26./27. Elul 5785 19./20. September 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 18:00
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:15
Shabbateingang in Zürich: 19:12
Shabbatausgang in Zürich: 20:13
Zu Beginn des heutigen Wochenabschnittes, dem letzten im heurigen Jahr, heisst es
אַתֶּם נִצָּבִים הַיּוֹם כֻּלְּכֶם, לִפְנֵי יְהוָה אֱלֹהֵיכֶם
„Heute steht ihr alle hier vor eurem Gott!“ Ihr alle, nicht eure Stammesführer, nicht eure Abgesandten, nicht die Ältesten. Gilt das auch für unsere Regierungsmitglieder? Ja, wir alle stehen in diesem Moment vor Gott und hören, was er uns direkt zu sagen hat.
Es ist eine der wenigen Stellen der Torah, an der sich Gott direkt an jedes Individuum wendet, nicht an das Kollektiv des Volkes Israel. Jedes Individuum hat heute den gleichen Stellenwert wie alle anderen.
Die folgende Ankündigung ist beruhigend für jeden von uns, denn sie verheisst Hoffnung auf Kontinuität und Fortbestand des Judentums. Gott verspricht nochmals, den Bund mit uns fortzuführen, aber nicht nur mit denen, die gerade physisch vor ihm stehen, sondern auch mit denen, die „heute nicht bei uns sind“ Vers 29:13 ff.
Viele kleine Gemeinden kämpfen heute Tag für Tag und Woche für Woche ums Überleben. Denken wir gerade an die noch existierenden Gemeinden in Krisengebieten oder in Regionen, aus denen wir Juden mehrheitlich vertrieben wurden. Denken wir an Gebiete, in denen heute Krieg herrscht und aus denen Juden versuchen zu fliehen. Die Juden dort dürfen sich auch auf das Wort Gottes verlassen, dass er sie nicht vergisst, dass er den Bund mit ihnen aufrechterhält. Eine schwere, manchmal nicht tragfähige Hoffnung. Die Sehnsucht, dass es anderswo für sie wieder besser werden wird.
Denken wir auch an den Iran. Der offizielle Iran gilt als Feind Israels. Dennoch leben dort derzeit etwa 8.000 Juden. Es gibt vier Rabbiner, einer von ihnen berichtet, dass sie in völliger Religionsfreiheit leben, ja, dass es sogar möglich ist, jederzeit Fleisch zu schächten. Ob das wahr ist, oder ein Versuch, das Leben der Juden im Iran nicht zu gefährden, wissen wir nicht. Falls es wahr wäre, dann wäre es mehr, als wir in Europa in allen Ländern haben. Die Zahl der Juden hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum geändert. Das Leben in einem Land, das wir als für uns bedrohlich erleben, scheint für die, die dort leben, sicher zu sein. Seit 2700 Jahren, als der erste Tempel zerstört wurde und sie ins Exil gehen mussten.
Das Land, das uns allen als ständige Bedrohung erscheint, scheint uns mehr Sicherheit zu bieten, als wir es in Europa jemals fanden. Es gab dort keine Pogrome, keine Shoa und es gibt, man staunt, fast keine antisemitischen Vorfälle.
Gott ist eben überall. Auch dort, wo wir ihn vielleicht gar nicht vermuten.
Dürfen wir also darauf vertrauen, dass das jüdische Leben, gleich wo wir es auf der Welt suchen und finden, auf ewig weiter bestehen wird? Der heutige Wochenabschnitt, das Versprechen, den Bund auch mit denen zu schliessen, die gerade nicht bei uns stehen, gibt Hoffnung.
Das Judentum als Ganzes ist mehr als die Summe der Juden in jedem einzelnen Land. Es lebt aus der Tradition, der Erfahrung und dem Wissen, das jeder Jude weltweit in sich trägt. Dabei ist es gleichgültig, welcher Richtung des Judentums er angehört, ob er als Jude geboren wurde oder sich dem Prozess des Übertritts unterzogen hat. Jeder ist gleichwertig, jeder Einzelne trägt dazu bei, dass das Judentum weiterhin ein lebendiger, spannender Prozess bleibt.
