16./17. Cheschwan 5786 7./8. November 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 16:05
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:22
Shabbateingang in Zürich: 16:42
Shabbatausgang in Zürich: 17:47
Dieser Abschnitt der Torah lässt uns Avraham durch einige wichtige Stationen, aber auch Prüfungen seines Lebens begleiten.


Avraham, 99, sitzt unter den ‚Eichen von Mamre‘, während seine Frau Sara, 90, im Zelt beschäftigt ist. Es ist ein friedliches Bild. Die zwei Hochbetagten haben Wurzeln geschlagen in der Nähe von Hebron auf einem Grundstück, das einem Mann namens ‚Mamre‘ gehört. Der Rest einer Eiche steht heute noch im Klostergarten des ‚Heilig Geist Klosters‘ in Hebron.
Wir begleiten sie ab dem Moment, in dem sie himmlischen Besuch begrüssen dürfen und erfahren, dass sie einen Sohn haben werden.
Man darf es Avraham nicht übelnehmen, er wusste noch nichts von den halachischen Speisegesetzen. Selbst Gott, wahrscheinlich einer der drei himmlischen Boten hielt es ihm nicht vor. In Vers 18:8 lesen wir:
וַיִּקַּח חֶמְאָה וְחָלָב, וּבֶן-הַבָּקָר אֲשֶׁר עָשָׂה, וַיִּתֵּן
„Er nahm Butter, Milch und das Kalb, das er zubereitet hatte.“
Wir stehen quasi neben Avraham, als er mit Gott verhandelt, als dieser Sodom zerstören will und Avraham alles tut, um das zu verhindern.
Wir erfahren erschüttert, dass die Töchter von Lot Angst haben, dass die Menschheit nach der Zerstörung von Sodom und Amora aussterben wird und ihren Vater verführen, um schwanger zu werden.
Wir sind glücklich mit Sara und Avraham, als ihr gesunder Sohn Jitzhak auf die Welt kommt und leiden mit Hagar und ihrem Sohn Ishmael, bevor sich ihr Schicksal zum Guten wendet und sie beide ihren Platz in der Welt finden.
Im letzten Abschnitt begleiten wir Avraham und Jitzhak auf den wohl schwersten Weg in ihrem gemeinsamen Leben.
Avraham hat sich mit seiner Familie in der Nähe von Be‘er Sheva niedergelassen und lebte dort für einige Zeit als geduldeter Fremder.
Gott beschliesst, Avraham erneut auf die Probe zu stellen, die härteste der zehn, mit denen er Avraham testet. „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Jitzhak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“ Dieser Berg entspricht dem Ort, an dem viel später Salomon den ersten Tempel in Jerusalem errichten wird. Die Wege waren schlecht und es war ein langer Weg, der vor ihnen lag. Über was sie wohl gesprochen haben? Avraham wusste, dass dies der letzte gemeinsame Weg werden würde. Mit Jitzhak würde die Prophezeiung Gottes sich in Nichts auflösen, auf die er sich doch so verlassen hatte. Und Jitzhak? Für ihn mag das das erste grosse Abenteuer in seinem noch jungen Leben gewesen sein. So viel an Neuem stürzte auf ihn ein. Er wird viele Fragen an den Vater gehabt haben, die dieser ihm nicht beantwortete. Selbst als der Vater ihn auf den Stein band, soll er ruhig geblieben sein. Woher nahm er die Kraft?
Kann es wirklich sein, dass Gott den Befehl zu einem Mord gibt? Was bedeutet Mord in der heutigen Rechtsprechung? In der Regel werden „niedrige, nicht nachvollziehbare Beweggründe“ als Voraussetzung zu einem Mord angenommen. Beides würde in diesem speziellen Fall nicht vorliegen, Avraham führt in seiner Gottesfurcht den Befehl Gottes aus. Das wäre ein höchst moralischer und absolut nachvollziehbarer Grund für die von ihm verlangte Tat. Wir dürfen davon ausgehen, dass Gott nicht wirklich einen Mordfall, der so entgegen seinen eigenen Gesetzen steht, verlangt.
Vielleicht hilft es, diese verwirrende Szene besser zu verstehen, wenn wir einen Satz aus dem Talmud zu Hilfe nehmen. Im Text Midrasch Bamidbar Rabba 13:15 steht zu lesen: „Es gibt 70 Gesichter der Torah. Drehe sie immer wieder um, betrachte sie von allen Seiten. Du wirst jedes einzelne Detail dort finden.“
An dieser aktuellen Textstelle polarisiert der Text: totaler Gehorsam auf der einen und moralische Bedenken auf der anderen Seite.
