Krieg in Israel – Tag 699

11. Elul 5785

Ein Skandal in Gaza zwingt mich, jetzt eine derbe Aussage zu tätigen: wenn das stimmt, was heute im Haaretz und bisher nur dort berichtet wurde, dann ist Israel am Arsch. Moralisch, politisch, gesellschaftlich und auch religiös. Dann können wir einpacken und aufhören, israel-positive Hasbara zu betreiben. In privaten Blogs, Zeitungen, Veranstaltungen, das bekommen wir nicht mehr glattgebügelt!

Neben der IDF operiert in Gaza eine Bande von ‘Schurken und Banditen’ (Rogue Forces). Meistens sind sie mit extrem schwerem Gerät unterwegs und demolieren Häuser. Es sind Zivilisten, oft Siedler, die über private Vertragsunternehmen als ‘Reservisten ‘ angeworben und nach Gaza geschickt werden. Ihre Aufgabe? Gaza dem Erdboden gleichzumachen. Die IDF schaut zu, mehr als das, sie wissen oft nicht, mit wem sie es zu tun haben. Sie treffen keine Sicherheitsmassnahmen, um das Leben der Soldaten, aber auch der Zivilisten zu schützen.

Bezalel Zini

Besonders auffallend und schon seit mehr als einem Jahr in Gaza, die Gruppe ‘Uriah Force’. Sie sind überall, zuletzt in Khan Younis. Einer ihrer Anführer ist wahrscheinlich: Bezalel Zini, der Bruder des designierten Chefs des Shin-Bet, Generalmajor (res.) David Zini!

Bevor sie einen Tunnel aufdecken oder ein Haus demolieren, schicken sie Kampfsoldaten hinein, die dann immer wieder Opfer von Sprengfallen werden. Sind keine Kampftruppen da, so werden Palästinenser geschickt. Die IDF soll aufpassen, dass den Soldaten nichts geschieht, aber nicht immer gelingt das. Im Juli wurde Mast. Sgt. (res.) Abraham Azulay, 25, s’’l, Opfer eines Entführungsversuches. Er war Mitglied der ‘Uriah Forces’, hatte seinen Wehrdienst und mehr als 200 Tage Reservedienst abgeleistet und wurde als privater Unternehmer mit seinem schweren Baugerät nach Gaza vermittelt. Viele Fragen blieben anlässlich seines Todes offen. Er demolierte ein Haus in Khan Younis, das noch gar nicht freigegeben worden war.

Laut eigenen Aussagen weiss niemand in der IDF, wo sie gerade tätig sins, wer ihnen Befehle gibt und wem sie rapportieren. Mitarbeiter von Unternehmen, die beim Verteidigungsministerium akkreditiert sind, müssen sich bei der Ein- und Ausfahrt in den Gazastreifen melden. Ihre Personalien sind beim Verteidigungsministerium hinterlegt. Bei privaten Unternehmern, meist aus Judäa und Samaria, nimmt man es nicht so genau. So können Zivilisten, die Teil der ‘Uriah Forces’ sind, ungehindert nach Gaza hineinfahren. Das Risiko für die regulären Soldaten ist immens hoch. «Wir verlieren Kampfsoldaten, weil das Gebiet chaotisch verwaltet wird», sagte eine Quelle. «Jeder Traktorfahrer wird zum Ingenieur, der den Kommandanten berät, ob es richtig ist, ein Gebäude oder einen Tunnel zu betreten. Die Tatsache, dass die Armee diese Situation ignoriert und nicht einmal untersucht, ist ein Problem, das zu weiteren Todesfällen führt.»

Wie konnte eine solche Gruppe entstehen? «Zu Beginn des Krieges verfügte jede Brigade über etwa 20 einsatzfähige gepanzerte Bulldozer. Jetzt haben wir nicht einmal mehr 10, und diese verfügen nicht immer über professionelle Maschinen-Führer. Daher setzt jeder Brigadekommandeur oder sogar jeder Bataillonskommandeur, der in diesem Krieg Fortschritte erzielen möchte, diese Truppen ein.»

Zini ist nicht der erste Anführer einer solchen Gruppe. Im Dezember hat der Haaretz schon einmal eine Gruppe aufgedeckt. Ihr Anführer: Oberst (res.) Golan Vach, Bruder von Yehuda Vach, dem Kommandanten der Division 252. Seine Leute sahen aus wie die berüchtigten ‘Hilltop Jugendlichen’. Ihre einzige Aufgabe, so ein Offizier der Division 252: «Gaza zu zerstören und die Grenzen des zerstörten Gebiets neu zu ziehen.»

