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23./24. Schevat 5781 5./6. Februar 2021

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 16:37
Schabbatausgang in Jerusalem: 17:55
Zu Beginn dieses Wochenabschnittes trifft Moses’ Schwiegervater Jitro gemeinsam mit Zippora und ihren gemeinsamen zwei Söhnen wieder auf die Kinder Israels. Zuletzt haben wir von Zippora gehört, als sie als erste Mohelet ihren Sohn beschnitten, und damit den bisher massgeblichsten Punkt des Bundes zwischen Gott und den Kindern Israel erneuert hat.
Offensichtlich hatte Moses seine Familie wieder zurück nach Midian geschickt. Nicht aus Böswilligkeit, denn Jitro wird als sein «Schwiegervater» und Zippora als «seine Frau» bezeichnet. Nachdem Moses einen Ägypter getötet hatte, war er einst in das Land Midian geflüchtet, aber einige Zeit später mit Zippora nach Ägypten zurückgekehrt. Welchen Grund hatte er, sie wieder in die Obhut ihres Vaters zu geben? Hatte er sie vor den Schergen Pharaos schützen wollen? Vielleicht sah er sich, nachdem er den Auftrag Gottes erhalten hatte, auch nicht (mehr) imstande, ordentlich, wie ein guter Familienvater für sie zu sorgen. In dem Fall wäre jetzt die Zeit für sie gekommen, als Familie zusammen weiter zu ziehen.
Jitro ist überwältig von allem, was er hört und bekennt, dass der Gott der Kinder Israel grösser ist als jeder andere Gott. Dürfen wir das als Zeugnis dafür nehmen, dass Jitro seinen alten Göttern abgeschworen hat? Alles spricht dafür, denn er bringt, gemeinsam mit Moses, Aaron und den Ältesten des Volkes ein Brandopfer dar.
Anschliessend muss Moses seiner Pflicht der Rechtsprechung nachkommen. Die Reihe derer, die seinen Rat suchen zieht ist so gross, dass er den ganzen Tag dort sitzen muss. Jitro kann das nicht mit ansehen und gibt ihm einen guten Rat. Moses sollte Stellvertreter einsetzen und so sich selber von dieser Pflicht entlasten. Wir dürfen davon ausgehen, dass auch Jitro in diesem Moment zu einem Sprachrohr Gottes geworden war.
Jitro zeigt sich hier als der erste Coach für effizientes Management und lässt Moses etwas einführen, was wir viel später als «Management by delegation» kennen. Wenn ein moderner Manager in der Lage ist, Kompetenzen abzugeben und nicht an jeder kleinen Einzelheit selber klebt, dann muss er ein guter Manager sein, der sich seiner selbst sicher ist. Moses ist im Laufe der Monate an sich gewachsen, aus dem zweifelnden, zögernden Mann ist ein Mann geworden, der bereit ist, neue Verantwortungen zu übernehmen.
Moses stieg auf den Berg, von dem er wieder einmal die Stimme Gottes hörte. «Das ist es, was du dem Haus Jakobs und den Kindern Israel sagen sollst: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe und wie ich euch auf Adlerschwingen getragen und zu mir gebracht habe. Und dann, wenn ihr auf meine Stimme hört und den Bund mit mir einhaltet, dann werdet ihr mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, aber ihr sollt mir als ein Reich von Priestern und als heiliges Volk gehören.» (Ex 19:3 – 6)
Was bedeutet es, dass Gott sagt, er habe das Volk «auf Adlerschwingen getragen»? Welche Beziehung hat der Adler zu seinen Nachkommen, die zunächst hilflos und in völliger Abhängigkeit von ihm leben? Wenn die Jungen flügge werden, wirft er sie aus dem Horst. Doch er Adler lässt sie nicht abstürzen, er fängt sie auf und bringt sie zurück in den Horst. Immer wieder, bis der junge Adler wirklich flügge ist.
