Jüdische Genetik ist ein heikles Thema. Ein Plädoyer für Entspannung.
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Abdruck mit freundlicher Bewilligung des Autors, Michael Wolffsohn
11.04.2022 NZZ
«Jüdische Gene» – wer davon spricht, gerät schnell in Verdacht, Nazi oder Rassist zu sein. Vorurteilsfreie und weniger politisch ängstliche, vor allem jüdische Wissenschafter widmen sich schon seit längerem diesem Thema. Ihre historischen, ganz und gar unideologischen Erkenntnisse sind dabei eher ein Nebenprodukt. Ihr Hauptaugenmerk ist die Medizin. Verwiesen sei besonders auf Harry Ostrers 2012 erschienenes Buch «Legacy. A Genetic History of the Jewish People». Ostrer ist Medizingenetiker und Professor für Pathologie und Genetik am Albert Einstein College für Medizin der neoorthodox-jüdischen Yeshiva University in New York City. Koscherer geht’s nicht. Dass die meisten deutschen Genetiker bei der Populationsgenetik der Juden zögerten angesichts der traurigen Geschichte der Rassenforschung im 20. Jahrhundert, wundere ihn nicht, so Ostrer.
Aber schliessen freie Wissenschaft und Scheuklappen einander nicht aus? Archäogenetik ist wertfrei und nicht rassistisch. Wenngleich man sich fragt, wie es Rassismus geben kann, wenn es, worauf viele Experten beharren, keine Rassen gibt. Jedenfalls untersucht Archäogenetik das Erbmaterial von Menschen, Tieren und Pflanzen, um Erkenntnisse über die Evolution zu gewinnen. Rassismus ist menschenfeindlich. Medizinische Genetik ist menschenfreundlich und therapeutisch ausgerichtet. Ihrer Erkenntnisse kann und sollte sich die Geschichtswissenschaft bedenkenlos bedienen, wo und sofern sie ihrer bedarf.
Genetische Veränderungen von Bevölkerungsgruppen (Demografie) etwa durch Verbindungen mit anderen Gruppen (Biologie) sind eine Folge vieler, bei Juden notgedrungen häufiger Wanderungen oder Vertreibungen. Die Geografie erklärt hier die Biologie. Ideologie? Fehlanzeige.
Vier Gruppen
Die Forschungen von Ostrer und seinen Kollegen basieren auf DNA-Analysen, nach denen sie die gesamte Judenheit in vier Grossgruppen teilen: 1) Orientalische Juden, das sind Juden mit Vorfahren aus dem Land Israel/Judäa, Palästina, Iran, dem Irak, der Arabischen Halbinsel, Zentralasien. Der zwangsweise Exodus ihrer Vorfahren fand vor allem seit 721 vor Christus nach Assyrien und 586 vor Christus nach Babylon statt. Bei jemenitischen und äthiopischen Juden sind keine Land-Israel-Vorfahren erkennbar. Das bedeutet: Teile der einheimischen Bevölkerung konvertierten im Laufe der Geschichte zum Judentum. 2) Aschkenasim, das sind Juden mit west-, mittel- und osteuropäischen Vorfahren. 3) Sepharden, das sind Juden mit Vorfahren aus Spanien und anderen südeuropäischen Ländern. 4) Nordafrikaner, das sind Juden mit Vorfahren aus Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten.
Vor etwa 2500 Jahren – zur Zeit assyrischer und babylonischer Diaspora – teilte sich erstmals je ein Zweig von orientalischen und (später teilweise blond-blauäugigen) europäischen Juden. Die freiwillige europäische Diaspora der Juden ist auf die hellenistische und besonders die römische Epoche im Heiligen Land anzusetzen, die unfreiwillige ab dem Jahr 70, also nach der Niederlage im Jüdischen Krieg gegen die römischen Besatzer sowie nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels.
Flucht, Vertreibung, Aufnahme
Anders als viele Legenden über die Juden besagen, missionierten die Juden in der hellenistisch-römischen Epoche recht aktiv und vermischten sich durchaus mit Nichtjuden. Die Hebräische Bibel thematisiert besonders im Buch Esra sowie im Makkabäerbuch offen und unumwunden, wenngleich heftig ablehnend, die assimilatorischen Juden. Ähnlich seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert die Polarisierung zwischen romanisierten Juden einerseits und antirömisch-partikularistischen andererseits.
