29./Tammus/1. Av 5785 25./26. Juli 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 19:01
Shabbatausgang in Jerusalem: 20:20
Shabbateingang in Zürich: 20:50
Shabbatausgang in Zürich: 22:03

Heute beenden wir mit einem Doppel-Wochenabschnitt das vierte der fünf Bücher der Torah. Am Ende eines jeden Buches sagt man „Chasak, chasak we’nitchasek». Diese Worte sollen an die Aufforderung erinnern, die Moshe kurz vor seinem Tod an das gesamte Volk «chisku ve’imtzu» «Seid stark und mutig!» Dvarim 31:6 und später an seinen Nachfolger Jehoshua richtet «Chasak ve’ematz» «Sei stark und mutig!» Dvarim 31:7 und 31:23.
Es geht um Gelübde. Bis zu Yom Kippur dauert es noch einige Wochen. In diesem Jahr beginnt unser höchster Feiertag am Abend des 1. Oktobers. Vor dem Abendgebet hören wir das „Kol Nidrei“ was nichts anderes als „Alle Gelübde“ bedeutet. Das „Kol Nidrei“ bezieht sich ausschliesslich auf Gelübde, die wir gegenüber Gott ausgesprochen haben. Sie müssen unwissentlich oder unüberlegt ausgesprochen worden sein, also keinen „Handel“ mit Gott beinhalten. Die Interpretation, die wir immer wieder von Antisemiten hören, ist völlig falsch. Nie dürfen Gelübde gegenüber Nichtjuden „einfach so“ aufgelöst oder als nichtig bezeichnet werden. Auch Meineide vor Gericht sind hiervon nicht betroffen!
Doch heute geht es um weltliche Gelübde und Eide. Wie oft hört man das halbbatzige Versprechen „Ich komme bald mal wieder vorbei“ und oft kann man lange darauf warten, ob dieser geplante Besuch auch tatsächlich stattfinden wird. In Israel hört man am Ende des Satzes oft: „bli neder“, also „ohne Verpflichtung“. Nur keine Verpflichtung eingehen! Alles unverbindlich in der Schwebe halten. Solange es nur um Besuche geht, ist das Ergebnis schlimmstenfalls eine Enttäuschung, aber kein rechtlicher oder wirtschaftlicher Schaden.
Ein Mann muss, wenn er ein Gelübde oder einen Eid abgelegt hat, diese halten. Gseit isch gseit! Lieber vorher nachdenken, bevor man etwas verspricht, das man dann schlussendlich lieber rückgängig machen würde.
Eine Frau hingegen hat es vermeintlich einfacher. Lebt sie noch unverheiratet bei den Eltern, so obliegt es dem Vater, falls er von einem von der jungen Frau gegebenen Gelübde hört, dazu zu schweigen und es damit zu billigen. Oder er verweigert die Zustimmung, dann werden ihre Gelübde hinfällig und Gott wird es verzeihen. Das war früher oft bei heimlichen Verlobungen der Fall…..
Ist sie bereits verheiratet, so gilt das Gleiche, nun aber für den Ehemann. Schweigende Zustimmung oder Ablehnung, es liegt in seiner Entscheidung. Doch hier kommt ein neuer Aspekt hinzu. Ihre Bindung kann auch durch ein „voreiliges Wort“ entstanden sein.
Als Witwe gibt es niemanden mehr, der für sie bei Gott erreicht, dass ihre voreiligen Gelübde hinfällig werden.
Aus diesen Beispielen muss man einige Fragen ableiten.
War man als Frau bei Gott weniger wert? War ihr Wort geringer zu schätzen als das eines Mannes? Wenn man liest, mit welcher Akribie hier beschrieben wird, wie die Gelübde und Eide von Frauen aufgehoben werden konnten, so liegt die Vermutung nahe.
