Was wir bisher nicht über die Netanyahus wussten…….

4. Nissan 5783

© providence business news

Prof. Ruth Ben-Artzi ist ausserordentliche Professorin für Politikwissenschaften am Providence College, in Rhode Island, USA. Ihr wissenschaftliches Hauptaugenmerk liegt auf den Beziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Ein weiteres Interessengebiet ist die Politik des Mittleren Ostens. In dem Zusammenhang beschäftigt sie sich mit dem Paradoxon des Konfliktmanagements im Kontext des israelisch-palästinensischen Konflikts. Sie stellt die These auf, dass Konfliktmanagement und Konfliktlösung zusammengenommen den Konflikt verstärkt und nicht zur Lösung beiträgt. Ihr B.A. erreichte sie an der Universität Haifa, das Doktorat an der Columbia Universität in New York.

Ruth, eine Cousine von Sara Netanyahu, hat sich bisher zurückgehalten mit ihrem fundierten Insiderwissen über Israels «first and crazy family». Doch jetzt, nachdem in ihrem Heimatland Israel die von der Regierung angekündigte «Reform» droht, zu einem «Umsturz» zu führen, die darin besteht, die Demokratie in eine Theokratie wandeln, kann und will sie nicht länger schweigen. 

Netta Ahituv vom Ha’aretz hat ein beachtenswertes Interview[1] mit ihr geführt. 

«Ich habe beschlossen zu sprechen, weil ich mich schäme, traurig und wütend bin. Ich schäme mich, dass meine Verwandten keine Scham haben. Sie sind in einer Machtposition,  die Gewalt, Rassismus, Nationalismus und Faschismus fördert und unterstützt. Das sind nicht die jüdischen Werte, die ich übernommen habe und denen ich mich verbunden fühle. Israel könnte ein Land bleiben, in dem Juden einen sicheren und freien Hafen der Gleichberechtigung und Partnerschaft mit allen Bevölkerungsgruppen innerhalb der Staatsgrenzen finden.

Ich muss glauben, dass dies möglich ist, denn die Alternative – ein undemokratischer, halachischer, despotischer Staat unter jüdischer Vorherrschaft – wird so viel Leid und Zerstörung bringen, wie wir es in Huwara erlebt haben. Eine Politik, die auf Religion und Rache basiert, wird in den Abgrund führen. Solange Freunde, Kollegen und Menschen, die ich kenne und schätze, in Israel leben und für eine demokratische, gleichberechtigte Zukunft kämpfen, werde ich mein Bestes tun, um sie zu unterstützen.»

Ihr Grossvater, Shmuel Ben-Artzi, Schriftsteller und Lehrer und dessen Frau, Chava, die in einem ultra-orthodoxen Haushalt in Jerusalem aufwuchs, hatten vier Kinder:

Matanya, Professor für Mathematik 

Hagai, Professor für Bibelforschung

Amatzia, Ingenieur

Sara, BA und MA in Psychologie, Stewardess bei EL AL, Ehefrau und «politische Beraterin» des PM

Ruth ist die Tochter von Matanya und Ofra, und somit Cousine ersten Grades von Sara. Sie hat noch zwei jüngere Brüder, Achikam und Yoni, beide Mathematiker.

Sie erinnert sich an einen engen Familienzusammenhalt, die Grosseltern beschreibt sie als sehr bescheidene Menschen, die nicht viel hatten, aber es verstanden, eine herzliche Atmosphäre zu schaffen. Später sei die Verbindung lockerer geworden, als jeder seinen eigenen Weg gegangen sei. Die gemeinsame Zeit mit Sara in den USA, wo ihr Vater ein Stipendium erhalten hatte, ist ihr in guter Erinnerung. «Ich war etwa 6 Jahre alt. Sara hatte gerade den Militärdienst absolviert und kam zu uns. Sie war wie die kleine Schwester meiner Mutter und wie eine große Schwester für mich. Wir standen uns einmal sehr nahe.»

