Bitte rate mir, wenn du einmal Zeit hast

28. Cheshwan 5782

Ein offener Brief an eine Freundin, die mir diese Mail schickte…

Ich sage seit Jahren nie mehr “ Juden“, sondern Menschen jüdischen Glaubens.
Mit großer Distanz zu Glaube, klar. 
Denkst Du nicht auch, dass „Juden“ als völkische Einheit eine Erfindung der Nationalsozialisten ist, und damit tunlichst zu vermeiden?
Ich denke zusätzlich, Menschen des jüdischen Glaubens forcieren mit dem Goj- Begriff Parallelgesellschaften. 
Und das Käppi ist so überflüssig wie der Schleier. 
Religion, Geschlecht sind Privatsache
(Ich nenne mich divers, lustig bei der Beurteilung der Osteoporose).

Was meinst Du als Frau im Fachland wohnend?

Von meinem iPhone gesendet

*****

Liebe Freundin

Warum schwierig machen, was so einfach ist?

Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 2003. Dr. Michel Friedman war in den Blickpunkt der Medien gerückt. Jeder TV-Sender fütterte die Zuschauer mit Neuigkeiten. Und immer hiess es «der Jude Dr. Michel Friedman». Weisst du was, es nervte! Kannst du dir vorstellen, dass Nachrichtensprecher jetzt, kurz nach dem Desaster in Wien ihren Bericht mit «der Katholik Bundeskanzler/Parteiobmann Sebastian Kurz» beginnen würden? Ich kann keinen Zusammenhang zwischen der Religion und dem Berichtenswerten sehen. Es gibt keinen, die Nennung der Religion ist also obsolet und hinterlässt einen unguten Beigeschmack.

Doch nun lass dir bitte die von dir gewählte Formulierung auf der Zunge zergehen: »Dr. Michel Friedman, ein Mensch jüdischen Glaubens» Klingt doch recht sperrig.

Und dann gibt es ja die immer wieder geführte Diskussion: jüdischer Österreicher – österreichischer Jude oder eben auch Österreicher jüdischen Glaubens. Die Staatsbürgerschaft erhält man automatisch, wenn zumindest ein Elternteil Österreicher ist. Haben die Eltern zwei unterschiedliche Staatsbürgerschaften, so hat das Kind bis zur Volljährigkeit beide, muss sich aber dann für eine der beiden entscheiden. Oder man kann unter besonderen Umständen die Staatsbürgerschaft beantragen. In Israel ist das ein bisschen anders. Jeder Jude hat das Recht, jederzeit nach Israel einzuwandern und erhält dann auf Wunsch die israelische Staatsbürgerschaft. In Israel wird die Religion im Reisepass eingetragen.

Wer ist Jude und was ist Judentum? Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder einen anerkannten Übertritt absolviert hat. Ganz einfach. Mit dem Judentum ist es schon schwieriger. Zunächst ist das Judentum natürlich eine Religion. 

«Mit großer Distanz zu Glaube, klar.» Das, liebe Freundin, funktioniert so nicht. Im Jahr 2019 lebten in Österreich etwa 10.000 Juden. Jüdische Gemeinden gibt es in Wien, Graz, Baden, Wr. Neustadt, Linz, Salzburg und Innsbruck. Sicher wird es in Wien zusätzliche einige kleinere «Betstuben» geben, vor allem auf der Mazzeinsel im 2. Bezirk. Wie viele Juden in Gemeinden aktiv sind, weiss ich leider nicht. Diese sind von der Ausrichtung her ultra-orthodox. In Wien gibt es neben dem Stadttempel eine liberale Gemeinde. Alle anderen Gemeinden sind orthodox. In Vorarlberg hat sich seit einigen Jahren privat initiiert eine kleine, von Innsbruck unterstützte Gemeinde gebildet. 

Ganz anders in Israel. 8 % der Gesamtbevölkerung bezeichnen sich selbst als ultra-orthodox, 10 % als orthodox, 23 % als traditionell-modern orthodox und 40 % als säkular. Dieser hohe Anteil an säkularen Israelis hat sicher damit zu tun, dass etwa 25 % der Bevölkerung aus der ehemaligen Sowjetunion eingewandert sind, einem damals völlig a-religiösen Staat. Immerhin geben aber 84 % aller jüdischer Bürger an, an Gott zu glauben. Also Glauben ja, organisierte Religion weniger. 

Judentum ist aber weitaus mehr. Es ist eine philosophische Grundhaltung, eine tradierte Lebensform, eine Zweckgemeinschaft.

