10. Adar 5781
Am Mittwoch der vergangenen Woche gab es die ersten Meldungen, dass einige Strände in Israel durch Teerablagerungen stark verschmutzt waren. Noch schien der Schaden auf die Region zwischen Hof Carmel (südlich von Haifa) bis Sdot Yam (Südlich von Caesarea) beschränkt zu sein.
Sofort wurde von einer aggressiven Facebook Gruppe, die immer wieder zu Protestaktionen gegen eine Gasplattform aufrief und sie mit allen Mitteln zu verhindern suchte, die Meldung in die Welt gesetzt. «Der Verursacher ist ganz klar die Gasförderplattform.» Diese befindet sich im Abstand von 10 km vor diesem beliebten Strandabschnitt. Gas wird dort seit dem 31. Dezember 2019 gefördert.
Es wurde aufgerufen, sich ab dem kommenden Tag an einer privat organisierten Reinigungsaktion zu beteiligen.
Schnell wurde klar, dass die Verunreinigung sich nahezu entlang der gesamten israelischen Mittelmeerküste über eine Länge von etwa 190 km zieht. Der nördlichste Punkt ist Rosh Hanikra an der israelisch/libanesischen Grenze, der südlichste Ashkelon, wenige Kilometer von Gaza entfernt.

Am Donnerstag fand man den Kadaver eines 17 m langen Finnwals. Zunächst hatte man vermutet, er sei an dem im Meer schwimmenden Plastikmüll erstickt. Im Magen des Wals fanden die Veterinäre jedoch signifikante Spuren des giftigen Teers. Die endgültige Todesursache konnte allerdings nicht auf eine Teervergiftung zurückgeführt werden, das Tier war offenbar schon zwei Wochen tot, bevor es mit dem gewaltigen Wintersturm an Land gespült wurde.

Wie giftig die Teersubstanz ist, mussten einige der freiwilligen Helfer am eigenen Leibe erfahren. Sie wurden ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie beim Reinigen giftige Dämpfe eingeatmet hatten.

Um den Kampf gegen die Zeit aufzunehmen und die Strände so rasch als möglich zu reinigen, wurden auch einige Tausend Soldaten eingesetzt. Um weitere Erkrankungen zu verhindern, mussten sich alle Freiwilligen registrieren lassen. Sie wurden vor Ort von Spezialisten instruiert und mit einer entsprechenden Ausrüstung ausgestattet. Solange es wie derzeit kühl ist und für die nächsten Tage keine deutliche Wetterveränderung angesagt ist, besteht die Chance, grosse Teile des Umweltgiftes von der Strandoberfläche zu entfernen. Kommt aber eine Hitzeperiode, die den Teer zum Schmelzen bringt, oder gibt es wieder hohen Wellengang, wird der Teer mehr und mehr in den Strand hineingedrückt. Der Schaden wird dann noch grösser ausfallen.
Zeitgleich wurden alle Strände, die gerade erst wieder nach dem Lock down für Besucher freigegeben worden waren, wieder gesperrt. Je nachdem, wie lange die Sperrung notwendig sein wird, bahnt sich für die israelische Tourismuswirtschaft eine neue Katastrophe an. Die offizielle Badesaison beginnt zwar erst Anfang Mai, jedoch sind die Strände begehrte Naherholungsgebiete und für die ganz hart gesottenen Schwimmer sind auch die aktuellen Wassertemperaturen um 18° kein Hindernisgrund. Und für die Surfer gilt sowieso das Motto: je höher die Wellen, desto grösser der Spass.

Was für die Menschen allenfalls eine Beeinträchtigung in den Freizeitaktivitäten darstellt, ist für Flora und Tierwelt tödlich. Tausende von toten Fischen wurden bereits gesichtet, völlig mit Teer überzogene Meeresschildkröten und Seevögel. Es ist eine Sisyphusarbeit, sie, sofern sie noch zu retten sind, von der tödlichen Teerschicht zu befreien. Ein Parkranger äusserte sich sehr besorgt: «Wir sehen nur, was auf dem Strand liegt, aber wir sehen nicht, was sich noch im Wasser abspielt.» Es sind nicht nur die Algen und andere Wasserpflanzen, die erheblichen Schaden nehmen können, sondern es sind auch Tiere, die in tieferen Gewässern leben und dort in ihren Lebensräumen bedroht sind. Das maritime Oekosystem ist ein sehr sensibler Bereich. Fische stellen einen wesentlichen Anteil an menschlicher Nahrung dar. Meerwasserentsalzungsanlagen speisen einen nicht unerheblichen Teil der israelischen Wasserleitungen. Eine Störung dieses Systems hat einen starken Einfluss auf die gesamte Nahrungskette.

Wer hat aber diese Katastrophe verursacht? Mit Hilfe von Satellitenaufnahmen konnte zunächst ein Frachtschifft in Betracht gezogen werden, das am 11. Februar Israel in einer Entfernung von etwa 50 km passierte. Von diesem Schiff ausgehend wurden auch auf dem Wasser treibende deutliche Ölspuren ausgemacht. In Frage kommen aber auch noch zehn weitere Schiffe, die sich im entsprechenden Zeitraum innerhalb des fraglichen Gebietes bewegten.
War es ein tragischer Unfall? Oder war es eine gezielte Aktion?
Mittlerweile wurde eine völlige Nachrichtensperre über alle bisherigen Untersuchungsergebnisse verhängt.
Die Kosten der Reinigungs- und Rettungsaktionen sollen durch einen entsprechenden Budgetposten, den es seit dem Jahr 2008 gibt, gedeckt werden.
Kategorien:Israel
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