Die vorhergesagte Tragödie vom Berg Meron

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Es sollte ein fröhliches Fest werden. Im vergangenen Jahr war es aufgrund der Pandemie abgesagt worden. Für die beliebten privaten Lagerfeuer gab es in diesem Jahr klare Beschränkungen. 

Auf was geht der Halbfeiertag «Lag BaOmer» zurück?

Das Zählen des «Omer» (Garben) beginnt am zweiten Abend des Pessach Festes, 2021 am 28. März und endet nach 49 Tagen am 15. Mai vor Beginn von Shavuot, dem Fest der Erstlingsfrüchte, das dieses Jahr am 16. Mai beginnt.

Es ist eine Zeit der Trauer, weil in diesem Zeitraum das jüdische Volk viele Unglücke durchmachen musste.

Der Aufstand im Warschauer Ghetto begann am 19. April 1943 und endete mit grossen Opferzahlen am 16. Mai 1943.

Der Bar Kochba Aufstand, auch bekannt als dritter römisch-jüdischer Krieg, fand von 132 bis 136 CE statt. Der unmittelbare Anlass für diesen Krieg ist umstritten, er dürfte aber von einflussreichen Rabbinern, allen voran Rabbi Akiba unterstützt worden sein. Michael Avi Yona, ein israelischer Historiker und Archäologe, schreibt  «Akiba, der geistige Führer jener Generation und Bar Kochba als Leiter der Verwaltung und Militärführer bildeten gemeinsam die Führung der Aufständischen.»[1] Bar Kochba wird von Zeitgenossen als aggressiver Militärführer beschrieben, dem die absolute Einhaltung der halachischen Vorschriften über alles ging. Münzprägungen aus der Zeit lassen vermuten, dass er sogar einen messianischen Anspruch aufrechterhielt. Leo Mildenberg und Peter Schäfer, beide anerkannte Numismatiker dieser Zeitperiode, interpretierten Symbole auf entsprechenden Münzen in dieser Richtung.[2]

Unterstützt wurden diese messianischen Phantasien durch Rabbi Akiba, der im aufständischen Bar Kosiba, so der eigentliche Name von Bar Kochba, den messianischen König glaubte zu erkennen, der in einer Stelle der Torah angekündigt wird (Num 24:17: Ein Stern (kochab) tritt hervor aus Jakob). Entsprechend änderte er den Namen in Bar Kochba. 

Unterbrochen wird der Trauerzyklus am 18. Jijar, der heuer auf den 30. April gefallen ist. Es ist ein Freudentag, an dem zahlreiche junge Paare heiraten. Dreijährige Knaben aus orthodoxen Familien, die bis dahin kaum von einem Mädchen zu unterscheiden waren, erhalten ihren ersten Haarschnitt und müssen ab diesem Tag auch einen «Tallit katan» tragen. 

Dieser Tag erinnert auch daran, dass an diesem Tag angeblich zahlreiche Anhänger von Rabbi Akiva, die an einer unerklärlichen Seuche erkrankt waren, geheilt wurden. 

Warum aber gerade am Berg Meron?

Meron, nördlich von Sfad, im Vordergrund der Ort der Katastrophe © ToI

Rabbi Shimon bar Yochai, ein Schüler von Rabbi Akiva, gehörte während des Bar Kochba Aufstandes zu den Getreuen von Rabbi Akiva. Er widersetzte sich, ebenso wie sein Sohn, den Anschuldigungen gegen Rabbi Akiva und wurde zum Tode verurteilt. Sie flohen in die Höhlen am Berg Meron. Sein Sterbedatum wird mit dem 18. Ijar benannt. Seine sterblichen Überreste wurden in Meron beigesetzt. Er selber verfügte, seinen Todestag als fröhlichen Feiertag zu begehen. 

Mitglieder der Toldos Aharon Chassiden © ToI

Vorgestern, in der Nacht vom 29. Auf den 30. April, fand dort eine der grössten zivilen Katastrophen Israels seit der Staatsgründung statt.

Als Folge einer Massenpanik starben bisher 45 Personen. Mehr als 150 Menschen wurden verletzt. Es grenzt an ein Wunder, dass es nicht mehr Opfer zu beklagen gibt. Was ausgelassen und fröhlich begann, endete mit Trauer und Tränen. 

Den Familien, Verwandten und Freunden gilt mein tief empfundenes Mitgefühl. Politiker aus aller Welt drückten unmittelbar nach Bekanntmachung der Katastrophe ebenfalls ihr Beileid aus. Für Sonntag wurde ein nationaler Trauertag anberaumt, die offiziellen Flaggen wehen seit Freitag auf Halbmast.

Wahrscheinlich war ein Besucher auf der rutschigen Metallrampe ins Stolpern gekommen und gestürzt und hatte damit eine Panik und Stampede ausgelöst. Darüber hinaus waren möglicherweise Sicherheitsausgänge versperrt oder ungeeignet für Ort und Anlass.

Das offizielle Israel muss sich jetzt der Aufgabe stellen, die wahren Ursachen zu finden und Massnahmen zu treffen. Es geht nicht darum, einen Sündenbock zu finden und sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen vom eigenen Versagen rein zu waschen. 

Bereits am 11. April hatte Innenminister Aryeh Deri (Shas) eine ausdrückliche Aufforderung an den Minister für öffentliche Sicherheit, Amir Ohana (Likud) geschickt, dass es keine zahlenmässige Zugangsbeschränkungen zum Fest geben dürfe. «Der Feiertag in Meron ist ein sehr wichtiger Tag für Millionen von Menschen aller religiösen Ausrichtungen. Wenn man den Menschen verbietet, an diesem Tag [dort] zu beten, beschädigt das ihr Vertrauen [in die Politik]. Jeder, der nach Meron kommen will, soll das tun dürfen.»

