1./2. Kislew 5786 21./22. November 2026
Shabbateingang in Jerusalem: 15:57
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:15
Shabbateingang in Zürich: 16:26
Shabbatausgang in Zürich: 17:33
In diesem Wochenabschnitt lesen wir über das Drama des nächsten Geschwisterpaares.
Avraham, dessen Treue zu Gott so weit ging, dass er ihm sogar seinen Sohn Jitzhak geopfert hätte, hätte Gott dies nicht gerade noch rechtzeitig verhindert, hinterliess das Kind wahrscheinlich schwerst traumatisiert. Er hatte in kindlicher Naivität gefragt: „Vater, wo ist denn das Opfertier, das wir darbringen sollen?“
Und dann hatte er erkennen müssen, dass er selbst das Opfer hätte sein sollen. Konnte und hat er das seinem Vater jemals verziehen? Seine geliebte Mutter Sara ist an dieser Forderung Gottes zerbrochen. Als Jitzhak mit seinem Vater wieder zu Hause ankommt, ist seine Mutter bereits verstorben. Er hat sich nicht von ihr verabschieden können. War vielleicht Avrahams Angst, das Leid seiner Frau verursacht zu haben, der Grund, dass er mit seinem Sohn nicht zu ihr heimgegangen ist, sondern weiterzog nach Be’er Sheva? Jitzhak fand in der Heimat keinen Menschen mehr vor, der ihm die Last seines Traumas durch unendliche Liebe erleichterte.
Dieser zutiefst traumatisiert Mann heiratete die Frau, die sein Vater für ihn durch seinen Knecht in seiner alten Heimat aussuchen liess. Psychologisch sind diese Verstrickungen hochinteressant. Der Vater hatte auf Befehl Gottes seine Heimat verlassen. Offensichtlich hat er sich aber emotional nie ganz gelöst. Sein Sohn musste an seiner Statt die Beziehungen fortsetzen, die er nie hat ausleben können.
Avraham war nicht mehr selbst in der Lage, die Reise in die alte Heimat zu unternehmen. So beauftragte er einen Diener damit, die Wahl der Braut für den Sohn zu übernehmen. Er wollte, dass sich sein Sohn mit einer Frau aus seinem alten Gebiet verheiraten würde.
Die Geschichte des neuen Paares ähnelt der Geschichte der Eltern. Auch Rivka, die Frau, die sich Jitzhak freiwillig anschloss, galt als unfruchtbar. Ganz so, wie ihre Schwiegermutter Sara. Später, im Exil in Gerar gab auch Jitzhak seine Frau Rivka als seine Schwester aus, ganz wie Avraham Sara zweimal als Schwester ausgab. Vater und Sohn hatten beide Angst, dass die Schönheit ihrer Frauen ihnen zum Verhängnis werden könnten.
Gott hatte aber auch mit diesem Paar andere Pläne. Er hatte doch Avraham versprochen, er werde ihn und seine Nachfahren zu einem grossen Volk machen. Und Gott, das wissen wir, hält sich an seine Versprechen!
Rivka wurde schwanger und brachte ein Zwillingspaar, Esav und Ja‘acov, auf die Welt. Bereits vor der Geburt schienen die beiden Knaben ihren Kampf um das Vorrecht des Erstgeborenen austragen zu wollen. Rivka litt unter den unruhigen Kindern. Gott sprach zu ihr „Zwei Völker sind in deinem Leib, zwei Stämme trennen sich schon in deinem Schoss. Ein Stamm ist dem andern überlegen, der ältere muss dem jüngeren dienen.“ Diese Prophezeiung muss Rivka verwirrt haben, damals war es noch kaum möglich, vor der Geburt festzustellen, dass eine Zwillingsgeburt bevorstand.
Wir kennen die Besonderheit bei der Geburt: Ja‘acov klammerte sich an der Ferse des zuvor geborenen Esav fest, als wolle er zumindest gleichzeitig mit ihm geboren werden. Was natürlich eine medizinische Unmöglichkeit ist.
Natürlich ist die elterliche Beziehung in der Regel zu allen Kindern gleich gut. Aber ist es nicht oft so, dass es im alltäglichen Leben eben doch Unterschiede gib? So auch in diesem Fall. Jitzhak fand sich eher zu Esav hingezogen, der seine Freiheit liebte; wohingegen Rivka den häuslicheren Ja‘acov ein wenig zu bevorzugen schien.
