Offener Brief an eine Brückenbauerin ohne inhaltliches Fundament

24. Aw 5782

Synagoge Oranienburger Straße – Centrum Judaicum

Avitall Gerstetter ist 50 Jahre alt. 1972 hineingeboren in eine Welt, in der die Zahl der jüdischen Menschen in Deutschland nach der Schoa noch sehr niedrig war. Als sie im Jahr 2001 ihre Arbeit als Kantorin aufnimmt, zählt die Statistik für Deutschland etwa 98.000 Seelen. 2005 war der Höhepunkt mit mehr als 100.000 Menschen erreicht, heute liegt die Zahl bei etwa 94.000.

Ihre Ausbildung verlief teils autodidaktisch, teils professionell in New York. Die Berufsbezeichnung «Kantor/Kantorin» ist nicht gesetzlich geschützt. Seit dem Frühjahr 1999, also noch vor dem Abschluss ihrer Anerkennung als Kantorin durch eine Gemeinde, übt sie das Amt als Hilfskantorin aus. Ihr Arbeitsplatz ist die kleine Synagoge in der dritten Etage der früheren «Neue Synagoge» an der Oranienburger Straße in Berlin. Oberkantor Estrongo Nachama war ihr Mentor, sein Ziehsohn, Rabbiner Andreas Nachama, ist stolz, dass eine Frau entgegen allen Widerständen als Kantorin eingestellt wird. Sie ist nicht die erste Kantorin, die in der traditionell ausgerichteten Gemeinde amtieren wird, eine Vorgängerin war die amerikanisch-israelische Mimi Sheffer, die dort regelmässig vorbetete.  

Die Rabbinerin der Oranienburger Straße stammt aus einer evangelischen Familie. Sie hat Physik, evangelische Theologie und Judaistik studiert und trat erst später zum Judentum über. Auch ihr Ehemann, ebenfalls Rabbiner, ist ein Konvertit. Im Prinzip ist das eine Information, die nur sie selbst weitergeben sollten. Im Judentum ist es verpönt, über Konvertiten zu sprechen. Diese liefen sonst Gefahr, wie dieser Artikel auch bestätigt, als zweitklassige Juden zu gelten. Warum gebe ich hier die Information weiter?

Die Kantorin, von der hier die Rede ist, beginnt ihren Artikel, der in der vergangenen Woche in der Welt erschien unter der Überschrift «Problematische Konversionen» mit den Worten «Die Causa Homolka hat das jüdische Leben in Deutschland in seinen Grundfesten erschüttert.»

Stimmt, Prof. Walter Homolka darf mit Fug und Recht als Person des öffentlichen Lebens bezeichnet werden, seine Vita ist denen, die sich dafür interessieren, hinreichend bekannt. Insofern nichts Neues unter der Sonne. Wenn da nicht der folgende Satz stünde «Ob der Übertritt Walter Homolkas zum Judentum und seine Ernennung zum Rabbiner rechtmäßig vonstattengegangen sind, soll an anderer Stelle objektiv verhandelt werden.» [1] Einen Tag zuvor erschien der Artikel online bei Welt+ in leicht geänderter Form im Ressort Debatte. Unter dem Eye-catcher «Nach der Causa Homolka» lautete die provokante Überschrift «Warum die wachsende Zahl der Konvertiten ein Problem für das Judentum ist».

Ganz so, als wäre Prof. Homolka persönlich für die wachsende Zahl der Konvertiten verantwortlich. Oder ob er, im Fall der Printausgabe, dafür verantwortlich sei, dass von ihm durchgeführte, a priori problematische Konversionen das jüdische Leben erschüttert hätten. 

Meine Frage an die Autorin des reisserischen Artikels: «Was wollen Sie damit erreichen? Wollen Sie einen Mann diskreditieren, dessen unangefochtener Lebensverdienst es ist, eine neue Grundlage für jüdisches Leben in Deutschland und in Europa gelegt zu haben? Der gemeinsam mit seinem Mentor und Kollegen Rabbiner Walter Jacob 1999 das Abraham Geiger Kolleg gegründet und damit erstmals seit der Schoa wieder eine Ausbildungsstätte für Rabbiner in Deutschland geschaffen hat.»

