Dwarim, Ekew 7:12 – 11:25

21./22. Aw 5785                                                              15. /16 August 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:43

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:00

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:19

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:26

ב“ה

Die ersten Abschnitte führen den Israeliten erneut vor Augen, was geschieht, wenn sie die Gesetze Gottes nicht einhalten. Die Worte erinnern die Israeliten an die positiven und negativen Höhepunkte der langen Wüstenwanderung. Wir lesen noch einmal vom Verzweifeln, weil es keine Nahrung und kein Wasser gab und Gott ihnen Manna gab und Wasser aus dem Felsen sprudeln liess. Wir lesen noch einmal vom Goldenen Kalb, das sie in ihrer Verzweiflung, weil sie glaubten, Moshe habe sie verlassen, anbeteten und dadurch Gottes Zorn erregten.

Immer wieder haben sie von Moshe gehört, dass sie bald in das Land hineinziehen werden, das Gott ihnen versprochen hat. Moshe darf in dieser letzten grossen Rede vor seinem Tod frei sprechen. In dem Moment ist er nicht mehr das Sprachrohr Gottes. Deshalb hat sich auch die Sprache geändert. Bisher hiess es immer: «wenn ich, dein Gott dieses oder das tue, dann….»,  jetzt lesen wir «wenn der Herr, dein Gott ……..» Moshe darf interpretieren, er darf ganz authentische Schwerpunkte setzen. Es ist eine Art Testament, das er kurz vor seinem Tod formuliert. «Denn nicht, weil du im Recht bist und die richtige Gesinnung hast, kannst du in ihr [der Kanaaniter] Land hineinziehen und es in Besitz nehmen. Vielmehr vertreibt der Herr, dein Gott, diese Völker vor dir, weil sie im Unrecht sind und weil der Herr die Zusage einlösen will, die er deinen Vätern Avraham, Itzhak und Ja‘acov mit einem Schwur bekräftigt hat. Du sollst erkennen: Du bist ein halsstarriges Volk. Daher kann dir der Herr, dein Gott, dieses prächtige Land nicht etwa aufgrund eines Rechtsanspruchs geben, damit du es in Besitz nimmst. Denk daran und vergiss nicht, dass du in der Wüste den Unwillen des Herrn, deines Gottes, erregt hast. Von dem Tag an, als du aus Ägypten auszogst, bis zur Ankunft an diesem Ort habt ihr euch dem Herrn ständig widersetzt. Vor allem am Berg Horev habt ihr den Unwillen des Herrn erregt. Damals grollte er euch so sehr, dass er euch vernichten wollte.» (Dwarim 9:6 – 8)

Gefallen wird das den Israeliten nicht. Man kann sich vorstellen, dass sie das unglaubliche Geschenk als selbstverständlich ansahen. Sie glaubten, mit der langen Wanderung alles an Sühne getan zu haben. ‘Genug! Gott, es reicht, musst du jetzt wieder Forderungen an uns stellen? Musst du wieder von uns verlangen, immer gehorsam zu sein und deinen Vorschriften bis auf den letzten Punkt zu gehorchen?’ Ja, das ist so! «… dass du Ihn fürchtest, indem du auf die Gebote des Herrn und Seine Gesetze achtest, auf die ich dich heute verpflichte. Dann wird es dir gut gehen.» (Dwarim 10:13)

Dann und nur dann, werden die Israeliten das Land, in dem Milch und Honig fliessen, in dem der Regen das Land wässert, der Samen rechtzeitig aufgeht und die Ernte reichhaltig sein wird, wirklich in Besitz nehmen können!

Gottes Versprechen an uns: «Du wirst essen und satt werden und den Herren preisen für das herrliche Land, das er dir gegeben hat.» (Dwarim 8:10) Wir erinnern uns bei jedem Kiddusch, vor der Mahlzeit am Shabbat und an den Feiertagen an den Auszug aus Ägypten.