Körperliche Arbeit macht müde, das erlebte auch Esav und erbat von seinem Bruder eine extra grosse Portion seines Leibgerichtes, eines Linseneintopfes. Ja‘acov erkannte seine Chance. Er wollte ihm das Gericht nur im Austausch gegen die Abtretung des Erstgeburtsrechtes geben, an das er sich bereits bei der Geburt geklammert hatte. Esav erkannte die Bedeutung dieses Rechtes nicht und gab es, ohne nachzudenken an seinen jüngeren Bruder. Damit erfüllte sich bereits ein Teil der göttlichen Vorhersage.
Die Tage Jitzhaks näherten sich ihrem Ende und er wollte seinem Erstgeborenen, Esav, den Segen geben, der ihm in dieser Position zustand. Er wusste nicht, dass dieser sein Recht an den jüngeren Bruder abgegeben hatte. Rivka wollte, dass ihr Liebling Ja‘acov den Segen empfing und griff zu einer unfairen List, die die Sehschwäche des Vaters ausnutzte. Ja‘acov scheint in dieser Situation ein zweites Mal so zu handeln, dass es nicht gottgefällig ist, er greift zu einer Täuschung. Es ist kein guter Eindruck, den wir von ihm bekommen. Wir können eigentlich nicht verstehen, warum Gott ihn zu unserem dritten Stammvater auserkoren hat, und nicht Esav, der ein zweites Mal zum Opfer wird. Doch nein, es ist genau das, was Gott prophezeit hat: „Der Ältere muss dem Jüngeren dienen.“ Wird die Täuschung deswegen weniger verwerflich? Nach heutigen Massstäben sicher nicht. Doch bei den ersten Generationen des Volkes Israel wurde das Wort Gottes nicht diskutiert!
Jitzhak erkennt wenig später voller Schrecken, dass er Opfer einer List wurde. Doch er kann es nicht mehr ändern. In der Tradition gab es nur einen Segen. Unfair, wo doch jedes Kind den Anspruch darauf haben sollte. So konnte er seinem betrogenen Sohn nur Glück wünschen, mehr blieb ihm nicht.
Welche Rolle spielt Jitzhak in der Geschichte? Als Sohn seines übermächtigen Vaters Avraham und als Vater von Ja‘acov, der mit seinen dreizehn Kindern der eigentliche Gründer des Volkes Israel werden wird? Jitzhak bleibt als Figur der Torah im Nebel, es ist nicht viel, was wir von ihm wissen.
Doch auch Avraham hat seinen Stellenwert in der Torah. Das ist das, was wir aus diesem Wochenabschnitt lernen können. Jeder hat den gleichen Anspruch, als der wahrgenommen und respektiert zu werden, der er ist.


Kommen wir nun zu den Sprüchen der Väter:
(22) Ben Bag Bag pflegte zu sagen:
Mit fünf Jahren ist die Zeit für das Studium der Heiligen Schrift;
mit zehn Jahren Zeit für das Studium der Mischna;
mit dreizehn Jahren Zeit der Pflicht zur Befolgung der Mizwot;
mit fünfzehn Jahren Zeit für das Studium der Gemara;
mit achtzehn Jahren Zeit zum Heiraten (Chuppa);
mit zwanzig Jahren Zeit zum zielstrebigen Verfolgen der Lebensziele; mit dreissig Jahren Zeit zur Erlangung der vollen Lebenskraft;
mit vierzig Jahren Zeit zur Erlangung von Einsicht und Verständnis; mit fünfzig Jahren Zeit Ratgeber zu sein;
mit sechzig Jahren Zeit des Alters;
mit siebzig Jahren Zeit des ergrauten Alters;
mit achtzig Jahren Zeit des hohen Alters als Zeichen besonderer Stärke;
mit neunzig Jahren Zeit des Niedergebeugtseins;
mit einhundert Jahren ist es, als wäre man gestorben, vergangen und aus der Welt verschwunden.