2018 schreibt sie in einem Artikel in der Berliner Morgenpost, dass sie sich als Brückenbauerin zwischen den Religionen versteht. Um das zu erreichen, ruft sie einen Fussballcup ins Leben. An diesem nach eigenen Worten «interkonfessionellen» Tournier nehmen christliche, jüdische, muslimische und atheistische Mannschaften teil. Eine anregende Unterhaltung für Jugendliche. Sozialarbeiter lieben solche Projekte, um gefährdete Kids von der Strasse wegzubringen. Aber ist das auch geeignet, um tieferen Inhalten zu dienen? Wohl kaum, aber ein netter Versuch. 

Oder ist der stilisierte Davidstern-Leuchter, der elektrisch beleuchtet, mitten auf dem Kudamm stehen soll, ein Weg, nicht-jüdischen Berlinern die jüdischen Feiertage «nahezubringen»? Der Ortsbürgermeister von Charlottenburg hat einen Platz auf der Verkehrsinsel an der Knesebeckstrasse angeboten. Das Einzige, was sich in unmittelbarer Nähe jüdisch gibt, ist ein Restaurant mit dem Namen «Koshary Lux». Klingt koscher, ist es aber nicht, man serviert dort Rindfleisch mit Joghurtsauce. Der Leuchter wird wohl nie errichtet werden, aber man kann ihn in ihrem Onlineshop als Miniaturausgabe kaufen. 

Ist das alles, was die selbsternannte Brückenbauerin fertiggebracht hat? Nein, das sind beides nur vorgetäuschte Versuche, zwei von vielen ihrer Projekte, von denen nicht viel bleibt.

Das Urteil ist hart, aber auf Grund ihres weiteren Textes durchaus gerechtfertigt. Sie beleidigt im grössten Teil ihrer Schmähschrift jene Menschen, die sich redlich darum bemühen, ins Judentum zu konvertieren. Das ist ein mühsamer Weg, über Monate, ja vielleicht sogar über Jahre hinweg. Sowohl Lehrer als auch Studenten des Uebertrittsprogramms müssen es ernsthaft wollen. Natürlich ist viel Theorie dabei. Aber nicht umsonst werden die übertrittswilligen Kandidaten[2] aufgefordert, mindestes ein Jahr lang regelmässig am Gemeindeleben und an den Gebeten teilzunehmen. Als passive Zuschauer, versteht sich. Dabeisein, fühlen und verinnerlichen. Wenn sich der Kandidat wirklich darauf einlässt, dann steht am Ende nicht nur das Eintauchen in die Mikweh und die Befragung durch das Rabbinatsgericht, sondern auch das Gefühl, Mitglied einer neuen Kultur und Geschichte geworden zu sein. 

Es kommt nicht von ungefähr, dass man niemanden an seine nicht-jüdische Herkunft erinnert. Nur bei einem Aufruf zur Torah wird derjenige als Bat/Ben Sarah ve Avraham aufgerufen und nicht mit den Namen seiner leiblichen Eltern. Das ist aber kein Problem, kein Stigma: der Mensch ist durch den Übertritt kein anderer geworden, er hat zu seiner angestammten Persönlichkeit aber etwas Neues hinzugewonnen. 

Wenn die Verfasserin in ihrem Text allen Konvertiten vorwirft, nur theoretisch geprägte Juden zu sein, ohne Anspruch und Fähigkeit, eine leitende Rolle in der Gemeinde einnehmen zu können, geschweige denn, Übertritte zu begleiten, so ist das eine Frechheit und Arroganz sondergleichen. Und so ist es denn auch kein Wunder, dass viele Menschen aus ihrem eigenen Umfeld, der jüdischen Gemeinde zutiefst gekränkt sind.

