Ein dicker Strauss Rosen …

… in allen Farben geht heute an den scheidenden deutschen Botschafter Steffen Seibert. Als er vor vier Jahren nach Tel Aviv zog, war er seinen deutschen ‘Schützlingen’ kein unbekannter. Von 2010 bis 2021 war der Regierungssprecher der deutschen Bundesregierung und Chef des Presse-und Informationsamtes. Er war für die derzeitige Regierung kein bequemer Botschafter.  Einmal in Israel angekommen, lernte er in Rekordzeit ein fast akzentfreies Hebräisch. Seine kurzen Reels «Die drei guten Dinge der Woche» las er nur kurzfristig vom Teleprompter ab.

Seibert zeigte Präsenz. Nicht in der aufdringlichen Art des US-amerikanischen Botschafters Mike Huckabee, der mir immer so vorkommt, als wäre er von Trump als zweiter PM nach Israel geschickt worden.

Sehr oft stand er auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv. Sprach mit den betroffenen Familien. Er kämpfte für die Freilassung der Geiseln und unterstützte die Forderungen der Familien nach einem Waffenstillstandsabkommen.

Seibert löste ein diplomatisches Erdbeben im israelischen Aussenministerium aus.  Statt sich mit seiner unglaublich grossen Liebe für Israel, seinen Menschen, seiner Kultur, Natur und, nicht zu vergessen, seiner Kulinarik auseinanderzusetzen, setzte er sich in den Verhandlungssaal im OGH. Es ging um das, was die Regierung, allen voran der Justizminister, ‘Neugestaltung der Justiz’ nennt. In Tat und Wahrheit ist es aber der Versuch, die Justiz der Politik unterzuordnen und damit ein wesentlicher Schritt weg von der Demokratie zur Autokratie. Seibert hatte das erkannt: «Ich denke, etwas Wichtiges passiert hier für Israels Demokratie«.  Ich hätte mir gewünscht, dass das gesamte diplomatische Korps dort gesessen wäre. Um ihre Verbundenheit mit Israel zu zeigen und zu dokumentieren, dass sie mehr sind als Marionetten, die nur ihnen zugeteilte Aufgaben erfüllen. Minister Eli Cohen schäumte: «Der deutsche Botschafter mischt sich in innere Angelegenheiten ein!» Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz stellte sich hinter seinen Mann in Tel Aviv: «Der deutsche Botschafter ist ein sehr engagierter Mann mit sehr klaren Prinzipien.»

Im Tirzu, eine ultrarechte-zionistische Jugendorganisation, hat mehrfach vor seiner Residenz in Herzliya demonstriert. Sie wollten erreichen, dass Gelder, die an ihnen nicht genehme NGOs gehen, eingefroren werden. Dass der Botschafter noch dazu an einer von Palästinensern organisierten Gedenkveranstaltung teilgenommen hatte, liess die Beliebtheit noch weiter in den Keller rauschen. Es handelte sich um das von jüdischen und palästinensischen Familien ins Leben gerufene Forum ‘Parents Circle – Families Forum’, wo sich trauernde Familien miteinander austauschen und trauern können. Trauer kennt keinen Unterschied in der Ethnie! Kurz darauf wurde ihm eine Protestnote überreicht.

Der Tiefpunkt war erreicht, als Seibert sich dafür aussprach, die Siedler-Gewalt gegenüber Palästinensern zu bekämpfen. Gideon Sa’ar, einer der Nachplapperer von Netanyahu, schrieb: «Botschafter Seibert hat Schwierigkeiten damit, Angriffe auf Israelis zu verurteilen, ohne die Palästinenser zur Sprache zu bringen. Ich freue mich, dass bald ein neuer Botschafter eintreffen wird.»

chatGPT von mir generiert

Sa’ar und der in seinem Schatten stehende Netanyahu können aufatmen. Die Ablösung kommt. Alexander Graf Lambsdorff, zuletzt in Moskau stationiert und Vorsitzender der ‘deutsch-israelischen Freundschaftsgruppe der Parlamentarier’, wird den vakanten Platz einnehmen.

Im letzten Jahr machte sich Seibert, unbeeinflusst durch Winterstürme und Sommerhitze selbst ein Geschenk. Er wanderte, einmal auch mit Nadav Weiman den 1.080 km langen Israel Trail, von der libanesischen Grenze bis Eilat. Weiman ist CEO von ‘Breaking the Silence’. «Steffen spricht Hebräisch und weiss mehr über die israelische Geschichte als der durchschnittliche Israeli. Die meisten Botschafter lernen Israel bei offiziellen Treffen und durch das Lesen von Berichten kennen, aber Steffen wollte Israel erleben – alle Facetten Israels, nicht nur in klimatisierten Räumen, im Anzug und bei formellen Treffen.»

Vielleicht war es kein Zufall, dass sein letzter offizieller Auftritt im kulturellen Zentrum der linken Szene in Tel Aviv stattfand, wo er halb lachend als ‘Seine Exzellenz’ angesprochen wurde, aber auch als der ‘coolste Botschafter’. Seibert war oft in Samaria, traf sich mit dem Vertreter der deutschen Niederlassung in Ramallah. Er wollte selbst Eindrücke gewinnen und sich seine eigene Meinung bilden. Und die war, wir können es vermuten, nicht immer die der Regierung. «Die Tatsache, dass der Frieden noch nicht erreicht wurde, ist keine Entschuldigung dafür, aufzuhören, es zu versuchen. Ich sehe zu meinem grossen Bedauern Tendenzen und Akteure in der politischen Szene, die alles gefährden, was ich an diesem Ort liebe.»

Auf jeder Etappe begleitete Seibert ein anderer Partner. Wissenschaftler, Journalisten, Schriftsteller, Dichter und Unternehmer –, aber zu den Wanderungen gehörten auch Hinterbliebene und Familienangehörige von Geiseln. Als einziger Politiker war Yair Golan, Demokraten, bei einer Etappe dabei.

Seibert verabschiedete sich mit einem lachenden und einem weinenden Auge mit «den 25 Dingen, die ich am meisten in Israel liebe.»

תודה רבה, סטפן, על העבודה הנפלאה שלך בתל אביב! ישראל בקושי תמצא שגריר טוב ממך. תהנה מהחופשה, ואז – אתה מוזמן לבקר אותנו!



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