Bereshit, Bereshit 1:1 – 6:8

25./26. Tischri 5786                                                     17./18. Oktober 2025  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                            17:33

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                           18:48

Shabbateingang in Zürich:                                                                    18:16

Shabbatausgang in Zürich:                                                                   19:18

Wir sind am Ende des alljährlichen Herbst-Feiertagsmarathons angekommen, die Sukkot sind abgebaut und die Dekorationen bis zum kommenden Jahr in wohlversorgt im Keller abgelegt. 

An Simchat Torah haben wir das letzte Kapitel des Buches Dwarim gelesen, in dem vom Tod von Moshe berichtet wird. Im hohen Alter von 120 Jahren, jedoch ‚frisch an Körper und Geist‘, war er auf den Berg Nebo hinaufgestiegen und hatte einen Blick in das Land werfen dürfen, das Gott seinem Volk versprochen hatte. Dann starb er. Wo sein Grab liegt, weiss niemand. Damit soll verhindert werden, dass es zu einer Kultstätte wird. Nach 30 Tagen Trauer erhob sich das Volk und zog mit Jehoshua in das gelobte Land.

Mit der heutigen Lesung beginnen wir die wohl spannendste Frage, die sich Menschen überhaupt vorstellen können. Sie beantwortet uns die Frage: „Woher kommen wir?“

Es gibt viele verschiedene Vorstellungen, wie die Erde geschaffen wurde. Es gibt die Theorie vom Urknall (Big Bang), der vor etwa 13.8 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Alles, was bis dahin vorhanden war, war eine Blase, kleiner als ein Stecknadelkopf. Und heisser, als man es sich vorstellen kann. Doch dann ging alles rasend schnell, die Blase platzte und eine rasante Entwicklung begann. Wobei rasant sehr relativ ist. Es brauchte mehr als 300.000 Jahre, um das entstandene Universum auf 3.000°C abzukühlen…. Die Erde war immer noch Jahrtausende entfernt von jeglichem Leben. 

Was wir in diesem Wochenabschnitt lesen, ist die wunderbare Geschichte, wie es Gott gelingt, aus dem, was die Torah als „Tohu va bohu“ beschreibt, das zu erschaffen, das wir unsere Welt nennen. 

Im Laufe der gesamten Torah lernen wir Gott kennen, als jemanden, der wie ein Top-Manager alles im Blick behält, immer sein Ziel vor Augen. Sein Ziel ganz zu Beginn der Torah ist es, eine Welt zu erschaffen und mit allem auszustatten, was es zum Leben braucht. Sechs Tage nimmt er sich für dieses Unterfangen Zeit, er geht logisch ans Werk und überprüft am Ende jedes Tages, ob er alles gut gemacht hat. „Und er sah, dass es gut war.“ Sagte er das aber wirklich an jedem Tag? Nun, wir werden sehen. 

Ohne Licht, so war ihm klar, könnte es kein Leben geben, ohne dunkle Zeiten aber keine Ruhepausen, die die Natur zur Erholung benötigt. Und so schuf er am ersten Tag die sich abwechselnden Phasen von hell und dunkel.

Am zweiten Tag spannte er das Himmelsgewölbe, um das Wasser vom Trockenen zu trennen. 

Am dritten Tag trennte er die Wasser von den Landteilen. Vielleicht hatte er zu dem Zeitpunkt noch keine Idee, wie die Kontinente aussehen könnten. Wer sich als Kind einmal damit beschäftigt hat, die Umrisse der Kontinente auszuschneiden und ineinander zu legen, der wird bemerkt haben, dass man glauben darf, die Landmasse sei ursprünglich eine ungeteilte gewesen! Nun liess Gott bereits einfache Pflanzen wachsen, die mit ihren Wurzeln den noch feuchten Boden verfestigten. Samen- und fruchttragende Bäume und Sträucher liess er wachsen. Ein Plan, der weit in die Zukunft reichte.

