Dwarim, Re’eh 11:26 – 16:17

28./29. Aw 5785                                                              22./23. August 2025  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:35

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         19:52

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:07

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:12

ּב“ה

In der Torah haben wir die Gebote und Verbote gehört, die Gott uns gegeben hat. Immer wieder hiess es da: «Wenn du das und das tust, dann wirst du …» Erst vor zwei Wochen haben wir gelesen: «Wenn du Vater und Mutter ehrst, dann wirst du lange leben!» Unser Verhalten begründet die Folgen unseres Tuns. Wir selbst und nur wir sind verantwortlich für das, was unser Leben bestimmt. Ob es Erfolg, Glück und Gesundheit sind, die uns das Leben relativ leicht machen, oder ob es ein ständiger zermürbender Kampf ist. Natürlich gibt es Ausnahmen.

Erst jetzt, am Ende seines langen und teilweise mühsamen Lebens, das voller Lebenserfahrung ist, ist Moshe nicht mehr das Sprachrohr Gottes. Er darf dem Volk Israel noch einmal zusammenfassen, was er während der 40 Jahre gehört und weitergegeben hat. Jetzt lässt er die Folgen offen, die uns treffen, wenn wir uns nicht an die Gebote Gottes halten. Er entlässt uns sozusagen in die Eigenverantwortung.

Wir werden heute mit einer für uns noch nicht bekannten Vorschrift konfrontiert, die uns auffordert, Heiligtümer, Statuen und Altäre anderer Religionen zu zerstören? (Dwarim 12:2) Ist das wirklich im Wortsinn so zu verstehen?

Jüdische Siedler-Terroristen legten vor wenigen Wochen Feuer an eine alte Kirche in Taybeh in Samaria. Das Josephsgrab in Nablus wird immer wieder von Muslims geschändet. Jüdische Friedhöfe sind weltweit immer wieder das Opfer von blinder Zerstörungswut. In Gaza wurde eine katholische Kirche von der IDF angegriffen. Es gab Tote und Verletzte. Trotzdem, davon, dass Juden religiöse Stätten anderer Religionen in der Neuzeit geschändet oder zerstört haben, liest man sehr selten.

Vielleicht liegt das auch daran, dass das kollektive Unterbewusste immer noch traumatisiert ist von den Folgen der zweimaligen Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Zweimal verloren wir unsere Heimat. Einmal, als die Oberschicht der Israeliten nach Babylon verschleppt wurde und dort für hundert Jahre im Exil lebte. Auch dann, als sie wieder heimkehren konnten, blieb ein Teil der Exilanten dort und legte den Grundstein zu einer reichen jüdischen Kultur im Irak die bis zu den Pogromen im 20. Jahrhundert existierte. 

Der Satz: «Juden wie Muslims müssen lernen, dass Kompromisse keine Zeichen von Schwäche sind» könnte in diesen unruhigen Zeiten in Israel und weltweit vielleicht ein Denkanstoss für jeden Einzelnen, nicht nur für jeden Politiker sein. 

Als der zweite Tempel zerstört wurde, wurden wir in alle Welt hinaus vertrieben. Neben unserer Heimat verloren wir auch unsere kollektive Identität. Die Diaspora gipfelte in der Shoa, der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung durch die Nazischergen und ihre Kollaborateure weltweit. Mehr als sechs Millionen Juden verloren ihr Leben in dieser dunkelsten Zeit der europäischen Geschichte. Unsere neue Heimat fanden wir, so schien es, mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948. Im gleichen Jahr fand nicht nur die Nakba, die grosse Vertreibung der Moslems aus ihren Wohngebieten statt. Zeitgleich wurde eine noch grössere Anzahl von Juden aus moslemischen Staaten vertrieben.

Doch Ruhe fanden wir auch dort nicht. Das grösste Massaker nach der Shoa haben wir am 7. Oktober 2023 erleiden müssen. Die Folge war ein grausamer Krieg, der immer noch andauert.

Wir haben gelernt, was ständige Bedrohungen und Qual mit Menschen machen. Wir haben auch gelernt, dass Morden aus Hass nie eine Lösung von Problemen ist. Dass wir andere Lösungen finden müssen. Gemeinsam, nicht in alleinherrlicher Weise.

Wir befinden uns nicht mehr in der oft lebensbedrohenden Wüste. 

Nehmen wir uns Zeit, bevor wir andere Heiligtümer, Statuen und Altäre, sei es im Wortsinn oder symbolisch angreifen und zerstören. «Juden wie Muslims müssen lernen, dass Kompromisse keine Zeichen von Schwäche sind».

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter

(28) Rabbi Elasar Hakapar sagt: Der Neid, das Begehren und die Gier, geehrt zu werden, bringen den Menschen aus der Welt.

Meine Generation hat sie noch gekannt, die ‘Poesiealben’, in denen wir versuchten, mit möglichst originellen Sprüchen und glitzernden Bildchen unsere tiefsten Gedanken zu dokumentieren. Einer der beliebten Sprüche war: «Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.» In meinem grüngebundenen Büchlein findet er sich viermal! Nur die glänzenden Bilder wechseln. Wir Kinder waren uns also damals schon durchaus bewusst, dass der Neid ein Grundübel unseres Verhaltens ist. Umbringen, so wie Rabbi Elasar es prophezeit, wird es uns zwar nicht, aber uns das Leben schwermachen. Löst der Neid beides aus? Sind Begehren und Gier nicht dasselbe? Umgangssprachlich mag das so sein. Schaut man aber genau hin, so gibt es einen Unterschied. Das Begehren wird zumeist durch unbewusste seelische Faktoren ausgelöst, oft durch Phantasievorstellungen und Wünsche. Die Gier hingegen durch körperlich bedingte Mangelerscheinungen. Vielleicht sieht der Wanderer in der Wüste eine Fata Morgana, die ihm vorgaukelt, den brennenden Durst an einer Quelle löschen zu können. Die Gier, auch Habsucht genannt, löst das dringende Bedürfnis aus, seinen brennenden Durst an der echten Wasserquelle zu löschen. Um die weiter oben gestellte Frage zu beantworten: Ja, der Neid kann das unbewusst auftauchende Begehren auslösen, weil es unspezifisch ist. Und auch die Gier, aber nur dann, wenn sie nicht auf einen echten Mangel ausgerichtet ist.

Wenn ich versuche, den Vers von Elasar in einen heutigen Kontext zu stellen, dann kann er bedeuten: wer einen Mitmenschen um seine bessere Stellung, das höhere Vermögen, die glücklichere Familie….. beneidet, den befällt oft ein unerklärliches Begehren, dies alles auch für sich zu haben. In seiner Gier, das zu erreichen, wird er vielleicht übersehen, dass er mit seinem Leben, was er selbst erreicht hat, zufrieden sein darf. Erst wenn ihm klar wird, dass er durchaus Anerkennung und Ehre für sein ehrliches Leben verdient, wird er zufrieden und glücklich sein. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel

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