Die Folge war, dass nur wenige Tage nach dem Erscheinen des Artikels in der Welt die Kantorin Avitall Gerstetter ihre Anstellung in der Neuen Synagoge Oranienburger Strasse verlor. Freigestellt wurde, wie es hiess. Prompt erschien ein weiterer Artikel in der Welt. Auf ihrer fb Seite betont sie verharmlosend «Der Grund für die Freistellung ist mir nicht bekannt. Shabbat Shalom.» Sie wird wohl vor Gericht ziehen. Die Zahl der für sie wohlmeinenden  Kommentare lässt vermuten, dass der grosse nicht-jüdische Fanclub der streitbaren Sängerin sich für eine Aufhebung der Kündigung einsetzen wird. 

Nimmt man dann noch hinzu, dass ihre Chefin und auch deren Mann Konvertiten sind und dass doch wohl auch ihr eigener Vater als Christ sozialisiert wurde, so muss man sich eine Frage stellen: Hat die Autorin ein Problem mit sich selbst und ihrer unmittelbaren Umwelt? Ist sie in Wirklichkeit das, was sie den Konvertiten vorwirft, nämlich eine noch nicht in ihrem Selbst verwurzelte Person?

Nochmals zurückkommend auf ihren Eingangstext «Ob der Übertritt Walter Homolkas zum Judentum und seine Ernennung zum Rabbiner rechtmäßig vonstattengegangen sind, soll an anderer Stelle objektiv verhandelt werden.» Welches Recht nimmt sie sich heraus, über einen Menschen zu urteilen, ja ihn gar vorzuverurteilender in seinem Leben seinen Standpunkt und sein Lebensziel persönlich und beruflich gefunden hat?

Üble Nachrede, LaShon HaRa, ist ein schweres Vergehen im Judentum. Die Autorin, die sich selbst als allwissend und berechtigt sieht, andere zu belehren, sollte daran denken und ihre Texte entsprechend verfassen. 

Esther Scheiner


[1] Die Welt, Forum, Mittwoch, 10. August 2022, S. 7

[2] Es gelten natürlich alle geschlechtsspezifischen Formen!



Kategorien:Politik, Religion

1 Antwort

  1. Avatar von Ein Berliner Zaungast

    Liebe Esther Schreiner,
    so sehr ich den Artikel von Avitall Gerstetter als falsch und völlig am Thema vorbei finde, finde ich Ihren Artikel nicht weniger reißerisch und zudem schlecht recherchiert. Und er ist kein „öffentlicher Brief“ (denn der zeichnet sich durch formale Kennzeichen wie direkte Anrede aus und richtet sich an die/den Angeredete/n), sondern ist ein Artikel, der in mindestens ähnlicher Weise Frau Gerstetter diffamiert, wie Frau Gerstetter jüdische Konvertiten diffamiert.
    Die „Causa Homolka“ ist nicht der Umstand, dass Herr Prof. Homolka seinen Lebensweg gefunden und mit der Gründung des AGK die erste Rabbiner-Ausbildungsstätte nach der Shoa in Deutschland gegründet hat, sondern, dass es an dieser Einrichtung wiederholt zu sexuellen Belästigungen von Studierenden durch Mitglieder des Lehrkörpers, namentlich durch den Ehemann von Prof. Homolka, gekommen ist, und dies erst durch Veröffentlichung der „Welt“ zu Konsequenzen geführt hat. Und das hat die jüdische Welt in Deutschland in ihren Grundfesten erschüttert!
    Und das Restaurant „Koshary Lux gibt sich nicht koscher, sonder dort serviert ein in Kairo aufgewachsenen Paar ägyptische und nordafrikanische Küche, u.a. das ägyptische Nationalgericht „Koshary“ (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Kuschari).

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  2. Der Berliner Zaungast irrt: weder kam es „wiederholt zu sexuellen Belästigungen von Studierenden durch Mitglieder des Lehrkörpers, namentlich durch den Ehemann von Prof. Homolka“, noch hat „dies erst durch Veröffentlichung der „Welt“ zu Konsequenzen geführt“.

    Diese Aussagen wurden durch verschiedene gerichtliche Verfügungen verboten, wörtlich oder sinngemäß in Bezug auf den Antragsteller zu verbreiten und/oder öffentlich zugänglich zu machen und/oder verbreiten zu lassen und/oder öffentlich zugänglich machen zu lassen.