Ist es wirklich ‘nur’ die ideologische Motivation, wenn sich ein Siedler, der das Militär hinter sich hat, nach Gaza vermitteln lässt? Ganz sicher sind es auch die angenehmen Bedingungen. In einer Stellenanzeige hiess es: «Für die Zerstörungsarbeiten in Gaza wird Hilfe gesucht, ein 40-Tonnen-Bagger wird benötigt, einschliesslich eines Maschinenführers. Die Arbeitszeit ist von 7 bis 16:30 Uhr, und das durchschnittliche Gehalt beträgt 6.000 Schekel (1.770 Dollar) pro Tag, wobei der Dieselkraftstoff von der Armee bezahlt wird.» Das ist ein Traumgehalt in diesem Bereich, und nicht nur in diesem Bereich. Der Vermittler wurde schnell bekannt, weigerte sich aber, irgendwelche Fragen zu beantworten.

Bezalel Zini lebt unauffällig in Ofra, jener Siedlung, die Netanyahu in der letzten Woche besuchte. Zu deren Jubiläumsfeierlichkeiten in Jerusalem kam er sogar mit Sara N.. David Zinis Frau, Naomi, soll in ihrem Buch geschrieben haben, dass «die Zerstörung von Gebäuden in Gaza eine Mitzwa (eine gute Tat) ist.» Schwerpunkt seines Unternehmens ist: Produktion und Logistik.

Die IDF spielt im Umgang mit Informationen zu Bezalel Zini ein irrwitziges Spiel. Zunächst sagte man, es gäbe in den Unterlagen niemanden mit diesem Namen. Dann korrigierte man: die ‘Uriah Force’ sei ein registriertes Vertragsunternehmen. Nächster Schritt: Zini sei der Leiter der ‘Uriah Force’, die noch später zu einer Einheit von Reservekämpfern mutierte, die mit Baggern arbeitet, aber nicht mit dem gleichnamigen Unternehmen in Gaza verbunden sei. Eine mit den Details vertraute Quelle aus dem Militär sagte, dass die Uriah-Truppe «einfach versucht, mit einer ganzen Reihe von Bataillonen ohne Auftrag in den Gazastreifen einzudringen, und es ist unklar, was sie dort suchen.» Jetzt rang sich die IDF zur nachfolgenden Äusserung durch: «Die Uriah-Truppe ist eine Einheit von Reservekämpfern aus verschiedenen Einheiten, die im südlichen Gazastreifen mit schweren Pioniergeräten operieren. Es handelt sich um eine organisierte Militäreinheit, die keine Verbindung zu den im Gazastreifen tätigen Bauunternehmen hat» und fährt fort: «Bezalel Zini dient in der Reserve als Verantwortlicher für die logistischen Bedingungen der Soldaten dieser Truppe – er kümmert sich um die Versorgung mit Lebensmitteln und allen notwendigen Gütern. Wir betonen, dass er selbst keine Ausrüstung bedient, keine Führungsposition in der Einheit innehat und nicht über die Aktivitäten der Kampfsoldaten entscheidet. Die Aktivitäten der Kampfsoldaten werden von der Division geleitet und basieren auf den Anfragen der Einheitskommandeure, mit denen sie in Verbindung stehen.»

Der Cartoon bringt es auf den Punkt: das ein bisschen Café-au-Lait Mächen (sephardisch) wird von der ashkenasichen Lehrerin auf Yiddisch gefragt: „Wus machste?“ Die Kleine versteht kein Jiddisch und fragt „Was?“ Der ashkenasiche Rabbiner führt die Liste: Nicht von uns – Von uns und kreuzt entsprechend an: Nicht von uns. @ Moshik Gulst

Im innerreligiösen Streit, ob sephardische Mädchen eine aschkenasische Schule besuchen dürfen oder nicht, hat man zumindest in Jerusalem eine Lösung gefunden. Einige Schulen in Beit Shemesh und Jerusalem hatten sich den Anweisungen der Bürgermeister widersetzt, die sie zwingen wollten, Mädchen aus Familien des Nahen Ostens und Nordafrika in die 9. Klasse aufzunehmen. Der Vorsitzende von VTJ, MK Dafni, hatte die Shas aufgefordert, mehr Schulen zu bauen, «damit eure Mädchen sich nicht in unsere Klassen quetschen müssen.» Der geistige Führer der VTJ, Rav Dov Lando hatte zuvor beschlossen, die Schulen nicht zu öffnen, bis der Konflikt beigelegt sei. Er verteidigt die ‘Rassentrennung’ zwischen aschkenasischen und sephardischen Schul-Kindern. Die Lösung für dieses Jahr ist die Eröffnung von zwei weiteren Klassen, in die die sephardischen Mädchen aufgenommen werden. Der Jerusalemer Bürgermeister besteht darauf, dass die neuen Klassen gemischt sind. «Die Stadtverwaltung von Jerusalem unter meiner Leitung wird keinerlei Form von Diskriminierung zulassen – weder aus rassistischen Gründen noch aus anderen Gründen.»

