Behar-Bechukotai, Lev. 25:1 – 27:34

ב“ה

21./22. Ijjar 5783                                                               12./13.Mai 2023  

Shabbateingang in Jerusalem:                                                          18:47

Shabbatausgang in Jerusalem:                                                         20:07

Shabbateingang in Zürich:                                                                 20:34

Shabbatausgang in Zürich:                                                                21:48

Shabbateingang in Wien:                                                                   20:05

Shabbatausgang in Wien:                                                                  21:20

Wem gehört das Land?

Dieser Wochenabschnitt bezieht sich zum grossen Teil auf Vorschriften, die ausschliesslich für das Land Israel gelten, denn es heisst: «Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, soll das Land eine Shabbatruhe zu Ehre des Herrn halten.» 

Wenn ihr aber nun denkt, damit sei der Wochenabschnitt für euch, die ihr, wie die meisten meiner Leser nicht in Israel lebt, irrelevant und ihr könnt die Seite wieder schliessen, dann habt ihr euch getäuscht! Um was es nämlich geht, ist eine Lehrstunde in ökologischem und sozialem Verhalten gegenüber der Natur und den Mitmenschen. 

Nach sechs Jahren der Bearbeitung des Landes, sollen wir im siebten Jahr dem Land eine Ruhepause gönnen. Sieben, die Zahl, die in sich das Ende und den Neubeginn eines Zyklus trägt, wie wir es schon aus der Schöpfungsgeschichte kennen, gilt als Zahl der Vollendung. Gott hat die Schöpfung nach sechs Tagen beendet, sah zufrieden auf sein Werk und erklärte den siebten Tag zum Ruhetag. 

Ähnliches gilt auch für das Land. Alles, was auf oder unter der Erde wächst, darf sich erholen. Nur das, was ohne besonderes Zutun durch den Menschen oder heute natürlich auch ohne chemische oder biologische Hilfsmittel wächst, darf geerntet werden. Vielleicht entsprechen manche Früchte oder manches Gemüse optisch nicht den strengen EU-Normen, aber was soll’s, sie ernähren uns genauso gut, wie die «perfekten». Gott verspricht uns, dass immer genug da sein wird, um alle zu ernähren. Erinnern wir uns an das Manna in der Wüste. Auch da erhielten wir am sechsten Tag so viel, dass es für den siebenten Tag, den Shabbat ausreichte.

Aber, und das ist die massgebliche Einschränkung, wir müssen für dieses eine Jahr, das Schmitta-Jahr, das Eigentumsrecht an unseren Feldern aufgeben. Jeder, der Hunger hat, darf sich bedienen. In Israel wird das Land an einen nicht-jüdischen Nachbarn «verkauft».

Diesem «heter mechira», dem Recht, das Land vorübergehend (!) zu verkaufen, stimmten weitblickende und vernünftige Rabbiner, wie Abraham Isaac Kook (1865–1935) oder noch früher Rabbiner Jitzchak Elchanan Spector (1817-1896) zu.  Aber wie soll das gehen? Heisst es doch «Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir und ihr seid nur Gäste und Siedler bei mir». Das Land wird, um den Regeln für das Schmitta-Jahr gerecht zu werden, bereits sechs Monate vor dem Beginn verkauft und erst sechs Monate nach dem Ende wieder zurückgekauft. Während dieser Zeit arbeiten die Bauern quasi unter der Anleitung der arabischen Zwischeneigentümer. Selbst der religiöse Kibbuz «Lavi» in Galiläa nutzt diese Möglichkeit. «Wir säen zum Beispiel nicht, wir helfen nur bei der Ernte und allen Arbeiten, die bis dahin nötig sind. So sieht Schmitta bei uns aus, und wir wissen natürlich, dass es sich nicht um ein echtes Schmitta-Jahr handelt.» Ein kleines Stück Ackerland überlassen sie sich selbst. Die dort wachsenden Melonen sind für jeden, der sie haben möchte, frei verfügbar. 

Von keiner praktischen Bedeutung mehr ist das «Jubel Jahr»,שנת היובל  shnat hajovel, welches nach jeweils 49 Jahren stattfinden sollte. Neben den Regeln für das Schmitta-Jahr kommen hier noch soziale Regeln hinzu. «…und ruft zur Freiheit für das ganze Land und alle die dort leben auf.» Jeder, der aus welchen Gründen auch immer, sein Land hatte verlassen oder verkaufen müssen, sollte zurückkehren; jeder der in Versklavung geraten war, sollte freigelassen werden. Auch einem verarmten Menschen sollte es ermöglicht werden, sein aus Not verkauftes Land oder Haus zurückzuerhalten. Alle Transaktionen im Zusammenhang mit dem Jubeljahr durften nicht auf Gewinn ausgerichtet sein, sondern nur den tatsächlichen Werten entsprechen. Aber, und das war wichtig, ein nicht beanspruchtes Rückkaufrecht verfiel. 

Befremdlich mutet für uns der Umgang mit Sklaven an. In unserer heutigen Zeit gilt die Sklavenhaltung als unmenschlich, etwas, das wir froh sind, überwunden zu haben. Sklaverei gilt heute als Freiheitsberaubung und Nötigung. Aber seien wir ehrlich, gibt es sie nicht trotzdem noch? Es ist nicht so, dass die modernen Sklaven Eigentum ihrer Beherrscher sind. Heute sind es Kinderarbeit in den asiatischen «Sweat Shops», die nicht nur für Billiglabels, sondern auch für namhafte Modelabels produzieren, Menschenhandel, Zwangsehen, Zwangsprostitution, Kindersoldaten, die zur modernen Art der Versklavung führen. Im Jahr 2022 bezeichnet der «Global Slavery Index»weltweit 49.6 Millionen Menschen als Sklaven. 

Wie hilfreich wäre es für unsere moderne, schnelllebige Welt, wenn es möglich wäre, alle diese unmenschlichen Zustände zu stoppen. Einen Zeitpunkt festzulegen, an dem alle, die unfreiwillig in einer modernen Sklaverei leben, freikommen müssen. Wie modern ist doch die Torah, wir müssen nur lernen, sie zu lesen und umzusetzen.

Zumindest einmal in jeder Generation, im Jubeljahr, sollte die soziokulturelle Grundordnung wieder hergestellt werden. Ein wahres Paradies.

Den werden wir wohl niemals mehr zurückholen können, aber wir können uns bemühen, durch vernünftigen Umgang mit den Ressourcen und ein kritisches Weltbild die Welt ein bisschen besser zu machen. 

Shabbat Shalom!



Kategorien:Religion

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