Was geschah am 28. Dezember?

4. Tevet 5783

Kultur:

1973 bis 1976 wurde die unvergessliche Serie «Ein Herz und eine Seele» zunächst im WDR noch in schwarz-weiss und später in bunt in der ARD selbst ausgestrahlt. «Ekel Alfred» und seine kleinbürgerliche Familie aus dem Ruhrpott zwangen 14-tägig zur besten Sendezeit für damalige Verhältnisse unglaublich viele Zuschauer vor die Fernseher. Der reaktionäre, rassistische und chauvinistische Alfred plagt seine einfältige Ehefrau Else, die von nichts eine Ahnung hat, ständig und beschimpft sie regelmässig als «dusselige Kuh». Sein Schwiegersohn Michael ist ihm ein ständiger Stachel im Fleisch. Er ist der Typ des lockeren linken Vertreters der 69er Generation. Gerade noch rechtzeitig aus der DDR entflohen, wird er von Alfred abwechselnd als «Sozi» oder «Komsomolze» beschimpft. Tochter Rita wohnt zusammen mit ihrem Mann in ihrem alten Kinderzimmer. Sie ist ein wenig dümmlich, aber aufmüpfig. 

Das Besondere der Serie: die Folgen wurden jeweils erst am Tag der Ausstrahlung gedreht und waren deshalb politisch immer hochaktuell. Die Mischung aus dumpfbackigem Milieu und Aktualität machte den Reiz der Sendung aus. Jedes Jahr wird die Folge «Silvesterpunsch» im Fernsehen gezeigt und hat Jahr für Jahr die gleich hohen Einschaltquoten wie der legendäre Film «Dinner for one». In diesem Jahr wird die Folge zwischen 16:15 und 00:42 in den dritten Programmen des ARD mehrfach ausgestrahlt. 

Kein Thema war dem jüdischen Produzenten Wolfgang Menge (1924 bis 2012) der Erfolgsserie zu heiss. Er wuchs in Hamburg auf, legte dort während des Krieges die Matura ab und wurde anschliessend, obwohl er Halbjude war, zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg arbeitete er als Journalist, bevor er sich dem Schreiben von Drehbüchern widmete. 

Minister oder Hinterbänkler?

Wie oft hat er sich für seinen Chef ins Zeug gelegt, sich weit aus dem Fenster gelehnt und sich Rügen des jeweiligen Knesset-Sprechers eingehandelt? Doch sein geliebter Chef, der designierte PM Benjamin Netanyahu, hat es ihm nie gedankt. In der neuen Regierung hatte er zwei Traumjobs im Auge: Justizminister oder Knesset-Sprecher. Die Rede ist von MK David Dudi Ansalem. Ob ihn sein Studium der Wirtschaftswissenschaft als Justizminister qualifiziert hätte? Man weiss es nicht, aber der persönliche Hintergrund der hochrangigen Minister scheint nicht mehr von Bedeutung zu sein. Eher sind es persönliche Geschenke, die man aus der Hand des designierten PM empfangen darf. Sein bisher einziges Ministeramt war das «für die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Knesset» und das «für digitale Angelegenheiten». Beide waren eigens für ihn kreiert worden.

Jetzt ist sein Schicksal besiegelt, er muss nach eigenen Aussagen Hinterbänkler bleiben: «Das ist der Dank für die Loyalität» sagte er frustriert. 

Sowohl er, aber auch MK Danny Danon und andere nicht berücksichtigte und deshalb schwer frustrierte Parteikollegen lieferten sich am Vormittag bei einem Treffen mit dem designierten PM ein heftiges Schreiduell. Sie warfen ihm unter anderem vor, sie zu keinem Zeitpunkt in die Verhandlungen mit den anderen Parteien einbezogen zu haben.

Von Platz 46 in das Sicherheitskomitee:

Tzachi Hanegbi, kein Mitglied der Knesset, dafür aber mit Erfahrungen in allen vorstellbaren politischen Bereichen, wird das Amt des Vorsitzenden des Sicherheitskomitees übernehmen. Ursprünglich war für diesen Posten der Vorsitzende des Vereinten Torah Judentums, Yitzhak Goldknopf, vorgesehen gewesen. Der hatte aber in letzter Sekunde, angeblich auf Anraten seines Rabbiners, vielleicht aber auch wegen der ablehnenden Haltung seiner Partei auf diesen ungeheuer wichtigen Posten verzichtet. Parteiinteressen gehen vor staatspolitischen Interessen. 

