8. Tevet 5782

Zwischen dem 20. Januar 2017 und dem 20. Januar 2021 haben wir in Israel kaum einen Tag erlebt, an dem es kein Bild der scheinbar endlosen Liebesgeschichte zwischen dem ehemaligen Präsident Trump und dem ehemaligen PM Netanyahu in zumindest einer Zeitung gab.








Und danach? Nichts mehr. Als hätte es sie nie gegeben, diese Donald-Bibi-Liaison, die, wenn man manche Bilder anschaut, schon fast etwas Symbiotisches an sich hatte. Immer wieder riss Trump Netanyahu förmlich an sich, noch energischer, noch enger. Sogar farblich schienen die beiden sich fast immer einig zu sein. Mal trugen beide blaue, meist aber rote Krawatten. Meist uni, selten gestreift.


Rot signalisiert Energie, Kraft, Reife. Blau steht für Vertrauen, Ehrlichkeit, Harmonie, aber auch für Kälte und Distanz. Träfen sich die beiden heute, ich bin überzeugt, sie würden wieder blaue Krawatten tragen! Den Potentaten von einst legten ihre Diener die Kleider bereit. Heute müssen sie das selbst machen, aber sie haben ihre «personal coaches», die nichts dem Zufall überlassen.
Was ist geschehen, woher diese Funkstille?
In einem Interview, das er dem israelischen Journalisten Barak Ravid gab, das erst jetzt bekannt wurde, redete sich Trump so richtig in Wut und deklassierte damit die angeblich so unverbrüchliche Männerfreundschaft.
Und wie meistens steht am Ende einer Freundschaft ein Missverständnis, eine Kränkung. Menschen mit narzisstischen Anteilen vertragen diese viel schwerer als «normal-gestörte» Menschen. Trump ist ein Narzisst. Netanyahu ist ein Narzisst. Prof. Otto Kernberg wollte das aus berufsethischen Gründen so nicht sagen, aber immerhin hält er Trump «für einen gefährlichen Politiker».
Als Trump am Dienstag, den 8. November 2016 «President-elect» wurde, hatte Netanyahu fast nichts Schnelleres zu tun, als ihn anzurufen und ihm eine Videobotschaft zu schicken. Dies berichtete die «Times of Israel» am Mittwoch, 9. November 2016 um 08:03 israelischer Zeit. Da war es in Washington 01:00 Ortszeit. Schneller ging es nicht, Netanyahu muss die ganze Nacht die Auszählungen verfolgt haben. Und er wurde schon während dieses ersten Gespräches nach Washington eingeladen.







Am Dienstag, den 3. November 2020 verlor Trump seine Wahl gegen Präsident Joe Biden. Bekanntgegeben wurde das Ergebnis aber erst am Samstag, den 7. November. Anerkannt hat er diese Niederlage nie, «die anderen», er meint wohl die Demokraten, haben ihm die Wahl gestohlen, nicht er hat sie verloren. In seinem Interview erhebt Trump schwere Anklage gegen Netanyahu. Der habe viel zu früh den Sieg Bidens anerkannt und diesem gratuliert. Diese Gratulation kam tatsächlich erst an nächsten Tag, am Sonntag, via Twitter. Dass er nicht am Shabbat twittern wollte, ist kein Argument, der war an diesem Tag in Jerusalem bereits um 17:22 zu Ende gegangen.
Die meisten Regierungschefs hatten da schon lange ihre Glückwünsche abgesetzt. Von «zu früh» zu sprechen ist ein grosser Irrtum.
Aber seither herrscht Funkstille zwischen den beiden.
Illoyal ihm gegenüber sei das gewesen, schäumte Trump. Undankbar sei er ihm gegenüber gewesen. Und das, obwohl er doch so viel für Israel getan habe.
Und auf einmal muss man vieles in einem anderen Licht sehen.
Er habe Netanyahu davon abgehalten, die umstrittenen Gebiete in Judäa und Samaria zu annexieren. «Ich wurde böse und habe ihn gestoppt». War es nicht so, dass sie Teil der Vorbedingungen zu den Abraham Accords seitens der Araber gewesen sind? So stand es zumeist in den Zeitungen.



Auch mit Präsident Abbas habe er «wunderbare Gespräche» geführt. Er habe das Gefühl gehabt, Präsident Abbas wäre bereit gewesen, einen Friedensplan zwischen Israel und den Palästinensern anzustreben. Im Gegensatz dazu sei Netanyahu an keinem zielführenden Plan interessiert gewesen. Als er im Januar 2020 den Friedensplan vorgelegt habe, sei Netanyahu nicht begeistert gewesen, sondern habe auf einem Siedlungsausbau in den umstrittenen Gebieten bestanden.
«Bibi wollte auf den Handel einfach nicht eingehen. Ob aus politischen oder anderen Gründen, ich weiss es nicht. Ich hatte bisher immer gedacht, die Palästinenser wäre die, die alles verhindern würden. Ich habe herausgefunden, dass das so nicht stimmt.»
Trotzdem hat Trump Jerusalem als Hauptstadt anerkannt und damit erreicht, dass die neuen Beziehungen zwischen den Palästinensern und den Israelis eingefroren wurden.
Niemand, so fährt Trump fort, habe mehr für «Bibi» getan. «Ich mochte Bibi. Und ich mag Bibi immer noch. Er war der Mann, für den ich mehr getan habe als für jeden anderen.»
Dass er sich im Jahr 2015 aus den Atom-Vereinbarungen mit dem Iran zurückgezogen habe, sei seinen guten Beziehungen zu Israel geschuldet und nicht seiner Beziehung zu Netanyahu. «Wenn ich das nicht getan hätte, könnte es sein, dass Israel jetzt schon zerstört wäre.» so sein düsteres Menetekel.

Und dann, schlussendlich habe er ihm den Wahlsieg vom April 2019 geschenkt. Weil Trump den Golan anerkannte. Völkerrechtlich ist dies ohne Bedeutung, ebenso wenig, wie die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt. Die Anerkennung des Golans hätten Netanyahu 10 – 15 % mehr an Stimmen gebracht. Beweisen kann er das wohl nicht.


Der unschöne Schlusssatz einer Beziehung, die von allem Anfang an ungesund war: «Seither [seit dem Glückwunsch Video an Präsident Biden] habe ich nicht mehr mit ihm telefoniert. Fuck him».»
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