Die Chronologie der jüdischen Geografie bedeutet konkret die Abfolge von Flucht, Vertreibung und Aufnahme in der jeweiligen Region. Das führte kaum überraschend zu variierter Biologie, sprich: zu Vermischungen von Juden und Nichtjuden. DNA-Analysen dokumentieren sie. Zum Beispiel nacheinander die Verbindungen nordafrikanischer Juden mit phönizischen Kaufleuten, freiwilligen Migranten aus dem Land Israel vor der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels, jüdischen Flüchtlingen nach dessen Zerstörung im Jahr 70 oder Konvertiten nordafrikanischer Berber.
Flavius Josephus berichtet, dass im ersten Jahrhundert allein in der Cyrenaika etwa eine halbe Million Juden lebten. Zahlenangaben aus der Antike sollte man freilich skeptisch begegnen, aber bessere Zahlen als jene aus der Antike für die Antike gibt es nicht. Im gesamten Römischen Reich lebten, wieder laut Josephus, um 70 sechs Millionen Juden, in Judäa nur eine halbe Million.
Gemeinsamkeiten, Unterschiede
Daraus folgt, dass sich alle vier jüdischen Grossgruppen eindeutig auf mittelöstliche Urvorfahren zurückführen lassen. Die Genetik dieser Urvorfahren ist keineswegs rein jüdisch. Sie ähnelt zum Beispiel Drusen und Zyprioten sowie anderen nahöstlichen Völkern im und um das Land Israel. Dabei gibt es biologisch-geografisch Ähnlichkeiten (doch keine vollständigen Übereinstimmungen) mit Arabern (einschliesslich Palästinensern) und anderen Nachbarn. Juden der jeweils selben Region haben untereinander mehr genetische Gemeinsamkeiten als mit Nichtjuden, aber mit ihren einheimischen Nichtjuden wiederum mehr genetische Gemeinsamkeiten als mit Juden aus ferneren Siedlungsbereichen.
Bedeutsam ist bei allen Gruppen der Unterschied zwischen der jeweiligen mütterlichen oder väterlichen Linie. Bei nur 20 Prozent der aschkenasischen Frauen wurden nahöstliche Land-Israel-DNA-Wurzeln nachgewiesen. Gut die Hälfte der 80 Prozent der heutigen aschkenasischen Juden mit gemischten Vorfahren stammt allerdings von nur vier nichtjüdischen, europäischen Frauen ab. Das bedeutet: Man kann nicht unbedingt sagen, dass Mischpaarungen eher die Regel waren. Vielleicht haben jene vier konvertierten Frauen auch einfach nur sehr viele Kinder bekommen, die ihrerseits biologisch sehr erfolgreich waren. Was man aber sehr wohl sagen kann: Die meisten heutigen aschkenasischen Juden sind eindeutig gemischter europäischer und jüdischer/nahöstlicher Abstammung, also keine genetische Entität als Volk. Es gab Vermischung. Ausmass und zeitliche Abfolge sind jedoch nicht bestimmbar.
Keine nahöstlichen Land-Israel-DNA-Wurzeln wurden indes bei Juden aus dem Nordkaukasus ermittelt. Es gibt keine jüdischen Abkömmlinge des Chasaren-Königreichs, das im Mittelalter jüdisch wurde. Die These von Shlomo Sand («Die Erfindung des Landes Israel», 2014), wonach Aschkenasim Nachfahren der jüdischen Chasaren sind, entbehrt daher jeder empirischen Grundlage und ist ihrerseits reine Erfindung.
Enge Verbindungen
Es gab auf der Ebene von Mensch zu Mensch zwischen Juden und Christen offensichtlich enge Verbindungen, wechselseitige Offenheit, Toleranz, ja Akzeptanz. Jedenfalls Nähe. Kein Wunder, denn die mittelalterlichen Judengassen und -viertel lagen stadtgeografisch meistens im Zentrum oder zentrumsnah.
