Wochenabschnitt: Mishpatim, Shmot 21:1 – 24:18, 2. Buch

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30. Shevat/ 1. Adar  5781    12./13. Februar 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  16:43

Schabbatausgang in Jerusalem:                              18:01

In der vergangenen Woche hat das Volk Israel die zehn Gebote erhalten. Damit ist eine deutliche Zäsur in den Erzählungen der Thora erreicht. Bisher ging es hauptsächlich darum, wie sich aus den Stämmen der Kinder Jakobs ein grosses Volk bildete. Oder auch zusammenraufte. Die Geschichte ging nicht ohne Streit, Neid und Missgunst vor sich. 

Die Zeit, die sie in der Sklaverei in Ägypten verbracht hatten, wird mit 430 Jahren benannt. Die Menschen, die zu Josef reisten, in der Hoffnung, dort die Hungersnot überstehen zu können, hatten zunächst sehr gute Jahre. Nachdem aber der alte Pharao verstarb, dem Josef gedient hatte, wurden sie versklavt und so zu unfreien Menschen. 

Moses, von Gott ausgewählt, fiel die schwere Aufgabe zu, sie aus der Sklaverei zu führen. Warum war die Aufgabe so schwer? Wir haben es in den letzten Wochen immer wieder gelesen, wie sich die Kinder Gottes aufregten, sich beschwerten, Moses das Leben schwer machten. 

So schwer, dass er mehrmals fast unter der Last aufgegeben hätte. Auch wenn sein Bruder Aaron ihm als Sprachrohr diente, schlussendlich musste er alles entscheiden. 

Bis ihm sein Schwiegervater Jitro zumindest eine Erleichterung vorschlug. Moses akzeptierte seinen Vorschlag und lernte von seiner alleinigen Verantwortung etwas an andere abzugeben. Sie sollten lernen, zu beurteilen, abzuwägen und auch, falls notwendig, zu verurteilen. 

Ab diesem Moment begann eine neue Ära. Für das Volk von Eigenbrötlern musste ein Regelwerk geschaffen werden. Den Anfang, wir haben es in der Vorwoche gelesen, machten die zehn Gebote. Diese sind das unabänderliche Grundrecht. Die Kinder Israels stimmen ohne Wenn und Aber zu, sich an diese Gebote zu halten. 

Auf dieser Grundlage erhält das Volk Israel nun weitere grundlegende Gebote, die Basis für ein umfassendes juristisches Kompendium. 

Zunächst wird der Umgang mit Sklaven geregelt. Die Bedeutung dieser Frage kann daraus abgeleitet werden, dass ihr zehn Verse (Ex 21:2-11) gewidmet sind. Vielleicht liegt es daran, dass die Kinder Israel selber so lange als Sklaven gelitten haben und es ihnen nicht möglich ist, unbelastet über diesen Bereich zu handeln. Explizit werden wir auch aufgefordert: «Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.» (Ex 22:20) und später nochmals «Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.» (Ex 23:9) Aber sind die Sklaven, von denen hier gesprochen wird, wirklich «echte» Sklaven, wie wir es verstehen? Im Text heisst es: עֶבֶד עִבְרִי (ewed ivri) es wird also betont, dass es sich um «hebräischen Sklaven» handelt. Ihr Eigentümer wird mit dem durchaus respektvollen Begriff אֲדֹנ (Herr) und nicht mit der üblichen Bezeichnung für einen Eigentümer בעל genannt. Die ausgesprochen soziale Rechtsgrundlage für den Umgang lässt vermuten, dass es sich bei dieser Gruppe weniger um typische Sklaven als eher um Diener handelt. Vielleicht um Menschen, die aus welchen Gründen auch immer durch das soziale Netz gefallen sind und sich als unterste Gesellschaftsschicht in fremden Diensten verdingen müssen. Das würde auch besser dazu passen, dass es die Thora verbietet, Eigentum an einem Leben anderer einzufordern. Die Frage, wem unser Leben gehört, ob wir tatsächlich so selbstbestimmt sind, wie wir immer glauben und anstreben zu sein, oder ob unser Leben Gott gehört, ist eine der grossen ungelösten Fragen der jüdischen Philosophie.

