Welchen Namen wir den Kindern geben, spiegelt die Kultur und den Geist, in dem wir leben

20. Tevet 5781

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Namen sind nicht nur «Schall und Rauch», wie Goethe seinen Faust (Vers 3453 ff.) sagen lässt.

Faust und Gretchen im Garten, Gemälde von James Tissot 1861

Nenn es dann, wie du willst,
Nenn´s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.

Namen, zumeist die, die uns die Eltern ausgesucht haben, begleiten uns ein Leben lang. Einige werden regelmässig bis hin zur Nicht-Erkennbarkeit gekürzt, einige verballhornt. Dass mein schöner Vorname «Esther» in Israel oft zu «Etti» gekürzt wird oder auch zu «Esti» ist kein Problem. Dass ich aber in den frühen 60er-Jahren mit «Essig» (dabei bin ich vom Gemüt her gar nicht essigsauer) oder «Eskimo» angesprochen wurde, nervte mich während meiner gesamten Grundschulzeit. Damals war mein Name in Deutschland ganz und gar nicht gebräuchlich. Die Herkunft war den meisten Mitschülern völlig unbekannt. 

Ziemlich sicher waren sich auch die Eltern einer meiner Schülerinnen sich des Ursprungs beider Namen nicht bewusst, die sie ihrer Tochter gaben. Das bedauernswerte Mädchen hiess «Ester-Edda» und wollte/musste auch so angesprochen werden.

Ester ist der Name der persischen Königin, der wir die Errettung des jüdischen Volkes im 5. Jahrhundert BCE verdanken. Ihr eigentlicher Name ist «Hadassa», was aus dem Hebräischen stammt und «Myrte» bedeutet. Myrtenzweige, hadassim sind auch Teile des Lulav, den wir anlässlich von Sukkot zusammenbinden. Der Name «Esther» selber wird zurückgeleitet auf «Astarte», ursprünglich eine semitische Göttin, die später als «Venus» oder «Aphrodite» bekannt wurde und diese Rolle auch perfekt in der Megillat Esther erfüllt.  (Purim, der Tag, an dem wir dieser Tragödie, die einen guten Ausgang nahm, gedenken, findet in diesem Jahr am 25. Februar statt)

Auf diesen Namen hätte meine Schülerin stolz sein dürfen. Aber Edda, das erinnert an zwei Grössen den Faschismus und Nationalsozialismus. Edda war der Name der ältesten Tochter von Benito Mussolini. Ob sie tatsächlich die uneheliche Tochter der jüdischen Weggefährtin Mussolinis, Angelica Balabanova war, die sich später von ihm trennte, oder die ebenfalls uneheliche Tochter der späteren Ehefrau Mussolinis’, Rachele Guidi, ist nicht ganz klar. Die zweite Edda, die ich hier anspreche, ist Edda Göring, die Tochter von Emmy und Hermann Göring. Ihr Taufpate war Adolf Hitler. Nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte sich der Wagner Enkel Gottfried Wagner «Meine Tante Friedelind war ausser sich, als meine Großmutter sich langsam wieder zur First Lady rechtsradikaler Gruppierungen mauserte und politische Freunde empfing wie Edda Göring …» Die Tochter Görings hatte wohl die braune nationalsozialistische, antisemitische Brühe mit der Muttermilch aufgesogen. 

Die deutsche Gesetzgebung ist heute recht liberal, was die Namensgebung anbelangt. Letztlich haben die Standesämter zu entscheiden, welche Namen akzeptabel sind und welche nicht. Grundsätzlich steht das Kindswohl im Vordergrund der Überlegungen. Nutella, Coca-Cola, McDonalds, Luzifer, Satan, Lenin, Popcorn sind heute nicht erlaubt. 

Hingegen sind jüdische Vornamen heute nicht mehr die Ausnahme, sondern oft die nicht als solche erkannte Regel. 

Das war nicht immer so. 

Die Nationalsozialisten räumten in der Wahl der akzeptierten Vornamen kräftig auf. Bereits am 8. Februar 1938 begann man damit, eine Liste zu erstellen, welche Vornamen zukünftig von Juden getragen werden mussten. Hitler bemerkte zu dieser Liste, dass nur solche wirklich jüdischen Vornamen gestattet werden, «die von Deutschen nicht geführt werden und ihrem Klang nach ohne Weiteres als jüdisch zu erkennen sind.»[1] Hingegen liess er Namen streichen, die auch in «deutschen Familien durchaus üblich sind.»[2] Am 18. Mai desselben Jahres gab es die zweite revidierte Liste, auf der sich 190 männliche und 121 weibliche Namen befanden.  Dazu bemerkte die Reichskanzlei «… wenn auch einige Namen dabei sein mögen, die auch (ganz) vereinzelt in deutschen Familien vorkommen, wie z.B. Elias, Isidor, Samuel, Deborah. Das wird sich aber kaum ganz vermeiden lassen, da sonst zu wenig Namen für die Juden verbleiben.»[3] Die letzte und damit endgültige Fassung erschien, nachdem Hitler selber nochmals 19 Mädchennamen gestrichen hatte, am 18.8.1938. Jüdische Eltern konnten nun zwischen 185 männlichen und 91 weiblichen Vornamen wählen. Bereits lebende Juden, die keinen der erwähnten Namen trugen, mussten ab diesem Zeitpunkt den Zusatznamen «Israel» bzw. «Sarah» führen. 

