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8./9. Adar II 5782 11./12. März 2022
Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden) 17:04
Shabbatausgang in Jerusalem: 18:21
Shabbateingang in Zürich: 18:07
Shabbatausgang in Zürich: 19:12
Shabbateingang in Wien: 17:36
Shabbatausgang in Wien: 18:41
Ein ganzer Wochenabschnitt, der sich mit Regeln und Vorschriften beschäftigt? Welches Opfer passend für einen bestimmten Zweck gilt? Und muss man denn auch noch so genau wissen, wie das jeweilige Opfer darzubringen ist? So detailliert, so minutiös?
Noch sind die Kinder Israel weit davon entfernt, eine funktionierende, geregelte Gemeinschaft zu sein. Im zweiten Buch, Exodus, haben wir die Geschichte der Flucht aus Ägypten und den Beginn der Wüstenwanderung miterlebt.
Während der letzten Wochen haben wir detailliert erfahren, wie und mit welchen Mitteln der Mischkan gebaut wurde, wie die Priester ausstaffiert wurden. Nun ist alles bereit, um mit der eigentlichen Tempelarbeit zu beginnen.
Gott gibt Moses seine Wünsche bekannt, wie er sich die Opfergaben, mit der kleinere und grössere Vergehen gesühnt werden sollen, vorstellt. Diese detaillierte Vorgabe irritiert.
Aber schauen wir doch einmal ganz genau auf unser eigenes Alltagsleben. Sind wir nicht auch von Regeln, Vorschriften und Vorgaben umgeben, ohne dass wir sie immer zur Kenntnis nehmen?
Ich spreche hier nicht vom allgemeinen Gesetzbuch, dem Grundgerüst von jeglichem Zusammenleben. Wir finden es in jedem demokratischen Staat. Ist keines vorhanden, so herrscht entweder eine Diktatur, wo nur einer, ganz nach seinem Befinden, die Regeln bestimmt. So wie in Russland plötzlich beschlossen wurde, wer auch nur das Wort „Krieg“ in den Mund nimmt, muss mit bis zu 15 Jahren Gefängnis rechnen.
Oder es herrscht Anarchie, wie die „Abwesenheit von Herrschaft“ immer wieder fälschlicherweise bezeichnet wird. Die Gesellschaft soll sich selbst regulieren. Repressionen auf den Einzelnen durch Machthaber fehlen in diesem System. Was man meint, wenn man von Anarchie spricht, ist die Anomie. Hier gibt es, wenn überhaupt, nur äusserst schwache Regeln und Vorschriften. Es ist ein System, welches Angst auslöst und irritiert, die Gesellschaft fragmentiert. Welcher Begriff hier vorgezogen wird, es kann keine gesunde, faire und lebenswerte Gesellschaft sein, die so lebt.
Wir haben die „zehn Gebote“ als Grundgesetz der jüdischen Welt kennengelernt, eingemeisselt von Gottes eigener Hand in die Tafeln, die Moses vom Berg Sinai mitbrachte. Sie stellen heute weltweit die Minimalanforderung an das Zusammenleben von Menschen dar und niemand wird sie anzweifeln.
Gesetze haben auch mit Vertrauen zu tun.
Stellen wir uns eine vielbefahrene Hauptstrasse in der Innenstadt einer Metropole vor. Da gibt es Ampeln, die besonders grosse, stark frequentierte Kreuzungen regeln. An kleineren Kreuzungen gilt als Normalfall „rechts vor links“, oder wenn der Verkehrsfluss etwas anderes sinnvoller macht, gibt es Stopp- oder Halteschilder. Der Fussgänger, und hier vor allem Kinder, müssen sich darauf verlassen können, dass sie den Fussgängerüberweg ungefährdet queren dürfen.
Bei jedem Kauf einer verpackten Ware gilt sie, sobald die Verpackung geöffnet ist, als gekauft. Das gilt für die kleine Flasche Wasser, aber auch für ein eigenhändig umgepacktes Obst oder Gemüse.
Das gilt für das ungeschriebene Gesetz, Älteren, Schwangeren oder auch jungen Menschen, die in der Mobilität eingeschränkt sind, den für sie vorgesehen Platz im Bus zu überlassen.
Selbstverständlich gilt das auch im Arbeitsbereich, wo „blaumachen“ kein Kavaliersdelikt ist.
Gäbe es all diese und viele andere Vorschriften und andere allgemein anerkannten Selbstverständlichkeiten nicht, die Gesellschaft würde im Chaos versinken und es würde das (Un)recht des Stärkeren gelten.
Im Tempel beim Opferdienst braucht es auch Regeln. Jeder darf das opfern, was er vermag, vom Rind bis zur Taube. Gäbe es keine Regeln, so würde Neid herrschen. Neid und Missgunst verhindern aber ernstgemeinte Sühnebereitschaft.
Betrachten wir diese fünf Kapitel des Wochenabschnittes unter diesem Gesichtspunkt, so erkennen wir, dass sie für uns keine göttliche Bevormundung, sondern eine Hilfestellung darstellen.
Shabbat Shalom!
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