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15./16. Kislew 5786 5./6. Dezember 2025
Shabbateingang in Jerusalem: 15:55
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:15
Shabbateingang in Zürich: 16:18
Shabbatausgang in Zürich: 17:27

Ja‘acov fürchtet schon wieder um sein Leben! Das erste Mal hatte er Angst, als er seinen Bruder Esav um dessen Erstgeborenenrecht und um den Segen des Vaters betrogen hatte. Seine Angst veranlasste ihn, zu fliehen.
Auf der Flucht trifft er im Traum auf Engel, die auf einer Leiter zwischen der Erde und dem Himmel hinauf- und hinabsteigen. Das war der Moment, in dem Gott den alten Bund, den er mit Avraham geschlossen hat, erneuerte. Ein wichtiger Augenblick im Leben von Ja‘acov, der damals noch ledig und ungebunden war.
Als er sich, nun bereits Patriarch einer grossen Familie, 20 Jahre später auf den Heimweg machte, traf er wiederum auf Engel. Obwohl sie ihm keine Botschaft überbrachten, wusste er doch, dass der Ort, an dem sie gerade ruhten, ein bedeutungsvoller sein würde.
Er muss geahnt haben, dass ein Treffen mit seinem Bruder unmittelbar bevorstand. Anders als bei Geschwistern, die sich nach so vielen Jahren erstmals wieder treffen, war er nicht glücklich darüber. Im Gegenteil, er fürchtete sich. Plagte ihn immer noch das schlechte Gewissen über seinen Betrug an ihm? Es muss so gewesen sein, denn als er Esav Boten entgegenschickte, wie es im ersten Absatz dieses Wochenabschnittes steht, so trägt er ihnen auf „Sagt zu meinem Herrn Esav, ich, dein Knecht Ja‘acov…“ Was will er damit sagen? Mein Betrug an dir hat nicht funktioniert? Ich habe immer noch keine Macht über dich? Die Prophezeiung „der Jüngere wird über den Älteren befehlen“ hat nicht gegriffen?
Die Angst muss sehr gross und das Selbstbewusstsein sehr klein gewesen sein. Im Gegensatz zu Avraham und zu seinem Vater Jitzhak hatte er noch nicht das Selbstbewusstsein erlangt, das aus dem absoluten Vertrauen in das Wort Gottes entsteht. Gott hatte ihm doch versprochen, ihn zum Vater eines grossen Volkes zu machen, also warum die Angst?
Dann berichten ihm auch noch die Boten, dass sie auf Esav gestossen sind, der ihnen mit 400 Mann entgegenkommt. Das kann in den Augen des verzweifelten Ja’acov nur bedeuten, dass Esav ihm in kriegerischer Absicht begegnet. Er hadert mit Gott und überlegt sich eine List, wie er zumindest einen Teil seiner Reichtümer und seine ganze Familie retten kann.
Als er mit allen Vorbereitungen fertig war, legte er sich nieder und wollte schlafen. Doch da geschah etwas, was zunächst beängstigend wirkt. Während der ganzen Nacht musste er „mit einem Mann“ kämpfen. Ja‘acov wusste nicht, wer „der Mann“ war, wir erfahren auch nicht, ob er Angst hatte und was der Grund für den Kampf war. Und doch muss er vermutet haben, dass „der Mann“ entweder ein Engel Gottes, oder sogar Gott selbst war, der ihn, als der Morgen kam, mit einem Schlag auf die Hüfte ausser Gefecht setzte.
Er muss Schmerzen gehabt haben, aber er hat „den Mann“ nicht losgelassen. Sondern er tat etwas, was mit nichts zu begründen war, er bat um seinen Segen. Er muss also instinktiv erkannt haben, dass der Kampf für ihn langfristig ein Segen war. Dass er sein weiteres Leben massgeblich beeinflussen würde.
Statt eines Segens gab ihm „der Mann“ einen neuen Namen, nach Avraham und Sara war er damit der dritte unserer Erzväter und Erzmütter, dessen Name von Gott abgeändert wurde. Sein neuer Name ist Israel, was nichts anderes bedeutet als „er kämpft mit Gott“. Jetzt ist ganz klar, „der Mann“ war niemand anderer als Gott. Kann es sein, dass es sich, ebenso wie bei seinem Traum mit der Leiter, den er auf seiner Flucht träumte, erneut um einen Traum handelt? Dann könnte der Schlag auf die Hüfte psychosomatisch sein, eine lebenslange Erinnerung daran, dass er sich selbst im Schlaf besiegt und gleichzeitig befreit hat.