Hatte er am ersten Tag schon Licht und Schatten geschaffen, so sorgte er am vierten Tag dafür, dass es nie wirklich dunkel auf der Erde wird. Mond und Sterne sorgen nachts, ebenso wie die Sonne bei Tag dafür, dass wir niemals völlig die Orientierung verlieren. Ausser Wolken verbergen die Leuchtkörper! Sogar in kalten, klaren Winternächten ist es in einigen Gebieten fast taghell, vor allem wenn es noch eine dichte Schneedecke gibt. Gott sah aber auch schon vor, dass Sonne, Mond und Sterne die Grundlage für einen zukünftigen Kalender sein sollten, nachdem sich alles, was er uns über Moshe im Zuge der gesamten Torah beibrachte, richten sollte. 

Die ersten Bewohner am Himmel und im Wasser schuf er am fünften Tag.

Der sechste Tag war der Kreation der Landtiere gewidmet. 

Und dann wollte Gott das schaffen, von dem der französische Philosoph René Descartes sagte: “Der Mensch ist die Krone der Schöpfung: Er kann denken. Er hat Bewusstsein seiner selbst!“ Ja, es stimmt, dass wir denken können, aber wie viele von uns nutzen ihr Denkvermögen nicht? Nutzten wir es, dann dürfte es keine Kriege, keine Korruption, keine Verbrechen und vieles andere nicht geben! Und was das Bewusstsein unseres Selbst angeht, das haben auch, wenn auch vielleicht in geringerem Masse, unsere nahen Verwandten, die Menschenaffen. Gott hatte sicher nur das Allerbeste im Sinn, als er uns, oder besser gesagt, unsere Hardware erschuf. Ich habe mich vor einigen Tagen mit einer Frau aus dem Kongo unterhalten. Sie war überzeugt, dass Gott ein sehr kreativer Mann ist, denn „er hat sich die vielen verschiedenen Menschentypen ausgedacht und hat jedem seinen Platz auf der Welt zugeordnet.“ Immerhin war Gott so überzeugt davon, dass er am Ende dieses Tages sogar sagte, dass alles, was er geschaffen hatte, sehr gut war! Irrte Gott hier? Die Hardware war wohl gut gelungen, aber die Software, das was Descartes das „Denken“ nennt, hatte einen echten Konstruktionsfehler! Es muss ihm aber sogar bewusst gewesen sein, dass es hier noch Nachbesserungen benötigen würde. Denn an diesem Tag bezeichnete er seine gesamte Schöpfung als gut, nicht aber explizit den Menschen! 

Dafür gelang der siebte Tag wieder zur Perfektion. Er schenkte uns bereits zu diesem frühen Zeitpunkt das, was bis heute eine der grössten gesellschaftlichen Errungenschaften ist. Den Shabbat, den Ruhetag!

Auch Gott nutzte den Ruhetag, um alles, was er geschaffen hatte, nochmals zu überdenken. 

Ist euch etwas aufgefallen? In Vers 1, 27:1 heisst es: „Als sein Abbild schuf er sie, als Mann und Frau schuf er sie.“ Das ist aber nicht die schöne Geschichte, dass Eva aus der Rippe von Adam geschaffen wurde.

In Vers 2, 2:7 lesen wir: Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ Diese scheinbare Unlogik werden wir uns nie beantworten können. Der erste Mann wurde erst jetzt zu einem lebendigen Wesen. Aber wohin ist die erste Frau entschwunden? In der Torah taucht sie nicht mehr auf. Der Literatur folgend war sie aufsässig und verschwand aus dem Leben Adams. Dafür taucht sie im Talmud als Dämonin auf, aber auch in der feministischen Literatur der Neuzeit und in der klassischen Literatur von Goethe und Thomas Mann.

Dem Menschen schuf Gott eine paradiesische Heimat, den Garten Eden. 

