4./5. Tischrei 5786 26./27. September 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 17:51
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:05
Shabbateingang in Zürich: 18:57
Shabbatausgang in Zürich: 19:59

Der Tod von Moshe steht unmittelbar bevor. Er hat den Auftrag, den er von Gott erhalten hatte, fast erfüllt. Das Volk Israel steht jenseits des Jordans und wird bald hinübergehen in das Land, das Gott seinen Vorvätern versprochen hatte.
Moshe ist nun 120 Jahre alt. Die letzten vierzig Jahre hat er sein Volk aus dem Exil in Ägypten durch die Wüste geführt. Keiner seiner Begleiter, die am Anfang dabei waren, lebt noch.
Er könnte stolz auf das sein, was er geleistet hat. Immerhin ist es ihm gelungen, aus einer Gruppe von Menschen, die nichts verband, als dass sie von den zwölf Söhnen Jakobs abstammten, ein Volk zu formen. Aber Stolz gehörte nicht zu den Charakterzügen von Moshe.
Während der Wüstenwanderung hat er immer wieder erleben müssen, wie sich die Kinder Israels gegen ihn auflehnten. Wie sie die Weisungen Gottes nicht beachteten und in alte Verhaltensmuster zurückfielen. Das beste Beispiel hierfür ist der Bau des ‚Goldenen Kalbs‘. Ihr Ungehorsam brachte sogar den bedachten und gottesgläubigen Moshe dazu, seine Geduld zu verlieren. Als das Volk wieder einmal murrte, dass es kein Wasser habe, schlug er mit seinem Stab auf einen Felsen ein, der daraufhin Wasser spendete. Aber um welchen Preis? Mit dieser unbedachten Handlung verwirkte sich Moshe das Recht, das versprochene Land betreten zu dürfen. Eine harte Strafe. Er hat sie, wenn auch murrend, akzeptiert.
Heute tritt er nochmals vor das versammelte Volk und übergibt die Verantwortung an Jehoshua. Moshe selbst hatte vor langer Zeit bereits Gott darum gebeten, einen Nachfolger zu bestimmen. Gott hatte daraufhin Jehoshua benannt. Manch ein Unternehmer würde Verantwortungsbewusstsein zeigen, wenn er seinen Nachfolger frühzeitig aussucht und bereits mit einiger Verantwortung ausstattet. Um wieviel stressfreier könnte er so seinem eigenen Ruhestand entgegenblicken. Vielleicht könnte er sogar den Zeitpunkt frei wählen, von dem er glaubt, dass dieser für ihn und für sein Unternehmen der optimale ist. Moshe darf sich diesen Zeitpunkt nicht selbst aussuchen. Für ihn ist er mit dieser letzten grossen Ansprache vor dem versammelten Volk Israel gekommen. Er ruft Jehoshua auf und setzt ihn nun offiziell als seinen Nachfolger ein. Jehoshua wird vielleicht ein mulmiges Gefühl im Bauch gehabt haben. Er muss sich ab diesem Augenblick in den Schuhen des grossen Moshe bewähren. Doch Moshe nimmt ihm die Angst und versichert ihm, dass Gott immer an seiner Seite sein wird, solange er sich an dessen Regeln hält.
Noch einmal spricht Gott direkt zu Moshe. Was er zu sagen hat, klingt wie die Androhung der Apokalypse. Gott kennt sein Volk und er weiss, dass der lange Weg des Lernens, Glaubens und Hoffens noch lange nicht vorbei ist. Vielleicht leben wir derzeit wieder in einer dieser Zeiten, von denen Gott einst zu Moshe sprach. Eine Zeit voller Unruhe und Unsicherheit, Kampf und bitterer Tränen.
