9. November 2021 

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Bei seiner gestrigen Rede in Berlin erinnerte der deutsche Präsident Walter Steinmeier an Ereignisse, die das humanitäre, politische und gesellschaftliche Leben Europas stark beeinflussten. Schaut man nur kurz hin, so glaubt man, nur Deutschland sei von diesen drei Ereignissen betroffen. Das stimmt aber ganz und gar nicht. 

9. November 1918 – Nach vier Jahren Krieg war Europa ausgeblutet. Die politische Lage in Deutschland war verwirrend. 

Der Kaiser weigerte sich, das Ende der Monarchie anzuerkennen und ehrenhaft abzudanken. Reichskanzler Max von Baden gab daher am 9. November die Abdankung ohne Zustimmung des Kaisers bekannt und übergab sein Amt an Friedrich Ebert. Ebert wurde der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, die von Philipp Scheidemann, einem der führenden Sozialdemokraten, an diesem Tage ausgerufen wurde. Ein politischer Befreiungsschlag für Deutschland, dessen wirtschaftliche Folgen für die Nationalsozialisten hilfreich waren. 

9. November 1923 – der auch unter dem Namen «Marsch auf die Feldherrenhalle» bekannt gewordene Putsch hatte das Ziel, aus der parlamentarischen, seit 1918 bestehenden Demokratie in Deutschland eine nationalistische Diktatur unter Leitung er NSDAP mit Adolf Hitler zu installieren. Hitler gelang die zunächst die Flucht. Wenige Tage später wurde er festgenommen und anschliessend zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, allerdings bereits nach nur neun Monaten «wegen guter Führung» vorzeitig entlassen. 

9. November 1938 – Die Pogromnacht mit dem euphemistischen Namen «Reichskristallnacht» hat eine Vorgeschichte. Die eigentliche Ursache war eine Verordnung des polnischen Staates, die ausschliesslich polnische, im Ausland lebende Bürger und deren Bürgerstatus betraf.

Herschel Grynszpan, verzweifelt darüber, dass auch seine Eltern davon unmittelbar betroffen und vertrieben worden waren, erschoss den in Paris lebenden Ratssekretär von Rath. Diese Verzweiflungstat bot den Nationalsozialisten einen perfekten Vorwand, umfassende Massnahmen gegen Juden durchzuführen. 

Grynszpan, so die propagandistische Formulierung «hat im Auftrag des Weltjudentums gehandelt, um das nationalsozialistische Deutschland zu zerstören.» Hitler nahm an einem Gedenkabend für den Putschversuch vom 9. November 1923 teil, als er vom Tod des Diplomaten hörte. 

Er gab entsprechende Anweisungen, die von Goebbels sofort weitergegeben wurden. «Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, da Arier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind. Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurer.»

Mehr als 1.400 Synagogen und Betstuben wurden zerstört, Geschäfte und Wohnungen geplündert und Friedhöfe geschändet.

20 – 30.000 Juden, möglichst wohlhabend, sollten «zu ihrem Schutz und dem Schutz ihres Vermögens» festgenommen werden. Diese jüdischen Männer und Kinder wurden im Zuge des Pogroms in die KZs Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen deportiert. Etwa 500 überlebten die Folter und die mangelhafte Versorgung in den Lagern nicht. Anfang 1939 wurden die meisten Deportierten wieder freigelassen. Der Grund für die Inhaftierung war, Druck auf ihre Familien ausüben zu können. Die NSDAP Organisationen wollten damit erreichen, dass die Familie (selbstverständlich ohne ihr Vermögen) so rasch wie möglich ihre Heimat verlassen sollten. Das zurückgelassene Vermögen konnte auf diese Art problemlos «arisiert» werden. Die physischen und psychischen Folgen des Aufenthaltes in den KZs waren grausam. Fast alle Rückkehrer waren traumatisiert, es mussten reihenweise Notamputationen durchgeführt werden. Barbara Distel, ehemalige Leiterin des Dokumentationszentrums Dachau fasst die Geschehnisse im Titel für einen Artikel in der «Zeitschrift für Geschichtswissenschaft» zusammen: «Die letzte ernste Warnung vor der Vernichtung».

Wer konnte, verliess das Land. 18.000 Kinder wurden mit Kindertransporten in vermeidlich sichere Staaten gebracht. 

Es war der Beginn des Endes von jüdischem Leben in Europa. 

Jedes Jahr gibt es Gedenkstunden. Jeder, der glaubt, seine Stimme erheben zu müssen, nutzt diesen Tag, der so unendlich viel Leid gebracht hat. 

In Wien fand in diesem Jahr eine besondere Gedenkstunde statt. Kurt Yakov Tutter, 91, musste als Kind vor den Schergen der Nationalsozialisten fliehen. Die Eltern wurden in Auschwitz ermordet, er selbst und seine kleine Schwester überlebten, versteckt bei einer belgischen Familie. 

Jahrelang kämpfte Tutter dafür, den Namenlosen ein Mahnmal zu geben, einen Ort, an denen die Familie gedenken und trauern kann. Nach langen Kämpfen mit den verschiedenen Regierungen war es die Koalition zwischen ÖVP und FPÖ unter BK Sebastian Kurz, die mit einem massgeblichen Beitrag von € 4.5 Millionen diese «Mauer der Namen» unterstützte.

© Nationalfonds Austria

Gestern wurde auf dem Ostarrichio-Platz vis-à-vis der Nationalbank das neue Mahnmal errichtet. 64.400 Namen. Jeder Name ein österreichischen Opfer der Shoa.

Eine ganz andere eindrückliche Aktion wurde von der Jüdisch-österreichischen-Hochschülerschaftdurchgeführt. 23 Strassennamen wurden von ihnen umbenannt. Immer noch gibt es in der Bundeshauptstadt Strassennamen, deren «Paten» teils sehr bekannte Nationalsozialisten waren. 

Im 23. Bezirk gibt es die Porschestrasse. Porsche verdankte seinen finanziellen Erfolg u.a. seiner Nähe zum NS Regime. Von dort wurden die Auftragsbücher reich mit Bestellungen für Panzer- und Waffenkonstruktionen gefüllt. Die Strasse wurde neu Franz Danimann, einem Widerstandskämpfer und Juristen gewidmet.

Der «Dr. Karl Lueger Platz» im 1. Bezirk wurde zum «Platz des antifaschistischen Widerstandes».

Im 10. Bezirk erinnert die «Weldengasse» an den Gouverneur von Wien im Jahr 1848, der für systematische Verfolgungen und Repressalien verantwortlich zeichnete.  Mordechai Anielewcz, für einige Tage der Pate der Strasse leitete den Aufstand im Warschauer Ghetto. 

Hier sind alle Umbenennungen sorgfältig dokumentiert und durchaus lesenswert präsentiert.



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