In den Vorwahlen war er nur auf Platz 46 der internen Wahlliste gelandet. Dass er jetzt trotzdem auf diesem prestigeträchtigen Sessel sitzen darf, verdankte er dem Wohlwollen des designierten PM. Er gilt als Experte für das iranische Atomprogramm und sieht es als durchaus gegeben an, dass der designierte PM einen Schlag gegen das Mullah Regime in Teheran führen wird, wenn die USA kein neues Atomprogramm mit dem Iran abschliessen. «Meiner Einschätzung nach wird er handeln, um die Atomanlagen im Iran zu zerstören.»

Auch Hanegbi ist rechtlich kein unbeschriebenes Blatt. Im Zusammenhang mit Ernennungen wurde er wegen Bestechung und Betrug angeklagt, aber mangels Beweisen freigesprochen. Verurteilt wurde er aber im gleichen Fall wegen Meineid.

Die Uhr tickt:

Die Angelobung der sechsten Regierung des designierten PM Benjamin Netanyahu ist für morgen, Donnerstag, 11 Uhr Ortszeit angesetzt. 24 Stunden vorher, also vor zwei Minuten (!) wenn man es genau nimmt, müssen die fix fertigen Koalitionsabkommen dem Präsidenten vorgelegt werden

Derzeit beginnt in der Knesset die Abstimmung über die vorerst letzte Gesetzesänderung. Das «Ben-Gvir Gesetz» soll diesem rechts-extrem-nationalistischen MK weitreichenden Kompetenzen im Zusammenhang mit der Polizei und der Grenzpolizei geben. Die vorhergegangene Diskussion hatte sich, wie auch bei den anderen Gesetzentwürfen bis in die frühen Morgenstunden gezogen. Derzeit befinden sich 117 von 120 MKs im Haus.  Soeben wurde das Gesetz mit 61 zu 55 Stimmen angenommen. Ben-Gvir beschimpfte nach der Abstimmung die noch amtierende Regierung «Ihr seid finstere Gesellen, nicht-liberale Menschen, die nicht mit dem demokratischen System einer Regierung kompatibel sind.»

Währenddessen traf sich Präsident Isaac Herzog mit MK Itamar Ben-Gvir. Der Präsident formulierte seine Bedenken, die er der öffentlichen Meinung zur geplanten Regierung entnommen hat. Er bat MK Ben-Gvir dringend, die Wogen zu glätten und ein ganz besonderes Augenmerk auf den aufkeimenden Rassismus und die Behandlung von Minderheiten in der Gesellschaft zu legen. Explizit nannte der dabei die Mitglieder der LGBTQ+ Gemeinschaft und die Araber. 

Ben-Gvir versicherte, er habe mit seinen Parteikollegen gesprochen, die zugesagt hätten, keine Einzelpersonen und auch keine Minoritäten auszugrenzen und zu verletzen. 

Alles Dinge, die in einer demokratischen Politik überhaupt nicht angesprochen werden müssen, weil sie zu den Grundsätzen einer Demokratie gehören. Wohin geht Israel????

Brand im Soroka Spital:

Im Soroka Spital in Be’er Sheva ist heute Nacht gegen 3 Uhr bei einem Brand auf einer Abteilung für Innere Medizin ein Brand ausgebrochen, dem ein Patient zum Opfer fiel. 25 bettlägerige und beatmete Patienten wurden evakuiert. 

Nach den bisherigen Ergebnissen wurde der Brand durch eine Zigarette ausgelöst, deren Glut mit dem Sauerstofftank in Kontakt kam. Ein Patient hatte wegen akuter Atemprobleme um Hilfe gerufen. Als die Hilfe bei ihm eintraf, hatte er bereits Feuer gefangen. 

Der genaue Hergang des tragischen Unglücks wird noch untersucht. 

Wasser Infrastruktur:

Das bisher grösste, mit etwa US$ 60 Millionen budgetierte Projekt, wurde gestern gestartet. Eine neue Pumpstation wird in Trockenjahren den Kinneret mit entsalztem Meerwasser auffüllen. 

Damit soll sichergestellt werden, dass der einzige natürliche Süsswasserspeicher, der nicht nur den israelischen Bedarf an Süsswasser weitgehend abdeckt, sondern auch Jordanien mit 100 Millionen mjährlich versorgt, nicht zu weit absinkt. 

Der bedenkliche Tiefststand von – 213 m führt zu teils irreversiblen Schäden dieses sensiblen Ökosystems, beim Höchststand von – 208.8 m können die Schleusen geöffnet werden. Letztmals geschah das im Jahr 1995. Der historische Tiefststand lag bei – 214.87. Dieser wurde im Jahr 2001 gemessen. 



Kategorien:Aus aller Welt, Timeline

1 Antwort

  1. Bei der Zusammensetzung der neuen Regierung, als Nichtjude erfasst mich ein ungutes Gefühl .

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