6. Ijjar 5782

In der Mischna, der Grundlage des Talmuds wird im Seder Moed, dem Buch der Feste, ein ganzes Traktat den Eruwim gewidmet. Das davorstehende Traktat beschäftigt sich mit den Arbeiten, die am Shabbat verboten sind und den entsprechenden halachischen Vorschriften.
Eruwim, so kann man es kurz und prägnant auf den Punkt bringen, sind jene Gebiete in deren Grenzen man sich am Shabbat bewegen darf oder auch, und das ist fast wichtiger, etwas tragen darf.
Die Verbote, am Shabbat zu arbeiten und ihn heiligen, lesen wir in der Torah zweimal. In Ex 20:8-10 und Dt. 5:12-14 steht «Sechs Tage darfst du arbeiten und alle Aufgaben ausführen. Aber der siebte Tag ist ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. An diesem Tag sollst du keinerlei Arbeiten ausführen. Weder du, noch dein Sohn oder deine Tochter, noch deine Diener oder Dienerin, noch das Vieh und auch nicht der Fremde, der in deinem Haus lebt. Während sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde erschaffen, das Meer und alles, was lebt. Am siebten Tage aber ruhte er, segnete den Shabbat und heiligte ihn.»
Das Wort eruw עֵרוּב hat die gleichen Wurzeln wie learbev לְעַרְבֵּב, und bedeutet mischen, vermischen. Ein weiteres Mal finden wir einen Hinweis auf diese «Mischung» in Ex 12:38
וְגַם-עֵרֶב רַב, עָלָה אִתָּם gam erev rav ala itam, «ein gemischtes Volk ging mit ihnen». Von was spricht die Torah? Es bedeutet, dass zuvor Fremde, von Moses anerkannt, sich dem Weg der Kinder Israels durch die Wüste anschlossen. Der Begriff erev rav wird von den Gegnern und Feinden unserer Regierung als Beschimpfung verwendet. Die pluralistische Zusammensetzung unserer liberal-demokratischen Regierung gefällt nicht allen.

Der Eruw an und für sich, ist nichts anderes als ein realer oder virtueller Zaun, der ein jüdisches Wohngebiet umgibt, innerhalb dessen die entsprechenden Shabbatregeln aufgehoben sind. Dieser Zaun kann alles nutzen, was als Grenze akzeptiert werden kann, Bahndämme, Stromleitungen, Wasserläufe, Mauern, Brücken. Wo keine natürlichen Grenzmarkierungen vorhanden sind, werden entweder Strassenlaternen genutzt oder Stangen aufgestellt, zwischen denen dünne wetterfeste Nylonschnüre gespannt werden. Ob der Eruw intakt ist oder nicht, kann meist im Internet kurz vor Shabbateingang überprüft werden. Hier die Webseite des Eruw in London.
Am bekanntesten ist das Verbot, während des Shabbats seinen Wohnort zu verlassen, etwas zu tragen und keine Gegenstände zu bewegen. Dazu gehört das Stossen eines Kinderwagens, das Tragen des Haustürschlüssels, selbst Taschentücher dürfen nicht in der Hosentasche getragen werden, sondern müssen fest mit der Kleidung verbunden sein. Die maximale Länge, um etwas vom Haus aus auf der Strasse zu bewegen beträgt etwa vier Ellen, also weniger als zwei Meter.
Das Leben mit einem Eruw ist vielleicht etwas einfacher als ohne. Rollstühle und Rollatoren dürfen benutzt werden, Getränke und Medikamente dürfen getragen werden.
Aber dennoch gibt es immer noch Dinge, die auch mit Eruw nicht gestattet sind. Velofahren ist nicht erlaubt. Nur in Israel sieht man am Shabbat Kinder ohne Probleme Velo- oder Skateboardfahren. Auch von sehr orthodoxen Familien. Nun ja, vielleicht sind sie noch vor der Bar/Bat Mitzwa und noch nicht den Vorschriften verpflichtet. Kinderwagen werden liebevoll von den stolzen Eltern gestossen, damit jeder das jüngste Familienmitglied bewundern kann. Nur wenn es regnet, dann schlägt die jüdische Spitzfindigkeit wieder zu. Regenschirme gelten als Zelte und damit als mobile Gebäude. Die darf man am Shabbat nicht öffnen, weil das als Bautätigkeit gewertet wird.

Zürich hat schon lange einen Eruw. Er ist klein und wird nur von den Besuchern der Synagoge in der Freigutstrasse bemerkt. Er umfasst das Gebiet Freigutstrasse/Gerechtigkeitsgasse beim Bahnhof Selnau.
Nun soll es einen weiteren, grösseren Eruw geben. 18 Kilometer lang wird der Umfang sein, davon werden aber nur 500 m mit Nylonschnüren versehen. Drei Quartiere, Wiedikon, Enge und Wollishofen, die einen besonders hohen Anteil an jüdisch-orthodoxer Bevölkerung haben werden dann grossteils innerhalb des Eruws liegen. Auch die Parkanlagen um den Zürichsee, das beliebte Naherholungsgebiet mitten in der Stadt, kann dann von allen Juden besucht werden.
Spaziert man heute durch das Arboretum, dem Park mit dem wunderschönen uralten Baumbestand in der Enge, sieht man nur jüdische Familien deren Kinder schon dem Kinderwagenalter entwachsen sind.
Bevor der Eruw errichtet werden darf, darf niemand aus dem entsprechenden Quartier gegen das Projekt sein. Und es braucht, auch wenn es nur um geringe bauliche Veränderungen handelt, eine Unzahl von Bewilligungen, Baubewilligungen, Nutzungsbewilligungen, Bestätigungen über das Einhalten der Sicherheitsbedingungen…. Und all das für etwas, was nach Möglichkeit unsichtbar sein soll.
Der Eruw soll helfen, erleichtern, aber ganz und gar nicht trennen. Der so erreichte zusätzliche Bewegungsfreiraum gilt als «erweitertes Zuhause».
Finanziert wird das Projekt, für das Cédric Bollag verantwortlich zeichnet, ausschliesslich von privater Hand.

Trotz bereits erfolgter technischer Vorentscheidung steht die endgültige Baubewilligung noch aus. Noch fehlt die Entscheidung des Denkmalamtes, ob es am geplanten Verlauf noch kleinere Korrekturen geben muss. Erst dann wird der endgültige Verlauf bekanntgegeben.
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