Dwarim, Shoftim 16:18 – 21:9

5./6. Elul 5785                                                                 29./30. August 2025 

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         18:27

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        19:43

Shabbateingang in Zürich:                                                                 19:54

Shabbatausgang in Zürich:                                                                20:57

Der heutige Wochenabschnitt beschäftigt sich mit dem wichtigsten Instrument eines freien, demokratisch geführten Staates: Der unabhängigen und unbestechlichen Justiz.

Früher haben wir gelesen, dass Moshe sich in seiner Aufgabe als Richter überfordert sah. Zu viele Menschen kamen zu ihm, sei es, um sich seinen Rat zu holen, sei es, um ihre Streitigkeiten schlichten zu lassen und Gerechtigkeit zu suchen. Sein Schwiegervater, Jitro, der Vater seiner ersten Frau Zippora, gab ihm den Rat, Richter einzusetzen, «tüchtige, gottesfürchtige und zuverlässige Männer, die Bestechung ablehnen». Sie sollten über die einfacheren Fälle selbstständig richten, die anderen aber nach wie vor zu Moshe bringen.

Im heutigen Wochenabschnitt erfahren wir weitere Grundvoraussetzungen, die auch in der modernen Justiz, der dritten Säule der Gewaltenteilung, ihren Niederschlag finden. Gerechte Urteile sollen die Richter sprechen. Aber wie kommt man zu so einem Urteilsspruch? Auch hier gibt uns die Torah drei klare Vorgaben: Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst alle Menschen gleich behandeln, unabhängig von gesellschaftlicher Stellung, Herkunft, Geschlecht und heute müssen wir noch hinzufügen, Religion. Und, du sollst nicht bestechlich sein.

Auch ein Grundsatz des Römischen Rechts ist bereits hier verankert: Im Zweifel für den Angeklagten! Bei Kapitalverbrechen, auf die die Todesstrafe steht, müssen mindestens zwei Zeugen die Tat belegen, steht nur ein Zeuge zur Verfügung, so ist der Angeklagte freizusprechen. Legt ein Zeuge falsches Zeugnis ab, so ist er so zu bestrafen, wie es der eigentliche Angeklagte hätte für die Tat erwarten müssen.

Verbrechen, die ausserhalb der Kompetenz eines Bezirksgerichtes stehen, müssen vor die nächsthöhere Instanz gebracht werden. Vor den Leviten und dem dort amtierenden Richter wird die Klage erneut vorgebracht. Das Urteil ist endgültig, wer sich nicht daran hält, wer das Urteil nach seinen Gunsten auslegt oder auslegen lässt, der soll getötet werden. Heute geht man nicht mehr so streng mit denen um, die den Urteilsspruch nicht akzeptieren. Sind es Personen des öffentlichen Lebens, so füllen die Fälle die Printmedien. Getötet wird deshalb niemand. Es liegt in der Geschicklichkeit seiner Rechtsvertreter, ein neues Urteil zu erkämpfen. In der modernen Rechtsprechung kennen wir das Instrument der Berufung, sei es vor dem gleichen oder einem höhergestellten Gericht.

Neben den Richtern in den unterschiedlichen Gerichtsbarkeiten lernen wir in diesem Wochenabschnitt den König kennen. Viel erfahren wir über ihn nicht. Das Wichtigste seines Königtums ist das andauernde Lernen der Torah. Die soll er immer bei sich führen und darin lesen. Er soll daraus lernen, Gott zu fürchten und sich an seine Gesetze zu halten, ohne im Geringsten davon abzuweichen.

Gemessen an der Gesamtzeit der jüdischen Geschichte nimmt die der Könige nur eine kurze Zeitspanne ein. Sie beginnt mit dem Zusammenschluss des Nord- und Südreiches mit der Hauptstadt Jerusalem um 1.000 BCE und endet 586 BCE mit der Zerstörung der Stadt und dem Beginn des ersten Exils in Babylon. Man muss also leider sagen, dass das Modell des jüdischen Königreiches kein Erfolgsmodell war. Zu unvorbereitet war man auf die feindlichen Angriffe der kriegshungrigen Nachbarn.

Verfolgt man die heutige Situation in Israel, so müsste man diesen Wochenabschnitt unbedingt bei der Eröffnungssitzung der Knesset nach den Feiertagen vorlesen.

Verfechter der aktuellen Politik bezeichnen die Bemühungen der Regierung, die Gewaltenteilung abzuschaffen, euphemistisch als «Korrekturmassnahme, um den zu aktiv gewordenen OGH einzubremsen.» Tatsächlich soll die Justiz ganz unter das Regime der faschistischen Machthaber gebracht werden, die die Demokratie in eine Autokratie umwandeln wollen. Der OGH hat die unrechtmässige Entlassung von GStA Gali Baharav-Miara gestoppt, bis alle Petitionen bearbeitet worden sind. Und das braucht Zeit!

In unserem Wochenabschnitt finden wir durchaus einen Vorläufer der demokratischen Gewaltenteilung: Einen König, eine differenzierte Justiz und eine noch recht undifferenzierte Legislative. Das Volk darf sich überlegen, ob es einen König haben möchte, oder nicht. Es heisst «du darfst einen König einsetzen», wobei Gott den Kandidaten auswählt. Das ist es, worauf sich der britische Königshof heute noch beruft: «Von Gott gegeben».