Im Tischgebet, das bei uns nach der Mahlzeit gesprochen wird, erinnern wir uns im ersten und zweiten Segensspruch an die Speisen, die wir heute und auf der Wanderung erhalten haben und des Landes, in das Gott uns geführt hat und in dem wir auch heute unsere emotionale Identität leben dürfen.

Beides gehört für uns als Juden unauflöslich zusammen, die Erinnerung daran, dass wir als Fremde nach Ägypten kamen, aus Ägypten auszogen und in das uns verheissene Land einzogen. In der Hoffnung und der aufkeimenden Sicherheit, dass Gott uns leiten und schützen wird. Wie es zu lesen steht: «Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung» (Dwarim 10:18)

Wir wissen, dass es nicht einfach sein wird, uns immer an Gottes Gebote zu halten, es liegt an uns, sie mit unseren Bemühungen zu erfüllen. Moshe erinnert uns heute daran, dass der göttliche Segen sich nicht nur in den grossen, bedeutenden Augenblicken zeigt. Der Segen kommt auch, wenn wir einfach nur zuhören, uns an etwas zu erinnern versuchen. Dass es nicht die schnellen Erfolge sind, die unsere Gesellschaft heute so gerne feiert, sondern die, von denen wird sagen ‘steter Tropfen höhlt den Stein’.

Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:

(25) Elisha, Sohn Awujas, sagt: Was einer in seiner Jugend lernt, gleicht Tinte, die auf frisches Papier geschrieben wird. Was einer im Alter lernt, gleicht Tinte, die auf ausgebleichtes Papier geschrieben wird.

(26) Rabbi Jossi, Sohn Jehudas, aus Kfar Habawli, sagt: Wer von jungen Menschen lernt, gleicht dem, der unreife Beeren isst und Wein aus der Kelter trinkt. Wer von alten Menschen lernt, gleicht dem, der reife Beeren isst und alten Wein trinkt.

(27) Rabbi Meir sagt: Siehe nicht auf das Gefäss, sondern auf das, was darin ist. Manches junge Gefäss enthält alten Wein und in manchem alten Gefäss befindet sich nicht einmal junger Wein.

Diese Verse gehören inhaltlich sehr eng zusammen. Es ist schön, dass Elisha so optimistisch ist. Aber es ist nicht nur der Zeitpunkt, an dem wir etwas lernen, sondern auch die Häufigkeit der Wiederholungen. Die moderne Neuropsychologie weiss, dass die Synapsen durch wiederholtes Ansprechen bestimmter Regionen einmal Erlerntes korrigieren, in einen neuen Kontext stellen und es so immer weiter ausbilden. Das ist das weisse Papier, das es ermöglicht, das Geschriebene auszuradieren und neu zu schreiben. Findet so ein gezieltes Lernen im fortgeschrittenen Alter statt, ist der Vorgang etwas mühsamer, wenn es z.B. um Lernstoffe geht, die nirgendwo andocken können. Dann kann es sein, dass der Lernprozess länger dauert.

Andererseits ist es so, wie Rabbi Jossi es beschreibt. Junge Menschen sind oft ungeduldig, nichts geht ihnen schnell genug. Das ist es auch, was die heutige Zeit verlangt, Geschwindigkeit, Vielfältigkeit. Aber eben auch in manchen Bereichen ohne die nachhaltige Tiefe, die ein gut gesichertes Wissen ausmacht. Unreife Beeren und der ‘stürmische’ Wein aus der Kelter verursachen Bauchschmerzen, was nicht hilfreich beim Lernen ist,

Wobei, ich muss sagen, ich habe von meinen Schülern sehr viel gelernt, vor allem wenn es um moderne IT-Fähigkeiten ging, mit denen sie aufgewachsen waren, von denen ich aber keine Ahnung hatte! Das ist das, was ich von Rabbi Meir verstehe. Manchmal sind wir zu voreingenommen, zu arrogant, um zu erkennen, was sich uns anbietet. Es lohnt sich, offen zu sein, wenn man die Möglichkeit hat, Neues zu lernen.

Shabbat Shalom



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