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1873 wurde in Lissa, Provinz Posen und seit 1871 Teil des Deutschen Kaiserreiches, Leo Arje Lipman Baeck geboren.

Nach der Matura am städtischen Johann-Amos-Comenius-Gymnasium studierte er am Rabbinerseminar in Breslau und gleichzeitig Philosophie an der Universität. 1894 nahm er seine Studien an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin auf. Neben Philosophie studierte er Geschichte und Religionsphilosophie. Bereits 1895 promovierte er bei Wilhelm Dilthey, einem calvinistischen Philosophen, mit seiner Dissertation «Baruch Spinozas erste Einwirkungen auf Deutschland».
Im selben Jahr nahm Baeck seine erste Stelle als Rabbiner in Oppel, Polen, an. 1905 verfasste und veröffentlichte er sein Hauptwerk «Das Wesen des Judentums». Das Werk kann als Reaktion auf die Vorlesungsreihe von Pastor Adolf v. Harnack im WS 1891/1900 an der Universität Berlin gewertet werden, die den Namen «Das Wesen des Christentums» trug. Baeck kritisierte die darin vertretene Meinung deutlich, ohne jedoch den Namen des Verfassers zu erwähnen.
Harnack hatte das Judentum als «überholte Gesetzesreligion» bezeichnet. Es blieb bei dieser virtuellen Auseinandersetzung der beiden herausragenden Religionswissenschaftler ihrer Zeit, getroffen haben sie sich nie. Jüdische und christliche Theologie im gemeinsamen Kontext der Wissenschaft war bis vor Kurzem auf universitärer Ebene nicht vorgesehen. Es gab das Judentum auf der einen und das Christentum auf der anderen Seite. Die Christen hatten Jesus als ihren Messias vereinnahmt, die Juden sahen in ihm den Juden, der als solcher geboren, gelebt und gestorben war. Die einen sahen in ihm den Gottessohn, die anderen erkannten in seinem Leben und seinem Verhalten klare rabbinische Wurzeln. Die eine, neue Religion grenzt sich klar von der anderen, alten ab, kapselt sich ein und verweigert den Diskurs. In der alten, der jüdischen Religion ist der Diskurs, der Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne die Essenz des Lernens.
Dieser Spannungsbogen ist es, der das Lernen und die Lehre Leo Baecks sein Leben lang begleitete. Nach seiner Tätigkeit als Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg entwickelte er sich zum bedeutendsten Vertreter des liberalen Judentums, das u.a. auf Rabbiner Abraham Geiger (1810-1874) zurückzuführen ist. Im Gegensatz zum orthodoxen Judentum, das den Schwerpunkt auf das Kommen des Messias legt und bis dahin versucht, buchstabengetreu die Schriften einzuhalten, ist das liberale Judentum mehr auf die Zukunft gerichtet. Mit den alten Schriften als unabdingbare Grundlage werden die Ausführungen der Propheten immer wieder aufs Neue diskutiert als fortschreitender Prozess.
Im Januar 1943 wurde Leo Baeck in das KZ Theresienstadt deportiert. Aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades und wahrscheinlich auch als «Feigenblatt» zur Verschleierung der tatsächlichen Vorgänge im Lager genoss er dort zunächst einige Vorrechte. Er versuchte, mit den einfachen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, eine Art Gemeindeleben aufrechtzuerhalten und trug viel zu den von den Nazis geforderten und geförderten Kulturveranstaltungen bei. Die Liste seiner Vortragsreihe ist erhalten und legt Zeugnis ab über sein umfangreiches Wissen. Neben den jüdischen Gelehrten referierte er auch über Platon, Kant und andere.

Im Mai 1945 befreite die Rote Armee das Ghetto, Leo Baeck überlebte schwer misshandelt. Seine vier Schwestern, die mit ihm nach Theresienstadt deportiert worden waren, waren dort verstorben.
Auch die kleine katholische Häftlingsgruppe in Theresienstadt profitierte von seinem toleranten und empathischen Charakter. Gegen den Widerstand seiner Glaubensgenossen setzte er sich dafür ein, auch dieser Gruppe das schwere Lagerleben ein wenig zu erleichtern.
Nach dem Ende des Krieges emigrierte Leo Baeck nach London. Er wurde Präsident der von ihm bereits 1924 mitbegründeten «Weltunion für progressives Judentum» und blieb in dieser Position bis zum Jahr 1955. 1947 gründete er das nach ihm benannte «Institut zur Erforschung des Judentums in Deutschland seit der Aufklärung». Von 1948 bis 1953 hatte er eine Gastprofessur am Hebrew Union College in Cincinatti.
1884 wurde der Berufsverband «Verband der Rabbiner Deutschlands» von nicht-orthodoxer Juden gegründet. Man versuchte, Diskussionen zwischen den jüdischen-theologische Ausrichtungen zum Thema Halacha auszuklammern, um das «kleinste-gemeinsame» Element zu finden. Um sich für alle jüdischen Richtungen zu öffnen, wurde 1896 die Bezeichnung in «Allgemeiner Rabbiner-Verband in Deutschland (ADR)» umgewandelt. Jedoch führte genau dieser Punkt zur Spaltung. Der Versuch, eine gemeinsame Basis zu finden, scheiterte und führte zu Einzelgründungen der unterschiedlichen Richtungen.
Ab 1922 und bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten im November 1938 hatte Leo Baeck den Vorsitz der ARD inne. Nach dem Krieg wurde 1952 die «Deutsche Rabbinerkonferenz» u.a. von Rabbiner Dr. Siegbert Jitzchak Neufeld (1891-1971) gegründet. 1967 wurde der zweite Verband, die Union progressiver Juden in Deutschland, ebenfalls eine KdöR, gegründet. Der Name «Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz» und die Idee, einen für den gesamten deutschsprachigen Raum Verband zu bilden, scheiterte am Desinteresse der Schweiz und Österreichs. 2005 folgte eine nochmalige Aufspaltung in die «Orthodoxe Rabbinerkonferenz» und die «Allgemeine Rabbinerkonferenz» (ARK)
Die Beziehung zwischen den beiden grossen jüdischen Verbänden ist, wie das so oft bei Geschwistern mit einem grossen Altersunterschied der Fall ist, nicht immer unproblematisch. Als Dachorganisation tat sich bereits damals der «Zentralrat der Juden», eine KdöR gegründet 1950, als selbsternannter Wächter über die alle nicht-orthodoxen jüdischen Gemeinden in Deutschland hervor.
Derzeit versucht der Zentralrat, die liberale Ausbildungsstätte von Rabbinern und Kantoren unter seine Kontrolle und Pfründe zu bringen. Das Ausbildungszentrum, das Abraham-Geiger-Kolleg, wurde 1999 von den Rabbinern Walter Homolka und Walter Jacob gegründet. Die Trägerschaft liegt bei der Leo-Baeck-Foundation. Auch konservative Rabbiner werden am Zacharias-Frankel-Institut ausgebildet. Derzeit hat die Jüdische Gemeinde Berlin sämtliche Anteile des Abraham-Geiger-Kollegs übernommen.
Leo Baeck starb am 2. November 1956 in London. In seinem Namen wurden zahlreiche Bildungs- und Forschungseinrichtungen weltweit errichtet.
Kategorien:Israel
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