    Z.B.
    Einstweilige Verfügung vom 15.7.2022 durch das Landgericht Frankfurt am Main, 34. Zivilkammer (2-34 O 191/22)

    Einstweilige Verfügung vom 10.8.2022 durch das Landbericht Berlin, 27. Zivilkammer (27 O 240122

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  3. Mein Kommentar zum Esther Schreiner bei Facebook Homolka:
    „Im Judentum ist es verpönt, über Konvertiten zu sprechen“ Das gilt in Deutschland nicht. Juden, die zum Christentum konvertierten, um die Gaskammer zu vermeiden, sorgte man dafür, dass sie sich dran erinnern: sie sind nur „Konvertierten“. Ich bin nicht mehr der Jüngste, 54 Angehörige habe ich verloren, ich selbst mit meiner Mutter die Schoah überlebt. Judentum steht in Deutschland im Fokus der Politik. Der Hauptgrund der Konvertierungen ist die nachträgliche Korrektur der deutschen Geschichte: Heuchelei, Gleichgültigkeit, aber G-ttseidank mal auch ehrliche Reue ist dabei. Ein aus dem Christentum konvertierter Jude ist nicht autorisiert zum Papst zu fahren und im Namen der Opfer um Verzeihung zu bitten. Verzeihen können nur die Toten! Die Synagogen als Versammlungsort ist offen für alle Völker der Welt, die mit ehrlicher Absicht kommen, um G-tt zu verehren. Deswegen: Synagogen dürfen weder angezündet noch arisiert werden. ABER: ohne Konvertierten, ohne jüdische Zuwanderer und hauptsächlich ohne Polizei könnte das Judentum in Deutschland nicht existieren. WAHRHEIT MACHT FREI.
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  4. 1. Übertritte ins Judentum sind bei uns ein Thema, sei es aus gesellschaftlichen oder religiösen Gründen.
    2. Verpönt ist es, Konvertiten darauf anzusprechen.
    3. Der von Ihnen genannte Hauptgrund für einen Übertritt entspringt nur Ihrer subjektiven Meinung, ebenso, dass „ohne Konvertierten (sic!), ohne jüdische Zuwanderer und hauptsächlich ohne Polizei (…) das Judentum in Deutschland nicht existieren [könne].“
    4. Ihr Schlusssatz löst völliges Unverständnis bei mir aus, warum Sie einen abgewandelten Nazi-Fluch anwenden.

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  5. 1. Judentum missioniert nicht: es sind keine gesellschaftliche oder religiöse sondern nur historische Gründe vorhanden: Verdrängungseffekt
    2. wenn der Konvertierte sich wegen Antisemitismus beschwert, dann wird er gefragt: warum wolltest du Jude werden, wusstest du das nicht vorher? Wenn der aus dem Christentum konvertierte Jude seine ehemalige Kirche aufsucht und spielt den frommen Jude vor Konfirmanden, dann muss er gemahnt werden: Du kannst kein Vorbild für die jungen Menschen sein und ihnen sagen: „seid Ihr treue Christen so wie ich bin“. Ein Konvertierter muss gemahnt werden, wenn er einen Holokaust-Überlebenden oder sein traumatisiertes Kind mit seinem Verhalten verletzt, an seine körperliche und/oder psychische Leiden erinnert eventuell durch seine mögliche behördliche Entscheidung ihn/sie gegenüber die Nichtjuden benachteiligt. (Die Schweigekultur führt zum Nichtwissen oder Nichtwissen-wollen.)
    3. Nicht meine Meinungen subjektiv, sondern Ihre Kritik ist sehr realitätsfremd. Wenn es keine Konvertierten und jüdische Zuwanderer gäben, könnte man oft weder die Tora lesen noch ein Kaddisch sagen. Wenn es keine Polizei vor die Synagoge stehen würde, könnte ich heute sicher nicht diesen Kommentar zu schreiben.
    4. „Wahrheit macht frei“ ist keinen „abgewandelten Nazifluch“ wie Sie das schrieben, sondern ein altes lateinisches Sprichwort: Veritas vos liberabit

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