Bereschit, Gen. 1:1 – 6:8

ב“ה

26./27. Tischri 5783                                                           19./20.10. 2022  

Shabbateingang in Jerusalem: (Kerzenzünden)                                17:21

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                           18:36

Shabbateingang in Zürich:                                                                  18:09

Shabbatausgang in Zürich:                                                                  19:12

Shabbateingang in Wien:                                                                   17:37

Shabbatausgang in Wien:                                                                  18:40

© Die Sonne

Die Feiertage sind vorbei und das neue Jahr ist wenige Wochen alt. Mit der heutigen Lesung beginnen wir die wohl spannendste Zeitspanne, die sich Menschen überhaupt vorstellen können. Sie beantwortet uns die Frage: „Woher kommen wir?“

Es gibt viele verschiedene Vorstellungen, wie die Erde geschaffen wurde. Es gibt die Theorie vom Urknall, der vor etwa 13.8 Milliarden Jahren stattgefunden haben soll. Alles, was bis dahin vorhanden war, war eine Blase, kleiner als ein Stecknadelkopf. Und heisser, als man es sich jemals vorstellen kann. Doch dann ging alles ganz schnell, die Blase platzte und eine rasante Entwicklung begann. Wobei rasant sehr relativ ist. Es brauchte mehr als 300.000 Jahre, um das entstandene Universum auf 3.000°C abzukühlen…. Die Erde war immer noch Jahrtausende entfernt von jeglichem Leben. 

Was wir in diesem Wochenabschnitt lesen, ist die wunderbare Geschichte, wie es Gott gelingt, aus dem, was die Torah als „Tohu va bohu“ תֹהוּ וָבֹהוּ beschreibt, das zu erschaffen, das wir unsere Welt nennen. 

Im Laufe der gesamten Torah lernen wir Gott kennen, als denjenigen, der wie ein begnadeter Manager alles im Blick hat, immer ein Ziel vor Augen. Sein Ziel ganz zu Beginn der Torah ist es, eine Welt zu erschaffen und mit allem auszustatten, was es zum Leben braucht. Sechs Tage nimmt er sich für dieses Unterfangen Zeit, er geht logisch ans Werk und überprüft am Ende jedes Tages, ob er alles gut gemacht hat. 

Ohne Licht, so war ihm klar, könnte es kein Leben geben, ohne dunkle Zeiten aber keine Ruhepausen, die die Natur zur Erholung benötigt. Und so schuf er am ersten Tag diese sich abwechselnden Phasen. 

Am zweiten Tag spannte er das Himmelszelt als Trenndecke zwischen den Wassern. 

Am dritten Tag trennte er die Wasser von den Landteilen. Natürlich hatte er noch keine Idee, wie die Kontinente aussehen könnten. Wer sich als Kind einmal damit beschäftigt hat, die Umrisse der Kontinente auszuschneiden und ineinander zu legen, der wird bemerkt haben, dass man glauben könnte, die Landmasse sei ursprünglich eine ungeteilte gewesen! Nun liess Gott bereits einfache Pflanzen wachsen, die mit ihren Wurzeln den noch feuchten Boden verfestigten. Samen- und fruchttragende Bäume und Sträucher, liess er wachsen. Ein Plan, der weit in die Zukunft reichte.

Hatte er am ersten Tag schon Licht und Schatten geschaffen, so sorgte er am vierten Tag dafür, dass es nie wirklich dunkel auf der Erde wird. Wir kennen das Phänomen, bei klarem Himmel und vor allem ganz im Norden, gibt es immer ein Restlicht. Mond und Sterne sorgen nachts, ebenso wie die Sonne bei Tag dafür, dass wir niemals völlig die Orientierung verlieren. Ausser, Wolken verbergen die Leuchtkörper! Gott sah aber auch schon vor, dass Sonne, Mond und Sterne die Grundlage für einen zukünftigen Kalender sein sollten, nachdem sich alles, was er uns über Moses im Zuge der gesamten Torah beibrachte, richten sollte. 

Die ersten Bewohner am Himmel und im Wasser schuf er am fünften Tag.

Der sechste Tag war der Kreation der Landtiere gewidmet. Und dann wollte Gott schaffen, was wir in unserer unendlichen Hybris als „Krone der Schöpfung“ bezeichnen. Der französische Philosoph René Descartes hat sich schwer geirrt, als er sagte “Der Mensch ist die Krone der Schöpfung: Er kann denken. Er hat Bewusstsein seiner selbst!“ Ja, es stimmt, dass wir denken können, aber wie viele von uns nutzen ihr Denkvermögen nicht? Nutzen wir es, dann dürfte es keine Kriege, keine Korruption, keine Verbrechen und vieles andere nicht geben! Und was das Bewusstsein unseres Selbst angeht, das haben auch, wenn auch vielleicht in geringerem Masse, unsere nahen Verwandten, die Menschenaffen. Gott hatte sicher nur das Allerbeste im Sinn, als er uns, oder besser gesagt, unsere Hardware erschuf. Immerhin war er so überzeugt davon, dass er am Ende dieses Tages sogar sagte, dass alles, was er geschaffen hatte, sehr gut war! Oy vey, hier irrte Gott! Die Hardware war wohl gut gelungen, aber die Software, das, was Descartes das „Denken“ nennt, das hatte einen echten Konstruktionsfehler!

Dafür gelang der siebente Tag wieder zu Perfektion. Er schenkte uns bereits zu diesem frühen Zeitpunkt das, was bis heute eine der grössten gesellschaftlichen Errungenschaften ist. Den Shabbat, den Ruhetag!

Auch Gott nutzte den Ruhetag, um alles, was er geschaffen hatte, nochmals zu überdenken. Dem Menschen schuf er eine paradiesische Heimat, den Garten Eden. Alles, wirklich alles durften sie geniessen, nur die Früchte eines Baumes, des Baumes der Erkenntnis, verbot er ihnen. Die Menschen liessen sich von der Schlange, wahrscheinlich war sie das Abbild ihrer eigenen Neugierde, verführen und brachen das Verbot. Die Strafe folgte auf dem Fusse.

Hatten sie sich vorher ihrer Nacktheit nicht geschämt, was nichts anderes heisst, dass sie sich ihres Selbst nicht bewusst waren, so schämten sie sich jetzt. So kleidet Gott sie nun mit Tierfellen ein und vertrieb sie aus dem Garten Eden, der uns Menschen bis heute verschlossen ist. 

In diesem Moment wurde aus dem Menschen, die Gott nach „seinem Ebenbild“ geschaffen hatte, Menschen, die Fehler haben und unvollkommen sind. 

Gott hätte allen Grund gehabt, sich von uns abzuwenden, denn wir haben ihn in seinen Erwartungen enttäuscht. Er hätte das Projekt der „Menschheit“ als gescheitert betrachten können. Aber nein, Gott zeigte schon damals, dass er viel Geduld hatte und uns unerschütterlich auf all unseren Irrwegen begleiten und sanft wieder auf den richtigen Weg bringen wird.

Ein tröstliches Wissen!

Shabbat Shalom!



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