Mit fünf Jahren dürfen nicht-jüdische Kinder noch ihrem Spieltrieb nachkommen. Erst seit wenigen Jahren werden sie gezielt und behutsam auf‚ den Ernst des Lebens‘ vorbereitet. Wir malten noch mit Kreide auf quietschenden Schiefertafeln unsere ersten Buchstaben und lernten mit bunten Stäbchen und aufgefädelten bunten Kugeln die Grundbegriffe des Rechnens. Bis zum Ende der ersten Klasse, so war das Bildungsziel, mussten wir das Alphabet in Gross- und Kleinschreibung beherrschen und einfache Texte lesen und schreiben können. Jüdische Kinder haben es da schon wesentlich schwerer. Sie erlernen bereits im Vorschulalter das hebräische Alphabet. Nicht nur, weil es von rechts nach links geschrieben wird, sondern auch weil es zu den vokalfreien Schriften gehört, stellt das Erlernen eine Herausforderung dar. Die Vokale werden in alten Schriften durch Interpunktionen definiert, בְּרֵאשִׁ֖ית בָּרָ֣א אֱלֹהִ֑ים אֵ֥ת הַשָּׁמַ֖יִם וְאֵ֥ת הָאָֽרֶץ – Bereshit bara Elohim et hashamajim ve et ha-aretz, im Anfang erschuf Gott die Himmel und die Erde, die in modernen Schriftstücken aber entfallen. Kinder beginnen in der Regel mit einfachen Texten, die zu den Wochenabschnitten passen. Insgesamt haben sie fünf Jahre Zeit, bis sie die gesamte Torah lesen können. Drei Jahre werden anschliessend der Mischna gewidmet. Dieses Regelwerk ist die Basis des Talmuds und umfasst die Weitergabe der zunächst ‚mündlichen Lehre‘. Rabbi Jehuda ha-Nasi (135 bis 217). Er hatte Angst, dass es genügend Lehrer gebe, die die mündliche Lehre weitergeben und legte deshalb die gesamte mündliche Lehre in der verschriftlichten Form an. In sechs grossen Kapiteln mit 68 Unter-Kapiteln werden alle Vorschriften, die in der Torah enthalten sind, beschrieben und erklärt. Man kann die Mischna auch als Gesetzeskodex des Judentums bezeichnen.
Mit 13 Jahren wird der Junge ‚Bar Mitzwa‘/Sohn der Pflicht. Im religiösen Sinne gilt er als erwachsenes, vollwertiges Mitglied der Gemeinde. In Gottesdiensten darf er aus der Torah vorlesen. Seine Pflicht besteht jetzt darin, die 365 Verbote und 248 Gebote, die in der Torah enthalten sind, einzuhalten. Im modernen Judentum gilt für Mädchen, dass sie mit 12 Jahren ‚Bat Mitzwa‘ / Tochter der Pflicht werden.

Im Alter von 15 Jahren wird die religiöse ‚Grundausbildung’ mit dem Kennenlernen der ‚Gemara‘ abgeschlossen. Die Gemara ist neben der Mishna der zweite Teil des Talmuds. Der zu diskutierende Text steht im Zentrum der Seite, und wird umrandet von Kommentaren und Anmerkungen. Jede Seite hat ein anderes Erscheinungsbild. Weiterführende Studien sind natürlich jederzeit möglich und spannend!
Wenn wir derzeit immer wieder in den Medien lesen, dass orthodoxe Männer vom Wehrdienst in Israel ausgenommen sind, weil sie in ihren Yeshiwot ‚lernen‘, so tun sie nichts anderes, als in Kleingruppen diese Texte zu studieren, zu diskutieren und zu interpretieren. Religion sollte Privatsache sein und in der Freizeit gerne so intensiv wie erwünscht studiert oder ausgeübt werden. Bereits im vierten Buch der Torah wird der Militärdienst für alle Männer über 20 als Pflicht bezeichnet. Eine Ausnahme stellen die Leviten dar, die Dienst im Tempel machen mussten. Es gab natürlich auch Ausnahmen (5. Buch 20,6-8) unter welchen Umständen der junge Mann keinen Dienst machen muss.
Die Trennung von Privatem und dem Staat gegenüber Verpflichtenden muss jedoch unbedingt eingehalten werden.
Shabbat Shalom ve Rosh Chodesch Tov!
Kategorien:Religion
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