Ha’asinu, Deut 32:1 – 52

ב“ה

12./13. Tischri 5783                                                                7./8.10. 2022 

Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                               17:37

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                          18:52

Shabbateingang in Zürich:                                                                  18:36

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 19:37

Shabbateingang in Berlin:                                                                  18:12

Shabbatausgang in Berlin:                                                                19:18

הַאֲזִינוּ הַשָּׁמַיִם höre oh Himmel! Moses beginnt sein letztes Lied mit einer nachdrücklichen Aufforderung an den Himmel und die Erde, weil er noch einmal das Wort ergreifen will. Das erste grosse Lied haben wir gemeinsam mit ihm gesungen, nachdem die Kinder Israel von Gott sicher durch das Schilfmeer geführt worden waren. Es ist das Lied, mit dem Moses mit überbordender Freude Gottes Taten rühmt und einen Ausblick auf die zukünftige uneingeschränkte Herrschaft Gottes gibt. Wir beten oder singen, je nach der Tradition, das Shirat HaJam Ex 15:1 – 18, meist ebenfalls voller Freunde beim Morgengebet.

Wie anders ist das zweite grosse Lied, das wir heute lesen! Es sind nicht die Worte von Moses, sondern die Wort Gottes, die letzten, die er Moses eingegeben hat (Deut 31:19) und die Moses treulich an uns weitergibt.

Es ist die Geschichte, die Zeitlinie des Volks Israel, und die Aufforderung, sich der Geschichte zu erinnern und sie den kommenden Generationen weiterzugeben. Man könnte fast sagen „Erinnere dich der guten alten Tage, verinnerliche die Erfahrungen vieler Generationen. Wenn du dich nicht erinnern kannst, frag deinen Vater, frag die Älteren der Familie, sie werden dir alles erzählen.“ (Deut 32:7) 

Das Lied ist in drei Abschnitte geteilt. Der erste Teil berichtet, teilweise mit virtuell hochgezogenen Augenbrauen, die Vergangenheit der Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Die folgenden Absätze beschreiben die damalige Gegenwart, die für Gott alles andere als befriedigend war. In Deut 32:15 steht zu lesen „Israel wurde fett und ungeduldig.“ Das war der Moment, in dem sich das Volk Israel von Gott abwandte und einer traurigen Zukunft entgegenblickte.

Als Moses das Lied beendet hatte, wandte er sich nochmals mit eigenen Worten an das Volk. Das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern es ist euer Leben. Wenn ihr diesem Wort folgt, werdet ihr lange in dem Land leben, in das ihr jetzt über den Jordan hinüberzieht, um es in Besitz zu nehmen.“

Betrachten wir das Leben als Zeitlinie, so hat jeder Mensch seine ureigenste. Wir kennen, den Beginn unseres Lebens, die Geburt. Natürlich erinnern wir uns nicht an den Zeitpunkt, wir kennen vielleicht die Geburtsanzeige unserer glücklichen Eltern, wir haben vielleicht den genauen Zeitpunkt auf der amtlichen Geburtsurkunde gefunden. Unser Leben verlief zunächst in völliger Abhängigkeit von anderen. Dann kam der Tag, als wir begannen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Mal mehr und mal weniger erfolgreich. Mal in der Hoffnung, dass Gott da ist, um uns beizustehen und zu unterstützen. Aber wie oft auch in völliger Vernachlässigung unseres Glaubens. 

Rabbiner Jona Sievers sagte in seiner Predigt vor dem Jiskor an Yom Kippur 10 Tishri 5783, dass er froh sei, keine „Smart Watch“ zu besitzen, die neben den aktuellen Lebensparametern auch den noch verbleibenden Rest des Lebens anzeigt. Er sprach mir, und ich denke, allen Menschen damit aus der Seele, denn wer möchte schon wissen, wann seine irdische Zeit abgelaufen sein wird? Für ihn sei diese Vorstellung ein klarer Hinweis, dass man alles tun solle, jede Minute des Lebens so zu leben und zu gestalten, um wohlvorbereitet dem Ende der Zeitlinie, dem Tod entgegenschauen zu können, ohne zu wissen, wann er kommen wird.

Moses hat sein Leben gelebt. Im Glauben an Gott und seine liebevolle Führung. Am Ende dieses Wochenabschnittes kündigt Gott ihm an, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, an dem er ihn heimholen wird. Ich stelle mir vor, dass Moses seinen Frieden mit Gott gemacht hat und nun in Ruhe seine letzten Schritte tun kann. 

Er muss das Volk Israel, das ihm während der langen Jahre der Wüstenwanderung mal mehr und mal weniger vertraut hat, loslassen. Joshua wird es über den Jordan führen. Ab dem Moment muss es erwachsen werden und selbst Verantwortung für sich übernehmen.

Warum bezeichnet die Torah diese letzten Worte von Moses als Lied? Erinnern wir uns doch, wie es uns mit mühsam erlernten Gedichten ergeht. Manchmal vergisst man sie, oft bleibt nicht mehr als eine schwache, nicht mehr fassbare Erinnerung. Es ist die Musik, die uns in Erinnerung bleibt, ganze Melodien, kurze Sentenzen, die uns an eine Situation erinnern. Die wir automatisch mitsummen, auch wenn die Worte nicht präsent sind. Emotionen, die tief in uns wurzeln.

Es sind die vertrauten Melodien der Gottesdienste, die Teil unserer jüdischen Identität sind und die uns immer wieder an Gottes Vorschriften und seine Güte erinnern.

Mit dem heutigen Wochenabschnitt stehen wir fast am Ende der Torah. Wir müssen lernen auf unserer kollektiven und vor allem auf unserer individuellen Zeitlinie weiterzugehen. Wir dürfen es in der Sicherheit tun, dass die Melodien, die wir verinnerlicht haben, uns dabei nie verlassen werden.

Wir müssen nur das Herz weit genug öffnen!

Shabbat Shalom



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