15./16. Tammus 5785 11./12. Juli 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 19:07
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:28
Shabbateingang in Zürich: 21:04
Shabbatausgang in Zürich: 22:20

In diesem Wochenabschnitt der Torah lernen wir die Eselstute von Bileam, dem bekanntesten Seher seiner Zeit, kennen. Sie ist eine kluge Eselin, die das Schimpfwort ‚dummer Esel‘ gründlich widerlegt. Ich hoffe, niemand von euch hat in der Schule die Bekanntschaft einer Eselskappe gemacht. Von allen Strafen die grösste Demütigung, die pädagogisch untaugliche Lehrer einem Kind antun konnten.
Balak, der König der Moabiter, bekommt es mit der Angst zu tun. An den Landesgrenzen zieht die unüberschaubare Schar der Israeliten auf. Auf ihrem Weg von Ägypten herauf hatten sie schon manche Schlacht geschlagen und alle für sich entschieden. Als König hat Balak die Pflicht, seinen Staat und sein Volk zu schützen. Schon damals waren Könige und Kaiser dem Wohlergehen der Bürger verpflichtet. Das ist keine Erfindung der Neuzeit.
Balak sah sich überfordert und rief Bileam zu Hilfe. Selbstverständlich bot er ihm eine gute Entlohnung, denn Bileam musste von weit her zu ihm kommen. Balak hatte einen klaren Auftrag an Bileam: er solle die Israeliten verfluchen. Auf die Kraft dieses Fluches baute der verzweifelte König. Der allein wäre stark genug, ihn in einem möglichen Kampf siegreich sein zu lassen. (Vers 22:6).
Bileam aber entpuppt sich als Mann, der auf Gott vertraut, mehr noch, als Prophet. Balak hat, so wird sich bald zeigen, auf den falschen Esel gesetzt!
Bileam lädt die Boten Balaks ein, bei ihm zu bleiben, er hofft auf eine Anweisung Gottes, wie er sich verhalten soll. Gott fordert ihn auf, nicht zu Balak zu reisen, die Israeliten nicht zu verfluchen, denn sie seien geheiligt. (Vers 22:12). Balak startet einen zweiten Versuch, er stellt ihm einen höheren Lohn in Aussicht. Wieder fordert Bileam die Boten auf, zu bleiben und auf Gottes Anweisung zu warten. Diesmal rät ihm Gott, mit den Männern zu gehen, aber nur das zu tun, was Er ihm unterwegs befiehlt, zu tun. (Vers 22:20)
Obwohl Bileam doch genau das tut, was Gott ihm befohlen hat, wird Gott zornig. Er postierte einen Engel – für Bileam unsichtbar – auf dem Weg, um ihn am Weiterreiten zu hindern. Die Eselin erkennt das Hindernis und weicht ihm instinktiv aus. Mit dem Hieb seiner Gerte zwingt Bileam sie wieder auf den Weg zurück. Dreimal wiederholt sich die Begegnung, dann bricht die Eselin in die Knie. Gott spricht durch das Maul des geschundenen Tieres und möchte den Grund für diese Misshandlung erfahren, da es sich keiner Schuld oder Illoyalität bewusst ist.
Bileam erkennt, dass Gott ihm den Engel gesandt hat, um ihn am Weitergehen zu hindern und dass er den Weg ins Verderben, dem er blind gefolgt ist, nicht erkannte. Gott befiehlt ihm nochmals, weiterzugehen, aber nur seine Worte weiterzugeben. Dadurch gestärkt trat Bileam auf Balak zu.
Am kommenden Tag geschieht das grosse Wunder. Aus dem Fluch, den er über das Volk Israel spricht, wird ein Segensspruch. Balak will noch nicht einsehen, dass sein Plan gescheitert ist. Am kommenden Tag ist es wieder ein Segensspruch, den Gott ihn sprechen lässt. Und noch ein drittes Mal versucht Balak, Bileam dazu zu bringen, das Volk Israel zu verfluchen. Doch was geschieht? Der Fluch wird wiederum zum Segen, Bileam drückt seine Ehrfurcht vor Gott und dem Stiftszelt aus. Wer kennt nicht das wunderschöne Lied, das mit der ersten Zeile des Segensspruches beginnt?