Menschenkinder lernen durch solche, hoffentlich nicht ganz so dramatischen Erfahrungen, das Urvertrauen. Den bedingungslosen Glauben an die Eltern, die es gut mit ihnen meinen. Wenn Gott die Kinder Israel also auf Adlerschwingen getragen hat, so liegt der Vergleich nahe, dass er damit die Basis für das Urvertrauen in seine Güte und Besorgnis für uns gelegt hat. Martin Buber hat diese «Adlermetapher» wunderbar beschrieben.
Moses berichtet wortgetreu die Worte seinem Volk, das sich bereitwillig verpflichtete, alles zu tun, was Gott ihnen auftragen würde. Solange es «nur» die mündlich ausgesprochenen Gebote waren! Mit den schriftlich erteilten Geboten aber werden sie, wie wir in wenigen Wochen sehen werden, ihre Probleme haben. Aber geht es nicht uns allen oft so? Wie leichtfertig stimmen wir oft mündlichen Vereinbarungen zu, um den, der sie mit uns trifft, «ruhig zu stellen»? Oder einfach auch weil wir uns der gesamten Tragweite nicht bewusst sind? Und erst dann, wenn das «Kleingedruckte» vor uns liegt, dann kommen die Zweifel, der Widerspruch.
Kapitel 20:2 beginnt mit einer im Alltagshebräisch eher ungewöhnlichen Formulierung , die auch in 20:4 nochmals wiederholt wird.
אָנֹכִי יְהוָה אֱלֹהֶיךָ
Statt des gebräuchlichen Begriffes für «ich» אני (ani) verwendet Gott hier das Wort אָנֹכִי (anochi). Was ist der Unterschied? Ani ist die Form, die jederzeit ohne Wertung, ohne Betonung einer Besonderheit benutzt wird, wenn jemand über sich selber spricht. Anochi hingegen setzt eine besondere Beziehung voraus. Diese kann entweder sein: «Ich und nur ich», oder aber zur Betonung einer besonders engen Beziehung zwischen dem der spricht und dem der zuhört.
Die nachfolgenden Verse sind wohl die wichtigsten Verse der Thora. Gott gibt den Kindern Israel seine Gebote. Jene Gebote, die allen Juden Verpflichtung sind.
Auch andere Völker kannten schon Gebote, aber hier, in der Thora, werden sie erstmal schriftlich festgeschrieben. Sie stellen, und auch das ist eine Besonderheit, den unmittelbaren göttlichen Willen dar. Im 5. Buch Moses werden wir zweimal aufgefordert, diesen Geboten «nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzunehmen» (5. Buch, 4:1-2 und 13:1)Es sind nur zehn Gebote, wie wenig im Vergleich zu einem Bürgerlichen Gesetzbuch und doch stellen sie die Basis zu allen modernen gesetzlichen Regelwerken dar.
Eines der Gebote betrifft die Heiligung des siebten Tages, des Shabbats. Dass der siebente Tag für alle ein Tag der Ruhe sein soll, ist das erste und auch einzige soziale Gesetz aus der Thora, das in das moderne Arbeitsrecht Eingang gefunden hat. Wobei es für Nichtjuden völlig unwesentlich ist, ob es immer der Shabbat ist, an dem arbeitsfrei ist. Es ist die grösste soziale Errungenschaft, die wir kennen.Wesentlich ist, dass durch dieses Gebot gesetzlich festgelegt wurde, dass jedem Menschen nach sechs Tagen der Arbeit, an denen er seinen Lebensunterhalt verdient, ein arbeitsfreier Tag zusteht.
Es heisst aber nicht, wir sollen an sechs Tagen beten und uns am siebenten Tag füttern lassen, wie das leider von einigen jüdischen Minderheiten in Israel kompromisslos praktiziert wird. Das Manna, mit dem Gott uns genährt hat, stand am siebenten Tag nicht zur Verfügung! Nein, so wie Gott an sechs Tagen gearbeitet hat, so sollen auch wir arbeiten!
Shabbat Shalom
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