Der palästinensisch-amerikanische Aktivist, Bishara Bahbah, der zwischen der Trump-Regierung und der Hamas vermittelt hat, berichtete gestern, dass der aktuelle Vorschlag zum Waffenstillstand ein umfassendes Abkommen darstellt. Seitens der USA wird gegen die Befreiung aller Geiseln die Beendigung des Krieges angeboten. Bahbah ist kein offizielles Mitglied des Verhandlungsteams, fungiert jedoch als Verbindungsmann. Die Hamas habe dem Vorschlag nach anfänglichem Zögern zugestimmt und erklärte: «Wir sind bereit, ein umfassendes Abkommen zu schliessen, in dem alle vom Widerstand festgehaltenen feindlichen Gefangenen im Austausch gegen eine vereinbarte Anzahl palästinensischer Gefangener, die von der Besatzungsmacht festgehalten werden, freigelassen werden.» Das Büro des PM gab daraufhin bekannt: «Der Krieg kann sofort beendet werden, wenn fünf Bedingungen erfüllt seien: die Freilassung aller Geiseln, die Entwaffnung der Hamas, die Entmilitarisierung des Gazastreifens, die israelische Sicherheitskontrolle im Gazastreifen und die Einrichtung einer alternativen Zivilverwaltung, die nicht zum Terror indoktriniert, keinen Terror verbreitet und Israel nicht bedroht.» Die Meldung der Hamas tat Israel leider wieder einmal als reine Propaganda ab und warf ihr vor, «weiterhin zu täuschen und leere Worte zu sprechen.»    

Netanyahu wird heute ab 18 Uhr eine ‘Lagebesprechung’ zum Thema Judäa und Samaria abhalten. Es wird vermutet, dass es um die teilweise Annektierung des Gebietes gehen wird, obwohl dieses Thema nicht mehr auf der offiziellen Agenda steht. Der rechts-extreme Siedlerfreund Smotrich, der an der Besprechung teilnehmen wird, hatte gestern einen Plan vorgelegt, dem zufolge 82 % des Gebietes annektiert werden sollen. Die VAE hat auf diese Ankündigung scharf reagiert. Eine Annektierung des Gebietes stelle das Überschreiten einer ‘Roten Linie’ dar.

Ein ehemaliger Schulleiter aus Gaza klagte in einem von COGAT veröffentlichten Video, dass sein Sohn Osama angeblich von der Hamas zusammen mit elf weiteren jungen Männern ermordet wurde. Der Vorfall soll in Khan Younis bei einem Verteilzentrum von Lebensmitteln stattgefunden haben, wo der junge Mann arbeitete. «Ein Vorfall, bei dem zwölf junge Männer getötet wurden – zu welchem Islam gehören diese Mörder und Verbrecher?», fragte er. Er beschuldigt die Hamas ausserdem, Ressourcen zu plündern und die Bewohner im Stich zu lassen, und sagt: «Unsere Ehre wurde verletzt, das Geld unserer Kinder wurde geplündert und gestohlen.» Der Chef der COGAT, Generalmajor Ghassan Alian, sagte, die Aussage entlarve das wahre Gesicht der Hamas. Er wandte sich direkt an die Bewohner Gazas und sagte: «Die Terrororganisation Hamas ist euer Feind. Sie stiehlt eure Ressourcen, verbreitet Lügen und tritt eure Rechte mit Füssen … Sie schützt den Gazastreifen nicht, sondern zerstört ihn und euch von innen heraus.»

Drei Männer, einer von ihnen 80 Jahre alt, demonstrierten gestern auf eine sehr eigenwillige Art für den Geisel-Deal. Einer zündete gestern mehrere Papiercontainer in der Nähe des Wohnhauses von Netanyahu in Jerusalem an. Das Feuer zerstörte ein dicht neben einem Container geparktes Auto. Die Bewohner einer Wohnung mussten aufgrund der starken Rauchentwicklung evakuiert werden. Der andere zündete einen Stapel Autoreifen, der vor dem Haus gelagert war, in dem sich das Büro des PM befindet. Ein dritter Demonstrant kletterte mit 12 weiteren auf das Dach der Nationalbibliothek, wo er eine Rauchgranate zündete. Alle Demonstranten befinden sind in Untersuchungshaft. Das zerstörte Auto gehört einem Reservisten, der derzeit zum wiederholten Mal in Gaza aktiv ist. Ein spontanes Crowd- Funding im Internet brachte sehr schnell etwa US$ 50.000, um den ihm entstandenen Schaden zu begleichen.



Kategorien:Israel, Politik

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