Erstmals wird unterschieden zwischen vorsätzlichem Mord, auf den die Todesstrafe folgt,  und unbeabsichtigter Körperverletzung mit Todesfolge. In diesem Fall verspricht Gott, einen Asylort bereitzustellen. Im 4. Buch Moses (Numeri) 35:11–32 werden diese Orte und ihre Funktion näher beschrieben. Bedeutsam ist es, dass mit dieser differenzierten Rechtsprechung das Stammesrecht sich einer allgemeingültigen Rechtsprechung unterordnen muss. Nicht ein Angehöriger des Opfers darf Blutrache üben, sondern es ist Sache eines Gerichtes, das Urteil zu fällen. 

Die Verse Ex 21:23-25 beinhalten jene Aussage, die in der Neuzeit vor allem von antisemitischen Kreisen missinterpretiert und als Beleg dafür gewertet wurde, dass die IDF ausschliesslich primitiven Rachegelüsten folgt, wenn sie zum Beispiel die Häuser von Terroristen zerstört, die einen Mord an einem Juden begangen haben. Der Vorwurf, der immer wieder formuliert wird, geht sogar noch weiter. Für uns, die Juden, sei die Rache unser einziger Ausdruck von Gerechtigkeit. Woher kommt diese völlig abstruse Aussage?

עַיִן תַּחַת עַיִן, שֵׁן תַּחַת שֵׁן, יָד תַּחַת יָד, רֶגֶל תַּחַת רָגֶל

Der Satz «ajin tachat ajin, shen tachat shen, yad tachat yad, regel tachat regel» wird in diesen Kreisen übersetzt mit «Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Bein um Bein».

Ein Richter müsste demzufolge verlangen, dass der, der im Streit einem anderen ein Auge ausgestochen hat, nun selbst ein Auge verlieren muss. Fälschlicherweise wird das Wort תַּחַת in diesen Fällen übersetzt mit «um». Tatsächlich bedeutet es aber «unter, anstelle von». Korrekt übersetzt und interpretiert bedeutet der Satz: «Wenn du jemandem einen Zahn ausschlägst, dann sollst du ihm den Geldwert für den Zahn ersetzen.» 

In der vergangenen Woche haben wir auch das strikte Gebot, den Shabbat einzuhalten erhalten. Wir haben gelernt, dass es nicht nur für die Kinder Israels gilt, sondern auch für Sklaven und alle, die sich bei uns befinden. «Sechs Tage kannst du deine Arbeit verrichten, am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen.» (EX 23:12)  

Hier wird das Gesetz der Ruhe, und auch das zeigt die besondere Einstellung Gottes gegenüber allem Leben, ergänzt: «Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.» (EX 23:10-11) In diesem Gebot finden wir einen sehr modernen Ansatz für ökologische Landwirtschaft. Wir müssen bedenken, dieser Text stammt aus einer Zeit, lange bevor es Dünger gab. Die Menschen hatten damals nicht viele Möglichkeiten, welche Pflanzen sie anpflanzen konnten. Der Boden war karg und nach wenigen Jahren war er ausgelaugt. Im siebenten Jahr wurde ihm so die Möglichkeit gegeben, sich selber zu regenerieren, sodass in den Folgejahren die Ernte wieder besser wurde. Natürlich sollten die Früchte, die im Ruhejahr reiften, nicht verloren gehen. Sie durften von den Armen, die selber keine Felder bestellten, aufgesammelt und geerntet werden.

Der Schluss dieses Wochenabschnittes leitet über zu einem der eindrücklichsten Ereignisse der bisherigen Geschichte. Gott wird sich erstmals einer ausgewählten Gruppe des Volkes Israel zeigen. Zusammen mit Moses und Aaron sollen auch dessen Söhne, Nadad und Ahibu, sowie die siebzig Ältesten der Stämme auf den Berg Horeb hinaufsteigen. Dort sahen sie erstmals Gott, der ankündigte, er wolle Moses die Gesetzestafeln geben, die er geschrieben hatte. Moses stieg mit Joshua, seinem Vertreter hinauf und blieb dort oben vierzig Tage. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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