מַה טּוֹבוּ אֹהָלֶיךָ יַעֲקֹב מִשְׁכְּנֹתֶיךָ יִשְׂרָאֵל «Wie schön sind deine Zelte, Ja’acov und deine Wohnungen, Israel!»
Bileam hat alle Fehler wieder gut gemacht, stolz kann er Balak gegenübertreten und ihm sein trauriges Schicksal vorhersagen.
Was lernen wir aus dieser eindringlichen Geschichte?
Bileam sieht sich selbst als Mann, der an Gott glaubt und gerne dessen Wünsche und Befehle erfüllen wird. Aber es mangelt ihm an Demut, an der Erkenntnis, dass er eben doch nicht alles a priori so perfekt versteht. Es war der Instinkt des Tieres, das die möglichen Fehltritte vorhersah
und mit sicherem Gespür versuchte, den hochintellektuellen Bileam «nicht abstürzen» zu lassen.
Wir sprechen oft von unserem «Bauchgefühl» und werden oft dafür verlacht, wenn wir uns darauf verlassen. Verlassen wir uns doch manchmal wieder auf unser Gefühl, auf den sechsten Sinn, auch auf das Kind in uns. Manchmal ist eben doch weniger Kopfarbeit und mehr Gefühl gefragt. Lassen wir das doch zu!
Kommen wir nun wieder zu den Sprüchen der Väter und beginnen heute mit Kapitel 4:
- Ben Soma sagt: Wer ist weise? Der von jedem Menschen lernt. Denn es ist gesagt: ‘Von allen, die mich belehrten, habe ich Weisheit gelernt. Denn deine Zeugnisse sind meine Unterhaltung.’ Wer ist stark? Der seine Leidenschaft bezwingt. Denn es ist gesagt: ‘Besser ein Langmütiger, als ein Held und der seinen Willen beherrscht als Eroberer von Städten.’ Wer ist reich? Der an seinem Teil Freude hat. Denn es ist gesagt: ‘Deiner Hände Mühen, wenn du das geniesst, dein ist dann aller Fortschritt und Gutes.’ Fortschritt und Gutes in der künftigen Welt. Wer wird geehrt? Der die Menschen ehrt. Denn es ist gesagt: ‘Denn die Mich ehren, bringe Ich zu Ehren und Meine Verächter werden entwürdigt.’
Der wirklich weise Mensch lernt von wem auch immer er etwas lernen kann. Heute, wo die Halbwertszeit von Wissen sich rasend schnell verkürzt, wird ‘altes Wissen’ zwar nicht irrelevant, aber es wird andauernd durch neue Erkenntnisse ergänzt. Jeder, der nicht stagnieren will, tut also gut daran, Wissen dort zu suchen und sich anzueignen, wo es entsteht. Bei der jüngeren Generation. Je nachdem, wie man mit neuem Wissen umgeht, kann es auch ein Genuss sein! Man darf nur keine Angst vor einem Gesichtsverlust haben, wenn man fragt.
Überhastetes Handeln hat noch nie Gutes erreicht. Wer blind vor Wut oder blindem Ehrgeiz, ohne Respekt für sein Gegenüber, auf das eigene Ziel losstürmt, wird zwar möglicherweise einen raschen ‘Erfolg’ haben, aber niemals die Achtung anderer erringen. Sinnvoller ist es, die vorhandenen Kräfte Einzelner zu bündeln, eine Strategie zu entwickeln und gemeinsam das Ziel zu erreichen. Das gilt nebenbei auch für das Lernen!
Reich ist der, der diesen Reichtum nicht verschleudert, sondern ihn gezielt einsetzt. Der sich weder auf seinem Reichtum ausruht und naiv darauf hofft, dass er ihm für alle Zeiten ein geruhsames Leben ermöglicht, noch der, der Versprechungen der Bankenwelt folgt, viel einsetzt und nicht versteht, dass es fast immer die Bank ist, die gewinnt. Reich ist der, der weise und ohne Hektik plant und auch andere daran teilhaben lässt. Reich ist auch der, der über ein grosses Wissen verfügt und in den Fortschritt investiert.
Wer sein Leben so ausrichtet und diese wenigen Richtwerte erfüllt, der darf darauf hoffen, ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft zu werden.
Shabbat Shalom
Kategorien:Religion
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