Yoni, ihr jüngerer Bruder war Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen und verbüsste ab 2002 wegen seiner Weigerung, in den israelischen Verteidigungsstreitkräften zu dienen, eine zweijährige Haftstrafe. In seiner Verteidigungsrede betonte er: «… Wegen meiner Überzeugung wird mein Land mich jetzt ins Gefängnis schicken, was gegen jedes internationale Recht und ein Grundgesetz der Moral verstösst. Ich werde erhobenen Hauptes ins Gefängnis gehen, denn ich weiß, dass dies das Wenige ist, was ich tun kann, um das Land zu verbessern.»

Seine Eltern unterstützten ihren Sohn in seiner Haltung. «Yoni hat zur richtigen Zeit das Richtige getan. Es ist keine Anarchie. Es ist ziviler Widerstand.»

Das war lange vor unserer Zeit, wo tagtäglich Hunderttausende, darunter auch zahlreiche freiwillige Reservisten, auf die Strassen gehen, um ihren Protest in friedlichen, aber unüberhörbaren Aktionen zu äussern. Jeder von ihnen muss damit rechnen, für diesen Ungehorsam von den extremistischen Politikern der Regierung Netanyahu VI ins Militärgefängnis gesteckt zu werden. Die Meinung, dass ziviler Ungehorsam in Ordnung ist, hatte der heutige PM schon vor einigen Jahren vertreten. Aber «…es ist auch in Ordnung, wenn die Armee den Verweigerer ins Gefängnis schickt.»

Auflehnung gegen Ungerechtigkeiten scheint auch der Elterngeneration im Blut zu liegen. Ofra wurde vor wenigen Monaten zu einer der führenden Stimmen für die Interessen der Palästinenser in Sheikh Jarrah. Auch ihr Vater, Matanya, hatte in den 80er Jahren den Reservistendienst in Judäa und Samaria verweigert «…als er die Demütigungen, die Unterdrückung und die Ausgangssperre sah, denen die Palästinenser ausgesetzt waren.»

Ruth und ihr Bruder Achikam leisteten beide ihren Militärdienst ab. Anschliessend engagierte sich Ruth bei der NGO «Peace Now» und trat der Merez Partei bei. Bei den Wahlen 1996 versuchte sie alles, um zu verhindern, dass ihre Tante Sara und Benjamin Netanyahu erstmals in die Balfour Strasse ziehen konnten, ohne Erfolg. Schon damals war sie mit der Politik und dem Verhalten der Netanyahus nicht einverstanden.

Ruth wuchs in einer einerseits religiös geprägten, aber auch politisch pluralistischen Gesellschaft auf. Ihre Brüder, sowie später auch ihr Grossneffe, der ältere Sohn der Netanayhus, Avner, zählten regelmässig zu den Gewinnern des Bibelquiz für Jugendliche.  Ihr Onkel, Hagai, wurde Siedler. Er zog in nach Beit El in Samaria, bezog extrem rechte politische Positionen. 

Die Kritik an seinem Schwager, dem PM, kam früh und kam vom noch rechteren Spektrum. 2002, während der zweiten Intifada, besuchte ihn sein Vater. Der Bus, in dem sie fuhren, wurde mit Steinen beworfen. Bevor sich der Vater noch besinnen konnte, organisierten sich Siedlertruppen und übten Rache. Die Aktionen müssen ähnlich zerstörend gewesen sein, wie die, die vor wenigen Wochen in Huwara durch einen Mob von aggressiven Siedlern ausgeführt worden sind. Seither herrschte Funkstille zwischen Vater und Sohn. 

Ruth hält fest, dass sich seither nichts geändert hat. Der grosse Unterschied ist, dass die Siedler jetzt von der Regierung geschützt werden. Ruth sieht das mehr als kritisch. 