Saul Friedländer beschreibt in seinem Buch[4] welche Einkreisungsmassnahmen  von den Nazis systematisch eingesetzt wurden, um die jüdische Bevölkerung in Deutschland und in den von Deutschland eroberten/besetzten Staaten zu vernichten. 

Die Bilder wurden dem Buch «Das Mädchen, das nicht Esther heissen durfte» entnommen[5]

Jochen Klepper, deutscher Theologe, Journalist und Schriftsteller, wurde wegen seiner Ehe mit der Jüdin Johanna Stein geb. Gerstel berufliche und private Schikanen erdulden. Als die Deportation seiner Frau und einer Tochter drohten, wählte die Familie den Freitod. In seinem Tagebuch[6] schreibt er am 23. August 1938 «Die Liste der Vornamen, die für neugeboren Judenkinder festgesetzt ist, bedeutet zu 80 % eine sadistische Verhöhnung. Die biblischen, berühmten Namen sind den Juden gesperrt.»

Die jüdischen Vornamen kamen noch einmal ins Visier der Nationalsozialisten. Auf der Buchstabiertafel der Weimarer Republik von 1926 durften einige der jüdischen Vornamen noch stehen bleiben. 

Am 22.3.1933 schrieb ein Joh. Schliemann an das Postamt in Rostock «In Anbetracht des nationalen Umschwungs in Deutschland halte ich es für nicht mehr angebracht, die in der Buchstabiertabelle des Telefonbuchs aufgeführten jüdischen Namen wie David, Nathan, Samuel etc. [Jacob und Zacharias] noch länger beizubehalten. Ich nehme an, dass sich geeignete deutsche Namen finden lassen. Ich hoffe, in der nächsten Ausgabe des Telefonbuches meinen Vorschlag berücksichtigt zu sehen.» Dank der exakt arbeitenden Bürokratie lässt sich die Bearbeitung des Schreibens verfolgen. Sie gelangte zunächst an die Oberpostdirektion Schwerin und später an die Oberpostdirektion Berlin. Jedes Mal sorgfältig mit einem Aktenzeichen versehen und kommentiert. 

© Wikipedia gemeinfrei, Museum für Post und Kommunikation, Berlin 1997

In Berlin zeigte man sich zögerlich. «Die OPD erachtet daher eine Änderung in der angestrebten Weise zum Mindesten jetzt noch nicht für angebracht und beabsichtigt, den Antragsteller durch das Postamt Rostock dahingehend im Wege mündlicher Besprechung bescheiden zu lassen.» Nach nur einem Monat nach Eingang der Postkarte in Rostock standen die Änderungen bereits fest: DoraJuliusNikolausSiegfried und Zeppelin.

Wieder war ein kleines Stück jüdischer Normalität in Nazideutschland verschwunden, etwas, was nur wenigen Menschen auffiel. Für jüdische Bürger aber ein klares Menetekel, dass in Deutschland für sie grausame Zeiten bevorstehen würden. Eine völlige Verdrängung aus dem Alltagsleben. Die Zerstörung der jüdischen Kultur. Und als grausamer Höhepunkt, der Genozid, die Shoa.

Einige Namen wurden nach dem Krieg zurückgetauscht. So buchstabiert man heute in Deutschland wieder mit den alten hebräischen Namen Samuel und ZachariasDavid, Jacob, Nathan werden heute noch als Dora, Julius und Nordpol vorgegeben.

2019 forderte der Antisemitismusbeauftragte für Baden-Württemberg, Michael Blume, dass auch Nordpol wieder durch Nathan ersetzt werden müsse. Dies wird noch in diesem Jahr geschehen. Mit der Rückkehr zur Buchstabiertabelle der Weimarer Republik werden dann auch David, Jacob und Nathan wieder zurückkehren.

2021 ist ein Jubiläumsjahr, das an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnern soll.  Am 11. Dezember 321 schickte der römische Kaiser Konstantin ein Dekret an die Decurionen von Agrippina, den Stadtrat von Köln. «Mit einem allgemeinen Gesetz erlauben wir allen Stadträten, Juden in den Rat zu berufen.» Das Datum ist bekannt, weil ein späterer Kaiser alle Gesetze des Römischen Reiches sammeln liess. Diese Sammlung befindet sich in den Bibliotheken des Vatikans. Ein hochinteressanter Artikel dazu findet sich hier.

Es bleibt zu hoffen, dass es eines Tages wieder ganz einfach normal und selbstverständlich sein wird, sich als Jude und als solcher erkennbar in Europa zu bewegen. Leider sind wir davon noch sehr, sehr weit entfernt. Für Juden wird es wieder gefährlich, in Europa zu leben.


[1] D. Bering, Der Name als Stigma, 153 ff

[2] ebendort 162 ff

[3] Bundesarchiv Koblenz R 43/II 170 ff

[4] Saul Friedländer, Das dritte Reich und die Juden

[5] Winfried Seibert, Das Mädchen, das nicht «Esther heissen durfte», 266 ff

[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Unter_dem_Schatten_deiner_Flügel



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