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6./7. Tevet 5782 10./11.Dez.2021
Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 15:56
Shabbatausgang in Jerusalem: 17:15
Shabbateingang in Zürich: 16:17
Shabbatausgang in Zürich: 17:27
Shabbateingang in Wien: 15:42
Shabbatausgang in Wien: 16:54

Man könnte über diesen Wochenabschnitt auch schreiben: „Blut ist dicker als Wasser“. Josef, der sich in den langen Jahren in Ägypten vom naiven, ja vielleicht sogar hochmütigen und arroganten Knaben zum verantwortungsvollen Mann gewandelt hat, trifft auf seine Brüder. Die, die ihn verlacht haben, die ihn verstossen haben und ihn gar töten wollten. Ihn stattdessen aber an Kaufleute aus Ägypten verkauft haben. In dem Moment, in dem seine Brüder bis auf den jüngsten, Benjamin erstmal wieder vor ihm stehen, muss es ihm wie ein déjà-vu Erlebnis vorgekommen sein. Wie er als Knabe geträumt hatte, dass sich Sonne, Mond und Sterne vor ihm verbeugten und er diese als seine Familie deutete. Sogar sein Vater hatte damals spöttisch gelacht. Sein geliebter Vater, dessen Lieblingssohn er doch gewesen war! Und nun stehen seine Brüder vor ihm als Bittsteller. Sie leiden unter der Hungersnot und er kann ihnen helfen.
Sie erkennen ihren „kleinen Bruder“ nicht, aber er weiss ab dem ersten Moment, wen er vor sich hat. Josef scheint fast hilflos in dieser Situation. Statt sich ihnen zu offenbaren, weist er sie ab, bezichtigt sie der Spionage und schickt sie fort. Eigentlich müsste es ihnen seltsam vorgekommen sein, dass er nach einem weiteren Bruder frug – woher hatte dieser hohe Beamte des Pharaos dieses Wissen? Nun ja, Legenden leben auch immer von einem kleinen Stück an nicht Nachvollziehbarem, sonst würden sie nicht so intensiv von Generation zu Generation weitererzählt werden.
Er schickt sie fort, fordert sie auf, den kleinen Bruder zu bringen und behält Shimon als Pfand. Josef ist mittlerweile überzeugt, dass er das Handwerk Gottes ist. Wieso sonst würde er über die Kunst der Traumdeutung verfügen, die ihm so viel Pech und auch so viel Glück eingebrachte hatte? Nach dem ersten Schrecken möchte er ihnen doch etwas Gutes tun und gibt ihnen neben dem gekauften Getreide auch den Kaufpreis mit.
Mehr an Annäherung geht noch nicht. Die Verletzung, die sie ihm zugefügt haben, ist auch nach 20 Jahren nicht verheilt. Aber die Sehnsucht ist gross, jedoch hat er auch Angst, zurückgewiesen zu werden. Was, wenn sie ihn immer noch hassen?
Für den mittlerweile alten Vater eine furchtbare Situation, er ist sich sicher, dass er nun zwei Söhne verloren hat. Aber der Hunger ist grösser und so bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich wieder auf den Weg nach Ägypten zu machen. So kommen sie tatsächlich zurück und bringen Benjamin mit. Nochmals stellt Josef sie auf die Probe, doch da übernimmt Jehuda, der viertälteste Sohn Jakobs die Rolle des Vermittlers.
Er hält ein leidenschaftliches Plädoyer für seinen Vater und seiner Brüder. Er schildert eine Familiengeschichte, die nicht nur sonnige Tage gekannt hat. Er erzählt vom Sohn, der von ihnen verkauft wurde und von der Angst des Vaters beide Lieblingssöhne zu verlieren. Er schont sich und seine Brüder nicht.
Josef erkennt, dass die Brüder anders geworden sind, aus den eifersüchtigen jungen Männern sind verantwortungsvolle Familienväter und Söhne geworden.
In diesem Moment bricht der Panzer, den Josef um sein Herz gelegt hatte entzwei. Bevor er sich seinen Brüdern zu erkennen, schickt er alle anderen fort. Weiss, dieser Augenblick gehört nur ihm und seiner Familie. Statt dunkler Gedanken, die sich gerade erst von seiner Seele lösen, reicht er ihnen beide Hände. Er erklärt ihnen, nicht sie hätten ihn in die Verbannung geschickt, sonders es sei Gottes Plan gewesen. Er hätte nach Ägypten kommen müssen, um von dort aus die Geschicke seiner Familie für Gott beeinflussen zu können.
Juda zeigt Reife und Grösse, in dem er die Maske der Scham über ihr Versagen abreisst, Josef zeigt ebenso Reife und Grösse, weil er sie nicht länger mit ihrer Schuld konfrontiert.
Die Geschichte kann auch in modernen Familien nicht rückgängig gemacht werden. Sie wird immer im kollektiven Gedächtnis aller Beteiligten verankert sein. Aber, und das ist es, was uns dieser Wochenabschnitt lehrt, wir müssesn versuchen, sie in einen neuen Kontext zu stellen. Dazu braucht es Liebe, dazu braucht es Kraft und den absoluten Willen aller, einen Neuanfang zu wagen und ein neues Beziehungsnetz zu spinnen.
Shabbat Shalom!
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