Kerzenzünden Rosh Hashana 29. Elul 5785/1. Tischrei 5786 sowie Ende von Rosh Hashana am 2. Tischrei 5785
Jerusalem
Erew Rosh Hashana, Montag 17:56
Rosh Hashana, Dienstag, 19:11
Ende Rosh Hashana, Mittwoch, 19:09
Zürich
Erew Rosh Hashana, Montag 19:05
Rosh Hashana, Dienstag, 20:01
Ende Rosh Hashana, Mittwoch, 19:59

Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:
(8) Zehn Wunder geschahen unseren Vätern und Müttern im Tempelheiligtum:
[1] Keine Frau erlitt jemals eine Fehlgeburt aufgrund des Geruchs des Brandgeruches des der Opfergaben.
[2] Das heilige Fleisch verfaulte niemals.
[3] An der Schlachtstätte wurde niemals eine Fliege gesehen.
[4] Der Hohepriester erlebte niemals ein nächtliches Unglück am Yom Kippur.
[5] Der Regen löschte niemals das Holzfeuer auf dem Altar.
[6] Kein Wind hat jemals die Rauchsäule, die vom Altar aufstieg, gelöscht.
[7] Es wurde nie ein Makel in der Garbe, den zwei Broten oder dem Schaubrot festgestellt.
[8] Obwohl die Menschen dicht gedrängt standen, hatten sie genügend Platz, um sich niederzuwerfen.
[9] Keine Schlange und kein Skorpion verletzten jemals Mensch oder Tier in Jerusalem.
[10] Kein Mensch sagte jemals zu seinem Mitmenschen: „Der Ort ist zu überfüllt, als dass ich in Jerusalem übernachten könnte.“
Dass diese zehn Wunder dem Tempel zugeschrieben wurden, ist kein Wunder, denn dort ist der Ort, an dem das Allerheiligste aufbewahrt wurde. Wo genau sich der Ort im Tempel befand, ist heute nicht bekannt.
Im Altertum durfte niemand diesen Bereich betreten, nur der Oberpriester ging einmal im Jahr an Yom Kippur hinein, um stellvertretend für das ganze Volk Israel die Sühne für ihre Sünden zu erhalten. Hierin liegt auch der Grund, warum es Juden heute noch verboten ist, auf dem Tempelberg zu beten. Man weiss nicht, wo sich das Allerheiligste befand und will vermeiden, es zu entweihen.
Wenn heute Ben-Gvir zu den Feiertagen demonstrativ auf den Tempelberg geht, sich dort zu Boden wirft und samt seiner Entourage laut betet, so ist das nicht, wie er betont, der Widerstand gegen den ‚status-quo‘ des Tempelbergs, sondern eine dumm-dreiste Verletzung einer Tradition, die im Jahr 70 CE mit der Zerstörung des zweiten Tempels begann.
Warum es gerade zehn Wunder sind? Wie schon an anderer Stelle erklärt, bedeutet die Zahl zehn die Vollkommenheit (zehn ‚Worte‘ während der Erschaffung der Welt, zehn Plagen, zehn Gebote…). Die Zehn steht immer für die Zusammenfassung des göttlichen Willens für uns Menschen.
Und warum stehen hier genau diese zehn Beispiele für die Wunder im Tempel? Sie erscheinen uns so surreal, als ob sich jemand einen Spass daraus gemacht hat, uns zu verwirren. Gar nicht so falsch, dieser Ansatz! Gerade weil sie so surreal sind, stehen sie für Gottes Allmacht. Für ihn ist alles möglich, in allem steckt ein tiefer, uns Menschen verborgener Sinn.
Shabbat Shalom, Shana Tova, Chatima Tova und Chag Sameach
Kategorien:Religion
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