zwingen? Was hilft es, wenn man sich einer korrupten Regierung gegenüber nicht verweigern darf, wenn diese an ihren eigenen Kriegszielen festhält und jeden abstraft, der gegen sie agiert.

Homolka betont, dass während der letzten Jahre Mechanismen zur Konfliktbewältigung gesucht und auch gefunden wurden. Doch dann kam die Ernüchterung, in der Praxis blieben sie erfolglos. Oder sie wurden falsch eingesetzt oder auch ignoriert.

Der 7. Oktober 2023 machte uns klar, dass unser kollektiver Traum von einer friedlichen Welt wie eine Seifenblase zerplatzte. Das jüdische Volk wurde nicht nur in Israel, es wurde weltweit re-traumatisiert.

Wir alle waren an dem Tag beim Musik-Festival in Re’im, wir waren Gäste in einem Kibbutz. Wir waren dorthin verbunden durch die Medien. Wir alle haben das schlimmste Trauma seit der Shoa erlebt. Wir mussten es hilf- und schutzlos erleben, ohne Gegenwehr für Stunden, bis IDF und Polizei eintrafen. Es wird Jahre dauern, bis die inneren Wunden heilen können.

Und wir haben eines erkennen müssen: Unser Frieden in Israel ist fragil. Es braucht viel mehr Sicherheiten als wir jetzt haben, um uns zu schützen.

Weltweit werden wir heftig kritisiert, dass es in Gaza zu viele zivile Opfer gibt, obwohl die Hamas in der vergangenen Woche die Zahl der getöteten Zivilisten deutlich nach unten korrigiert hat. Trotzdem, ein Vorwurf wird bleiben, wohin, und hier lässt Homolka die amerikanisch-jüdische Philosophin Seyla Benhabib zu Wort kommen, wie nahezu zwei Millionen Zivilisten fliehen sollen. Im Dezember 2023 schreibt sie: «Israel muss sich die Frage gefallen lassen, wohin die Palästinenser gehen sollen. Ich verstehe die Strategie Israels auch nicht. Ägypten wird diese Menschen wahrscheinlich nicht aufnehmen, …..» Sie verweist auch darauf, dass es am Ende eine ethisch vertretbare Reaktion geben muss.

Im Schlussabschnitt sagt Homolka noch einmal wahre Worte:

Wir müssen nach diesem furchtbaren Massaker neu beginnen. Es darf nicht Hass sein, der unsere Zukunft bestimmt, sondern «Frieden ist die einzige Option». Das wird unsere Aufgabe sein. Wir können nicht darauf warten, dass Messias sie eines Tages für uns löst.

«Obwohl in der Torah über Kriege gesprochen wird, wird über sie um des Friedens willen geschrieben.»

Krieg und Frieden im Judentum

Walter Homolka

Patmos Verlag 2025

ISBN 987-3-8436-1587-7 (print)

ISBN 978-3-8436-1598-3 (eBook)



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