Wochenabschnitt: Schemini, Lev 9:1 – 11:47, 3. Buch

ב“ה

27./28. Nissan  5781                                  9./10. April 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  18:24

Schabbatausgang in Jerusalem:                              19:42

Dieser Wochenabschnitt beginnt mit einem ernsten, erhebenden und zugleich auch fröhlichen Ereignis, der Einweihung des Stiftszeltes. Endlich soll das göttliche Feuer dort brennen, wie es uns vor einigen Wochen angekündigt wurde: 

אֵשׁ, תָּמִיד תּוּקַד עַל-הַמִּזְבֵּחַ–לֹא תִכְבֶּה

«Ein ewiges Feuer soll auf dem Altar brennen, es soll nie verlöschen»

(Lev 6:6)

Moses befiehlt Aaron, ein Sündopfer für sich und das Volk Israel darzubringen. Auch das Volk soll Tiere für ein Sündopfer bringen. Dazu Tiere für Brand- und Heilsopfer und alles, was es für ein Speiseopfer braucht. Dann, so kündigt er an, wird sich Gott dem ganzen Volk Israel offenbaren. Im Originaltext heisst es כְּבוֹד יְהוָה, also eigentlich die Würde Gottes. Würde ist mehr als Glanz, der zweite oft in Übersetzungen verwendete Begriff. Glanz kann ein Schein sein. Ein charismatischer Mensch, der im Sturm Menschen für sich einnimmt, kann ein «Rattenfänger von Hameln» sein. Andererseits kann er Würde in sich haben, basierend auf den Erfahrungen seines Lebens und seinem Charakter. Würde wurzelt tiefer als der pure Glanz.

In diesem Fall glaube ich, dass es die Würde Gottes war, die sich dem Volk Israel zeigte und dem sie zujubelten.

Doch dann geschieht das Unglaubliche. Die beiden Söhne Aarons, Nadab und Ahibu bringen unaufgefordert ein Opfer dar. Und sie werden vom göttlichen Feuer verbrannt! Während Moses versucht, die zu Tode erschrockenen Menschen zu beruhigen beginnt Gott damit, dem Volk Israel aufzuzählen, welche Tiere «rein», also koscher und welche «unrein» sind. Eine lange Liste!

Wenden wir uns aber wieder dem Feuer zu. In diesem Wochenabschnitt lernen wir, dass das göttliche Feuer zwei Dimensionen hat, eine lebendige, ja sogar reinigende, aber eben auch eine todbringende. 

Jeder von uns trägt das göttliche Feuer, den göttlichen Funken in uns. Er begleitet uns als unser Lebenswille, ebenso wie unsere Seele, vom Augenblick der Zeugung bis zum Tod. Die Auswirkungen dieses Feuers kennen wir in allen Facetten unseres Lebens: Macht, Gewalt, Zerstörung, Kraft oder Liebe.

Der Brand, das Resultat des Feuers, wird oft in der Literatur beschrieben und hat auch Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden. Für etwas «Feuer und Flamme» sein, als Bedeutung, von etwas begeistert sein. Daraus spricht Neugierde und die Lust, etwas Neues zu beginnen. In einer wunderschönen Arie in Mozarts’ «Hochzeit des Figaro» heisst es «Sagt, holde Frauen, die ihr sie kennt, sagt, ist es Liebe, was hier so brennt?»

Oder andererseits «sich die Finger verbrennen». Als Folge von etwas, was man besser hätte sein lassen. Nadab und Ahibu haben für ein solches Tun bitter gebüsst. Moses hatte genau beschrieben, was Gott an diesem Tag von Aaron erwartete. Nicht von ihnen, sondern nur von ihrem Vater. Eine Grenzüberschreitung, die sie mit dem Leben bezahlen mussten. Gottseidank wird nicht jeder, der einen Fehler macht, dafür so heftig zur Rechenschaft gezogen. 

Jeder von uns kennt den Moment der Versuchung, wenn das innere Feuer, das uns treibt, so übermächtig wird, dass wir unruhig und ungeduldig werden. Dass wir blind einem falschen Meister folgen, weil er uns «mehr» anzubieten scheint als unser Gott. Einem Idol, das uns vorgaukelt, schneller und einfacher etwas zu erreichen, für das wir uns demütig und geduldig verhalten müssen, wenn wir unseren Gesetzen folgen. 

Es ist ein Vorrecht von Kindern und jungen Erwachsenen, nicht immer blind gehorchen zu müssen. Neugierig zu sein und Grenzen auszuloten. Um beim Bild des Brennens zu bleiben, das kleine Kind, das neugierig auf eine heisse Herdplatte greift, erlebt die Folge seiner Neugierde schmerzhaft. Es erkennt, dass Gefahr darin liegt, sich den Verboten der Eltern zu verletzen. Jugendliche, die glauben, ihren «brennenden Durst» mit Hochprozentigem löschen zu müssen, machen die Erfahrung, dass sie spätestens am nächsten Tag dafür schmerzhaft büssen müssen.  In Lev 10:9 lesen wir heute dazu: «Wenn ihr euch in das Stiftszelt begebt, trinkt keinen Wein oder ein anderes starkes Getränk.»

Damals galt dies nur für die Priester, die dort Opfer darbrachten. Heute gibt es diese Opfer nicht mehr. Wir sind aber mit diesem Gebot alle aufgefordert, bei allem was wir tun, einen klaren Kopf zu bewahren. Nur so können wir die jeweiligen Konsequenzen unseres Tuns abschätzen. 

Ich wünsche für uns alle, dass es uns gelingt, das in uns wohnende göttliche Feuer so zu nutzen, dass es nur zum Guten gereicht. Und dass wir, wenn wir uns trotzdem unwillentlich oder unwissentlich «die Finger verbrannt haben», einen milden und gerechten Richter finden. 

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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