Alles, wirklich alles durften sie geniessen, nur die Früchte eines Baumes, des Baumes der Erkenntnis, verbot er ihnen. In Vers 2,22 endlich schuf Gott Eva, nun doch aus der Rippe von Adam.

Die Menschen liessen sich von der Schlange, wahrscheinlich war sie das Abbild ihrer eigenen Neugierde, verführen und brachen das Verbot. Die Strafe folgte auf dem Fusse.

Hatten sie sich vorher ihrer Nacktheit nicht geschämt, was nichts anderes heisst, dass sie sich ihres Selbst nicht bewusst waren, so schämten sie sich jetzt. So kleidete Gott sie nun mit Tierfellen ein und vertrieb sie aus dem Garten Eden, der uns Menschen bis heute verschlossen ist. 

In diesem Moment wurde aus dem Menschen, die Gott nach „seinem Ebenbild“ geschaffen hatte, Menschen, die Fehler machen und unvollkommen sind. 

Gott hätte allen Grund gehabt, sich von uns abzuwenden, denn wir haben ihn in seinen Erwartungen enttäuscht. Er hätte das Projekt „Menschheit“ als gescheitert betrachten können. Aber nein, Gott zeigte schon damals, dass er viel Geduld hatte und uns unerschütterlich auf all unseren Irrwegen begleiten und sanft wieder auf den richtigen Weg bringen wird.

Ein tröstliches Wissen!

Kommen wir zu den Sprüchen der Väter: 

(7) Sieben Dinge sind bei einem Ungebildeten zu finden und sieben bei einem Weisen:

  • Ein Weiser spricht nicht vor einem andern, der grösser ist als er an Weisheit oder an Jahren
  • Er fällt seinem Nächsten nicht ins Wort
  • Er überstürzt nicht zu antworten
  • Er fragt, was zur Sache gehört und antwortet, wie es der Vorschrift entspricht
  • Er spricht über das Erste zuerst und über das Letzte zuletzt
  • Wenn er von etwas nicht gehört hat, sagt er: «Ich habe es nicht gehört.»
  • Er bestätigt die Wahrheit der Worte

Das Gegenteil findet man bei einem Ungebildeten.

Der hebräische Text spricht von einem Ungebildeten als ‘Golem’. In Psalm 139,16 heisst es: «Deine Augen sahen, wie ich entstand, in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“ 

Wie können wir wissen, wie unser Wissen im Vergleich zu einem anderen Menschen einzuordnen ist? Das Alter könnte ein Hinweis darauf sein, dass andere mehr wissen als wir. Es könnte aber auch die irrige Annahme sein, dass ein Älterer kein Interesse mehr daran hat, dazuzulernen und sein Wissen zu erweitern. Welche Ignoranz spricht aus dieser Annahme! Hingegen sollte es ein Zeichen von Wertschätzung und Respekt sein, niemandem, gebildeter oder weniger gebildet, ins Wort zu fallen oder ihn nicht mit einer eigenen, nicht durchdachten Antwort in seinem eigenen Gedankengang zu unterbrechen. Hat aber der Gesprächspartner seine eigenen Ausführungen beendet, so kann, ja soll man fragen, nicht um des Fragens willen, sondern in der Absicht, das eigene Wissen zu mehren. Daher ist es auch wichtig, sich zu bedanken und die erhaltenen Informationen nicht einfach als gegeben anzunehmen. 

Was dieser Vers beschreibt, ist eine der wichtigsten zwischenmenschlichen Interaktionen. Gerade heute, wo das alte Wissen in immer kürzerer Zeit verfällt, muss man einerseits auf Erkenntnisse zurückgreifen, die andere schon vor uns erreicht haben, darf aber auch seinen eigenen, vielleicht noch nicht so ausgeformten Informationen in ein Gespräch einbringen. Aber eben so, dass das ‚Alte‘ nicht abgewertet wird, sondern in die Basis des ‚Neuen‘ einfliessen kann. 

Shabbat Shalom!



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