Der Tempelberg in Jerusalem – eine bewegte Geschichte ohne voraussehbares Ende!

01. Siwan 5782

Seit der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem im Jahr 70 CE erlebte dieses sich über der Altstadt erhebende Areal immer wechselnde Zeiten. 

Der von den Römern erbeutete Tempelschatz war im Triumphzug durch Rom getragen werden und verschwand anschliessend an einem unbekannten Ort. Viele sagen, er sei im Titusbogen eingemauert worden. Ich persönlich gehe eher davon aus, dass er eingeschmolzen oder von Vandalen gestohlen wurde. 

Triumphzug am Titusbogen

Die Bundeslade, Aufbewahrungsort der Bundestafeln seit der Zeit der Wüstenwanderung das grösste Heiligtum des Volkes Israel, war verschwunden und blieb es auch. Wen interessierte schon eine hölzerne Truhe?

Aus Jerusalem wurde “Aelia Capitolina”. Aelia war der Geschlechtername von Kaiser Hadrian, Capitolina bezeichnete an vielen römischen Orten den Tempel des Jupiters, des Hauptgottes der Römer. Genau so ein Tempel entstand nun auf dem Tempelberg. 

Das Bild der Stadt änderte sich. Der Cardo, die bis heute gut erhaltenene Hauptverkehrsader durch die Altstadt entstand. Auch einige der durch die Römer zerstörten Tore, so das Goldene Tor, das Damaskus Tor und die Hula Tore wurden wieder aufgebaut.

Zeichnung an der Stirnseite des Cargo

Der Name blieb «Aelia» bis zum Jahr 324, als unter Kaiser Konstantin dem Grossen das Christentum aufgewertet wurde und in Jerusalem Einzug erhielt. Die Erinnerung an den römischen Gott wurde ausgelöscht. Bereits vor dieser Zeit war der Jupiter Tempel zu einer Ruine verfallen. 

Kaiser Julianus, der Neffe von Konstantin, liess die prächtige Nea-Kirche auf dem Tempelberg erbauen. Spätere Ausgrabungen belegen, dass sie etwas auf dem heutigen Gebiet der al-Aqsa Moschee stand. Wahrscheinlich wurde sie durch die Perser, die 614 in die Stadt einfielen, niedergebrannt. 

Kalif Omar liess den Komplex halbherzig wieder aufbauen und nutzte ihn fortan für muslimische Gottesdienste. Bauliche Überreste der Nea Kirche wurden später in der al-Aqsa Moschee identifiziert. Es gibt allerdings auch Meinungen, die besagen, dass die Nea Kirche sich nicht auf dem Tempelberg, sondern in der Altstadt von Jerusalem befunden habe. 

Es folgte die Zeit des Islams. Gemäss der moslemischen Tradition gilt der gesamte Platz um die Gebetshäuser als eine einzige Moschee. Die Mitte des Hügels, auf dem nach jüdischer Tradition Abraham seinen Sohn Isaak Gott opfern wollte, galt den Juden als besonderer Ort. 

Genau an diesem Ort entstand der mit der Goldkuppel geschmückte Felsendom. Im Koran wird Jerusalem nie genannt. Dennoch gibt es den Bericht von der Traumreise, die Mohammed mit seinem Pferd Buraq von Mekka «in die grosse Stadt im Norden» und zurück nach Mekka geführt haben soll. 

1099 eroberten die Kreuzfahrer Jerusalem und beanspruchten prompt den Felsendom als Gotteshaus für den christlichen Kult. Nach der Grabeskirche wurde die ehemalige Moschee, das zweitwichtigste Heiligtum der Christenheit. Die Kreuzfahrer litten unter chronischem Geldmangel. So kam es ihnen gerade recht, die wunderbaren, nun leerstehenden Gebäude als Wohnräume und Paläste nutzen zu können. Auf dem Tempelberg entstand eines der vier Chorherrenstifte.

Aber die christliche Vorherrschaft dauert nicht lange. Schon 1187, dem Ende des Königreiches Jerusalem, eroberte Saladin die Stadt und wiederum übernahmen Moslems die Herrschaft über den Tempelberg. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt flohen die Chorherren nach Bari in Süditalien. Oftmals wird in diesem Zusammenhang auch der Templerorden genannt. Doch aufgepasst, es besteht kein Zusammenhang zwischen den beiden Gruppen!

Ab diesem Jahr bis heute ist der Tempelberg eine moslemische Stätte. Juden war der Zugang auf den Hügel durch die Rabbiner verboten, sie durften sich ihm teilweise noch nicht einmal nähern. Nach einem Erdbeben im Jahr 1546 hatte sich eine kleine offene Fläche im Bereich des heutigen Platzes vor der Klagemauer geöffnet, die von den Juden gegen ein nicht zu kleines Entgelt für Gebete genutzt werden durfte. Versuche von Baron Rothschild, in den späten 1880er Jahren den Platz zu kaufen, scheiterten an der fehlenden Genehmigung des osmanischen Statthalters.