Juden als völkische Einheit der Nazis? Daran stört mich am meisten der Begriff «völkisch». Der ehemals so harmlose Begriff hat sich ganz besonders bei den Nazis eingebürgert und ist auch heute wieder bei Neo-Nazis und Ewig-Gestrigen sehr beliebt. Warum verwendest du ihn? Warum nicht den Begriff «ethnisch»? Bei «völkisch» drängt sich «Rasse» auf, die, wie wir wissen ein Hirngespinst der Nazis ist, die den Begriff zum Zentrum der Ideologie und Propaganda machten. יְהוּדִים – jehudim heisst nichts anderes als «Bewohner des Landes Jehuda» und Mitglieder des Stammes Jehuda. Dies wird bereits im ersten Buch Moses erwähnt. Die Nazis haben also den Begriff keinesfalls geschaffen, sie und Antisemiten haben ihn für ihre Zwecke missbraucht! Verstecken muss sich niemand, der zum jüdischen Volk gehört, im Gegenteil, wird dürfen durchaus stolz darauf sein. Jeder von uns ist ein kleines Teilchen dieser uralten und trotzdem so modernen Erfolgsgeschichte. Allerdings ist es heutzutage gefährlich, sich mit einem Magen David in der Öffentlichkeit zu zeigen.

In der Thora werden vier Begriffe für Volk genannt: goj גוי – am עַם – le’om לְאֹם und umma אֻמָּה. Dort ist er nicht abwertend gemeint, sondern je nach Kontext einfach als «Nichtisraelit» oder auch als «grosses Volk» (Gen 12:2) לְגוֹי גָּדוֹל goj gadol. Ich selbst mag den Begriff nicht. Bekannt wurde er umgangssprachlich u.a. durch den «Schabbes goj», also den nicht-jüdischen Menschen, der für Juden am Schabbat und an Feiertagen verbotene Arbeiten ausführt. Dabei handelt auch er gegen die Gebote der Thora, denn dort steht klar zu lesen, dass sie für jeden Menschen, jüdisch oder nicht gelten, sofern sie «unter uns leben». Von Parallelwelt kann ich weit und breit nichts entdecken. Leider muss ich aber zugeben, dass der Begriff «goj» manchmal von Juden abfällig für ihnen nicht genehme Nichtjuden verwendet wird. Was natürlich sofort als Frechheit und Überheblichkeit ausgelegt wird….

Die Kippa mag für dich so überflüssig sein, wie ein Schleier. Gut, das ist deine ganz private Meinung, denn wie du richtig schreibst, ist die Religion Privatsache. Und damit ist die Kippa, ebenso wie der Schleier Privatsache des/derjenigen der/die sie/ihn trägt. 

Siehst du, wie zumindest das Geschlecht, mit dem wir auf die Welt kommen, oder zumindest die sexuelle Vorliebe die wir aus welchen Gründen auch immer entwickeln, heutzutage nicht mehr Privatsache, sondern res publica geworden ist. Nota bene, ich spreche hier nicht von Männern, Frauen, Homosexuellen, Lesben, A-sexuellen, Bi-sexuellen und Transsexuellen, sondern von den ungezählten neuen Geschlechtsidentitäten, die sich täglich vermehren und die unsere «korrekte» Sprache unglaublich schwierig machen. 

Doch zurück zur Kippa. Was in Israel Alltag ist, ist in anderen Staaten mittlerweile lebensgefährlich – das Tragen einer Kippa. Die Kopfbedeckung ist für Männer in Ausübung religiöser Handlungen, oder auch beim Lernen religiöser Schriften Vorschrift. Ausserhalb von Israel findet man im Alltag kaum Männer mit einer Kippa. Selbst in orthodoxen Kreisen wird sie meist von einer Baseballcap ersetzt. In Israel trägt mehr als die Hälfte der männlichen Bevölkerung ab etwa drei Jahren eine Kippa. Je nach religiöser Ausrichtung in einem entsprechenden Modell. Die Kippa ist Respekt vor Gott auch im Alltag und zugleich oft auch ein politisches statement.

Ich hoffe, ich habe deine Fragen beantworten können, wenn auch vielleicht nicht ganz so, wie du es dir gewünscht hättest. 

Zum Schluss meine Selbstdefinition: Ehefrau – heterosexuell – Israelin/Schweizerin/Österreicherin –   Jüdin – traditionell religiös – weiblich – Zionistin. (in alphabetischer Reihenfolge)

Sei lieb gegrüsst und umarmt

esther



Kategorien:Israel, Politik, Religion

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