Aus die Maus!  –  Zensur eines «Holocaust Comics»

29. Shevat 5782

Titelbild Maus I, Rowohlt Verlag 1989, 1. Ausgabe

Es gibt einen Comic, in dem werden Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, Amerikaner als Hunde und Polen als Schweine dargestellt. Die Franzosen sind Frösche, die Schweden Rentiere und die Briten Fische. Wer seine Identität verbergen will, setzt die Maske einer anderen Gruppe auf.

Die Rede ist von einem zweibändigen Comic Maus I und Maus II, für den der Autor, Art Spiegelman, 1992 als erster Comic Zeichner überhaupt mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde.

Es gibt zwei Handlungsstränge. Der erste beginnt im Jahr 1958. Der kleine Art spielt mit seinen Klassenkameraden im Rego Park, im New Yorker Stadtteil Queens. Arts Vater Wladek und dessen Ehefrau Anja sind Auschwitz-Überlebende. Ein Grossteil der Familie wurde in Auschwitz ermordet. Seine Tante bringt sich selbst und seinen älteren Bruder um. 1951 wanderte die Familie nach New York aus. Als Erwachsener interviewt Art seinen Vater in den Jahren 1978 und 1979. Der Vater hatte nach dem Selbstmord seiner ersten Frau Anja im Jahr 1968, Mala, seine zweite Frau geheiratet. Art hat sich von seinem Vater nach dessen zweiter Eheschliessung entfremdet. Dieser ist nicht mehr so, wie Art ihn in Erinnerung hatte. Böse und verschlossen ist er geworden, dazu geizig. Als Art ihn um die Tagebücher seiner Mutter Anja bittet, von der er sich verspricht, mehr von ihr und ihrem Überleben zu erfahren, muss Wladek zugeben, sie nach ihrem Selbstmord verbrannt zu haben. Art ist darüber so empört, dass er seinem Vater entgegenschleudert «Mörder».

Art begann bereits mit zwölf Jahren erste Comics zu zeichnen, die zunächst in Schülerzeitungen abgedruckt wurden. Von 1965 bis 1967 studierte er an der High School of Art and Design, brach seine Studien ab und arbeitete bei Erotik Zeitschriften, darunter auch dem Playboy. 

1989 veröffentlichte er Maus I. Hier beginnt der zweite Handlungsstrang. Der Vater erzählt seine Lebensgeschichte während der Zeit des Nationalsozialismus, beginnend mit der Zeit Mitte der 30-er Jahre bis zum Ende der Nazi Zeit. Nach einer glücklichen Zeit in der jungen Ehe leidet Anja nach der Geburt ihres ersten Kindes unter postnatalen Depressionen. Gemeinsam mit Wladek verbringt sie drei Monate in einer noblen Klinik in der bereits von Deutschen besetzten Tschechoslowakei. 

Unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Hause müssen sie feststellen, dass die Nazis mittlerweile an Einfluss gewonnen haben und der Antisemitismus stärker geworden ist. 1943 werden die Juden ihres Heimatortes zur Zwangsarbeit eingeteilt. Die Familie teilt sich auf und schickt den Sohn Richieu zu einer Tante nach Südpolen. Als aber immer mehr Juden nach Auschwitz deportiert werden, vergiftet die Tante den kleinen Jungen und sich selbst, um nicht in die Hände der Gestapo zu fallen. In Srodula, in der Nähe des Ghettos von Sosnowiec bilden die Juden Bunker, in den sie glauben, sich vor den Nazis verstecken zu können. Wladeks Bunker wird entdeckt und er wird in ein «Ghetto innerhalb des Ghettos» gesperrt, das mit Stacheldraht umgeben ist. Kurze Zeit später wird der Ort «von Juden gesäubert».

Wladek und Anja gelingt es, sich an wechselnden Orten zu verstecken und immer wieder Kontakt mit anderen Juden aufzunehmen. Als sie angeblich nach Ungarn geschmuggelt werden sollen, erweist sich dies als Betrug. Statt nach Ungarn zu gelangen, fallen sie in die Hände der Gestapo und werden nach Auschwitz gebracht. Dort überleben sie, wenn auch getrennt, die Zeit bis zur Befreiung des Lagers im Januar 1945. 

Ankunft in (M)auschwitz

Kein Comic zum Lachen, noch nicht einmal zum Schmunzeln. Ein Comic zum Lernen. Durch die Verfremdung der Menschen in Tiere gelingt es Art Spiegelman, einen deutlichen Abstand zum Geschehen herzustellen und es nicht zu nah an sich, aber auch nicht an die Leser herankommen zu lassen. Kein Comic für Kinder. Nichts ist niedlich, nichts ist bunt. Oft sehr dunkel wirkendes Schwarz-weiss. Es ist ein Comic, den man Jugendlichen in die Hand geben möchte. Dann, wenn «Schindlers Liste» zu populär und «Wir weinten tränenlos»[1](Augenzeugenberichte des jüdischen «Sonderkommandos» in Auschwitz) oder viele andere authentische Bücher über den Holocaust zu angstmachend sind. Aufklärung soll nicht ängstigen, Aufklärung soll falsche Bilder im Kopf wieder geraderücken. 