«Auch mein Onkel», sie spricht vom PM, «möchte eine lebendige Demokratie, aber nur für Juden. Das, was mein Onkel wirklich will, ist Theokratie. Die Ideologie, die besagt, dass Juden und Nicht-Juden einen unterschiedlichen Status haben sollten? Das ist keine Demokratie. Wir haben den jetzigen Stand nicht nur erreicht, weil Netanjahu Gerichtsverfahren hat, sondern weil dies ein jahrzehntelanger Prozess ist, auf den eine bestimmte Bevölkerung in Israel ausgerichtet war und nach dem sie sich sehnte. Im Jahr nach dem von Baruch Goldstein verübten Massaker wurde Yitzhak Rabin, s’’l, ermordet. Diejenigen, die diese Gewalttaten verübten, wurden von verschiedenen Führern als „wildes Unkraut“ bezeichnet, aber das war eine falsche Bezeichnung. Sie waren kein wildes Unkraut; sie waren Teil einer bedeutenden Öffentlichkeit, deren Ideologie Gewalt als Mittel zur Erreichung religiös-politischer Ziele befürwortet.»

Der rechtsextreme Minister Ben-Gvir hatte bis vor Kurzem ein Bild des jüdischen Terroristen in seinem Wohnzimmer. Das ist der Geist, der die heutige Regierung beherrscht. Auch die zunehmende Verquickung zwischen Staat und Religion sieht sie als gefährlich an. «Es gibt einen besonderen Grund, warum Demokratien im Allgemeinen zwischen Religion und Staat trennen. Wenn Religion mit Politik verbunden ist, wird sie letztendlich unweigerlich gegen bestimmte Freiheiten verstossen, die der Anker der Demokratie sind. In Israel hat sich das Judentum über das demokratische Ethos hinweggesetzt, das aus gleichen Rechten für alle Bürger innerhalb der anerkannten Grenzen eines Staates besteht. Ich werde Ihnen ein Beispiel geben. Derzeit sind zwei religiöse Parteien an der Regierung beteiligt, die Frauen nicht als Mitglieder zulassen. Die Befürworter des Staatsstreichs behaupten, es gäbe ein Problem mit der Vielfalt im Obersten Gerichtshof, aber was ist mit der Knesset? In einer Demokratie dürfen Parteien, die keine Frauen in ihre Reihen lassen, nicht an der Politik teilnehmen. Aber die israelische Demokratie ist und war noch nie perfekt. Seit 1967 ist sie aber eine aufstrebende Demokratie.»

Ruth sieht die Familienbande zur Familie ihrer Tante kritisch. Diese sind aber nicht unbedingt wichtig, wenn es um Wesentliches geht. «Bibi wurde gewählt und er ist für die Politik seiner Regierung verantwortlich. Wenn er Sara und Yair auf die Bühne gehoben hat, war das seine Entscheidung. Die Verantwortung liegt bei ihm. Aber die beiden haben sich auch selbst die Position in der Öffentlichkeit angeeignet. Trotzdem, Tweets und Interviews von Familienmitgliedern, mich eingeschlossen, sollten die Politik nicht beeinflussen.» 

Ruth bedauert, dass in dieser Familie all das nicht gilt. Alles, was Sara oder Yair sagen, schreiben oder laut denken, wird zum Politikum. Ihr Budget für Ferien, private Ausgaben und Lebensqualität werden vom Staatshaushalt abgedeckt. Nur so kann man den hohen Ansprüchen gerecht werden. Im aktuellen Staatsbudget wurde dieser Posten verdoppelt. «Dennoch, auch wenn ich nicht weiss, wie er regiert und seine Entscheidungen trifft, hat er die alleinige Verantwortung.»


[1] Die Zitate sind dem Interview in meiner Übersetzung entnommen. 



Kategorien:Israel, Politik

1 Antwort

  1. Übernommen aus Facebook:

    Mordechai Baron Soden
    Was bewegt Menschen dazu, immer mehr „Öl ins Feuer“ zu gießen!
    Können sich die säkularen Linken nicht einfach damit abfinden, dass sie abgewählt wurden?
    Es ist überall das Selbe, die links-woken Ideologie-Fanatiker sind verdammt schlechte Verlierer!
    Sie spalten Gesellschaften und ruinieren Volkswirtschaften, nur um an die Macht zu kommen!
    Aber Israel ist ein jüdischer Staat! Er passiert auf den Werten der Tora und des Jüdischen Lebens!

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