Am Morgen trifft er auf seinen Bruder und darf dessen Vergebung erfahren. Als die Brüder sich dann trennen, können sie in der Gewissheit ihren eigenen Weg gehen, dass beide ihren Platz im Leben gefunden haben.
Ja‘acov zieht mit seiner Grossfamilie weiter bis Sh‘em im Land Kanaan. Sucht man heute nach den Überresten von Sh‘em, so findet man sie inmitten der heutigen Stadt Nablus.
In Sh‘em, dem Ort, an dem er hoffte, länger bleiben zu können, ereilte seine Familie ein tragischer Schicksalsschlag. Dina, das einzige Mädchen unter seinen Kindern, die Tochter Leas, genoss einige Freiheiten. Wir erfahren, dass „sie ausging, um sich mit den Töchtern des Landes zu treffen“. Der Sohn des Fürsten, Sh’em, vergewaltigte sie und dann erst verliebte er sich in sie und wollte sie heiraten.
Nach dieser unehrenhaften Handlung hatte Sh‘em immerhin den Anstand, seinen Vater zu bitten, die Hochzeit mit der Tochter von Ja‘acov zu arrangieren. Der hatte aber mittlerweile von der Entehrung seiner Tochter gehört und besprach den Fall mit den Söhnen. Obwohl diese sich, zumindest wissen wir nichts anderes, bisher nie um ihre Schwester gekümmert hatten, wurden sie zornig und sannen auf Rache.
Als List forderten sie die männlichen Bewohner von Sh‘em auf, sich ausnahmslos beschneiden zu lassen, denn nur dann dürfe ihre Schwester einen von ihnen heiraten. Diese gingen auf die Aufforderung ein, nicht aus Nächstenliebe, nicht aus dem Bedürfnis, mit dem Clan von Ja‘acov in Frieden zusammen zu leben. Nein, ihr Ziel war es, sich alles anzueignen, was sich im Eigentum Ja‘acovs befand. Den „kleinen“ Eingriff, so dachten sie, würden sie problemlos überstehen.
Aber Gott bestrafte sie alle, indem er sie an Wundfieber erkranken liess. Das nutzten drei Söhne Ja’acovs aus. Sie erschlugen alle Männer, plünderten die Häuser und nahmen den gesamten Viehbestand und alle Frauen mit sich.
Hatten sie gedacht, ihr Vater würde sie für ihre Tat loben, so hatten sie sich getäuscht. Er hatte grosse Angst, für das Tun seiner Söhne im ganzen Land verachtet und ausgestossen zu werden.
Natürlich, nach heutigem Rechtsempfinden steht die Rache der Brüder in keinem Verhältnis zu dem, was ihrer Schwester an Furchtbarem widerfahren ist. So musste Ja‘acov mit seiner Familie weiterwandern.
Noch einmal erschien Gott ihm, jetzt endlich segnete er ihn, gab ihm endgültig den Namen Israel und wiederholte seine Prophezeiung.
Rahel, die Lieblingsfrau Israels gebar ihm seinen letzten Sohn, Benjamin, bevor sie verstarb, und wurde an dem Ort begraben, den wir noch heute als „Rahels Grab“ kurz vor Bethlehem kennen. Heute ist das Grab ein Ort, an dem Frauen beten, wenn sich ihnen der Kinderwunsch nicht erfüllt.
Jitzhak, Israels Vater, verstarb im Alter von 180 Jahren und wurde von seinen nun wieder vereinten Söhnen, Esav und Israel, in der Höhle Machpela im heutigen Hebron beigesetzt.
Damit endet der heutige Wochenabschnitt. Was mich immer wieder traurig stimmt, ist, dass es über das weitere Leben von Dina nicht mehr zu erfahren gibt. Sie versinkt nach den tragischen Ereignissen in Schem im Nebel der Geschichte. Ihre Brüder dürfen viele Abenteuer erleben. Vor allem ihr kleiner Bruder Josef wird im Mittelpunkt der Familiengeschichte stehen und ihr Schicksal massgeblich bestimmten. Wo Dina lebte, ob sie Kinder hatte, ob sie glücklich war, werden wir nie erfahren. Es ist fast so, als ob es sie nie gegeben hätte.
Shabbat Shalom!
Kategorien:Religion
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