Kurz darauf besuchte Religionsminister Yaakov Avitan (Shas) das Gelände, um die Vorbereitungen zu beobachten. «Ich war beeindruckt von den umfassenden und professionellen Vorbereitungen (…) angefangen vom «Center for Holy Places», über die Polizei und andere Institutionen. Ich danke Minister Aryeh Deri für all seinen Bemühungen angesichts der Schwierigkeiten. Er hat es ermöglicht, dass man in diesem Jahr ohne jede Einschränkung nach Meron kommen kann. Und ich hoffe, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen.»

Dabei standen die Zeichen schon vor Jahren an der Wand. Der oberste Staatskontrolleur des Staates Israel [State comptroller] hatte mehrfach gewarnt, dass die Arena in Meron nicht dafür geeignet sei, grosse Besucherströme aufzunehmen, und dass die Sicherheitsvorkehrungen in einem desolaten Zustand seien. Mehr als 15.000 dürften auf keinen Fall am Lag BaOmer teilnehmen. 

In diesem Jahr hätten, so die Planung des Gesundheitsministeriums, nicht mehr als 9.000 Menschen teilnehmen dürfen. Selbstverständlich hätten alle den «grünen Pass» haben müssen. Allerdings wurde aus Polizeikreisen des Norddistriktes schnell bekannt, dass sie nicht über die notwendigen personellen Ressourcen verfügen, um diese Forderung durchzusetzen.

Feiernde Menge in Meron © Ynetnews

Drei Tage vor Lag BaOmer bestätigte PM Netanyahu ausdrücklich, dass es keinerlei Zutrittsbeschränkungen geben würde. Und dies, obwohl alle Fakten auf dem Tisch waren und bekannt war, dass es jederzeit zu der bereits lange erwarteten Katastrophe kommen könnte. Man rechnete mit 200.000 Besuchern. 

Bis zur letzten Minute versuchten Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums es doch noch durchzusetzen, dass es Beschränkungen in der Teilnehmerzahl gäbe. Doch vergebens. Schlussendlich waren es gut 100.000 Menschen, die sich auf dem Gelände befanden. 

Bisher hat noch niemand ausser dem Polizeikommandanten des Nordens, Shimon Lavi, die Verantwortung übernommen. Der hatte, obwohl diese Vorgangsweise bei rein religiösen Veranstaltungen nicht verpflichtend ist, alle Dokumente über die Vorbereitungsarbeiten zwei Sicherheitsspezialisten vorgelegt. Einem Mitarbeiter des Religionsministeriums und einem unabhängigen Fachmann. Beide unterschrieben die Weisungen und gaben damit ihr OK zur Veranstaltung. Der israelische Polizeichef Kobi Shabtai stellte sich mittlerweile voll und ganz hinter seinen Kollegen. «Jeder, der sich zwischen mich und Lavi stellt, missinterpretiert die Wahrheit und tut der Polizei Unrecht.» Diese klare Unterstützung kam, nachdem aus polizeiinternen Kreisen bereits Schuldansprüche gegen den Kommandanten des Nordbezirkes gekommen waren. 

5000 Sicherheitskräfte (Polizei, Rettung und Militär) waren vor Ort, das Transportministerium hatte Hunderte Busse für Shuttlefahrten bereitgestellt, die Israel Railways setzte 14 Sonderzüge zum nächstgelegenen Bahnhof in Carmiel ein. 

© Haaretz

Dennoch entwickelte sich auch der Transport der Menschenmassen nach dem tragischen Unglück zu einem neuen Desaster. Die Menschen irrten planlos zwischen den Bussen, versuchten irgendeinen Platz zu ergattern oder zumindest herauszufinden, wohin die jeweiligen Busse fuhren. 

Noch sind nicht alle Opfer identifiziert, dieser traurigen Aufgabe müssen sich die Angehörigen nach dem Ende des Schabbats stellen. 

Wie es zu beurteilen ist, dass sich am Freitag im Laufe des folgenden Tages Hunderte Ultraorthodoxe in Meron einfanden, um ihren 3-jährigen Knaben den ersten Haarschnitt geben zu lassen. «Es ist Glücklichsein gemischt mit Trauer. Wir sind einerseits glücklich und andererseits voller Schmerz. Aber der Schabbat wird uns Ruhe bringen. Wir legen die Trauer ab und frieren sie bis zum Ende des Schabbats ein» sagte einer der Teilnehmer zu Channel 12.

© screenshot Twitter

Ein herzlicher Dank gilt den Bewohnern der umliegenden arabischen Dörfer. Trotz des Fastenmonats Ramadan stellten sie sofort Getränke und Essen für die Besucher von Meron zur Verfügung. Das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit und ein Akt von grosser Menschlichkeit. 

 

[1] Geschichte der Juden im Zeitalter des Talmud, in den Tagen von Rom und Byzanz, de Gruyter, Berlin 1962, S. 14 ff

[2] Leo Mildenberg, Der Bar Kochba Krieg im Lichte der Münzprägungen, CH Beck, 1990, S. 358 und  Peter Schäfer, Geschichte der Juden in der Antike, Siebeck, Tübingen 2010, S 414 ff



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1 Antwort

  1. Tragic albeit expected, which makes it so much worse!
    Thank you.

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