Als Legislative gilt die Priesterschaft, deren Hauptaufgabe es ist, alte Gesetze zu interpretieren und umzusetzen, ähnlich den Talmudgelehrten, die auf der Grundlage von alten Präzedenzfällen neue Interpretationen finden.

Wo liegt nun der Zusammenhang mit der Handhabung des Königsamtes und des heutigen Regierungschefs? Der König darf nicht zu viele Pferde, Frauen und Schätze haben, denn all das beeinflusst die Bodenhaftung, den Realitätsbezug, die Verbindung zu seinem «Arbeitgeber», dem Volk. Heute ist der Eigennutz der stärkste Motor, um die Demokratie zu zerstören. Sei es direkt der Eigennutz eines Einzelnen oder der, der sich indirekt zeigt, wenn es gilt, einer bestimmten Gruppe Vorteile zu verschaffen, um dann anschliessend als der grosse Held dazustehen.

Worin liegt die Verbindung zwischen dem jungen Volk Israel und dem heutigen Staat? Damals war die Macht das Mittel der Wahl, um zu korrumpieren, Richter konnten beeinflusst werden, Könige Eigeninteressen über den Willen des Volkes stellen und Gesetzgeber anfällig für Sonderinteressen sein. Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die konkreten Beispiele von heute eingehen, denke aber, dass jeder, der die Situation in Israel kennt, diese selbst sehen wird.

Schauen wir gut auf die Entwicklungen und berufen uns immer wieder auf die Vorschriften der Torah.

Kommen wir jetzt zu den Sprüchen der Väter – heute beginnen wir das fünfte Kapitel:

  • Zehn göttliche Aussprüche sind es, mit denen die Welt erschaffen wurde. Was will uns das lehren? Hätte sie nicht mit nur einem einzigen Ausspruch erschaffen werden können? Es geschah, um die Gesetzlosen strenger zu bestrafen, die die Welt verderben, die mit zehn Aussprüchen erschaffen wurde und um den Zaddikim [Gerechten] einen grösseren Lohn zu geben, die der Welt Bestand geben, die mit zehn Aussprüchen erschaffen wurde.

Zu Beginn des ersten Kapitels des ersten Buches lesen wir:

 בְּרֵאשִׁ֖ית בָּרָ֣א אֱלֹהִ֑ים אֵ֥ת הַשָּׁמַ֖יִם וְאֵ֥ת הָאָֽרֶץ – Bereshit bara Elohim et ha‘ shamayim ve’et ha’aretz (Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.

Neunmal lesen wir in den ersten Versen der Torah: ‚Gott sprach‘. Neunmal kündigt Gott den nächsten Schritt der faszinierenden Schöpfungsgeschichte an. Von dem Moment, in dem er das Licht in die Welt brachte, bis zu dem Moment, in dem er die Welt den Menschen übergab. Wir lesen hier im ersten Vers von den ‚Gesetzlosen‘ und den ‚Zaddikim‘. Worin besteht der Zusammenhang zwischen diesen beiden und der Erschaffung der Welt? Die zehn Aussprüche entsprechen, so will es die Tradition, den zehn Geboten. Die Welt wurde geschaffen, um die ganze Torah umsetzen zu können. Die Gesetze dienen dazu, die von Gott geschaffenen Menschen mit den Werten der Torah vertraut zu machen. Wiederum ist es so, dass die Menschen immer die freie Wahl haben, ihre Handlungen zu beeinflussen. Vielleicht das grösste Geschenk Gottes an uns. Es kann uns zum Wohle aber auch zum Fluch werden.

  • Zehn Generationen sind es von Adam bis Noach – um kundzutun, wie gross Seine Langmut ist; denn alle diese Generationen fuhren fort, Ihn zu erzürnen, bis Er die Wasser der Sintflut über sie brachte. Zehn Generationen sind es von Noach bis Abraham – um kundzutun, wie gross Seine Langmut ist, denn alle diese Generationen fuhren fort, Ihn zu erzürnen, bis Abraham, unser Vater, kam und den für sie bestimmten Lohn erhielt.

Mit dem Ende der grossen Flut und dem Turmbau zu Babel vollendet sich nach zehn Generationen die Anfangszeit der Menschheit. Die sich entwickelnde Vielfalt lernen wir beim Turmbau kennen, als Gott das arrogante Tun zerstörte, er den Menschen verschiedene Sprachen gab und sie über die ganze Erde zerstreute.

Die folgenden zehn Generationen werden in den Versen 11:10 bis 11:26 nur namentlich aufgeführt. Obwohl man das Gefühl haben könnte, sie seien recht unbedeutend, erkennt man auch hier, dass mit der zehnten Generation die Vorbereitungsphase abgeschlossen, vollendet wurde, bevor das Zeitalter der Erzmütter und Erzväter begann. Sein Vater Terach war bei der Geburt von Abraham 71 Jahre alt.

Shabbat Shalom!



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