Fast scheint es, als liesse sich Avraham viel Zeit, mit allem, was er zwischen dem Aufstehen vor der Abreise bis hin zum Fesseln von Jitzhak auf dem Opferaltar tut. Die Erzählung vermittelt nicht den Eindruck, dass er unter grossem emotionalen Druck steht. Sein bedächtiges Vorgehen könnte bedeuten, dass er vielleicht darauf wartet, dass Gott ihn stoppt. Dass die harte Prüfung zu Ende ist, bevor sie zu Ende geführt wurde. Oder dass er eine Möglichkeit bei sich entdeckt hätte, Gott zu sagen „Es geht nicht, ich kann das nicht tun!“
Warum aber hat Avraham das Opfer doch vorbereitet und die Hand gegen seinen Sohn erhoben?
Es gibt eigentlich nur eine Antwort. Er war sich sicher, dass Gott niemals verlangen würde, den Mord, hier als Brandopfer getarnt, zu fordern. Im Gegenteil, er war sicher, dass Gott die Prüfung im vielleicht letzten, aber entscheidenden Moment abbrechen würde. Und so kam es ja dann auch.
Am Beginn des Textes in Vers 22:1 steht וְהָאֱלֹהִים, נִסָּה אֶת-אַבְרָהָם Elohim nissa Avraham, Gott prüfte Abraham.
Das Verb „prüfen“ hat die gleiche Wurzel wie das Wort für Erfahrung, ניסיון, nissajon.
Wir lernen durch Erfahrungen. Diese sind nicht immer die besten und angenehmsten, aber sie bringen uns weiter in unserem Leben.
Wir müssen uns nur immer bemühen, das Beste aus jeder neuen Erfahrung, so wie Avraham und sein Sohn Jitzhak, es gemacht haben, zu ziehen.
Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:
(12) Vier Eigenschaften gibt es bei den Schülern: 1. schnell im Begreifen und schnell im Vergessen: sein Vorteil wird durch seinen Nachteil aufgewogen; 2. schwer im Begreifen und schwer im Vergessen: sein Nachteil wird durch seinen Vorteil aufgewogen; 3. schnell im Begreifen, aber schwer im Vergessen: das ist ein gutes Los; 4. schwer im Begreifen, aber schnell im Vergessen: das ist ein schlechtes Los.
Wenn ich diesen Text lese, dann erinnert mich das tatsächlich an meine Schüler und auch ein wenig an mich. Ich habe glaube ich alle vier Typen in mir vereint, von jedem ein bisschen.
Für mich uninteressantes und überflüssiges Wissen habe ich mir nur für eine Prüfung ‚reingezogen‘ und danach auch blitzschnell wieder vergessen. Diesem Wissen habe ich nie die Chance gegeben, sich irgendwo an andere Informationen anzuheften. Hätte man mich später noch einmal dazu befragt, da wäre kaum noch etwas da gewesen.
Dann gab es Fächer, in denen ich mich unglaublich schwergetan habe. Da habe ich wirklich um jedes Verstehen ringen müssen. Ich erinnere mich hier besonders an ein Fach. Dass ich es überhaupt bis zur Matura geschafft habe und diese dann tatsächlich auch im ersten Anlauf geschafft habe, verdanke ich einer Frau. Sie hat es mit viel Geduld erreicht, dass ich das mit grösster Mühe Erlernte zumindest teilweise verstand. So konnte es sich andocken an die Reste von zuvor Erlerntem und tatsächlich zu einer Vermehrung meines Wissens beitragen. Dank ihr blieb mir das Schicksal des vierten Typs erspart.
Wie glücklich fühlte ich mich am Gym aber vor allem auch später während meinen verschiedenen Ausbildungen in den Fächern, die mich wirklich interessierten. Ich habe sie alle vor, oder in der Frühzeit des Internets absolviert. Wie aufregend war es, in einer Bibliothek nach passender Sekundärliteratur zu suchen und die Texte wirklich durchzuarbeiten. Alles fiel mir leicht. Das Neugelernte erweiterte mein dazugehörendes Basiswissen und ist bis heute, bis zu 50 Jahre später, noch jederzeit abrufbar.
Ist es also nur die reine Veranlagung, die uns zu einem ‚guten‘ oder einem ‚schlechten‘ Schüler werden lässt? Das ist zu kurz gegriffen.
Es sind Faktoren, die mindestens ebenso wichtig sind. Hauptsächlich ist es die Fähigkeit des Lehrers, wie er uns den Stoff vermittelt und wie er es schafft, Schüler trotz fehlender Zeit oder grosser Klassen, so zu betreuen, dass sie nicht Gefahr laufen, hinterherzulaufen‘.
Kategorien:Israel
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