Bereshit, Wajigash 44:18 -47:27

ב“ה

6./7. Tewet 5786                                                         26./27. Dezember 2025

Shabbateingang in Jerusalem:                                                         16:02

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                        17:23

Shabbateingang in Zürich:                                                                 16:23

Shabbatausgang in Zürich:                                                                17:34

Die Geschichte von Josef nähert sich ihrem Höhepunkt. Schauen wir noch einmal kurz zurück, was bisher geschah.

© Antonio di Brescia, Der Becher in Benjamins Sack

Im Sack von Benjamin wird der Becher gefunden, den Josef vor der Abreise seiner Brüder dort hatte verstecken lassen

Beim ersten Besuch hatte er sich ambivalent gezeigt. Er liess die Brüder festnehmen und verlangte, dass einer von ihnen Benjamin herbeihole. Shimon behielt er als Pfand, um sicherzustellen, dass sie mit dem kleinen Bruder zurückkämen. Er gab ihnen sogar unbemerkt das Geld für den Kauf des Getreides wieder zurück, bevor er sie entliess.

Hätte ihnen nicht schon das Interesse an ihrem Jüngsten auffallen müssen? Was interessiert den fremden Vizekönig das Schicksal einer ihm fremden Familie? Noch dazu einer, die aus einem anderen Land kommt?

Als sie zurückkehrten, womit Josef nicht unbedingt gerechnet hatte, hatten sie auf Anweisung von Ja‘acov Geschenke, das Geld für den ersten Kauf und das Geld für einen erneuten Kauf bei sich. Nach langem Zögern hatte der Vater sich entschlossen, ihnen Benjamin mitzugeben.

Als Josef sie begrüsste, teilt er ihnen mit „Euer Gott, der Gott eures Vaters, hat euch heimlich ein Geschenk in eure Säcke gelegt. Ich habe euer Geld erhalten.“ (Ber. 43:23) Wie versprochen, gab er Shimon frei. Erneut hätten die Brüder skeptisch werden müssen, Josef erkundigte sich nun, nachdem er Benjamin entdeckt hatte, nach dem Wohlergehen des Vaters. Sie waren Gäste in seinem Haus, aber nicht an seinem Tisch, sie wurden verwöhnt, wobei Benjamin von Josef bevorzugt wurde.

Am nächsten Tag schickte er sie erneut in ihre Heimat. Wieder lag in jedem Sack das Geld, die Geschenke aber hatte er behalten. Und, wie eingangs erwähnt, befand sich auch der Becher, den Josef dort versteckt hatte, im Sack von Benjamin. Josef befiehlt, dass derjenige, bei dem der Becher gefunden wurde, als sein Sklave bei ihm bleibt. Die anderen Brüder aber sollten frei sein.

Jehuda der viertälteste der Brüder und Sohn von Ja’acov und seiner ersten Frau Lea, versucht erst gar nicht, sich zu rechtfertigen. Wahrscheinlich ist er mit der ganzen Situation einfach überfordert, das Katz- und Mausspiel, das Josef mit ihnen anstellt, ist ihm unverständlich. In einer langen Rede, die sich über 17 Verse hinzieht und in der 18-mal das Wort „Vater“ vorkommt, versucht Juda, das scheinbar harte Herz von Josef zu erweichen.

Doch ist das Herz wirklich hart? Juda hat die richtigen Worte gefunden, um seinen Bruder zu treffen. Überwältigt von seinen so lange zurückgehaltenen Emotionen, schickt Josef alle Zeugen des intimen Augenblicks fort und bricht weinend zusammen, bevor er sich seinen Brüdern zu erkennen gibt.

Wird er sie, wie man vielleicht erwarten könnte, mit Häme und Schuldzuweisungen überziehen? Doch es kommt ganz anders. Josef, von der die Weisen oft gesagt haben, die ‚Schechina‘, der Geist Gottes, sei um ihn gewesen, beschimpft sie nicht, klagt sie nicht an. „Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. (Ber 45:4) Nicht der, den ihr töten wolltet, nicht der, den ihr verachtet, den ihr gehasst habt. Nein, der, den ihr verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt.“ (Ber 45:5) Gott allein wusste, dass es eine Hungersnot geben würde und nur Gott wusste, dass die Brüder kommen würden.

Und nur Gott hatte das alles so geplant, um die Versöhnung zwischen den Geschwistern zu ermöglichen. Wie lange wäre wohl sonst der Familienstreit weitergegangen?

Josef, das Opfer der Wut und des Neides seiner Brüder, darf die Geschichte umkehren. Gott hat ihn in die Lage dazu versetzt. Er kann die Täter trösten, sie ent-schulden und ihnen eine gute Zukunft bieten.

Ja’acov kann sein Glück fast nicht fassen, es kann ihm gar nicht schnell genug damit gehen, nach Ägypten zu reisen, um seinen geliebten Sohn Josef, um den er so getrauert hatte, wiederzusehen. Er war glücklich, wieder mit der gesamten Familie vereint zu sein und in Ägypten ein neues Leben beginnen zu können. Auch wenn er zu Pharao sagt, dass sein Leben schon 130 Jahre währte, war er lebenshungrig.

Was lernen wir aus diesem Wochenabschnitt? In jeder Familie gibt es Brüche in der Beziehung. Jemand hat, absichtlich oder ungewollt, einen anderen zutiefst verletzt. Die Folge ist ein unüberbrückbares Schweigen. Beide Seiten leiden. Die Narben werden im Laufe der Zeit kleiner, aber sie verheilen nie ganz.

Keiner will nachgeben, keiner den ersten Schritt tun. Nicht die Geschwister untereinander, nicht die Kinder und nicht die Eltern. Jeder wähnt sich im Recht, hat aber auch Angst, zurückgewiesen zu werden, wenn er den ersten Schritt macht. Irgendwann ist die Zeit der Versöhnung vorbei, irgendwann ist die Chance unwiederbringlich vertan. Unser Leben ist nicht endlich.

Versöhnung ist nie leicht, einer muss den Mut haben, den ersten Schritt zu tun und der andere muss den Wunsch haben, mit dem zweiten Schritt zu folgen. Schuld oder nicht Schuld, das darf dabei nie die Frage sein.

Ich wünsche uns allen, dass wir im Leben eine zweite Chance in einer scheinbar aussichtslosen Situation erhalten und dass genug Liebe in uns ist, vertrauensvoll den zweiten Schritt zu tun.

Shabbat Shalom und für die kommende Wochen den Beginn eines erfolgreichen, gesunden und friedlichen bürgerlichen Jahres 2026!



Kategorien:Religion

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