16. Adar II 5782
Einige syrische Flüchtlinge, vor einigen Jahren selbst in Deutschland gestrandet, sind unterwegs vom Ahrtal in die Ukraine.
Ahmad Rebar, 23, geboren in Aleppo, kam vor fünf Jahren nach Deutschland. Er musste alles hinter sich lassen auf der Flucht vor den Soldaten Assads, den syrischen Aufständischen und auch vor den russischen und iranischen Unterstützenden des Krieges. Ohne Hoffnung, seine Heimat jemals wieder sehen zu können.
Seit dem Ausbruch des Krieges von Russland gegen die Ukraine habe ich jeden Tag mehrere Déjà-vu-Erlebnisse.
Jetzt gehört er zu einer Gruppe «Syrische Freiwillige in Deutschland». Das Symbol der Gruppe, die gelbe Schutzwesten tragen, sind zwei herzförmig ineinander verschlungene Hände. Während des Bosnienkrieges (1992 bis 1995) war dies das Symbol unserer Hilfsorganisation «Susret – Begegnung». Auch wir, eine Gruppe von Therapeuten, arbeiteten mit Flüchtlingen, zumeist auch Frauen und Kindern, nur zwei alte Männer lebten im Auffanglager. Männer zwischen 18 und 64 durften auch damals das Kriegsgebiet nicht verlassen. Auch die bosnischen Flüchtlinge, überwiegend Moslems, sprachen eine andere Sprache, nur wer daheim ein Gymnasium besucht hatte, beherrschte das Englische.
Es sind vor allem die Kinder, die leiden, die noch gar nicht verstehen, was um sie herum und mit ihnen geschieht. Es ist wichtig, dass sie so schnell als möglich wieder eine Struktur erhalten, wieder in die Schule gehen. «Я не розумію вас!» «Ich verstehe dich nicht!». Am Anfang hilft ein Lächeln und eine liebevolle Zuwendung…..
Neben Ahmad Rebar wohnen in Sinzig, Kreis Ahrweiler, auch Mahmoud Bayan und Faris Allahham. Als im vergangenen Sommer die grosse Flutwelle die Orte des Ahrtales stark beschädigte, waren die drei zur Stelle. Wühlten sich durch den Schlamm, leerten die Häuser, erleichterten vor allem älteren Menschen den quälenden Umgang mit dem Unglück. Sie trafen auf Melanie Brücken, von Beruf Eventmanagerin. In dieser Krisensituation war sie es, die den Überblick versuchte zu behalten, plante und organisierte.
Faris Allahham, der in Saarbrücken wohnte, gründete zusammen mit anderen Syrern die humanitäre Organisation «Syrische Freiwillige in Deutschland». Zu den syrischen Helfern sind mittlerweile auch Iraner und Iraker dazugekommen. Faris erlernte in Deutschland den Beruf des Mediengestalters, ein anderer arbeitet bei einem Transportunternehmen. Mittlerweile leben sie alle in Sinzig, sieben Menschen in einem Kellerraum im Haus der Hilfsorganisation.

Organisiert wird die Gruppe mit einer WhatsApp Gruppe.
Vor der Abfahrt nach Osten beladen sie den Ford Transit mit allen Sachspenden, die in den letzten Tagen für sie abgegeben wurden. Wolldecken, Kleider, Thermomatten, Hygieneartikel, Babynahrung, Trockennahrung, Schokolade, Handtücher, Jodsalz aber auch Coronatests. Einfach alles, was gerade abgegeben wurde. In der Ukraine wird derzeit alles gebraucht.
Die syrischen Helfer haben beschlossen, dass sie nicht tatenlos zuschauen wollen, wenn ein ganzes Volk jetzt das erlebt, was sie vor Jahren erlebt haben. Sie wollen dazu beitragen, Leben zu retten. Sie wissen genau, was in jedem der Flüchtlinge vorgeht, Angst, Unsicherheit und ein winziges Stück Hoffnung.
Vielleicht verspüren sie auch ein wenig Wut in sich. Bilder werden in ihnen aufsteigen, von Flüchtlingen aus arabischen Ländern, die ohne Grund an der belarussischen Grenze zu Polen festgehalten wurden. Oder Bilder von im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen. Und an ihre eigene Flucht werden sie denken. Wo waren da die Busse, die sie abholten, wo waren die gratis Bahntickets? Macht die EU Unterschiede bei der Herkunft der Flüchtlinge? Für andere wäre dies der Grund, einen üblen Beigeschmack zu behalten, für Ahmad und seine Kollegen stellt dies viel eher den Anreiz dar, helfen zu wollen.
Bei dieser Fahrt fährt Allahham nicht mit. Für ihn steigt später Mohammad Karsouh, 20, geboren in Daraa, Syrien, seit sieben Jahren in Deutschland ein. Über WhatsApp erfahren sie, wohin sie fahren sollen.
In Kattowitz wartet ein Kontaktmann auf sie. Zuerst werden die Spenden ausgeladen, dann dürfen die müden Männer für ein paar Stunden schlafen. Am nächsten Morgen geht es wieder zurück.
Drei Männer, zwei Frauen, drei Kinder, eine Katze, sieben Koffer warten im Morgengrauen auf ihren Transport nach Deutschland. Zufällig sind die Männer auch Syrer, ihre Frauen sind Ukrainerinnen. Die Männer haben in der Ukraine Medizin studiert. Zehn Jahre haben sie in Dnipro gelebt.
Als die Frage auftauchte zusammen fliehen, oder bleiben und Molotow Cocktails zusammenbauen, haben sie sich für das Leben entschieden.
Unterwegs schauen sie in ihre Handys, verfolgen den Vormarsch der Russen.
Nach fast 24 Stunden endet die Fahrt für die Flüchtlinge in einem Auffanglager in Ellwangen. Sie sind angekommen in der Sicherheit.

Die Kinder werden nach wenigen Tagen bereits in die Schule gehen und dort das Gefühl für eine stabile Struktur bekommen.
Für die syrischen Helfer ist jetzt erst mal Schluss mit den tagelangen Fahrten. Einer von ihnen wird versuchen, einen regelmässigen Pendelverkehr zwischen der polnisch-ukrainischen Grenze und Deutschland aufzubauen. Ahmad Rebar wird sich um einen Platz an der Abendschule bewerben, Mohammad Karsouh wird dort seine Ausbildung weiterführen. Beide wollen ihren Hauptschulabschluss nachholen.
Mohammad möchten dann Rettungssanitäter und Ahmad Berufssoldat bei der Bundeswehr werden.
Im Talmud, Traktat Sanhedrin 37 a lesen wir: «Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte.»
Ihnen, stellvertretend für alle Freiwilligen, die sich um die Rettung von ukrainischen Menschen bemühen ein herzliches Dankeschön! כול הכבוד
Kategorien:Aus aller Welt, Politik


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