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2./3. Nissan 5783 24./25. März 2023
Shabbateingang in Jerusalem: 18:13
Shabbatausgang in Jerusalem: 19:38
Shabbateingang in Zürich: 18:26
Shabbatausgang in Zürich: 19:31
Shabbateingang in Wien: 17:54
Shabbatausgang in Wien: 19:01
Wir haben die Kinder Israel begleitet, als sie mit Gottes Hilfe aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden. Wir haben sie auf ihrer turbulenten Flucht durch das Schilfmeer begleitet. Den Beginn der langen Wüstenwanderung haben wir teils genauso frustrierend erlebt wie sie. Nur hatten wir bei all dem einen gewaltigen Vorteil: wir wissen, dass sich am Ende alles nach Gottes ausgeklügeltem Plan fügt!
In den vergangenen Wochen haben wir, sozusagen vom besten Logenplatz aus, beobachten dürfen, wie Gott sich sein mobiles Heim vorstellt. Die Pläne sind dabei so detailliert, dass man den Mischkan heute noch problemlos nachbauen könnte. Bis hin zu den Gewändern Priester hat er nichts dem Zufall überlassen.
Heute geht es um die Opfergaben. Akribisch genau sind die Vorschriften. Welche Sünden und Vergehen mit welchem Opfer abgegolten werden können, welche Tiere und welche anderen Opfergaben es gibt. In welcher Menge wie abgewogen werden müssen. Es wird unterschieden, ob das Vergehen mit Vorsatz oder aus Versehen begangen wurde. Vorschriften über Vorschriften!
Ich kann mir vorstellen, dass den Priestern, Aaron allen voraus, der Kopf geschwirrt haben muss und sie auch sicher Respekt davor hatten, nichts falsch zu machen.
Für uns ist das heute im Prinzip von keinerlei Bedeutung mehr, denn nachdem der zweite Tempel im Jahr 70 CE zerstört wurde und sich das jüdische Volk bis zur Staatsgründung im Jahr 1948 in die Diaspora zerstreut hatte, gelten die Mizwot im Zusammenhang mit dem Tempel nicht mehr. An die Stelle des Opfers sind die Gebete in der Gemeinde und im Privaten getreten. Gottseidank rufe ich aus, ich möchte mir gar nicht vorstellen, welche Belastung die Einhaltung für uns im Alltag wäre!

Heutzutage gilt ein Gesetz als verbindlich für alle, wenn es im Amtsblatt veröffentlicht wurde. Es nicht gelesen zu haben, schützt nicht vor Strafe. Aber wer von uns schaut jeden Tag in das Amtsblatt, ob sich unsere Gesetzgeber etwas Neues ausgedacht haben?
Bedeutende Änderungen werden lange zuvor angekündigt, man kann darüber in den Medien lesen, es fällt schwer, sie nicht zu erfahren. Viele Gesetze sind uns auch so in Fleisch und Blut eingegangen, dass wir gar nicht mehr nachdenken müssen. Wer kennt nicht die „rechts-vor-links“ Regel im Strassenverkehr? Wer weiss nicht, dass man im Supermarkt keine Verpackung aufreissen darf, bevor man durch die Kasse gegangen ist, auch wenn der Durst oder Hunger unseres nörgelnden Kleinkindes noch so gross ist?
In einem demokratischen Staat werden Gesetze vom Gesetzgeber, der Regierung, ausgearbeitet. Nach der ersten Lesung im Parlament geht es zurück an den entsprechenden Ausschuss, der es, falls nötig, nochmals überarbeitet und dann zur zweiten und dritten Lesung wieder an das Parlament schickt. Bei professionellen Politikern sollte es kaum Einsprüche geben. Falls aber doch, hat die zweite Kammer der Volksvertretung, die auch immer befragt wird, die Möglichkeit, Einspruch zu erheben. Je bedeutender ein Gesetz ist, desto umfassender ist seine Prüfung.
Gesetze sind also nicht nur Ballast und sorgen für Verwirrung, sie sind auch ein verlässliches Regelwerk, an das wir uns im Alltag halten können. Das Regelwerk, das uns auch das tägliche Miteinander erleichtert.
An unserem höchsten Feiertag, an Yom Kippur, auch als Versöhnungsfest bekannt, bekennen wir uns als Volk Israel kollektiv für unsere Schuld vor Gott. „Wir haben vor dir gesündigt….“ Auch wenn wir kollektiv um Vergebung und Versöhnung bitten, müssen wir uns dennoch unserer individuellen Schuld bewusst sein. Die kollektive Verantwortung steht an diesem Tag über der individuellen.
Früher war es vielleicht doch etwas einfacher. Ob wir den Sündenbock in die Wüste schickten, oder ob wir je nach finanzieller Möglichkeit als Opfergabe zwischen einer Taube oder einem Stier wählten, wir konnten sicher ein, wir sind unserer Sünden ledig. Heute sind wir gezwungen, bewusster zu handeln.
Man kann nicht alle Gesetze kennen und einhalten, aber man kann, und das ist die Aufforderung an jeden, ehrlichen Herzens bemüht sein, sie so gut wie möglich zu beachten.
Shabbat Shalom
Kategorien:Politik
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