Wochenabschnitt: Tazria-Metzora, Lev 12:1 – 15:33, 3. Buch

ב“ה

4./5. Ijar  5781                                      16./17. April 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  18:29

Schabbatausgang in Jerusalem:                              19:47

Das grosse Thema dieses Doppel-Wochenabschnittes ist «Reinheit». Was ist mit dieser Reinheit, der ein derartig umfassender Raum in der Torah eingeräumt wird, gemeint? Ist es die körperliche Hygiene, die unseren Körper rein, im Sinne von sauber hält? Ist es das tägliche Bad, die tägliche Dusche?

Bereits der Beginn des Wochenabschnittes lässt uns vermuten, dass es hier um etwas ganz anderes geht. Etwas, das uns Frauen heutzutage verstört und die Männer verständnislos macht. Eine Frau, die gerade ein Kind geboren hat, wird als unrein bezeichnet. 

Hier geht es um die rituelle Unreinheit. Viele alte Völker und Religionen kennen diesen Begriff. Wer sich etwa nach einer Geburt oder bei einigen Krankheiten in diesem Zustand befindet, ist von einigen religiösen oder gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen. 

Der heutige Wochenabschnitt beschreibt exemplarisch das Vorgehen bei einer ansteckenden Hautkrankheit. 

Kommen wir nochmals zurück zur körperlichen Reinheit, um sicher zu sein, dass wir verstehen, um was es hier geht. Ob nach einer Hausgeburt oder im Spital wird jede junge Mutter und natürlich auch das neugeborene Kind sorgsam gewaschen und, falls notwendig medizinisch versorgt. Die glücklichen Eltern dürfen also den Nachwuchs sauber und umgeben vom typischen Babygeruch sanft ans Herz drücken. Dieser individuelle Geruch prägt vom ersten Moment des Kennenlernens an das gegenseitige «blinde Erkennen». 

Gerade dieser innige Moment wird der jungen Mutter verwehrt. 

Ihr Zustand wird völlig zu Unrecht mit der Zeit nach der Monatsblutung verglichen. Warum zu Unrecht? Versuchen wir die hier zugrunde liegende Annahme zu verstehen. Wird eine Eizelle im Laufe des Monatszyklus nicht befruchtet, so stirbt sie ab und wird vom Körper ausgeschieden. Der Kontakt zu Toten führt zu ritueller Unreinheit. Die Mikwe, in die die Frau nach sieben Tagen eintaucht, beendet rituell diese monatliche Unreinheit. 

Alte Mikwe in der Nähe des Tempelberges © Wikicommons

Wurde die Eizelle aber befruchtet, so wächst sie und, wenn alles gut verläuft, bringt die Frau am Ende der Schwangerschaft ein gesundes Kind zur Welt. Die Unreinheit, die nach der Geburt beginnt, ist nicht vergleichbar mit der des Monatszyklus. 

Auch wenn junge Eltern (das gleiche gilt natürlich auch für alleinerziehende Frauen!) an diesen Aspekt des Lebens in dieser glücklichen Stunde nicht denken und auch dies auch nicht sollen, so ist jedes Leben von Gott so ausgelegt, dass es irgendwann mit dem Tode endet. Dieses vorhersehbare Ende haben wir bereits in Gen 6:3 kennengelernt. «Mein Geist wird nicht auf ewig im Menschen innewohnen, denn er ist auch Fleisch. Daher werden seine Tage auf 120 Jahre beschränkt sein.» Unser Geburtstagswunsch «bis 120!» unterstreicht unseren Wunsch, dass das Geburtstagskind dieses Alter in guter Gesundheit erreichen kann. 

Vielleicht können wir die Unreinheit nach der Geburt als memento mori verstehen, wie es in Psalm 90 Vers 12 steht: «Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.» [לִמְנוֹת יָמֵינוּ, כֵּן הוֹדַע;    וְנָבִא, לְבַב חָכְמָה]. So betrachtet empfinde ich diese Vorschrift als verständlicher.

Hat sie einen Knaben geboren, so soll sie sieben Tage rituell unrein sein. Nach der Beschneidung, die am achten Tag stattfindet, und die die Zeit der Unreinheit unterbricht, soll sie nochmals 33 Tage unrein sein. Hat sie ein Mädchen geboren, so dauert die Unreinheit sieben plus 66 Tage.

Warum die Unterscheidung? Jede Geburt löst doch übergrosse Freunde aus. Jedes neue Leben ist nicht nur für die Eltern die Erfüllung ihrer Liebe, und für die Familie das Glück, ihren Stammbaum weiter wachsen zu sehen. Betrachten wir eine Geburt, den Beginn eines neuen Lebens auch unter dem Aspekt des Weiterbestehens der Menschheit. Kinder sichern nicht nur den Fortbestand ihrer eigenen Familie, sondern, indem sie sich irgendwann mit einer anderen Familie verbinden, das globale Wachstum der Weltbevölkerung. Denken wir doch einmal zurück, mit wie wenigen Menschen Jakobs Familie nach Ägypten reiste und wie gross die Zahl der Clanmitglieder war, als sie nach 450 Jahren aus der ägyptischen Sklaverei flohen!

Betrachtet man die Geburt eines Mädchens unter diesem Aspekt, so versteht man, dass sie mehr Schutz und liebende Betreuung verdient. Nicht etwa, weil sie, wie man so oft abschätzig hörte, zum «schwachen Geschlecht» gehört, sondern weil sie diejenige ist, die durch eine erfolgreiche Schwangerschaft und Geburt das neue Leben erst ermöglicht. 

Und dieser Schutz muss dann auch der Mutter zugestanden werden. 

Die Geschichte der gesellschaftlichen Isolation während der Zeit der «Unreinheit» wird hervorragend in einem Roman von Anita Diamant dargestellt. «Das rote Zelt der Frauen» beschreibt die fiktive Geschichte meiner Lieblingsperson in der Torah, Dina, der Tochter Jacobs. Die Absonderung der Frauen im «roten Zelt», die Intimität, der gegenseitige Schutz und die gegenseitige Unterstützung öffnen einen völlig neuen Blickwinkel auf einen schwer zu verstehenden Text der Torah.

Gesellschaftliche und familiäre Trennung kann und darf unter diesen Gesichtspunkten besonders als Schutz und Hilfestellung verstanden werden. Das Stirnrunzeln, das der Text anfangs ausgelöst hat, darf sich wieder glätten!

Shabbat Shalom 



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