Im Buch der Frauen in der Mischna, „seder nashim“ finden wir das Kapitel „nedarim“. Dort wird in den Absätzen 10 und 11 der heutige Wochenabschnitt noch genauer definiert. Das Mädchen, das verlobt ist und noch beim Vater lebt, muss mindestens 11 Jahre alt sein und verstehen, was ein Gelübde oder ein Eid ist. In dem Fall braucht es Vater und Bräutigam, nur gemeinsam können sie den Willen des Mädchens aufheben.
Der Vater hat ein Vorrecht über den Bräutigam, verstirbt dieser, kann er wieder allein verfügen, stirbt aber der Vater, so fällt das Recht nicht an den Bräutigam. In dem Fall gilt sie als selbstbestimmt, wie eine Witwe oder eine verlassene Frau. Verlässt sie ihr Vaterhaus, so löst der Vater alle bis anhin getätigten Gelübde auf, das gleiche Ritual kommt dem zukünftigen Ehemann unmittelbar vor der Chuppa zu.
Allein schon die Menge der Einschränkungen, die wir in der Mischna finden, zeigt, wie schwer sich die Weisen damit taten, festzustellen, unter welchen Umständen die Frau dem Mann nicht gleichgestellt ist.
All diese ausgetüftelten Regeln sind in der heutigen modernen Welt nicht mehr angemessen. Frauen haben sich ihre Gleichberechtigung mühsam erstritten, auch dem konservativsten jüdischen, christlichen oder säkularen Mann ist das klar geworden.
Nehmen wir also diesen Wochenabschnitt als wunderbares Beispiel für die klassische Literatur, die wir in der Torah immer wieder finden. Die Richtschnur für unser Leben, an der wir uns festhalten können, die uns aber nicht zu Sklaven macht. Sondern im Gegenteil, zu freien Menschen mit dem Recht selbst entscheiden zu können.
Kommen wir wieder zu den Sprüchen der Väter.
(6) Rabbi Jishmael Sohn des Rabbi Jossi sagt: Wer lernt, um zu lehren, dem gewährt man genügend Zeit, zu lernen und zu lehren. Aber wer lernt, um zu erfüllen, dem gewährt man genügend Zeit zu lernen und zu lehren, zu hüten und zu erfüllen.
Natürlich geht es hier um das Lernen der Torah und um das Weitergeben dieses Wissens. Ich sehe in diesem hier beschriebenen Lernen drei Stufen: Die erste Stufe ist das ‚einfache‘ Lernen. Sei es aus Interesse, nur für sich selbst, als Vorbereitung zu einer Prüfung. Vielleicht auch als Training für ein etwas schlapp gewordenes Gehirn. Es ist interessant, dass Rabbi Jishmael diese Grundstufe gar nicht erwähnt. Wenn ich mich hier vom engen Kontext des Verses abwende und von allgemeinen Studien spreche, so empfinde ich das ‚Lernen um des Lernens Willen‘ als wichtiges Basistraining; Wie lerne ich, wie kann ich mein Wissen auch dauerhaft abspeichern, sodass es jederzeit wieder abrufbar ist?
Die nächste Stufe ist der Wissenserwerb, der andere Komponenten beinhalten muss als das Basiswissen. Wer lehren will, muss über didaktische Fähigkeiten verfügen. Er muss Geduld aufbringen und Empathie seinen Schülern gegenüber haben. Und, ganz wichtig, er muss in der Lage sein, Gedankengänge von Schülern, die ja ihren eigenen Weg, Wissen anzusammeln, erst finden müssen, mitzugehen und nicht kleinzureden!
Die letzte hier beschriebene Stufe steht heute für die Forschung und baut auf den beiden ersten Stufen auf. Gelerntes und fest abgespeichertes Wissen mit neuem Wissen zu verbinden, ist ganz besonders wichtig, wenn sich heute die Halbwertszeit des Wissens drastisch verkürzt.
Ein spannender Ansatz, wenn man bedenkt, wie alt diese Weisheiten sind!
Shabbat Shalom ve Rosh Chodesh Av tov!
Kategorien:Religion
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