Am 10. Januar 2022 traf sich der Vorstand der McMinn County Schools zu einer Sondersitzung. Es gab nur ein Thema auf der Tagesordnung «Soll die Maus aus dem Schulcurriculum entfernt werden?» Um das Ergebnis vorwegzunehmen, die Abstimmung endete mit 10:0 für die Entfernung.

Die County Schulen umfassen 23 unterschiedliche Schulen mit knapp 5.500 Studenten und wird von der Zentrale in Athens, Tennessee aus verwaltet. Diese Region in den USA gehört zu den wirtschaftlich problematischen Regionen. 60.73 % stimmen bei den letzten Wahlen für Donald Trump als Präsidenten und 62.23 % für Bill Hagerty als Senator. Sollte Trump, sein Sohn oder seine Tochter 2024 als Kandidat für die Republikaner antreten, Tennessee wäre ihm sicher. 

Was am 10. Januar 2022 geschah, mag ein Hinweis darauf sein, wie wir uns das ehemalige Amerika im Jahr 2024 unter Trump vorstellen müssen. 

Das Bild der Toten Mutter Arts‘. Es ist Teil einer Kurzgeschichte mit dem Titel „Gefangener auf dem Höllenplaneten“, der in Maus I auf den Seiten 100 bis 103 eingeflochten wurde und den Tod der Mutter thematisiert.

Hier werden nur wenige Zitate aus dem Sitzungsprotokoll der Schule weitergegeben. Das vollständige Protokoll kann hier nachgelesen werden.

  • Nachdem wir uns mit unserem Anwalt Mr. Scott Bennett beraten hatten, beschlossen wir, die Sprache in diesem Buch am besten zu korrigieren oder zu handhaben, indem wir sie redigieren. In Anbetracht des Urheberrechts haben wir uns entschieden, es zu redigieren, um die acht Schimpfwörter und das Bild der nackten Frau, gegen das Einspruch erhoben wurde, loszuwerden.
  • Dies ist ein Buch für die achte Klasse auf einem Leseniveau der dritten Klasse.
  • Dies ist ein Buch der achten Klasse auf Mittelschulniveau. Nicht nur wegen der Worte, sondern wegen des Inhalts und der tieferen Bedeutung dessen, was in dem Buch vor sich geht.
  • Wenn wir etwas im Fernsehen sehen, das ein direktes Zitat eines Schauspielers oder Präsidenten ist, etwas, wo es diese unangemessene Sprache hat, wird es unkenntlich gemacht oder Teile davon weiß gemacht oder es wird ein Piepton ertönen.
  • Ich verstehe das alles, aber da wir in den Schulen Pädagogen und so weiter sind, müssen wir dieses Zeug nicht ermöglichen oder irgendwie fördern. Es zeigt Menschen, die hängen, es zeigt, wie sie Kinder töten, warum fördert das Bildungssystem diese Art von Zeug, es ist nicht weise oder gesund.
  • Ich denke, jedes Mal, wenn Sie etwas aus der Geschichte lehren, wurden Menschen an Bäumen aufgehängt, Menschen haben Selbstmord begangen und Menschen wurden getötet, über sechs Millionen wurden ermordet. Ich denke, der Autor schildert das, weil es eine wahre Geschichte über seinen Vater ist, der das durchlebt hat. Er versucht, das so gut wie möglich mit der Sprache darzustellen, die er wählt, die sich auf diese Zeit beziehen würde. Ist die Sprache anstößig? Sicher. Ich denke, so verwendet er diese Sprache, um das darzustellen.
  • Ich kann mich irren, aber dieser Typ, der das Artwork erstellt hat, hat früher die Grafiken für den Playboy gemacht. Sie können sich seine Geschichte ansehen, und wir lassen ihn Grafiken in Büchern für Grundschüler erstellen. Wenn ich ein Kind in der achten Klasse hätte, passierte das nicht.
  • Ich weiß, und ich bin nicht streitsüchtig, ich versuche nur, mich zurechtzufinden, denn wenn ein Student, der in der Cafeteria sitzt, beschließt, dies laut vorzulesen und die Sätze zu vervollständigen, was wirst du tun? Es steht in dem Buch, das du ihnen beibringst, also was wirst du tun?
  • Zum Beispiel würden wir das Buch Tagebuch der Anne Frank an dieser Stelle nicht einbringen, weil es ungefähr auf dem Niveau der vierten, fünften Klasse geschrieben ist.
  • … und unternahmen den Schritt, diesen expliziten Inhalt zu zensieren, und wir gingen noch weiter und stellten sicher, dass alle von uns ausgegebenen Bücher mit dem Stempel „Eigentum von MCS“ versehen sind. Wenn aus irgendeinem Grund ohne diesen Stempel auftaucht, können wir sagen, das ist keines der Bücher, die von uns kommen. Keines, das wir im Unterricht einsetzen.
  • Wir fördern nicht die Verwendung dieser Wörter, wenn überhaupt, fördern wir, dass diese Wörter unangemessen sind und es am besten ist, dass wir sie nicht verwenden. Es ist unangemessen für die Schule, für unser Gespräch hier, und Sie können das zu Hause hören, Sie können das im Fernsehen sehen, aber wir fördern das nicht.
  • Aber das Entfernen der vollen vier Buchstaben eines Wortes mit vier Buchstaben ändert sicherlich nicht die Absicht des gesamten Buches des Autors, es räumt es nur auf.
  • Es gibt eine Option, die wir besprochen haben und die etwas ungewöhnlich ist. Wir könnten den Autor kontaktieren und um Erlaubnis bitten, weitere Redaktionen vorzunehmen. Wenn der Autor uns die Erlaubnis gibt, können wir damit machen, was wir wollen. Das wäre ungewöhnlich, aber es ist nicht unerhört.

