Wochenabschnitt: Emor, Lev 21:1 – 24:23, 3. Buch

ב“ה

18./19. Ijar  5781                           30.April/ 01. Mai 2021  

Schabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)  18:39

Schabbatausgang in Jerusalem:                              19:58

In den vergangenen Wochen haben wir viel über den Bau und die Ausstattung des Stiftszeltes gehört, über die Vorbereitung und die Durchführung der verschiedenen Opfer und die Kleidung der Priester. Wir haben wiederholt erfahren, wie sich Gott seine Beziehung zu uns, seinem Volk, vorstellt und was er von uns erwartet. 

In diesem Wochenabschnitt erfahren wir, welche besonderen Vorschriften für die Kohanim, die Priester, gelten sollen, wie sie sich in verschiedenen Augenblicken des Lebens verhalten müssen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alles ist genauestens geregelt.

Insbesondere das Verhalten gegenüber Verstorbenen wird ausführlich vorgeschrieben. Ein Kohen wird rituell unrein, wenn er einen Toten berührt. Und mehr noch, sogar, wenn er sich in der Nähe eines Toten befindet. Die Ausnahmen sind klar definiert: Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Bruder und Schwester, sofern sie unverheiratet ist. Grundsätzlich darf ein Kohen keinen Friedhof betreten. Die Ausnahme ist jedoch die Beisetzung einer der oben genannten Personen. Hier ist die Anwesenheit des Kohen ein Gebot, durch dessen Einhaltung er aber unrein wird. Dennoch muss er auch hierbei gewissen Vorschriften einhalten. 

Auch die Ehe eines Kohen ist ganz bestimmten Vorschriften unterworfen. So darf er keine geschiedene Frau oder eine Witwe heiraten. Diese Vorschrift führt vor allem in Israel, wo es keine bürgerliche Trauung gibt, immer wieder zu grossen Problemen. Keine rabbinische Instanz wird in diesem Fall die Trauung vornehmen. Das heiratswillige Paar muss sich irgendwo im Ausland zivil verheiraten. Diese Ehe wird in Israel anerkannt. Aber der Kohen ist damit für den Priesterstand disqualifiziert. Dies gilt auch für seine (männlichen) Nachkommen.

Ist das in heutigen Zeiten wirklich noch Bedeutung? Der zweite Tempel wurde zerstört. Es gibt keine Opfer mehr. Die Priester haben somit ihre spezielle Bedeutung verloren. Die Opfer wurden durch Gebete ersetzt, der Vorbeter oder der Rabbiner haben die «Vermittlerrolle» zwischen Gott und ihrer Gemeinde übernommen. Einzig, dass beim Aufruf zur Thoralesung die Reihenfolge sehr strikt ist, deutet noch auf eine Besonderheit der ehemaligen Stammeszugehörigkeit hin. Zuerst werden die Kohanim, die Nachfahren von Aaron aufgerufen, dann die Leviten, die ehemaligen Tempeldiener aus dem Stamme Levi und dann die Vertreter des Volkes Israel.

Eine zweite Aufgabe erfüllen die Kohanim in orthodoxen und konservativen Gemeinden. In Israel sprechen die beim Gottesdienst anwesenden Kohanim den Segensspruch Wort für Wort dem Vorbeter nach. Dabei stehen sie, in ihre Gebetsmäntel verhüllt, vor dem Thoraschrein. Kein Wort darf verändert werden. Der Priestersegen geht zurück auf das vierte Buch Mose, wo es in Kapitel 6:24 – 26 heisst: 

יְבָרֶכְךָ יְהוָה, וְיִשְׁמְרֶךָ

יָאֵר יְהוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ, וִיחֻנֶּךָּ

יִשָּׂא יְהוָה פָּנָיו אֵלֶיךָ, וְיָשֵׂם לְךָ שָׁלוֹם

«Der Herr segne und beschütze dich – er lasse sein Antlitz leuchten über dich und sei dir gnädig – er wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden.»

Das alles ist natürlich nur den Kohanim vorbehalten. Mittlerweile gibt es Bestrebungen von Frauen ihre angeblichen «Rechte» in Sachen Gleichberechtigung einzufordern. 

Allen voran, die «Women oft the Wall», die an der Klagemauer in Jerusalem immer wieder für Unruhen und Aufsehen sorgen. Als Töchter von Kohanim fordern sie unter anderem für sich das Recht ein, in der Reihe der traditionell männlichen Kohanim zu stehen und den Priestersegen zu sprechen. 

Ob sie dies auch schon zur Zeit des Tempels eingefordert hätten? Das Priesteramt stellte eine physische und psychische Herausforderung dar. Denken wir doch nur daran, dass kein Opfertier bereits geschlachtet vor das Stiftszelt gebracht werden durfte. Eine Taube, das kleinste Opfertier zu schlachten, mag ja für Frauen möglich sein. Aber einen Ziegenbock, ein Kalb oder gar ein Rind? Noch dazu der impertinente Geruch, den man mit verschiedenen Gewürzen und Kräutern versuchen musste zu neutralisieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau auf dieses herausfordernde, lebenslange Amt Wert gelegt hätte. 

Ich verstehe den Versuch, sich mit Impertinenz in etwas hineinzudrängen, für das man als Frau nie vorgesehen war, als puren, falsch verstandenen Feminismus. Mit Religion hat dies nichts zu tun.

Vor einigen Jahren gab es genau diesen Fall in einer konservativen Gemeinde in Israel. Zunächst war es nur eine Frau, im Laufe der folgenden Wochen schlossen sich ihren Bemühungen noch weitere Frauen an. Die Gemeinde hätte sich an den zähen Diskussionen fast entzweit. Das Ergebnis war, dass seither der Rabbiner allein, ohne die Kohanim den Priestersegen spricht.

Leider ging so eine wunderbare Tradition verloren. 

Dieser Wochenabschnitt konfrontiert uns intensiv mit Gegebenheiten, die wir einfach zur Kenntnis nehmen müssen, und die wir nicht unbedingt versuchen müssen zu ändern. Heutzutage haben wir die Möglichkeiten, vieles zu bewegen und zu verändern. Aber nicht alles muss  gewaltsam den neuen Vorstellungen angepasst werden. 

Vielleicht besteht aber die grösste Herausforderung darin, eben nicht allen neuen Strömungen blind nachzulaufen, sondern die bewährten, alten Strukturen in unseren Alltag zu integrieren.

Shabbat Shalom



Kategorien:Israel, Religion

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