Acharei mot – Kedoschim, Lev. 16:1 – 20:27

ב“ה

7./8. Ijar 5783                                                                   28./29. April 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          18:37

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         19:56

Shabbateingang in Zürich:                                                                  20:15

Shabbatausgang in Zürich:                                                                 21:25

Shabbateingang in Wien:                                                                   19:45

Shabbatausgang in Wien:                                                                  20:57

אַחֲרֵי מוֹת, שְׁנֵי בְּנֵי אַהֲרֹןnach dem Tod der zwei Söhne von Aaron, so beginnt die heutige Parasha. Gott gibt eine klare Vorgabe, wann die Priester am Versöhnungstag hinter den Vorhang des Mischkans treten dürfen, ohne Gefahr zu laufen, zu sterben. Und mehr als das, Aaron darf nur dann das Innerste des Mischkans betreten, wenn er einen Jungstier für ein Sühneopfer und einen Widder für ein Brandopfer mit sich führt. Zunächst entsühnt Aaron sich selbst und dann seinen Stamm, um sich dann dem vor dem Mischkan versammelten Volk zuzuwenden. 

Der Versöhnungstag, den wir in diesem Jahr beginnend mit dem 24. September abends begehen, ist der höchste Feiertag im Judentum. Ein Tag voll ernster Feierlichkeit, ein Tag, an dem wir uns intensiv mit uns selbst und vor allem auch mit unserem Verhältnis zu Gott auseinandersetzen. Ein Tag, an dessen Ende wir, nachdem das Shofar zum letzten Mal geblasen wurde, sicher sein dürfen, dass Gott uns «entsühnt» hat. 

©shutterstock, Südtiroler Wirtschaftszeitung

In der Wüste brachten die anwesenden Kinder Israels zwei gleichwertige Ziegenböcke für ein zweites Sühneopfer und einen Widder für ein weiteres Brandopfer vor den Hohen Priester. Die Ziegenböcke wurden markiert. Einer von ihnen war für Gott bestimmt, der andere sollte zu Asasel, dem Wüstendämon, geschickt werden. Das Ritual, das hier vollzogen wurde, ist ein Übergangsritual, welches das sündhaft gewordene Volk wieder in den Zustand der moralischen Unschuld bringen soll. Nachdem die beiden Ziegenböcke durch das Los voneinander getrennt wurden, wobei es im Dunkeln bleibt, wie die Entscheidung getroffen wurde, überträgt Aaron die Sünden des Volkes auf den Ziegenbock, der anschliessend in die Wüste gejagt wird. Indem er das Lager der Israeliten verlässt, überschreitet er eine Grenze, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die Israeliten können somit wieder in die Beziehung zu Gott zurückkehren und einen unbelasteten Neubeginn wagen. 

Wir finden in dieser Parasha auch wieder das uns wohlbekannte Konzept von «rein» und «unrein». Während der Ziegenbock, der durch das Los für Gott bestimmt wurde, bewirkt, dass nach dem Opfer alles im Mischkan wieder rituell rein wurde, bleibt der für Asasel bestimmte Ziegenbock unrein. Sowohl Aaron, als auch der Mann, der den «Sündenbock» in die Wüste schickte, sind nach der Zeremonie unrein und müssen sich erst wieder durch entsprechende Riten symbolisch reinigen. Es ist eine sehr archaische Zeremonie.

Die Bezeichnung «Sündenbock» wurde erst viel später geprägt und es ist bemerkenswert, dass man uns Juden immer wieder, vor allem in antisemitischen und verschwörungstheoretischen Zuschreibungen, zum «Sündenbock» für alles und jedes macht. In völliger Umkehrung der Bedeutung schiebt man uns die Verantwortung für Katastrophen, Fehlentscheidungen, Kriege, Krankheiten, usw. zu. Der zu seiner Zeit beliebte Komponist und Kabarettist Friedrich Holländer schrieb 1931 dazu ein Couplet mit sehr ernsthaftem Hintergrund «An allem sind die Juden schuld!», welches sich auf durchaus humorvolle Art gegen den erstarkenden Antisemitismus richtete. 

Gegen Ende der Parascha, die prall gefüllt ist mit Anweisungen, wie wir uns gegenüber unseren Mitmenschen verhalten sollen, finden wir in 19:18 eine sehr knappe Anweisung: «Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst».

Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass wir Juden für alles verantwortlich gemacht werden, scheint es sehr schwer, ja fast unmöglich dieses Gebot zu halten. Wie sollen wir unseren Nachbarn lieben, der antisemitische Fehlinformationen weitergibt? Wie unseren Vorgesetzten, der uns auf der Karriereleiter blockiert, weil wir jüdisch sind und er denkt, dass das dem Ruf des Unternehmens schadet? Wie den Sohn unseres Freundes, der zuschaut, wie sein Sprössling auf der Anti-Israel Demo in erster Reihe mitmarschiert und «Tod den Juden» schreit?

Und dennoch lesen wir hier «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!»

Vielleicht ist das der verdeckte Sinn vom Versöhnungstag, dass wir in der Stille des Tages uns darauf einlassen müssen, dass Gott nichts Unerreichbares von uns verlangt und dass der Ziegenbock «für Asasel» nicht umsonst in die Wüste geschickt wurde….

Shabbat Shalom!



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