Anschliessend erfolgte die Abstimmung.

Die Folgen dieses erschütternden Entschlusses sind beachtlich. Bei Amazon erreichten die Verkaufszahlen am Freitag absolute Höchstwerte. Sie machten mehr als 50 % aller an diesem Tag verkauften Comics aus und standen auf Platz 16 der allgemeinen Verkaufszahlen. 

Die Schilderung des Erlebten ist teilweise sehr subtil. Hier beschreibt er das Schicksal von Freunden: „Dann haben sie geschrieben, dass die Deutschen die (Schokoladen-)Pakete behalten haben. Und dann haben sie aufgehört zu schreiben. Aus.“

Die auf Comics spezialisierte Buchhandlung «Nirvana» in Knoxville gab am Donnerstag bekannt, jedem interessierten Studenten ein Gratisexemplar zur Verfügung zu stellen. Eine regionale Kirchengemeinde plant einen Diskussionsabend und ein Hochschulprofessor bietet kostenlose Kurse zum Thema an. Rich Davis, der Eigentümer der Buchhandlung ist überzeugt, dass jeder die beiden Bücher gelesen haben muss.

Das ist ein Beispiel für eine unglaubliche Zensur. Um es noch einmal klar zu sagen: es ging um acht Wörter, die naturgemäss in der deutschen Version nicht auftauchen und die Zeichnung einer nackten jüdischen Maus-Frau. Art Spiegelman sagte in einem Interview mit CNN: «Das Entfernen dieser Bücher hat den Hauch von Autokratie und Faschismus».

Der demokratische Abgeordnete John Ray Clemmons kritisierte das Vorgehen scharf und wurde dabei harsch vom republikanischen Haussprecher korrigiert: «Die Schulverwaltung sagt, das Buch als Teil des Curriculums für die achten Klassen, sei aufgrund der unangemessenen Sprache und der Abbildung einer nackten Frau nicht altersentsprechend.» Clemmons hielt an seiner Aussage fest «Wir haben gesehen, wie Bücher aus den Regalen der Büchereien entfernt wurden, wie man versucht hat, sie zu vernichten. Bücher, die sich mit der Bürgerrechtsbewegung beschäftigen. Hier, und das noch dazu heute am Tag der Erinnerung an den Holocaust[2] haben wir es mit einem Buch zu tun, das eine sehr wichtige und persönliche Erinnerung beschreibt.» Clemmons weist darauf hin, dass «es das Endziel der Republikaner ist, das öffentliche Schulsystem zu schwächen.»

Übrigens, schon einmal drohte einem Buch das frühzeitige Aus in anglosächsischen Staaten. Der 1951 erschienene erste und einzige Roman von J.D. Salinger «Der Fänger im Roggen». Im englischen Original findet man auf fast jeder Seite «goddam» und sehr oft das bei der heutigen Jugend sehr beliebte «fuck you». Immer wieder zitiert wird auch «sonuvabitch». Zwischen 1961 und 1982 war es das meistzensierte Buch. Im Jahr 1981 war es gleichzeitig auch das Buch, welches am häufigsten im Unterricht bearbeitet wurde. 

Ist das die Politik, die wir zu erwarten haben, wenn im Jahr 2024 wieder der «America first» Wahn über das Land hereinbrechen wird?

May God save America!


[1] Gideon Greif, Wir weinten tränenlos, Fischer Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-596-13914-9

[2] Der Erinnerungstag an den Holocaust findet in jedem Jahr am 27. Januar statt. 



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