Einer der ersten bewilligten Besuche von Nicht-Moslems auf dem Tempelberg wurde von Moses Baron Montefiori im Jahr 1885 absolviert. Montefiori verdankt Jerusalem das wunderschöne und bis heute erhaltene Wohnviertel um die ebenfalls unter seiner Ägide erbaute Windmühle in unmittelbarer Nähe des Liberty Parks. Erbaut hat er das kleine Gebiet «Mishkenot Sha’ananim» um jüdischen Bürgern ein kleines Refugium mit weitaus besseren hygienischen Zuständen als innerhalb der Altstadtmauern zu bieten. Neben den kleinen Wohnungen verfügte das Gebiet um eine eigene Zisterne mit eigener Pumpe, Dorfbäcker und Mikweh. Beliebt waren die Wohnungen zunächst nicht, sie boten zu wenig Schutz vor arabischen Überfällen. Das benachbarte Viertel «Yemin Moshe» ist heutzutage ein beliebtes und exklusives Wohnviertel mit herrlichem Blick auf die Altstadt. Sowohl Montefiori, als auch Baron Edmond de Rotschild liessen sich bei ihrem Besuch auf dem Tempelberg von muslimischen Trägern in einer Sänfte tragen, damit ihr Fuss nicht den für sie verbotenen Boden berühren würde. 

Am Ende des Unabhängigkeitskrieges 1948 lag der Tempelberg hinter der Waffenstillstandslinie und wurde deshalb von den Jordaniern ebenso wie die Altstadt besetzt. Dunkle Zeiten für diesen geschichtsträchtigen Ort begannen. 

Erst im Jahr 1967, mit dem Ende des Sechs Tage Krieges, gelang es jüdischen Truppen, die Altstadt und damit auch den Tempelberg wieder zu befreien. Als Zeichen des guten Willens übergab Moshe Dayan die Oberaufsicht über den Tempelberg an die WAQF. War das ein Fehler?

Seither ist das Beten aller nicht moslemischen Religionen im Areal des Tempelberges strikt verboten. Dieser Beschluss stellt die Grundlage des immer wieder innenpolitisch diskutierten «status quo» dar. Die WAQF kontrolliert die für Moslems «heiligen» Stätten. 

Heilig? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Das gesamte Plateau ist ein beliebter Platz für Familientreffen, Picknicks, Fussballmatches, und …….. um von dort aus Steine und Brandsätze auf unterhalb an der Klagemauer betenden Menschen zu werfen. 

Wer wann und unter welchen Umständen und von wo aus kommend das Gebiet betreten darf, ist detailliert festgehalten. Bei den Juden und bei den Moslems. Nur nicht in einem gemeinsamen Papier. 

Am 28. Ijjar, der in diesem Jahr auf Sonntag, 29. Mai fiel, feiern die Israelis den Tag der Wiedervereinigung Jerusalems nach dem Sechs Tage Krieg. 

Für die jüdische Bevölkerung ein wichtiger Feiertag, gilt doch für uns Jerusalem als die auf ewig unteilbare Hauptstadt Israels. 

Flaggenparade vor dem Damaskus Gate

Für die Moslems ein Tag, an denen ihnen in jedem Jahr bewusst gemacht wird, dass sie von ihrem Ziel, Jerusalem zur Hauptstadt des noch zu gründenden Staates Palästina zu machen, noch sehr weit entfernt sind. 

Ich bin auch davon überzeugt, dass Jerusalem und damit auch der Tempelberg unser historisch verbrieftes Gebiet ist. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass es gelingen muss, dass in dieser wunderschönen Stadt, die schon so viele Besatzungen erlebt hat, dass mehrere Kulturen friedlich miteinander, nicht nebeneinander leben können. 

Der Jerusalem Tag, der ursprünglich vor allem von den Bürgern Jerusalems gefeiert wurde, hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einer Demonstrationsplattform von radikalen, national-religiösen Siedlern entwickelt. Busweise werden sie aus dem ganzen Land angekarrt, um dort zu feiern. 

Feiern soll fröhlich sein. Sobald sich die traditionelle Flaggenparade, das Zentrum Feierlichkeiten aber in Bewegung setzt, beginnt ein zumeist von Hass und Wut geprägtes Geschreie. «Tod den Arabern!» und «Tod den Juden!», beide Seiten schenken sich nichts. 

Trotzdem, es muss einmal gesagt sein. Die Flaggenparade, die sich vom Damaskus Gate ausgehend quer durch die an der Stelle arabischen Altstadt schlängelt, um dann vor er Klagemauer ihren Höhepunkt zu finden, ist nichts als eine absolut sinnlose Provokation der arabischen Bewohner der Stadt. Zusammenstösse sind vorprogrammiert. 

Dass es heuer «nur» Verletzte und keine Toten gab, dass giftige Reaktionen aus Gaza ausblieben, man muss glücklich sein. 

Der Jerusalemtag darf in dieser Form nicht mehr stattfinden. Es ist unsere Stadt, wir haben alles Recht, ihre Befreiung im Jahr 1967 zu feiern. Nur eines darf dabei nie mehr passieren, es darf kein Blut mehr fliessen!



Kategorien:Aus aller Welt, Israel

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