Archäologie statt Apokalypse in Megiddo

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Fährt man durch Um-el-Fahm auf der Schnellstrasse 65, so fährt man durch besonders geschichtsträchtige Regionen Israels. Die Schnellstrasse beginnt in Caesarea und endet in Galiläa. Vor Tausenden von Jahren war sie Teil der alten Handelsstrasse «Via Maris», die von Ägypten bis hinauf nach Anatolien führte. Abzweigungen führten nach Jordanien, Persien, Irak und Mesopotamien. 

Innerhalb des Ortes Um-el-Fahm, der sich rechts und links der Strasse entlang an den Hügeln ausdehnt, führt die Strasse durch das Wadi Ara. Als eine der grösseren arabisch dominierten Städte Israels ist Um-el-Fahm zugleich auch die Stadt, in der die Hamas sich besonders stark etabliert hat. 1949 leisteten die Bürgermeister ihren Treueschwur an den jungen Staat Israel. Gleichzeitig wurde durch einen Landtausch mit einem Gebiet südlich von Hebron das Wadi als israelisches Staatsgebiet anerkannt. Heute wird immer wieder diskutiert, ob dieses von arabischen Israelis dominierte Gebiet im Falle eines Friedensvertrages mit den Landansprüchen der Palästinenser abgetreten werden soll. So wirklich begeistert sind die arabischen Israelis nicht von diesem Plan. Sie möchten lieber mit ihrem israelischen Pass in Israel leben. 

Die historische Karte von 1940 überlegt mit den Informationen von heute.

Wenige Kilometer später öffnet sich der Blick auf die Jezreel Ebene. Zur Linken erkennt man die Umrisse von Tel Megiddo (über das ich hier schon einmal geschrieben habe). Geradeaus fällt der Blick auf den Berg Tabor, der vor allem als «Berg der Verklärung» aus dem Neuen Testament bekannt ist. Und links auf Nazareth, jener Stadt, in der die christliche Geschichte  mit der Verkündigung der jungfräulichen Empfängnis Marias beginnt. Hier kann man den Landeanflug unserer Kampfjets beobachten, die auf dem nahe liegenden Flughafen Ramat David beheimatet sind. 

Blick vom Berg Karmel auf den Flughafen

Möchte man von hier aus nach Megiddo fahren, benutzt man die Strasse 66. Südlich der Kreuzung führte die Strasse früher weiter ins palästinensische Jenin. Heute endet sie nach 3 km an einem Checkpoint der «grünen Grenze».

Wie auf dem Foto zu erkennen ist, durchschneidet die Schnellstrasse 65 knapp vor der Kreuzung ein rechteckiges, leicht bewaldetes Gebiet. Südlich der Strasse liegt das Gefängnis, das noch aus der Zeit des «Britischen Mandats» stammt. Nicht mehr zeitgemäss vielleicht und so wird es auch kaum jemanden stören, wenn die Insassen in ein anderes Gefängnis übersiedeln werden, sobald die Corona Pandemie dies erlaubt. Warum wird das nötig? 

Im Jahr 2005 wurde ein Antrag auf Vergrösserung der Anlage gestellt. Und wie immer in Israel tritt, wann immer es sich um ein Bauvorhaben auf möglicherweise historischem Grund handelt, die Antiquitäten Behörde in Aktion. Und weil mögliche Fundstellen überall in Israel liegen, sieht man immer wieder die Archäologen bei der Arbeit. Finden sie nichts, darf gebaut werden. Werden sie fündig, aber es handelt sich um nichts, was erhaltungswürdig ist, wird die Grabung wieder geschlossen.

Hier aber kam eine sensationelle Entdeckung zum Vorschein. In einem der ausgegrabenen Häuser fand man Mosaike. Gut, auch die gibt es an vielen Stellen in Israel. Aber dieser Fund war etwas wirklich etwas Aussergewöhnliches. Eine «Kirche» aus einer Zeit, in der es bisher noch keine nachgewiesenen christlichen Sakralbauten gibt. 

An diesem Ort befand sich das Lager der «Legio VI», einer römischen Truppeneinheit, die von 138 bis 244 CE dort stationiert war. Die Soldaten waren auch beteiligt am Bau der etwa 60 Km entfernten Thermalbäder von Hammat Gader, das unmittelbar neben der Grenze zu Jordanien liegt. Belegt wird diese Bautätigkeit mit einer entsprechend beschrifteten «Bautafel».

Yoram Tepper, ein israelischer Archäologe, führte in den Jahren 2002/03 im Rahmen seiner Doktorarbeit Untersuchungen des ganzen Gebietes um Megiddo durch. Dabei wurde vor allem mit Bodenradar gearbeitet. Nachdem klar wurde, wo sich das römische Lager befand, wurden umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt. 

Im Jahr 2005 stiess Tepper mit seinem Team und 60 Gefangenen, die mitarbeiten durften, innerhalb eines Hauses auf die Mosaiken. Dass es sich um ein christliches Haus handelt und dieser Raum als Gebetsraum diente, wird mit diesem Fund belegt. Die Archäologen datieren den Fund auf das späte 3 Jahrhundert CE. 

Die Beschriftung heisst: „Der Gott liebende Akeptous widmet diese Tafel dem Gott Jesus Christus als ewige Erinnerung“ © Dr. Yotam Tepper

Weitere Mosaiken zeigen zwei Fische, ebenfalls ein christliches Symbol. Dass sich unter den 5.000 Soldaten auch Christen befanden, die keinerlei Verfolgung fürchten mussten, steht ausser Frage. Nur ein Jahrhundert später wurde auf dem Konzil von Nicäa (325 CE) das Christentum zur Staatsreligion erhoben. 

Im Zuge der Grabungsarbeiten innerhalb des Lagers, das sich auf der anderen Strassenseite unter Weizenfeldern verbirgt, wurde auch ein kremierter Leichnam eines Soldaten in einem tönernen Kochtopf gefunden. Kein Kannibalismus, sondern eine unter römischen Soldaten übliche Art der Bestattung. 

Die Antiquitätenbehörde hat sich dafür ausgesprochen, das Gefängnis abzureissen und an einer anderen Stelle wieder aufzubauen. 

Die Strasse 66 soll  in der unmittelbaren Umgebung von Megiddo auf einigen Kilometern ausgebaut werden. Für Autofahrer ein Segen, denn die Strasse entspricht nicht mehr irgendwelchen Sicherheitsstandards und verleitet trotzdem zum Rasen. Naturschützer und Archäologen wehren sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, um den Ausbau in der geplanten Form zu verhindern. So wie der neue Strassenverlauf geplant ist, würde ein Grossteil des noch unter Weizen verborgenen Lagers zerstört werden. 

Das Weizenfeld unter dem das römische Lager verborgen ist. Im Hintergrund Tel Megiddo

Die Pläne der Antiquitätenbehörde sind ganz andere. Sie wollen die Ausgrabungen erweitern und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Eine übergrosse Touristenattraktion, die zwar kaum zu Fuss entdeckt werden kann, wobei man die einzelnen Standorte aber ohne Problem mit umweltfreundlichen Elektrocarts erreichen kann. 

Die Apokalypse muss noch warten!!



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