Jehoshua, der Nachfolger von Moshe, wird ebenfalls bittere Zeiten erleben, mit den uneinsichtigen Handlungen seiner Mitmenschen. Auch das ist etwas, was im modernen Unternehmertum bekannt ist. Der „Neue“ wird zunächst getestet, wie weit er sattelfest ist in seinem Handeln. Beide, Gott und Moshe, sind sich der daraus erwachsenden Gefahr bewusst. Als letztes Vermächtnis diktiert Gott dem todgeweihten Moshe ein Lied, welches wir in der kommenden Woche lesen werden. Wir erinnern uns, nach der Durchquerung des Schilfmeeres sang Moshe gemeinsam mit seiner Schwester Mirijam und den Kindern Israel das als
שִירַת הַיָּם
bekannt gewordene Lied, in dem die wunderbare Rettung aus dem Exil beschrieben wird. Das Lied ist wesentlicher Teil des Schacharit am Shabbat. Moshe der Mann, der sich selbst als stotternden Mann darstellte, sang mit lauter Stimme die Hymne auf Gott und dessen Stärke, die in der Gewissheit des göttlichen Beistandes endet: יְהוָה יִמְלֹךְ, לְעֹלָם וָעֶד «Gott wird auf immer und ewig regieren». Betrachtet man diese beiden Stellen der Torah, so erkennt man eine grossartige literarische Besonderheit. Der Anfang (unmittelbar nach der Flucht aus Ägypten) und das Ende (kurz vor dem Erreichen des Ziels) werden mit einem dramatischen Lied markiert. Ganz so, als würden diese Klammern die Zeit dazwischen als etwas ansehen, was besonders schützenswert ist. Und das ist es ja auch, es ist Teil unseres kollektiven jüdischen Gedächtnisses.
Dieser Shabbat wird als Shabbat Schuwa, bezeichnet. Es ist der Shabbat, der zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur liegt. Shuwa heisst Umkehr. Die zehn Tage zwischen Rosh HaShana und Yom Kippur sollen uns helfen, wieder mit Gott und uns ins Reine zu kommen. Die Bezeichnung geht zurück auf den Text der heutige Haftara (Hosea 14:2-10) «Kehre zurück zu Gott, du bist durch deine eigene Schuld vom Weg abgekommen (…) ich will ihre Untreue vergeben und sie wieder lieben.»
So ist beides, der Anfang und das Ende der vierzig-jährigen Wanderung geprägt vom unerschütterlichen Glauben, dass Gott uns nie aufgeben wird. Er wird uns immer vergeben, wenn wir uns redlich um einen Neubeginn bemühen.
Bis Yom Kippur ist das Buch des Lebens noch aufgeschlagen. Nutzen wir diese Zeit der Umkehr, der Erkenntnis und des Bedauerns.
Kommen wir jetzt zu den Sprüchen der Väter:
(9) Zehn Dinge sind am sechsten Tag im Dämmerlicht zum siebenten Tag, dem Shabbat geschaffen:
- Der Schlund der Erde – um Korach und seine Anhänger zu verschlingen
- Die Öffnung des Brunnens – um die Dürstenden in der Wüste zu tränken, so konnten Hagar und ihr Sohn Ishmael überleben, nachdem Sara sie vertrieben hatte
- Der Mund der Eselin – des Propheten Bile’am zum Reden zu bringen
- Der Regenbogen – der Noah anzeigte, dass die Flut zu Ende gegangen war und das Wasser sich wieder mit dem Land verband
- Das Manna – das an jedem Tag die Kinder Israels in der Wüste sättigte und am Shabbat sogar die doppelte Menge bereithielt
- Der Stab – mit dem Moshe vor Pharao trat und Wunder vollbrachte, um die Kinder Israels aus dem Exil zu befreien, mit dem er das Schilfmeer teilte und Wasser aus dem Stein schlug
- Der Schamir – ein Wurm, der half, die Steine für den Bet ha Mikdash zu spalten, damit mit ihnen gebaut werden konnte ohne, wie Gott es gefordert hatte, Werkzeuge aus Eisen zu verwenden
- Die Tafeln – des ersten und zweiten Satzes unserer Gebote
- Die Schrift – davon gibt es zwei. Die erste, die die göttliche Hand auf dem ersten Satz der Tafeln eingravierte und die zweite, die die Schriftzeichen, mit denen der zweite Satz der Bundestafeln beschrieben wurde und die Moshe mit seiner Hand schrieb
Einige sagen, es sind auch noch
- Die Masikim – körperlose engelähnlichen Wesen, die als ‘Störenfriede’ die Menschen umschwirren und sie verwirren
- Das verborgene Grab von Moshe – um zu verhindern, dass es eine Kultstätte wird, wenn sein Ort bekannt würde
- Der Widder unseres Vaters Avraham – der anstelle von Yitzhak geopfert wurde
- Die himmlische Zange – um die Menschen zu lehren, Zangen zu schmieden. Sie war das erste Werkzeug, das Gott den Menschen schenkte
Die Frage ist, warum gerade diese Gegenstände kurz vor Beginn des siebten Tages geschaffen wurden. Für Gott ist alles vorhersehbar, und beginnt bereits mit der Schaffung der Welt zu wirken. Jedes einzeln für sich zeigt, dass Gott einen Plan hat und nichts dem Zufall überlassen bleibt.
Shabbat Shalom, shana tova gmar chatima tova!
Kategorien:Israel
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