Die Verknüpfung von Chronologie, Geografie, Biologie und damit Demografie ermöglicht dieses Fazit: Je dichter die Geografie zwischen den jeweiligen Juden und Nichtjuden, desto näher ihre Biologie. Das wiederum bedeutet: Die Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden waren schon vor dem Fall der Ghettomauern nicht nur geschäftlich, sondern auch geschlechtlich, also menschlich – aber eher die Ausnahme. Die Regel bestand aus Verfolgungen, Vertreibungen und Vernichtungen.
Angesichts dieser Empirie lässt sich die ewige Frage leichter beantworten: Sind die Juden, ist das Judentum nun ein Volk, eine Nation, eine Religion oder nur eine Schicksalsgemeinschaft?
Die Biologie und damit die Demografie der Juden haben uns gezeigt, dass durchaus Gemeinsamkeiten ohne Identitäten zwischen Juden bestehen. Gemäss dieser Empirie gilt: Ja, die Juden haben einen gemeinsamen, antiken, vorderorientalischen Ursprung. Sie sind, so gesehen, ein Volk. Jeder in dieses Volk Hineingeborene (natus) gehört zur jüdischen Nation. Diese kann – aber nicht automatisch – individuell und auch für jüdische Teilgruppen eine Kommunikationsgemeinschaft sein, ist also subjektiv.
In die Religion wird man ebenfalls hineingeboren. Einmal Jude, immer Jude. Zumindest halachisch (religionsgesetzlich) objektiv. Womit wir bei der Identifikation wären. Diese kann nur subjektiv verstanden oder nur auf Teilgruppen – hier von Juden – bezogen werden.
Die Schicksalsgemeinschaft ist wiederum vor allem ausserpersönlich und ausserkollektiv bestimmt. Einzelne oder Gruppen können versuchen, ihrer Schicksalsgemeinschaft zu entfliehen, nicht ihrer genetischen Mitgift.
Aus alldem lässt sich schliessen, dass nach ausserpersönlichen, objektiven, nicht zuletzt genetischen Faktoren die Juden sowohl Volk als auch Nation, Religion und Schicksalsgemeinschaft sind. Ob sich jeder Jude oder Gruppen von Juden mit dem Judentum und den Juden individuell- oder kollektivsubjektiv identifizieren, kann wissenschaftlich lediglich quantifiziert werden, zum Beispiel durch Umfragen. Deren Ergebnisse wechseln, denn diese sind oft nur Momentaufnahmen, Stimmungen und kein Dauerphänomen. So oder so, wegen «jüdischer Gene» müssen keine Hexenjagden geführt werden. Entspannung, Normalität ist angesagt.
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Professor Dr. Michael Wolffsohn ist einer der führenden Experten für die Analyse internationaler Politik und nicht zuletzt die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden auf staatlicher, politischer, wirtschaftlicher und religiöser Ebene. Der Historiker und Publizist meldet sich regelmäßig zu wichtigen politischen, militärpolitischen, historischen und religiösen Fragestellungen zu Wort. Bei Themen wie Zukunft der Bundeswehr, Nahost und andere Weltkonflikte, deutsch-israelische Beziehungen oder Geschichte und Gegenwart des Judentums hat er sich mit präzisen Analysen und klaren Stellungnahmen einen Namen gemacht.
17. Mai 1947 – Geboren in Tel-Aviv (Israel)
Seit 1954 – in Deutschland
1967-1970 – Wehrdienst in Israel
Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre in Berlin, Tel-Aviv und New York
1975 – Promotion
1980 – Doppelhabilitation in Geschichte und Politikwissenschaft
1993 – Gastprofessur Dartmouth College, USA
2001 bis 2005 – Modernisierung der denkmalgeschützten Wohnanlage Gartenstadt Atlantic im sozialen Brennpunkt Berlin-Gesundbrunnen als deutsch-türkisch/muslimisch-jüdisches Kultur-, Bildungs- und Integrationsprojekt mit allgemein zugänglichen gemeinnützigen Einrichtungen, vorwiegend für Kinder und Jugendliche
2008/2009 – Kulturreferent im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München
1981-2012 – Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München
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Der vorliegende Text ist ein Auszug aus seinem Buch «Eine andere Jüdische Weltgeschichte», Herder-Verlag, Freiburg i. B., 2022
Kategorien:Israel
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